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Esme Moniz-Cook, Jill Manthorpe: Frühe Diagnose Demenz

Cover Esme Moniz-Cook, Jill Manthorpe: Frühe Diagnose Demenz. Rechtzeitige evidenzbasierte psychosoziale Intervention bei Menschen mit Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 262 Seiten. ISBN 978-3-456-84806-8. 29,95 EUR.

Reihe: Altenpflege, Demenz.
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Thema

Das Buch stellt internationale Forschungsprojekte dar, die die Wirksamkeit psychosozialer Interventionen bei Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen untersuchen, fasst diese zusammen und kommentiert sie.

Autorinnen/Herausgeberinnen

Esme Moniz-Cook ist Professorin für klinische Psychologie und Altern an der University of Hull (Großbritannien), wo sie auch den Bereich Rehabilitation und ältere Menschen des „Institute of Rehabilitation“ leitet. Sie arbeitete lange Zeit als Psychologin mit älteren Menschen mit Demenz, bevor sie in die Wissenschaft ging. Zurzeit entwickelt sie im Rahmen einer Studie interaktive Computerprogramme für professionelle Kräfte zur Unterstützung Angehöriger von Menschen mit Demenz, die herausforderndes Verhalten zeigen.

Jill Manthorpe ist Professorin für Soziale Arbeit am King‘s College in London und leitet die „Social Care Workforce Research Unit“. Ihr Forschungsinteresse liegt im Bereich soziale Fürsorge für ältere Menschen und ihre Betreuungspersonen.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch stellt eine Zusammenstellung wirksamer psychosozialer Interventionen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen dar. Es wird damit auf die steigende Nachfrage von Hilfsangeboten rund um das Thema Demenz regiert und das Wissen über die Wirksamkeit von psychosozialen Maßnahmen, das in der Praxis nicht angekommen zu sein scheint, vergrößert. Vier Gründe für dieses Nicht-Wissen werden genannt:

  1. Überzeugung, dass Wissen aufgrund örtlicher/nationaler Strukturen und Zusammenhänge nicht übertragbar ist
  2. Meinung, dass für Menschen mit Demenz selbst nichts bzw. kaum etwas getan werden kann und der Fokus somit auf den Angehörigen liegt
  3. Schwierigkeiten der Definition des Begriffes „beginnende Demenz“
  4. „doppeltes Stigma“ der Demenz (alt und dement), wodurch geringe Inanspruchnahme vorhandener Angebote und auch der Mangel an Maßnahmen begründet werden kann

Psychosoziale Interventionen werden weiterhin unterteilt in das „Aufzeigen von Möglichkeiten“ sich - beispielsweise über das Internet - mit anderen Betroffenen bzw. Angehörigen zu vernetzen, eine „intensive Gesprächsführung“ mit Betroffenen und Angehörigen, „standardisierte Psychotherapien“ und „Therapien zur Verbesserung der Lebensqualität“, auf welche dieses Buch den Schwerpunkt legt.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einführung ist das Buch in vier große Teile eingeteilt, wovon sich drei mit der frühzeitigen Unterstützung bei Demenz beschäftigen. Im letzten Teil werden konkrete Projekte aus verschiedenen Ländern genauer beschrieben. Die verschiedenen Teile sind in bis zu fünf Kapitel sowie weitere Unterkapitel eingeteilt. Am Anfang jedes Kapitels befindet sich ein meist etwa halbseitiger Überblick, am Ende ein Fazit über die vorgestellten Inhalte. Weiterhin werden in Form immer wieder eingestreuter Fallbeispiele die theoretischen Fakten praktisch dargestellt.

Die Autoren empfehlen zur Auswahl psychosozialer Interventionen ein Stufenmodell (S.32), auf welches sie im Verlauf des Buches immer wieder verweisen.

