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Cornelia Schneider: Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz

Cover Cornelia Schneider: Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz. Nebenwirkung Gesundheit. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 216 Seiten. ISBN 978-3-456-84892-1. 29,95 EUR, CH: 44,80 sFr.

Reihe: Prävention und Gesundheitsförderung.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-85147-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autorin

Cornelia Schneider ist Dipl. Psychologin und Physiotherapeutin. Sie leitet die Gesellschaft für Gesundheitspflege und interdisziplinäre Weiterbildung (GGW) in Homburg/Saar und berät in Deutschland Firmen, Banken und Institutionen der öffentlichen Verwaltung zu Fragen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) und des demografischen Wandels. Sie erhielt für ihre Arbeit zu Rückenschmerz und Kommunikation den Wissenschaftspreis der ZVK (Zentralverband der Physiotherapeutinnen und- therapeuten) und den internationalen Balintpreis der Stiftung Psychosomatik und des schweizerischen Roten Kreuzes.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Reihe Prävention und Gesundheitsförderung des Huber Verlags erschienen und wurde von Dr. Klaus Reinhardt lektoriert. Das Geleitwort verfasste Dr. Richard Weber, Präsident der IHK Saarland. Das Buch ist aus der Beratungspraxis der Autorin entstanden.

Aufbau

Im Geleitwort streicht Dr. Weber die Bedeutung der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF), u.a. wegen des demografischen Wandels, deutlich hervor. Im ersten Satz stellt er fest, dass betriebliche Gesundheitsförderung „in unserem Land seit jeher eine grosse Rolle“ spiele. Er ist von der Wirksamkeit überzeugt. Diese Blickrichtung, die den gesamten Band durchzieht, wird durch den Hinweis eingeschränkt, dass der Erfolg gesundheitsförderlicher Projekte vor allem von der Qualifikation der Personen abhängig ist, die mit ihnen beauftragt sind.

Frau Schneider erklärt, warum und wie das Buch gelesen werden sollte und differenziert nach Zielgruppen: Bereits mit BGM erfahrene Leser können gleich mit den jeweils am Ende der Kapitel dargestellten Einzelbeispiele aus der Praxis beginnen und dann gezielt die theoretischen Erläuterungen nachlesen. Sie legt wiederholt wert auf die Feststellung, dass diese Beispiele lediglich Mosaiksteine innerhalb umfassender Gesamtprojekte darstellen.

In der Einleitung postuliert sie die Erweiterung der Personal- und Organisationsentwicklung durch Gesundheitsförderung und stellt fest, dass dadurch erwünschte „Nebenwirkungen“ auftreten können, wie beispielsweise gesteigerte Leistungsfähigkeit, geringere Fehlzeiten oder Gesundheit an sich.

Der Band ist in vier Teile gegliedert:

  1. Wissen und Verstehen,
  2. Beachten und Beleben,
  3. Strukturieren und Organisieren,
  4. Erfahren und Entwickeln.

Die einzelnen Kapitel werden jeweils mit treffenden Zitaten eingeleitet.

Inhalt

Der Teil zu „Wissen und Verstehen“ führt in die Terminologie der Prävention und Gesundheitswissenschaft ein. Frau Schneider verdeutlicht die Bedeutung, die die Klärung der Terminologie für den Erfolg in der betrieblichen Realität hat. Was für Experten klar ist, ist es für die Player in den Betrieben noch lange nicht. Die beliebige Anwendung der Begriffe BGF und BGM beispielsweise kann zu Missverständnissen und unnötigen Auseinandersetzungen führen, da unterschiedliche Zielbindungen auf Grund dieses „Begriffnebels“ entstehen können.

Einer kritischen Prüfung unterwirft die Autorin Schlagworte wie Work-Life-Balance, Nachhaltigkeit oder Ganzheitlichkeit. Abgerundet wird das erste Kapitel mit einem nach Belieben erweiterbaren Glossar für gesundheitsfördernde Projekte. Die Autorin stellt dafür ein nützliches Raster zur Verfügung.

