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Stefanie Becker, Roman Kaspar u.a.: H.I.L.DE (Lebensqualität demenzkranker Menschen )

Cover Stefanie Becker, Roman Kaspar, Andreas Kruse: H.I.L.DE.. Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität demenzkranker Menschen (H.I.L.DE.). Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 168 Seiten. ISBN 978-3-456-84903-4. 28,95 EUR, CH: 43,40 sFr.
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Thema

Ziel des Instruments H.I.L.DE ist die Erfassung und Entwicklung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz in stationären Pflegeinrichtungen. Es bietet eine Grundlage für die Verbesserung der Wahrnehmung von Menschen mit Demenz und richtet sich z.B. an Pflegende, die als Hauptpflegepersonen viel Zeit mit Pflegebedürftigen mit Demenz verbringen. Das Instrument erhebt den Anspruch, normative Bewertungsmaßstäbe für Lebensqualität zu liefern und es zu ermöglichen, Menschen mit Demenz einem von vier Demenzprofilen zuzuordnen. Pflegende bekommen mit H.I.L.DE. ein Instrument an die Hand, mit dessen Hilfe sich die Wahrnehmung und pflegerische Interventionen bei Menschen mit Demenz strukturiert reflektieren lassen. Ziel des Einsatzes von H.I.L.DE. ist die Steigerung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen mit Demenz.

Autorin und Autoren

Erstautorin ist Stefanie Becker, Diplom-Psychologin und Diplom-Gerontologin, Professorin an der Berner Fachschule, wo sie den Dienstleistungsschwerpunkt zum Thema ?Lebensgestaltung im Alter? aufbaut. Zweitautor Roman Kaspar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stiftungslehrstuhl für interdisziplinäre Alternswissenschaft an der Universität Frankfurt am Main und promovierte 2009 zur psychometrischen Beurteilung verhaltensgestützter Schmerzassessments für Menschen mit Demenz. Drittautor Prof. Dr. Andreas Kruse ist der leitende Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und verantwortete auch die Forschungsprojekte, in deren Rahmen das Instrument entwickelt wurde

Entstehungshintergrund

H.I.L.DE. wurde im Rahmen eines zweiphasigen, insgesamt sechsjährigen, vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Forschungsprojekts entwickelt. Mit diesem Instrument soll ein wissenschaftlicher Beitrag zur Erfassung der Pflege- und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen geleistet werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst ca. 170 Seiten, von denen auf ca. 95 Seiten der Entstehungsprozess des Instruments (Teil 1), die detaillierte Beschreibung des Instruments H.I.L.DE. incl. der Durchführungsanleitung zur Anwendung des Instruments (Teil 2) sowie der wissenschaftliche Teil zu den Gütekriterien des Instruments (Teil 3) beschrieben werden.

Der umfassende Anhang enthält das Erfassungsheft und Referenzbögen für alle vier Demenzprofile.

Im ersten Teil werden auf den Seiten 23-30 sowohl die theoretischen Annnahmen zur Strukturierung von Lebensqualität, auf denen das Instrument fußt, als auch die Phasen des Forschungsprojekts zur Entwicklung von H.I.L.DE. dargestellt. Ein besonderer Fokus wird auf die Beteiligung der Pflegepraxis gerichtet.

Der zweite Teil von Seite 33-94 vertieft die theoretischen Überlegungen, die H.I.L.DE. zugrunde liegen und stellt die Operationalisierung der theoretischen Grundlagen in das Erhebungsinstrument und dessen Strukturierung dar. Sehr umfassend (ca. 40 Seiten) wird der Umgang mit dem Instrument beschrieben. Die letzten vier Seiten dieses Teils sind der Ergebnisinterpretation gewidmet.

Die Gütekriterien des Instruments werden im letzten Teil (Seite 97-113) anhand von konkreten Fragen beantwortet, die auf Reliabilität und Erreichung des Projektziels (Qualitätsverbesserung) ausgerichtet sind.

