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Martina Ernst, Susanna Wiegand (Hrsg.): Adipositas bei Kindern und Jugendlichen einmal anders

Rezensiert von Jenny Reinbold, 13.04.2011

Cover Martina Ernst, Susanna Wiegand (Hrsg.): Adipositas bei Kindern und Jugendlichen einmal anders ISBN 978-3-456-84703-0

Martina Ernst, Susanna Wiegand (Hrsg.): Adipositas bei Kindern und Jugendlichen einmal anders. Die BABELUGA-Methode: Prävention, Therapie, Selbstmanagement. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 326 Seiten. ISBN 978-3-456-84703-0. 39,95 EUR. CH: 68,00 sFr.
Reihe: Klinische Praxis.

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Thema

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen verbreitet sich zunehmend. Folge- und Begleiterkrankungen, die auf das ungesunde Ernährungs- und Bewegungsverhalten zurückzuführen sind, können durch frühzeitig ansetzende Behandlungsstrategien weitgehend vermieden werden. Die BABELUGA-Methode bündelt Erfahrungswerte und bewährte Therapiemethoden und beinhaltet auch Hinweise für eine verbesserte Erreichbarkeit von Kindern und Jugendlichen bzw. deren Familien mit Migrationshintergrund und/oder aus der sozial schwachen Gesellschaftsschicht, die bei anderen Programmen der Prävention oder Therapie aus dem Raster fallen.

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

  • Dipl.-Oec. Troph. Anne-Madeleine Bau, MPH, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Stefanie Cherdron, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Almut Dannemann, MPH, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Sigrid Dordel, Deutsche Sporthochschule Köln, Köln
  • Dr. Angela Eberding, Kinderhospital Osnabrück, Osnabrück
  • Dipl.-Psych. Martina Ernst, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dipl.-Oec. Troph. Änne Fresen, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • PD Dr. Christine Graf, Deutsche Sporthochschule Köln, Köln
  • Prof. Dr. Helmut Heseker, Universität Paderborn, Paderborn
  • PD Dr. Anja Hilbert, Philipps-Universität Magdeburg, Magdeburg
  • Prof. Dr. Heiko Krude, Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie, Charité Universitätsmedizin, Berlin
  • Dr. Bärbel-Maria Kurth, Robert Koch-Institut, Berlin
  • Dipl.-Oec. Troph. Elke Lipphardt (FH), Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Gert B. M. Mensink, Robert Koch-Institut, Berlin
  • Dipl.-Psych. Zussann von Pickardt (geb. Vahabzadeh), Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dipl.-Oec. Troph. Almut Richter, MPH, Robert Koch-Institut, Berlin
  • Dipl.-Soz.-Päd. Petra Rücker, MPH, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Renate Schüssler, Praxis für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Ralf Thalemann, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin
  • Dr. Susanna Wiegand, Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Otto-Heubner-Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin, Berlin

Entstehungshintergrund

Die Inhalte des Buches resultieren aus den Erfahrungen im Rahmen der Behandlung von adipösen Kindern und Jugendlichen bzw. deren Familien im ambulanten Adipositas-Zentrums der Charité Kinderklinik in Berlin, das unter dem Dach des Interdisziplinären Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) mehrjährige Erfahrung, auch mit multiethnischer Klientel, hat. Die BABELUGA-Methode wurde in einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Therapeuten, etc. entwickelt. Um die Erfahrungswerte auch außerhalb des klinischen Rahmens greifbar zu machen und u. a. verhaltens- und verhältnispräventive Unterstützung zu bieten, wurde der Verein zur BABELUGA-Methode (BABELUGA e. V.) gegründet.

Aufbau

Die BABELUGA-Methode ist ein Baukastensystem, welches je nach Behandlungsauftrag und –stadium greift. Das Buch gliedert sich in drei Kapitel und umfasst insgesamt 336 Seiten.

  1. Das erste Kapitel Wer braucht was? widmet sich den Indikationen und Wirkfaktoren der Adipositas-Therapie. Risikogruppen und relevante zu berücksichtigende Besonderheiten bzgl. der Therapie werden erläutert.
  2. Kapitel zwei widmet sich Anwenderinstruktionen, Inhalten und der Vermittlung der Philosophie der BABELUGA-Baustellen-Methode.
  3. Im dritten Kapitel werden weiterführende Aspekte der Adipositas und ihrer Behandlung bei Kindern und Jugendlichen, aufgegriffen.

Inhalt

BABELUGA steht für Berliner Adipositas-Therapieprogramm für Kinder und Jugendliche und ihre Familien; Bewegung, Beratung, Begleitung; Essen und Trinken; Lernen und Lebensqualität; Unterstützung der Familie; Gruppentherapie für Kinder und Eltern; Adipositas-Diagnostik.

