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John C. Norcross, James D. Guy: Lassen Sie es in Ihrer Praxis

Cover John C. Norcross, James D. Guy: Lassen Sie es in Ihrer Praxis. Wie Psychotherapeuten für sich selbst sorgen können. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 285 Seiten. ISBN 978-3-456-84840-2. 26,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Das Thema des Buches befasst sich fundiert mit praktikablen Möglichkeiten, wie die Burn-out-Problematik, die speziell auch bei der Berufsgruppe der Psychotherapeuten anzutreffen ist, reduziert bzw. vermieden werden kann.

Autoren

Die beiden amerikanischen Autoren Norcross und Guy sind für das Thema besonders gut gerüstet, da sie nicht nur international bekannte Wissenschaftler, sondern auch langjährige psychotherapeutische Praktiker sind und daher ihre Auffassungen auch aus der Innensicht des Berufes entwickelt haben. Sie selbst sind überwiegend in den Psychotherapieverfahren der Humanistischen Psychologie (in der Tradition von Abraham Maslow) verwurzelt, beziehen sich aber in starkem Maße auch auf Einsichten Sigmund Freuds. D.Jr. Guy ist nicht nur Psychologe und Psychotherapeut, sondern auch Theologe.

Entstehungshintergrund

Für das Verständnis des Buches ist es wichtig, dass die Untersuchung von Burn-out-Problemen in der Berufsgruppe der Psychotherapeuten eine durchaus pikante Note enthält, da Psychotherapeuten eine solche Problematik gemeinhin bei Patienten diagnostizieren. Insofern handelt es sich bei dem Buch um einen mutigen Akt der Selbstanwendung. Hierbei ist zu beachten, dass eine Reihe von Belastungen im beruflichen Alltag den US-amerikanischen Verhältnissen geschuldet sind und für deutsche Verhältnisse so nicht zutreffen.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in 12 Kapitel, wobei jedes Kapitel für sich steht und folglich ohne Probleme so gelesen werden kann. Die Autoren betonen, dass sie ihre Methoden der Selbstfürsorge für Psychotherapeuten eher als Tourenführer denn als Gebrauchsanweisung geschrieben haben und diese Methoden nicht nur aufgrund (eigener) Forschungsergebnisse entwickelt, sondern diese auch in umfangreichen Praxisschulungen mit Kollegen erprobt haben.

Die genannten 12 Methoden sollen das gesamte Spektrum der psychotherapeutischen Tätigkeit abdecken und dabei gemäß dem Grundverständnis der Humanistischen Psychologie den Blick auf die Wachstumsmöglichkeiten der Psychotherapeuten und nicht auf deren defizitäre Berufsausübungen richten. Es beginnt mit dem Erlernen der Wertschätzung der eigenen Person des Therapeuten; dem Öffnen des Blicks für die enormen Reichtümer psychotherapeutischer Tätigkeit; der Beachtung zentraler körperlicher Bedürfnisse, die durch die überwiegend sitzende Tätigkeit in den Hintergrund geraten (Bewegung, Ernährung); der Stärkung außertherapeutischer zwischenmenschlicher Beziehungen (Familie, Freundschaften) und setzt sich fort in der Stärkung von alltäglichen Entspannungsmöglichkeiten; der gesundheitsförderlichen Umgestaltung von Raum- und Zeitbedingungen der Tätigkeit in Institutionen und der Niederlassung in eigener Praxis sowie der Stärkung der Abwehrkräfte gegen die Unzumutbarkeiten des amerikanischen Gesundheitssystems (Managed Care).

Da die Autoren ahnen, dass alle diese empfehlenswerten Methoden, die am Ende jedes Kapitels durch eine spezielle „Abstreichliste“ konkreter Handlungsempfehlungen unterstützt werden, trotzdem nicht so ohne weiteres umgesetzt werden (können), geht die zentrale Methode ihres Buches eindeutig in Richtung Eigentherapie. Ausführlich wird begründet, dass es für den Beruf des Psychotherapeuten notwendig erscheint, nicht nur einmal eine eigene Psychotherapie (zumeist während der Ausbildung) in Anspruch zu nehmen, sondern dass es im Grunde genommen um eine beinahe lebenslange, immer wieder neu aufzunehmende eigene Psychotherapie geht, damit die persönliche Weiterentwicklung und damit die psychotherapeutische Wirksamkeit nicht zum Stillstand kommt oder in destruktive Sackgassen gerät. Es werden zwar auch Methoden der Supervision erwähnt und sogar Empfehlungen ausgesprochen, sich einen weisen und stets verfügbaren Mentor für alle schwierigen Lebensfragen zu suchen, jedoch steht die Eigentherapie absolut im Zentrum der beruflichen Entwicklung.

Die Autoren beziehen sich hier selbst ganz persönlich ein und bekennen sich offen zu ihren propagierten Abstreich-Empfehlungen, obwohl sie einräumen (müssen), dass die Forschungslage bisher keine belastbare wissenschaftliche Evidenz für ihre vielfältigen Ratschläge hergibt.