Die folgenden beiden Kapitel zu den Gesundheitsmodellen und zum Zusammenhang von Gesundheit, Krankheit und den Signalen des Körpers stellen in kompakter Form wesentliche Informationen für den Praktiker oder die Praktikerin im Betrieb vor. Es gelingt Frau Schneider die Theorie für die Umsetzung in die Praxis zu operationalisieren, indem sie ihre Erfahrung aus den Projekten schöpft. Das passende Praxisbeispiel einer Workshopreihe zur Körpersprache bei einer Bankfiliale zeigt die Generierung von Win-Win-Situationen wenn kreative und gesundheitsfördernde Aspekte in herkömmliche Gefässe – hier das Thema Kundenkommunikation – aufgenommen werden. Frau Schneider meint provokativ, dass das Thema „Körpersprache“ eine „Einstiegsdroge“ in die BGF darstellen kann. Besonders anschaulich wird dieser Teil durch die genaue Darstellung der Inhalte dieser Workshopreihe.

Das nächste Kapitel ist der Rollenklärung der Akteure in Sachen BGF gewidmet. Auch hier unterscheidet die Autorin sauber die Begriffe „Experte“, „Helfer“, und „Coach“. Grundsätzliche Bemerkungen zu Beratung und Möglichkeiten des Einsatzes von Testverfahren und Biofeedbackgeräten illustrieren den unterschiedlichen Zugang je nach Beratungskontext. Vorgestellt wird der„Stresspilot“. Es handelt sich dabei um ein Gerät, das mittels Ohrclip die Herzratenvariabilität ableitet. Erreicht werden soll u.a. ein erhöhtes Bewusstsein für das Stresserleben.

Abgeschlossen wird der erste Teil des Buches zu Fragen der Statistik im Zusammenhang mit Krankheitsarten und eine kritische Diskussion des Zusammenhangs von beruflichen und privaten Stressoren. Eine Checkliste zur Selbstreflexion rundet das Ganze ab.

Der Teil „Beachten und Beleben“ ist dem Einstieg in BGF gewidmet. Neben der Voraussetzung dass sich Führungskräfte mit BGM identifizieren müssen, um erfolgreich zu sein, widmet sich Frau Schneider dem Thema Selbstregulation. Sie fordert, dass Modelle zur Verhaltensänderung fester Bestandteil von BGF sein müssen und stellt das transtheoretische Modell nach Prochaska / Di Clemente und das Zürcher Ressourcenmodel von Storch / Krause vor.

Der Zusammenhang von Führung und Gesundheit wird durch Hinweise auf Studien von Siegrist untermauert, die den Zusammenhang von Wertschätzung und ihrem Einfluss auf biochemische Vorgänge auf den Stresshaushalt des Körpers nachgewiesen haben.

Vorgängig stellt sie die verschiedenen Rollen der Führungskraft dar, die nicht zuletzt über die Fähigkeit zur Selbstreflexion verfügen müssen, um als Vorbild wirken zu können. Ein Seminarbeispiel, das neben der Vermittlung von Wissen zur Rolle der Führungskraft im BGM das eigene Gesundheitsverhalten fokussiert und das Selbstmanagement unterstützt wird dargestellt.

Der Diskussion der Ebenen betrieblicher Gesundheitsförderung (Individuell, Team und Organisation) folgt ein Kapitel zur Frage der internen und externen Beratung und die Notwendigkeit die Akteure gut einzusetzen und die Experten zu prüfen. Einer Checkliste zur Prüfung von Experten schiebt Frau Schneider eine Bemerkung nach, in der sie Unternehmen oder Verwaltungen auffordert, eigene Experten auszubilden.

