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Oğuzhan Yazıcı: Jung, männlich, türkisch - gewalttätig?

Cover Oğuzhan Yazıcı: Jung, männlich, türkisch - gewalttätig? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2011. 210 Seiten. ISBN 978-3-86226-040-9.

Reihe: Schriften zum Jugendrecht und zur Jugend-Kriminologie - 8.
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Thema

„Migration und Gewalt“ scheint ein Thema zu sein, das nicht nur die Medien und Politik interessiert, sondern auch im stärkeren Maße die Wissenschaft. Das ist auch dringend geboten, weil die öffentliche und mediale Darstellung der jungen Migranten von Vorurteilen und Stereotypen geprägt ist. Mittlerweile gibt es auch zahlreiche Untersuchungen, die sich mit Jungen und jungen Männern mit Migrationshintergrund beschäftigen. Hier eine kleine Liste, die sich mit dem Thema männliche Migranten (und Gewalt) beschäftigt:

Die wichtigsten und sehr intensiv wahrgenommenen Bücher legten Hermann Tertilt („Türkish Power Boys“, 1996) und Heitmeyer u. a. („Der verlockende Fundamentalismus“, 1997) vor. Beide Bücher beschäftigen sich ausschließlich mit männlichen türkeistämmigen Jugendlichen und jungen Männern in Verbindung mit Gewalt bzw. extremistischem Fundamentalismus. In den späten 1990er-Jahren konzentrierten sich die wichtigsten Studien auf die männlichen Migranten aus der Türkei, bis die Aussiedlerjugendlichen als problematisch entdeckt wurden. Jedoch über die männlichen türkeistämmiger Migranten wurden in den letzten Jahren einige Studien vorgelegt, da sie im Vergleich zu Aussiedlerjugendlichen als Problemgruppe identifiziert wurde: „Migration, Jugendhilfe und Heimerziehung“ von Cengiz Deniz (2001), „Türkische Männer in Deutschland“ von Margret Spohn (2002), „corpus delicti“ von Susanne Spindler (2006) „Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer“ (2007) von Ahmet Toprak, „Wo anders Leben?“ (2009) Marc Thielen, „Halbmondwahrheiten“ (2010) von Isabella Kroth sowie „Ich bin Sohn meiner Mutter“ (2010) von Ilhami Atabay sind einige Bücher, die sich in der Regel auf empirischer Basis an das Thema nähern. In diese Tradition reiht sich auch die Veröffentlichung von Oğuzhan Yazici.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor des folgenden Bandes studierte Rechtswissenschaften an der Philipps-Universität in Marburg und an der University Adelaide und an der CAU in Kiel. Er arbeitet als Mediator in Strafsachen im Verein „Täter-Opfer-Ausgleich Bremen e.V.“ Seit Oktober 2009 ist er als Rechtsreferendar im OLG Bezirk Bremen tätig. Den folgenden Band hat Yazici 2010 an der Universität Bremen als Dissertationsschrift vorgelegt.

Inhalt und Diskussion

Oğuzhan Yazıcı veröffentlicht 2011 eine Studie über gewalttätige Männlichkeitsinszenierungen türkischstämmiger Jugendlicher im Kontext von Ausgrenzungen und Kriminalisierung. In seiner empirischen Studie bezieht er sich auf Stigmata (Zuschreibungsprozesse) und Stereotypen, die mit dem Klischeebild „Macho“ oder „Pascha“ assoziiert werden. Das Thema wird aus unterschiedlichen Perspektiven (Medien, wissenschaftliche Beiträge sowie Zeitschriften) beleuchtet und dargestellt. Yazici sieht das Kollidieren des Themas bzw. des Bildes des türkischen männlichen Jugendlichen in der Mehrheitsgesellschaft. Er dementiert, dass vor allem dadurch das Bild des türkischen männlichen Jugendlichen oder des jungen Erwachsenen negativ beeinflusst wird. Die Schlagworte wie „Ehre, Parallelgesellschaften, archaische Tradition, patriarchale Männlichkeitsvorstellungen“ lassen durch die ständigen Wiederholungen innerhalb der Mehrheitsgesellschaft, so der Verfasser, keinen Raum für die Berücksichtigung der sozialen Probleme türkischstämmiger Jugendlicher.