Im ersten Teil, der sich in zwei Kapitel aufteilt, wird die Diagnose bzw. die Diagnosestellung in den Mittelpunkt gesetzt. Zuerst wird die Frage nach Mitteilung der Diagnose kontrovers diskutiert, angeschlossen von der Darstellung, wie oft Ärzte bzw. Betreuungspersonen eine Demenzdiagnose mitteilen bzw. mitteilen würden. Es wird auf die unterschiedlichen Art und Weisen eingegangen, mit der Diagnose umzugehen. Die größten Sorgen scheinen die Betroffenen vor der Reaktion der Umwelt zu haben und versuchen daher, ihre Defizite geheim zu halten, was oft zu einem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben führt. Allerdings kann auch Erleichterung empfunden werden, wenn immer wiederkehrende Probleme auf einen Grund zurückgeführt werden können. Insgesamt erscheint eine frühzeitige Offenlegung der Diagnose sinnvoll, da sich alle Beteiligten so auf die Zukunft besser vorbereiten können. Im zweiten Kapitel des ersten Teiles werden sogenannte „Memory Clincs“ und dort durchgeführte Studien vorgestellt sowie erklärt, warum einer frühzeitigen Intervention in Form von Prävention und Gesundheitsförderung besondere Bedeutung zugesprochen wird.

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit Maßnahmen zur Behandlung von kognitiven Einschränkungen und Gedächtnisproblemen. Er ist in fünf Kapitel eingeteilt. Das erste beschäftigt sich mit der kognitiven Rehabilitation, welche bei Menschen mit Demenz im Frühstadium „auf verbliebenen Gedächtnisfunktionen aufbauen“ und „Möglichkeiten zur Kompensation von Gedächtnisproblemen finden“ will. Für die Wirksamkeit dieser Methode konnten bisher keine wissenschaftlichen Belege erbracht werden. Eine weitere Art zur Unterstützung in diesem Bereich ist die kognitive Stimulation. Die Autoren beschreiben dies als wirksame Methode zur Verbesserung der Realitätsorientierung mit dem Ziel, den Abbau zu verlangsamen und somit die kognitiven Reserven zu stärken. Hier machen Menschen mit Demenz bestimmte Übungen im Bereich Gedächtnis, Konzentration, Sprache, Orientierung usw., um Strategien zu erlernen, um diese Funktionen zu erhalten und zu verbessern. Der Wirksamkeitsnachweis wurde bereits erbracht. Am Beispiel von «GRADIOR» wird auf computerbasierte kognitive Trainingsprogramme eingegangen. Im vierten Kapitel des zweiten Teils werden gedächtnistherapeutische Gruppenschulungen thematisiert. Hier werden die Beteiligten darin geschult, mit Gedächtnisschwierigkeiten umzugehen, indem sie Erinnerungshilfen und –techniken verwenden. Als letztes Thema werden technische Hilfsmittel am Beispiel des europäischen «ENABLE» –Projektes beschrieben. Hierbei werden beispielsweise ein elektronischer Objektsucher oder eine Nachtlampe, die beim Aufstehen aus dem Bett automatisch Licht macht, evaluiert.

Teil drei des Buches beschäftigt sich mit psychologischen, emotionalen und sozialen Maßnahmen für Menschen mit Demenz. Hier wird sich trotz der Existenz zahlreicher einzeltherapeutischer Ansätze wie der Validationstherapie von Feil, welche die erste Maßnahme in dieser Richtung für Menschen mit Demenz war, hauptsächlich mit Gruppenpsychotherapie beschäftigt. Solche psychotherapeutische Gruppen werden in „edukative Gruppen“, deren Ziel die Aufklärung über die Erkrankung ist, und „emotional orientierte Gruppen“, deren Schwerpunkt auf dem Erfahrungsaustausch der Beteiligten liegt, eingeteilt. Bei einem Aufbau einer Gruppe muss neben der Beachtung bestimmter struktureller Faktoren auch die Zusammensetzung der Gruppenteilnehmer nach bestimmten Fähigkeiten erfolgen. Hier sind v.a. reflexive und kommunikative Fähigkeiten wichtig. Im zweiten Kapitel wird die Kunsttherapie thematisiert, bei der sich Menschen mit Demenz über freies Malen und Zeichnen ausdrücken und somit, anders als meist im tatsächlichen Leben, ihrem Gespür vertrauen können. Eine weitere Therapieform ist die Reminiszenz für Paare. Hier wird Biographiearbeit betrieben, wobei Rückblicke auf das vergangene Leben und damit verbundene Erfahrungen dazu genutzt werden, um aktuelle Probleme zu bewältigen. Als probate Mittel werden hier Lebensbücher oder Collagen genannt. Das vorletzte Kapitel im dritten Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Thema der Gruppenarbeit speziell für Männer, da alleinstehende Männer mit Demenz oft ein sehr kleines soziales Netz haben. Mit diesen Gruppen soll dies geändert werden. Im letzten Kapitel werden psychoedukative Gruppeninterventionen für Angehörige thematisiert. Es wird ein Beispiel aus Bologna (Italien) beschrieben. Hier werden Informationen über Demenz und den Umgang mit belastenden Ereignissen sowie praktische emotionale Unterstützung als Intervention in diesen Gruppen beschrieben.