Viele praktische Hinweise zur Berücksichtigung des demografischen Wandels schliessen den 2. Teil des Buches ab. Nach allgemeinen Hinweisen zum demografischen Wandel und den heutigen Erkenntnissen zu den Alterungsprozessen, die ein verändertes Bild des Älterwerdens in der heutigen Zeit erforderlich machen, geht die Autorin auf die Aktionsfelder für eine alterssensible Gesundheitsförderung ein. Dabei fokussiert sie stärker auf die älteren Arbeitnehmenden als auf ein Generationenmanagement. Im grau unterlegten Teil „Zukunft gestalten“ in diesem Kapitel werden Hinweise auf viele Konzepte und Modelle zur Gestaltung des demografischen Wandels gegeben. Die Liste kann als Anregung zum Weiterlesen genutzt werden und reicht von der Entwicklung der Lebensphasen über den Work-Ability-Index bis hin zu zur Bedeutung der persönlichen Betroffenheit.

Auch zwecks Abgrenzung von Gesundheitsaposteln schiebt Frau Schneider ein Kapitel zu Humor und BGF ein. Neben der Darstellung der immunologischen Antwort auf Lachen listet sie Witze für den Arbeitsplatz auf. Dabei geht es ihr darum, zu betonen, dass Gesundheit durchaus lustvoll sein soll und keine Askese verlangt wird. Mit einem „Gesundheitstheater“ belebte eine Versicherung mit einem seit längerem gut funktionierenden Gesundheitsmanagement ihre alle 1 ½ Jahre stattfindenden Gesundheitstage und führte so eine Leichtigkeit und humorvolle Stimmung in diese Tage und in das gesamte Thema ein.

Der dritte Teil ist der Organisationsentwicklung von Gesundheitsförderung gewidmet und folgt dem Funktionszyklus: Analyse-Massnehmenplanung-Durchführung-Evaluation. Zur konkreten Planung von Massnahmen schlägt Frau Schneider ein 8-Phasen-Modell „Team Management System“ von Margerison und McCann vor.

Das erste Kapitel (Kapitel 12 im Buch) zeigt Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung, beispielsweise durch Krankenkassen oder durch steuerliche Vorteile. Die sorgfältige Evaluation der Massnahmen wird betont und gleichzeitig auch auf die Verhältnismässigkeit hingewiesen.

Schliesslich folgen im letzten Teil vier Praxisbeispiele aus Verwaltung und Industrie, die die Ausgangslage kurz beschreiben, das Projektdesign vorstellen und die konkreten Aktivitäten darstellen.

Das Buch endet mit der Aufstellung von fünf Stolpersteinen bei der Entwicklung von BGF und BGM. Diese seien dem geneigten Leser empfohlen im Buch selber nachzulesen.

Der etwas schmale Verweis auf die benutzte Literatur wird durch eine gut durchdachte Liste empfohlener Weblinks ergänzt.

Diskussion

Auf knapp 216 Seiten gelingt es Frau Schneider, Grundlagen von BGM und BGF in kompakter und für die Umsetzung in die Praxis äusserst tauglicher Form darzustellen. Der Untertitel „Nebenwirkung Gesundheit“ suggeriert, dass durch die im Text postulierten Massnahmen zum BGM und zur BGF innerhalb der Betriebe und der Verwaltung sich Gesundheit quasi von alleine einstellen wird.

Besonders sticht die grosse Sorgfalt in der Darstellung der Grundlagen und der Terminologie ins Auge. Der Stil ist engagiert, anregend, wissenschaftlich fundiert, ohne dadurch überladen oder schwerfällig zu sein. Er überrascht den Leser oder die Leserin an verschiedenen Stellen, an denen man nicht damit gerechnet hat, mit Humor.

