Anita Wilda-Kiesel, Anette Tögel et al.: Kommunikative Bewegungstherapie
Rezensiert von Prof. Dr. Ruth Haas, 17.10.2011
Anita Wilda-Kiesel, Anette Tögel, Uwe Wutzler: Kommunikative Bewegungstherapie. Brücke zwischen Psychotherapie und Körpertherapie.
Verlag Hans Huber
(Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011.
287 Seiten.
ISBN 978-3-456-84865-5.
39,95 EUR.
CH: 59,00 sFr.
Reihe: Ganzheitliche Körpertherapien.
Autorinnen und Autor
Dr. Anita Wilda-Kiesel ist die Begründerin der Kommunikativen Bewegungstherapie, die bereits im Jahr 1987 ein Lehrbuch zu diesem Thema in der damaligen DDR veröffentlicht hat. Sie begann ihre berufliche Laufbahn als Krankengymnastin und ab 1972 als Fachphysiotherapeutin in der Neurologisch-Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig. Im Jahr 1973 schloss sie ihr Studium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) als Diplom Sportlehrerin ab und promovierte im Jahr 1987 an der Sektion Psychologie der Universität Leipzig mit einer Arbeit zum Thema „Kommunikative Bewegungstherapie“. Von 1979 – 2006 lehrte sie an der Medizinischen Berufsfachschule der Universität Leipzig die Fachrichtung Physiotherapie und leitete die Fortbildung zum Therapeuten für Kommunikative Bewegungstherapie in der Sektion dynamische Gruppenpsychotherapie der Gesellschaft für Ärztliche Psychotherapie, später GPPMP und ab 2003 Akademie für Kommunikative Bewegungstherapie.
Annette Tögel hat im Jahr 1979 ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen und arbeitet ab 1983 im Landeskrankenhaus Uchtspringe. Seit 1992 ist sie Lehrtherapeutin für Kommunikative Bewegungstherapie und arbeitet seit 2000 als Fachphysiotherapeutin im Universitätsklinikum Leipzig in der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik. Im Jahr 2003 übernahm sie den Vorsitz der Akademie für Kommunikative Bewegungstherapie.
Dr. Uwe Wutzler ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker (DGPT), Psychoanalytischer Gruppenpsychotherapeut (DAGG) sowie Therapeut für Kommunikative Bewegungstherapie. Seit 2009 leitet er die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Asklepios Fachklinikums Stadtroda und seit 2007 ist er Vorstandsmitglied der Akademie für Kommunikative Bewegungstherapie.
Entstehungshintergrund
Bereits im Jahr 1987 wurde das erste Lehrbuch der Kommunikativen Bewegungstherapie von Anita Wilda-Kiesel publiziert, das als Grundlage und theoretische Begründung der Ausbildung zum Fachphysiotherapeuten/in in Kommunikativer Bewegungstherapie diente. Aufgrund der politischen Veränderungen, die mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1989 einhergingen, rückte – nachdem die erste Auflage vergriffen – eine erneute Publikation in den Hintergrund. In der Praxis verminderte sich jedoch das Interesse an dieser Methode in den ostdeutschen Kliniken für Psychiatrie und Psychosomatik nicht. In der Arbeitsgruppe für Kommunikative Bewegungstherapie der Gesellschaft für Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie (GPPMP) wurde eine Neukonzeption durch Frau Wilda-Kiesel u.a. unter Mitarbeit von Annette Tögel auf den Weg gebracht. Diese innovativ überarbeitete Form der Kommunikative Bewegungstherapie wird in diesem Buch vorgestellt.
Aufbau und Inhalt
Das Buch „Kommunikative Bewegungstherapie Brücke zwischen Psychotherapie und Körpertherapie“ gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil, der durch eine DVD in hervorragender Weise ergänzt wird.
Im Kapitel 1 zur Einführung wird die kommunikative Bewegungstherapie definiert, die Verortung der Methode in der Psychotherapie und Indikationskriterien vorgestellt (Autorin: Anita Wilda-Kiesel).
Die historische Entwicklung der Kommunikativen Bewegungstherapie wir im Kapitel 2 von der Begründerin der Methode den Leser/innen nahe gebracht.
Im Kapitel 3 „Überblick über seelische Erkrankungen und deren Entstehung“ (Autor: Dr. Uwe Wutzler) werden gängige psychodynamische Krankheitsmodelle (Konflikt-, Defizit-, und Traumamodell) für neurotische und psychosomatische Erkrankungen erläutert. Die Klassifikation und Symptomatik von Angsterkrankungen, Depressive Störungen, Konversionsneurotische und dissoziative Erkrankungen, Zwangsstörungen, Somatoformen Störungen, Psychosomatosen, Ess- und Persönlichkeitsstörungen werden unter Bezugnahme auf die ICD-10 knapp beschrieben und vor dem Hintergrund der dargelegten Krankheitsmodelle interpretiert. Ein Bezug zur Kommunikativen Bewegungstherapie wird jeweils aufgezeigt.