Kapitel eins dient der Einordnung der Adipositas. Einleitend werden die Indikationen von Susanna Wiegand dargestellt. Die Autorin macht deutlich, dass die Indikationsstellung von Faktoren wie Alter, Schweregrad, Therapiemotivation, soziale und funktionelle Beeinträchtigungen, Komorbidität und von Zusammenhängen im psychosozialen Gefüge der Familie abhängig ist. Nachfolgend werden von Martina Ernst die therapeutischen Wirkfaktoren, wie Motivation, Selbstwirksamkeit, etc. abgebildet und die unterschiedlichen Ziele der Adipositas-Therapie formuliert. Um das Risiko der Patienten kategorisieren zu können, wurde das BABELUGA-Konzept in die Bereiche A bis D unterteilt, die als Behandlungspfad festhalten, wie intensiv die Betreuung für die Kinder und Jugendlichen sein sollte, um Therapieerfolge zu erzielen. Die Einteilung ist abhängig von den inneren und äußeren Ressourcen des/r Patienten. Auch die Korrelationen zwischen Adipositas und sozialer Lage und Migrationshintergrund werden abgebildet. Außerdem wird die „Energiebilanz, d. h. die Ermittlung und Beeinflussung von Energiezufuhr und Energieverbrauch thematisiert.

Im Kapitel zwei wird die BABELUGA-Baustellen-Methode mit ihren Instrumenten vorgestellt. Die Handlungsfelder sind kindgerecht als „Baustellen“ beschrieben. Dazu zählen die Lebensmittelauswahl, Getränke, Portionsgröße und Essmengen, Mahlzeitenhäufigkeit und Zwischendurchessen, Süßigkeiten, Fast Food und Snacks, Bewegung im Alltag, Sport, Fernsehen, Computer und andere Medien sowie Stimmungen, Gefühle und psychosoziale Einflussfaktoren. Für Diagnostik und Therapie werden „Baustellen-Arbeitsbogen“, „Soll-Baustellen“ sowie Selbstbeobachtungsprotokolle, „Etappenzielverträge“ und „Zielerreichungsskalen“ zur Verfügung gestellt. Die Inhalte der einzelnen Baustellen werden sehr alltagsnah widergegeben. Der Aufbau für die Vermittlung des Veränderungsprozesses folgt durchgängig einer Struktur und beinhaltet folgende Elemente:

  • Motto: Die Lernziele werden von einem Motto begleitet wie z. B: „Tut gut und schmeckt gut“, das die Lebensmittelauswahl und -zubereitung und die Mahlzeitenzusammenstellung thematisiert. Jede Baustelle wird von einem Bild („Botschafter-Bär“), das die jeweilige Thematik aufgreift (z. B. Getränke, Essensauswahl) grafisch begleitet, d.h. die Arbeitsmaterialien, die in diesem Buch vorgestellt werden, sind dementsprechend gestaltet.
  • Über die „kleine Baustellen Theorie“ vermitteln die Autoren wissenswertes pro Baustelle bzw. Themengebiet.
  • Die Interventionsstufen: Zu jedem Themengebiet gibt es drei Interventionsstufen (Einsteiger, Fortgeschrittene, Könner). Diese Stufen werden als Ausblick vorab beschrieben. Sie zeigen die Ziele auf, die in der jeweiligen Stufe erreicht werden sollen.
  • Baustellen-Exploration: Zu jeder Interventionsstufe, werden Fragen zusammengefasst, die dem Leser die Analyse des Problems und das Aufdecken von Ressourcen der Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern, erleichtert.
  • Baustellen-Teamarbeit: Das BABELUGA-Konzept ist als partizipative Methode gestaltet. Therapeut und Betroffene legen Ziele bzw. Aufgaben fest, die bis zum nächsten Mal erreicht werden sollen (Beobachtungshausaufgaben, Veränderungshausaufgaben). Der Leser erhält hier auch zahlreiche Beispiele für mögliche Interventionen. Belohnungsmechanismen werden thematisiert.
  • Ampel: Bestandteil der „Baustellen-Teamarbeit“ zwischen Therapeut und Eltern bzw. Kindern und Jugendlichen ist die Selbsteinschätzung und –bewertung. Dies wird mit der Ampelmethode integriert.
  • Die Sonne: Das Schaubild weist auf migrantenspezifische bzw. kultur- und herkunftsspezifische Besonderheiten hin. Erfahrungswerte aus der Praxis werden vermittelt.
  • Die Lupe: Hier erhält der Leser weiterführende und tiefergehende Informationen.

Diese Elemente werden durchgängig für die Beschreibung der Baustellen, und damit des Hauptteil des Buches, eingesetzt.