Der berufliche Hintergrund der Autorin, nämlich Physiotherapie und Psychologie, scheint den Inhalt dadurch zu prägen, dass sowohl den seelischen als auch den körperlichen Aspekten von Gesundheit Aufmerksamkeit geschenkt und eine einseitige Fokussierung auf verhaltens- oder verhältnisorientierte Ansätze vermieden wird. Frau Schneider wird nicht müde zu erwähnen, dass die sorgsam ausgewählten Praxisbeispiele lediglich Mosaiksteine eines umfassenden Konzepts von BGM darstellen. Der Rolle von Führung schenkt sie Beachtung und betont die Notwendigkeit der Kompetenz zum Selbstmanagement für Führungskräfte, damit diese ihre Vorbildfunktion in Sachen BGF glaubwürdig ausfüllen können. Auch schwierigen Themen, wie z.B. Kündigung einer Führungskraft, die keinen gesundheitsfördernden Führungsstil aufweist, weicht Frau Schneider nicht aus. Die Rolle von Anerkennung und Wertschätzung für die Entwicklung von Gesundheit wird erwähnt, hätte aber eine grössere Gewichtung verdient und zeigt auch eine (kleine) Schwachstelle des Buches auf, nämlich die mangelnde Darstellung, wie BGM/BGF in die Führungskräfteentwicklung stärker implementiert werden könnte. Auch wird nicht ganz klar, wie das Top-Management für das Thema gewonnen werden kann und wie BGM/BGF zu einem Bestandteil der Unternehmensstrategie entwickelt werden kann. Ein weiterer kleinerer Kritikpunkt ist die etwas einseitige Ausrichtung auf älter werdende Mitarbeitende bei Fragen bzgl. des demographischen Wandels. Hier hätte deutlicher noch der Aspekt des Generationenmanagements herausgestrichen werden können. Bemerkenswert ist aber die Auflistung im Praxisteil „Zukunft gestalten“, die umfassende Hinweise auf zu vertiefende und aktuelle Konzepte oder Modelle gibt, wie beispielsweise auf den Work-Ability-Index.

Nichtsdestotrotz ist Frau Schneider mit diesem Band ein Kompendium zu Theorie und Praxis von BGM und BGF gelungen, das angesichts der Begrenztheit auf knapp 260 Seiten durchwegs sehr dicht und trotzdem unterhaltsam, spannend und durch eingestreute Zitate und Merksätze aufgelockert, ist.

Frau Schneider beeindruckt durch ihre Darstellung der praktischen Beispiele und es wird deutlich, dass sie den Betrieben und ihren Bemühungen BGM/BGF umzusetzen, sehr viel Wohlwollen entgegen bringt. Auch die Warnung vor falschen Experten und die Aufforderung an die Unternehmen und Verwaltungen ihre eigenen Fachleute heranzuziehen, unterstreicht ihre realistische und praxisgeprüfte Perspektive. Eine Frage, die wenig angesprochen wird und noch vertieft zu erörtern wäre, ist die Vernetzung von unterschiedlichen Akteuren im „Dunstkreis“ von Gesundheit und Arbeitsschutz im Betrieb.

Wer mehr wissen möchte, dem helfen die eingestreuten und am Ende des Buches kompakt aufgeführten Weblinks mehr als das dünn geratene Literaturverzeichnis. Einer neuen Auflage wäre ein Stichwortverzeichnis zu wünschen.

Fazit

Dieses Buch ist für alle sehr empfehlenswert, die sich mit der Entwicklung von BGM/BGF beschäftigen, unabhängig aus welcher Position heraus sie dies tun.

Es ist sowohl für die Führungskraft lesenswert, die sich gezielt orientieren möchte, als auch für den Projektleiter oder die Expertin im Betrieb. Auch Fachpersonen aus dem Gebiet der Public Health Berufe können durch den Praxisbezug wertvolle Hinweise der Verbindung der Theorie mit dem Alltag in den Betrieben entnehmen.


Rezensent
Thomas Reinhardt
Dipl. Berater für Organisationsentwicklung. Arbeitet als interner Berater im Universitätsspital Basel und freiberuflich in den Bereichen Organisationsentwicklung, Gesundheitsmanagement, Konfliktmoderation, Coaching für Führungsverantwortliche, Teamentwicklung. Schwerpunkte: Gesundheit und Führung, Change Management, Leadership, Kommunikation
Homepage www.corvus-opera.ch
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Zitiervorschlag
Thomas Reinhardt. Rezension vom 06.04.2011 zu: Cornelia Schneider: Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz. Nebenwirkung Gesundheit. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84892-1. Reihe: Prävention und Gesundheitsförderung.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-456-85147-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11029.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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