Yazıcı bezieht sich auf die Zuschreibungsprozesse der Gesellschaft, die den türkischen männlichen Jugendlichen zu dem macht, von dem die Mehrheitsgesellschaft ausgeht. In Anbetracht dieser Stigmatisierungsprozesse sieht er die Debatte um Integration und Migration innerhalb Deutschlands sehr kritisch. Der Autor möchte durch seine Analyse vielmehr die Bedeutung der Männlichkeit und den Diskurs der „Machotürken“ zum gegenwärtigen Begriffsrepertoire der Analyse von Gewalt herstellen und greift somit die Problemstellung an.

Yazıcı bezieht das Männlichkeitsbild der türkischen männlichen Migranten unter der Fokussierung auf Kultur und Familie. Er plädiert, und das nicht unbegründet, bei einer Rekonstruierung von Gewalthandlungen nicht auf den Kulturkonflikt aufzusitzen, sondern vielmehr sich auf den Modus der Herstellung von Geschlecht zu richten.

Mit Hilfe seiner basalen theoretisch fundierten Aspekte in seinem Buch wird Migration und auf das Anderssein in der Mehrheitsgesellschaft detaillierter eingegangen. Auch der Ehrbegriff (namus) als ein zentrales Konzept der türkischen Kultur ist ein wichtiges Element und somit ein wichtiger Ansatzpunkt in seinem Buch.

In diesem Kontext wird auch der Wertewandel im Verlauf der Migrationsphase in Bezug auf Ehre dargestellt. Anhand Yazıcıs wissenschaftlichen Erhebungen mit türkischen männlichen Migranten zeigt er auf, dass die Sozialisation- und die Lebensbedingungen sowie die Erfahrungshorizonte dieser jungen Menschen weitaus essentiell für die Darstellung, für die Begründung und für das Verständnis ihres Verhaltens, um die Attraktivität entsprechender Deutungsmuster nicht unbegründet erscheinen zu lassen.

Arbeitslosigkeit, schlechte Schulbildung, das Versagen in der türkischen Gesellschaft könnte, so der Verfasser, das Gewaltpotential des jungen Türken fördern. Der Verfasser sieht die Gewaltbereitschaft und die Gewalt junger türkischstämmiger Männer als Symptom eines tiefer liegenden Problems. Er stellt Interventionsmöglichkeiten dar, um diesem Problem entgegen zu wirken.

Zielgruppen

Das Buch kann nicht nur allen Lehrenden und Lernenden wärmstens empfohlen werden, sondern in erster Linie politischen Entscheidungsträgern, um eine andere Perspektive zu erhalten. Darüber hinaus ist diese Veröffentlichung für Praktikerinnen und Praktiker gut geeignet, die in der Straffälligenhilfe, wie Bewährungshilfe oder Soziale-Trainings-Kursen, tätig sind.

Fazit

Obwohl das Buch eine klassische Qualifikationsarbeit darstellt, bearbeitete es ein hoch sensibles und gesellschaftspolitisch brisantes Thema. Aufgrund seines Zuganges schafft aber der Autor einen realistischen Einblick in die Lebensrealität der jungen straffälligen türkeistämmigen Männer zu geben. Er wertet nicht, er verurteilt nicht, er beschönigt nicht und er dramatisiert nicht. Es kling zwar trivial, aber das ist bei diesem Thema entscheidend: Yazici analysiert lediglich sachlich, aber an den Fakten und Aussagen der jungen Männern orientierend, die Bedingungen der Zielgruppe. Ein lebensnahes, gut lesbares und eindringliches Buch, das wir allen Interessierten Personen mit Nachdruck empfehlen möchten.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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und
Dr. Nilüfer Keskin
Seit 2010 in dem Projekt „EMIGMA“ als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Davor Tätigkeit im Multikulturellem Forum e.V. in unterschiedlichen Projekten beschäftigt.
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak/Nilüfer Keskin. Rezension vom 20.06.2011 zu: Oğuzhan Yazıcı: Jung, männlich, türkisch - gewalttätig? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-86226-040-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11006.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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