Grundbegriffe psychotherapeutischen Arbeitens wie Übertragung und Gegenübertragung, therapeutische Grundhaltung, therapeutische Abstinenz und Widerstand werden im 4. Kapitel geklärt (Autor: Dr. Uwe Wutzler). Therapieplanung, -prinzipien und Therapeutenverhalten stehen im Mittelpunkt des 4. und 5. Kapitels (Autorin: Anita Wilda-Kiesel).
Der praktische Teil des Buches beschreibt in detaillierter Weise die Gestaltung der jeweiligen Therapiephasen von der Orientierungsphase über die Phase der Auseinandersetzung bis zum Abschied von der Therapie. Dabei werden therapeutische Zielsetzungen, Therapeutenverhalten sowie Übungsbeispiele für die jeweilige Phase genau dargestellt und Vorschläge für die Reflexion der Praxis integriert. Die Autorinnen Wilda-Kiesel und Annette Tögel gestalten diesen Teil des Buches abwechselnd. Dieser Praxisteil wird durch Stundenbeispiele von Annette Tögel bereichert. Mögliche Modifikationen der Kommunikativen Bewegungstherapie für unterschiedliche psychiatrische Störungsbilder und der Transfer auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie beleuchten das Anwendungsspektrum der Methode.
Die beiliegende DVD lassen die praktische Arbeit nachvollziehbar werden. Der methodische Wechsel zwischen Anleitung, Durchführung von Übungen, Kooperation und Reflexion wird in hervorragender Weise verdeutlicht.
Diskussion
Die Kommunikative Bewegungstherapie schließt die Lücke zwischen körperorientierten Therapieformen und psychodynamischer Gruppentherapie, wie dies auch durch andere bewegungspsychotherapeutische Verfahren wie der Integrativen Bewegungs- und Tanztherapie oder der Konzentrativen Bewegungstherapie geleistet wird. Diese nutzen Bewegung und Körpersprache als eigenständiges psychotherapeutisches Mittel.
Die
Kommunikative Bewegungstherapie bietet spezielle Aufgabenstellungen
für die Entwicklung psychotherapeutischer Prozesse in Gruppen und
für die Behandlung psychosomatischer und psychiatrischer
Krankheitsbilder. Die Übungen fördern Wahrnehmung, Ich-Erfahrung,
Auseinandersetzung, Entscheidungsfähigkeit und Vertrauen sowie
Emotionalität und Kreativität. Die Reflexion des Erlebten
ermöglicht den Teilnehmer/innen eigenes Verhalten, psychische und
körperliche Veränderungen bewusster zu erleben, alte
Verhaltensweisen zu erkennen und neue Verhaltensweisen im geschützten
Rahmen zu erproben.
Mit der vorliegenden, völlig neu
konzipierten Neuauflage des Standardwerks zur Kommunikativen
Bewegungstherapie richten sich die Autoren/innen auch an alle
psychotherapeutisch tätigen Berufsgruppen, die die Gesprächstherapie
in Gruppen durch einen körperbezogenen Therapieprozess fördern und
erweitern möchten.
Dieser Transfer erscheint aus Sicht der Rezensentin gewagt, da ein fachspezifischer Zugang zu bewegungsorientierten therapeutischen Interventionen auch einen fachspezifischen beruflichen Hintergrund sowie umfassende körperliche Selbsterfahrung und Selbstreflexion erfordert.
Fazit
In diesem Buch gelingt es in besonderer Weise den klinischen und bewegungstherapeutischen Erfahrungsschatz der Autorinnen theoriegeleitet an interessierte Praktiker/innen zu vermitteln und konkrete Bezüge zu den Besonderheiten klinisch-psychiatrischer und psychosomatischer Fragestellungen praxisnah zu vermitteln. Es kann interessierten Fachkollegen/innen, die sich im Feld der psychiatrisch und psychosomatisch orientierten Bewegungstherapie weiterbilden und spezialisieren wollen sehr empfohlen werden. Insbesondere für berufliche Neueinsteiger/innen kann die genaue, reflektierte Darstellung der Praxis der Kommunikativen Bewegungstherapie sehr hilfreich sein!
Rezension von
Prof. Dr. Ruth Haas
Diplom Motologin, Professorin für prozessorientierte Körper- und Bewegungstherapie an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit; Sprecherin des Forschungsschwerpunktes zur Entwicklung von Modellen und Standards zur integrierten Versorgung in der Rehabilitation von Menschen mit motorischen Störungen
Arbeitsschwerpunkte: Psychomotorische Therapie,Therapieforschung, psychomotorische Entwicklung, bio-psycho-soziale Gesundheitsförderung und Rehabilitation, betriebliche Gesundheitsförderung
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