Im dritten Kapitel des Buches liefern die Autoren/innen wissenschaftlich-biologische Inhalte zur Entstehung der Adipositas. Hier werden auch z. B. genetisch bedingte Einflüsse für die Entstehung von Adipositas aufgegriffen, die neben dem rein ernährungs- und bewegungsbedingten Entstehen der Erkrankung, ebenfalls erläutert werden. Aufgeführt wird hier beispielsweise die Leptinresistenz. Außerdem werden epidemiologische Untersuchungen herangezogen, um die Verbreitung und auch die Ansätze für präventiv wirkende Strategien zu nennen. Im Kapitel Wunsch und Realität in der Kinderernährung verdeutlichen die Autoren, wie stark der IST-Zustand in Bezug auf das Ernährungsverhalten vom SOLL-Zustand abweicht. Desweiteren werden die veränderten gesellschaftlichen Strukturen aufgegriffen, die unsere Ernährungsweise bedingen. Darunter zählen veränderte Arbeitswelten, Fremdversorgung von Kindern und Jugendlichen in Kitas, etc. Im Weiteren beinhaltet das Kapitel Berichte aus der Praxis von Ärzten, Psychologen, etc., die Hürden in der Adipositasbehandlung sehr deutlich widergeben. Die Autoren legen hier den Fokus auf den Umgang mit anderen Nationalitäten, insbesondere türkischer Herkunft. Besondere Ernährungsweisen, z. B. während des Ramadan, der Umgang mit Sprachbarrieren und unterschiedlichen Wertvorstellungen werden beleuchtet. Abschließend wird der Selbstmanagement-Prozess mit der BABELUGA-Baustellen-Methode erläutert und u. a. die realistische operationalisierbare positive Zielformulierung thematisiert. Wege zur Einleitung bzw. Anregung von langfristigen Veränderungsprozessen werden aufgezeigt.

Diskussion

Dieses Buch macht deutlich, dass Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, aufgrund der Komplexität der Erkrankung, multidimensional ansetzende Behandlungsstrategien erforderlich macht. Es wird außerdem klar, dass die notwendige umfangreiche Begleitung von Familien mit adipösen Kindern und Jugendlichen das zeitliche Maß, das in den bestehenden Versorgungsstrukturen für die Erkrankung aufgewandt werden kann, nicht ausreichend ist. Die positiven Veränderungen im Lebensstil der Familien können nur dann nachhaltig im Alltag gefestigt werden, wenn die Familien dazu befähigt werden, im Sinne eines Selbstmanagements eigenverantwortlich mit ihrem Ernährungs- und Bewegungsverhalten umzugehen. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es Strukturen im Gesundheitswesen, die sich der Problematik Adipositas ernsthaft und flächendeckend annehmen. Sowohl verhaltensorientierte Ansätze als auch verhältnisorientierte präventive Strukturen können dazu beitragen das zunehmende Problem der Verbreitung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, mit allen volkswirtschaftlichen Folgeproblemen, einzudämmen. Mit diesem Buch ist es gelungen, niedrigschwellige Herangehensweisen für das „schwerwiegende“ Problem aufzuzeigen und Adipositas-Therapeuten konkrete Instrumente für den Umgang mit adipösen Kindern und Jugendlichen und deren Familien bereitzustellen.

Fazit

Das Buch liefert leicht einsetzbare, ressourcenorientierte Behandlungsstrategien und konkrete Manuale für Therapeuten, Pädagogen bzw. Ärzte sowie Erfahrungswerte aus der Praxis. Die vorgestellte Methode zur Behandlung von adipösen Kindern und Jugendlichen ist sehr strukturiert aufgebaut und liefert zahlreiche Instrumente zur einfachen Verwendung und Integration in die (klinische) Praxis. Die BABELUGA-Methode kann in jedem Behandlungsstadium eingesetzt werden. Die Hinweise für eine langfristig therapeutische Begleitung von Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern sind darauf ausgerichtet, Motivation und Selbstwirksamkeit der Betroffenen zu stärken und mit vielen kleinen Schritten große Veränderungen zu erzielen. Hilfreich sind dabei die Erfahrungswerte, die die Autoren sehr realitäts- und alltagsbezogen weitergeben. Besonders hervorzuheben sind auch die Hinweise, die Besonderheiten im Umgang mit Patienten mit Migrationshintergrund, aufgreifen. Alle Arbeitsmaterialien sind textlich und grafisch verständlich sowie zielgruppengerecht aufbereitet und gestaltet. Das Buch liefert anwendungsorientierte Beispiele für eine verbesserte Gesprächsführung mit den Betroffenen und deren Familien. Die Leser profitieren außerdem von einem umfangreichen Pool an Arbeitsmaterialien. Diese stehen den Lesern auf CD als Buchbeilage und als Download bereit. Mit diesem Buch haben die Autorinnen ein hilfreiches Nachschlage- und Methodenwerk für alle Berufsgruppen geliefert, die mit dem Thema Adipositas konfrontiert sind.

Rezension von
Jenny Reinbold
Fachjournalistin (DFJS), Studiengang der Integrativen Gesundheitsförderung, Hochschule Coburg
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Es gibt 3 Rezensionen von Jenny Reinbold.

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Zitiervorschlag
Jenny Reinbold. Rezension vom 13.04.2011 zu: Martina Ernst, Susanna Wiegand (Hrsg.): Adipositas bei Kindern und Jugendlichen einmal anders. Die BABELUGA-Methode: Prävention, Therapie, Selbstmanagement. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84703-0. Reihe: Klinische Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11018.php, Datum des Zugriffs 20.07.2024.


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