Der vierten Teil des Buches trägt die Überschrift „Entwicklung von evidenzbasierten psychosozialen Hilfsangeboten“. Die drei Kapitel dieses Teils beschäftigen sich mit praktischen Beispielen aus unterschiedlichen Ländern. Es werden Meeting Centres in den Niederlanden sowie das individuelle Disease Management Programm, bei dem die primären Betreuungspersonen im Zentrum steht, sowie ehrenamtlich organisierte Hilfsprogramme beschrieben.

Diskussion

„Frühe Diagnose Demenz“ von Esme Moniz-Cook und Jill Manthorpe ist sehr gut strukturiert. Die einzelnen Kapitel haben jeweils eine Übersicht, danach wird in einer kleinschrittigen Gliederung an Unterkapiteln der Inhalt vorgestellt. Zum Schluss werden in einem Fazit die wichtigsten Inhalte zusammengefasst und bewertet. Auch die praktischen Beispiele sind beim Verständnis des Inhaltes sehr hilfreich.

Weiterhin wird deutlich, dass die Autorinnen versuchen, das sonst negativ geprägte Bild von Demenz in der Gesellschaft aufzubrechen. Sie gehen anfangs auf das Stigma, das automatisch mit dieser Erkrankung einhergeht und für viele eine ausweg- und hilflose Situation vermittelt, ein. Dass es auch bei Demenz wie bei anderen chronischen Erkrankungen mit einem progredienten Verlauf Möglichkeiten der Linderung und Verzögerung gibt, wird deutlich. Obwohl eine Heilung nicht möglich ist, sind Menschen mit Demenz keine völlig hoffnungslosen Fälle.

Nicht ganz deutlich werden die Unterschiede mancher Begriffe wie „kognitive Rehabilitation“, „kognitive Stimulation“ und „kognitives Training“. Die Ziele dieser Maßnahmen sind sehr ähnlich, so dass sich der im Thema neue Leser fragt, worin genau die Unterschiede liegen. Die eher medizinisch als pflegerisch geprägte Sprache unterstützt dies.

Ein weiteres Problem ist die von den Autorinnen selbst erwähnte begriffliche Unsicherheit der „beginnenden Demenz“. Sie wollen dies lösen, indem sie alle frisch diagnostizierten Demenzen als beginnend definieren. Dies kann zum Trugschluss führen, dass alle Menschen mit einer Demenz im Anfangsstadium zu einem Arzt gehen, um sich untersuchen zu lassen und/oder eine Diagnose bekommen. Beginnende Demenz kann nicht mit einer frühen Diagnose gleichgesetzt werden, auch wenn dies aus Sicht der professionellen Kräfte im Gesundheitswesen wünschenswert wäre, denn viele der Maßnahmen greifen nur, wenn bestimmte Fähigkeiten noch vorhanden sind. In der Realität allerdings gibt es viele Menschen und Familien, die sich vor einer Diagnose scheuen und diese wenn überhaupt erst in einem späteren Stadium der Demenz bekommen.

Fazit

Dieses Buch bietet für Interessierte eine gute Zusammenstellung der aktuellen Forschungsergebnisse zu Interventionen für Menschen mit Demenz und auch ihre pflegenden Angehörigen. Der positive Grundtenor des Buches vermittelt ein etwas anderes Bild von Demenz als sonst üblich, was neben all den negativen Folgen der Erkrankung ein wichtiger Teil des Wissens von professionell Tätigen sein sollte. Einschränkend ist jedoch zu erwähnen, dass sich der Leser im Feld der Therapien bei Demenz bereits auskennen muss, um alle Inhalte dieses Buches zu verstehen.


Rezensentin
MScN Iris Hochgraeber
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Zitiervorschlag
Iris Hochgraeber. Rezension vom 20.06.2011 zu: Esme Moniz-Cook, Jill Manthorpe: Frühe Diagnose Demenz. Rechtzeitige evidenzbasierte psychosoziale Intervention bei Menschen mit Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84806-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11027.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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