Im Anschluss an dieses Kapitel kommen die Autoren auf das Thema Spiritualität und Religion zu sprechen. Beide teilen ihre Überzeugung mit, dass sich für sie der Beruf des Psychotherapeuten aus einer „höheren Berufung“ speist, und sie scheuen sich nicht zu offenbaren, dass sie sich für den Vorgang der „Heilung“ mit „einem höheren Wesen oder einer transzendenten Macht zusammenschließen“ (S. 238), die angeblich allein diese „Heilung“ im Sinne einer „Ganzwerdung“ bewirken kann.

Diskussion

Zweifellos greifen die Autoren ein wichtiges und seit langem in der Profession schmorendes Thema auf, das nicht nur im Rahmen der Psychotherapeuten-Ausbildung, sondern auch der späteren Berufspraxis in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern eine große Rolle spielt. In der Tat ist die Forschungslage noch recht dürftig und stößt schnell auf große Hindernisse, so dass es den Autoren hoch anzurechnen ist, sich mutig auf diese heiklen Fragen eingelassen zu haben. Des Weiteren ist es den Autoren gelungen, in guter Mischung von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, klinischen Erfahrungen und persönlich gehaltenen Schilderungen von Erfahrungen einen gut lesbaren Text zu verfassen. Doch sind einige kritische Anmerkungen vonnöten.

Zwar versichern die Autoren, dass sie kein unsinniges „Ratgeberbuch“ schreiben wollten, das in Banalitäten versinkt, doch kann der Eindruck nicht ganz von der Hand gewiesen werden, dass über weite Teile (einschließlich der „Abstreichlisten“) genau das eingetreten ist. Hinzu kommt, dass aufgrund der jeweils für sich stehenden Kapitel viele Überschneidungen und Wiederholungen im Text vorhanden sind, die beim durchgehenden Lesen des Buches von der ersten bis zur letzten Seite wie eine Gebetsmühle klingen.

Die Autoren wissen, dass ihre zentrale Botschaft, eine „lebenslange“ Eigentherapie ohne Scham- und Schuldgefühle in Anspruch nehmen zu sollen, um den Gefahrenseiten des Psychotherapeutenberufes hinreichend gewachsen zu sein, heftige Kritik in der Fachwelt auslöst. Denn allein schon die Erforderlichkeit von Eigentherapie (Selbsterfahrung) während der Ausbildung wird von den einzelnen Psychotherapieverfahren höchst unterschiedlich beurteilt und gehandhabt. So dürfte z.B. mangels Forschungsergebnissen die durchaus plausible, indizienhafte Argumentation der Autoren die Gegner im kognitiv-behavioralen Lager sicher nicht überzeugen. Vielleicht ist aber die Hoffnung der Autoren berechtigt, dass die praktische Erfahrung hier auf lange Sicht einen Wechsel herbeiführen wird.

Besonders kritisch erscheint der Versuch der Autoren, Psychotherapie als spirituell-religiöse Veranstaltung zu betreiben. Der predigerhafte Unterton des Buches kommt hier zu seiner vollen Blüte. Zustimmend zitieren die Autoren einen von ihnen beforschten „Meistertherapeuten“, der aussagt: „Ich empfinde meine Arbeit als eine Art Gottesdienst“ (S. 237). Diese mangelnde Trennung von Religion und Psychotherapie, die den Autoren trotz ihrer häufigen Bezugnahme auf Sigmund Freud offenbar keine Probleme bereitet, ist nicht nur unprofessionell, irreführend und anmaßend gegenüber Patienten, sondern ist auch manchen ideologischen Hintergrundüberzeugungen der Humanistischen Psychologie geschuldet.

Fazit

Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle psychotherapeutisch arbeitenden Praktiker und interessierten Wissenschaftler, die sich mit den Fragen von burn-out praktisch und theoretisch befassen wollen. Aufgrund der großen Praxisnähe, die bereits im Titel des Buches zum Ausdruck kommt, können die Leser eine Menge von Hilfestellungen und Ratschlägen erhalten. Ob deren Umsetzung ohne weiteres gelingt, hängt sicher vom Grad der Verstrickung des jeweiligen Praktikers ab. Eine Garantie für Besserung kann nicht gegeben werden. Die Überzeugung der Autoren, dass letztlich eine beinahe lebenslange eigene Psychotherapie sowie die Hinwendung zu einer „höheren Macht“ vonnöten ist, erscheint als äußerst fragwürdig und gibt Anlass zu der Vermutung, dass die Autoren sich und ihren Patienten autoritär strukturierte Lebensmodelle andienen.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Günter Zurhorst
Hochschule Mittweida Fakultät Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Günter Zurhorst. Rezension vom 12.08.2011 zu: John C. Norcross, James D. Guy: Lassen Sie es in Ihrer Praxis. Wie Psychotherapeuten für sich selbst sorgen können. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84840-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11021.php, Datum des Zugriffs 02.08.2021.


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