Diskussion

Mit H.I.L.DE. ist eine kurze und dennoch umfassende, präzise und übersichtliche Vorstellung eines komplexen und zeitintensiven Projekts zur Entwicklung eines Instruments für ein sehr umfassendes Konstrukt wie dem der Lebensqualität von Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen gelungen. Die Autoren verstehen es, ihre theoretischen Überlegungen zur Strukturierung von Lebensqualität auch für Praktiker verständlich und nachvollziehbar darzustellen. Das Bemühen um die Integration der Pflegepraktiker in ein wissenschaftliches Projekt wird nicht nur im Forschungsprozess sondern auch in der Veröffentlichung deutlich. Für Pflegende ist dieses Buch eine sehr konkrete und fundierte Möglichkeit, sich mit der Thematik der Pflege von Menschen mit Demenz auseinanderzusetzen und Hinweise für sinnvolle pflegerische Interventionen zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu erhalten. Etwas kurz kommt die Beschreibung notwendiger Rahmenbedingungen, die die Verbesserung von Lebensqualität von Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen voraussetzt. Wie Schwerdt im Rahmen der MeDiA in Cura-Studie berichtet (Schwerdt, 2010, 187) kann der Einsatz von H.I.LDE. auch zu einem wachsenden Anspruch der Pflegenden an ihre Arbeit beitragen, der aufgrund der sich stetig verschlechternden Rahmenbedingungen die Berufsunzufriedenheit weiter steigern kann. Hier hätte den Pflegenden ein wichtiger Dienst erwiesen werden können, wenn die Autoren konkreter auf notwendige Potentiale und Ressourcen der Verbesserung von Lebensqualität hingewiesen hätten.

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es begrüßenswert, dass mit H.I.L.DE. ein Strukturmodell von Lebensqualität von Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen vorgelegt wurde, das sich nicht auf ausschließlich medizinische Kriterien beschränkt, sondern einen wesentlichen Fokus auf die Umwelt und vor allem das Erleben der Umwelt legt. Die damit vorgeschlagene Theorie über ein komplexes, latentes und damit sehr schwierig zu fassendes Konstrukt weist in die richtige Richtung: Lebensqualität kann nicht als ausschließlich personenbezogen zu erfassendes Merkmal gedacht werden, sondern hat eine interaktive Dimension, die mit H.I.L.DE. erfasst werden kann.

Problematisch in diesem Zusammenhang ist die fehlende empirische Prüfung der Konstruktvalidität und damit der mit H.I.L.DE. vorgelegten Theorie über Lebensqualität von Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen. Eine Prüfung der Reliabilität genügt nicht, wenn nicht sichergestellt werden kann, dass H.I.L.DE. tatsächlich das misst, was es zu messen vorgibt. Die fehlenden Untersuchungen zur Konstruktvalidität sind in zweierlei Hinsicht bedauerlich: zum einen scheint sich in der Pflege eine Praxis der Instrumentenentwicklung zu etablieren, die aufwändige Validitätsstudien vermeidet. Meist stellen dann erst die Praktiker fest, dass die Tauglichkeit der Instrumente fragwürdig ist (siehe unterschiedliche Sturzassessments oder die Braden-Skala). Damit gewinnt die Wissenschaft bei aller Praxisorientierung im Forschungsprozess kein nachhaltiges Vertrauen der Pflegepraxis. Zum anderen verfügt das Autorenteam mit Roman Kaspar über einen Wissenschaftler, der die Potentiale der probabilistischen Testtheorie hätte nutzen können, um die Konstruktvalidität von H.I.L.DE. zu evaluieren. Mit der noch offenen Prüfung der Konstruktvalidität sind Chancen verbunden, die Theorie über Lebensqualität bei Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen weiterzuentwickeln (zu strukturieren, zu präzisieren, ggf. zu erweitern oder zu reduzieren) und ein standardisiertes Instrument vorzulegen, das möglichst effizient das misst, was als Lebensqualität verstanden wird.

Fazit

Mit H.I.L.DE. steht ein sehr konkretes, praxisorientiertes und interaktionsbezogenes Konzept zur Lebensqualität von Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen zur Verfügung, das in seiner theoretischen Begründung wichtige Anregungen für die Pflegepraxis umfasst. Um H.I.L.DE. als standardisiertes Verfahren zur Messung der Pflegequalität einsetzen zu können bedarf es weiterer Studien.


Rezensent
Prof. Dr. Albert Brühl
Professor für Statistik und standardisierte Verfahren Fakultät für Pflegewissenschaften an der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar (PTHV)
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Zitiervorschlag
Albert Brühl. Rezension vom 22.09.2011 zu: Stefanie Becker, Roman Kaspar, Andreas Kruse: H.I.L.DE.. Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität demenzkranker Menschen (H.I.L.DE.). Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84903-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11026.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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