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Karin Kersting: "Coolout" in der Pflege

Cover Karin Kersting: "Coolout" in der Pflege. Eine Studie zur moralischen Desensibilisierung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. 2. Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-940529-99-2. 34,00 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Das Wort „Pflegenotstand“ ist in seinem öffentlichen Gebrauch zu einer geläufigen und abgegriffenen Chiffre geworden, die den damit bezeichneten Sachverhalt eher verbirgt als ihn wirklich aufzuzeigen. Die Untersuchung von Karin Kersting geht der mit diesem Begriff gemeinten Sache auf den Grund, indem sie vor allem die Auswirkungen in den Blick nimmt, welche aus der Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit in der Pflege für die beruflich Pflegenden entstehen. Diese Auswirkung betreffen nachhaltige Veränderungen in der berufsbezogenen Haltung der Pflegenden, darüber hinaus aber auch tief in deren Persönlichkeit hinein wirkende Folgen. Die dabei zutage tretenden Erkenntnisse reichen in ihrer Relevanz weit über den Bereich einer pflegerischen Berufsethik hinaus. Es geht hier - exemplarisch – letztlich auch um die Frage, welche Folgen Gewöhnungsprozesse an unhaltbare berufliche Strukturen (sog. „Notstände“) für die Betroffenen überhaupt haben, also z.B. im schulischen Bereich, im Bereich sozialer Hilfesysteme u.ä.

Autorin

Karin Kersting (*1963 in Bochum) arbeitete zunächst als Krankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften promovierte sie 2000 an der GH Essen mit der als Dissertation eingereichten vorliegenden Untersuchung zur Dr. phil. Seit 2003 lehrt sie als Professorin für Pflegewissenschaft an der FH Ludwigshafen/Rhein.

Aufbau und Inhalt

Nach zwei Vorworten und einem Geleitwort von C.Offermann gibt die Autorin in einer Einleitung (S. 17-24) einen Ausblick auf Aufbau und Ziele ihrer Untersuchung.

Diese gliedert sich in neun Kapitel:

1. Sollen und Sein in der Pflege (S. 25-43): Hier stellt die Verfasserin die Polarität von Patientenorientierung und Systemrationalität in der Pflegewirklichkeit dar und fragt nach Möglichkeiten einer dialektischen Verknüpfung beider Seiten. Dabei werden die beobachteten Gegensätzlichkeiten an zahlreichen Beispielen – z.T. aus der Pflegepraxis, aber auch aus anspruchsbetonten Stellenausschreibungen u.ä. – verdeutlicht. – In der resümierenden Bilanz wird der aus der Kritischen Theorie stammende, von Th.W.Adorno und M.Horkheimer geprägte Begriff der „bürgerlichen Kälte“ eingeführt.

2. „Bürgerliche Kälte“ und Krankenpflege (S. 45-53): Es geht hier um die Einordnung der Untersuchung als Teil des von A.Gruschka 1996 initiierten Forschungsprojektes „Moralische Krisenerfahrung in Kindheit und Jugend“. Dabei werden, vor dem Hintergrund des von A.Gruschka weiter entwickelten Begriffs der „Bürgerlichen Kälte“ allgemeine gesellschaftliche Strukturhintergründe der in Kap. 1 entfalteten Problematik herausgearbeitet. Die Verfasserin knüpft an Gruschkas moralische Kategorisierung des Begriffs der „Bürgerlichen Kälte“ an und verbindet den Befund der „moralischen Desensibilisierung“ in der Pflege mit dem allgemeinen Hintergrund der Kälte.

3. Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung (S. 55-85): Hier kann die Autorin nun die klassischen Überlegungen zur Moralentwicklung von Lawrence Kohlberg (1958ff) einführen. In der kritischen Diskussion des Kohlberg'schen Stufenmodells werden Widersprüchlichkeiten seiner Vorgehensweise aufgezeigt, insbesondere die Künstlichkeit der von ihm dargestellten Dilemmasituation sowie Aspekte der Konstruiertheit seines Modells. Aus diesen kritischen Überlegungen heraus werden wichtige Gesichtspunkte für das weitere Vorgehen entwickelt: 1.: Einbezug realer Widersprüchlichkeiten in der Lebenswelt der Subjekte; 2.: Offene Gestaltung der Befragung von Probanden, damit eine möglichst breite Vielfalt von Reaktionen ermöglicht wird; 3.: Aufdeckung der Mechanismen, die einer Integration von widersprüchlichen Anforderungen an die Moralentwicklung zugrunde liegen.

4. Untersuchungsanlage und Forschungsmethode (S. 87-132): Die Autorin betont, dass sie dieses Kapitel mit dem Anspruch einer „Einführung in die objektive Hermeneutik“ (S. 23) verbindet, „um sie in der pflegewissenschaftlichen Forschung bekannter zu machen.“ (ebd.) Dabei bezieht sie sich auf das von U.Oevermann begründete „Prinzip der Sachlichkeit“ (S.88) und definiert den Begriff der „Sache“ im Untersuchungszusammenhang als „Reaktion des einzelnen Pflegenden auf den Konflikt.“ (S.89) Von da ausgehend wird die „forschungsmethodische Vorgehensweise und deren Begründung“ entfaltet (S. 90ff). Die eigentliche Verfahrensweise erfolgt in acht Schritten: 1. Einführung der Probanden in das der Untersuchung zugrunde liegende Konflikt-Szenario. – 2. Vorstellung der Probanden und Aussagen zur Repräsentativität. – 3. Beschreibung des Interviewverfahrens. – 4. Inbezugsetzung der Interview-Transkription mit den Grundannahmen der „objektiven Hermeneutik“. – 5. Auswertungsverfahren im Bezugsrahmen der „objektiven Hermeneutik“. – 6. Auswertungsschritte der Interviewtranskripte und exemplarische Interpretation eines Ausschnittes. – 7. Leitende Kriterien für die Ausarbeitung der Auswertungsergebnisse. – 8. Erläuterung des Begriffs der „Verdichtungstypen“.

5. Reaktionsmuster auf eine moralische Konfliktsituation (S. 133-207): Hier wird anhand der einzelnen Reaktionsmuster geklärt, „wie Pflegende sich zu einem typischen moralischen Konflikt ihres Arbeitsalltages verhalten und in welcher Weise sie ihre Sensibilität für die Verletzung des normativen Anspruches verlieren.“ (S. 23) Aus „Portraits“ einzelner Probanden werden allgemeine Merkmale der alltäglichen Konfliktsituationen abgeleitet und in ihrem über die Einzeluntersuchung hinausweisenden Gehalt dargestellt.

6. Zur Entwicklungslogik der Reaktionsmuster (S. 209-245) In der bildlichen Entwicklung der „Kälteellipse“ kommt die Autorin zur zentralen Aussage ihrer Untersuchung: Aus dem Widerspruch zwischen normativem Anspruch und der Wirklichkeit des Pflegealltags entwickeln die Betroffenen Strategien der Kälte. Sie lernen hinzunehmen, wogegen sie sich auflehnen müssten, weil es dem widerspricht, was sie verwirklichen wollen und sollen. Diese Reaktionsmuster werden im Bild einer „Kälteellipse“ beschrieben. Darin kommt zum Ausdruck, wie Lernende ihre Sensibilität für die Verletzung des normativen Anspruchs in der pflegerischen Praxis verlieren, aber auch Strategien, mit denen es trotzdem gelingt, an diesem Anspruch festzuhalten. (Ich entlehne diese Beschreibung dem Buch von Fichtmüller,F; Walter,A.: Pflegen lernen, 2007, S. 102) – Am Beispiel einiger Probanden wird beispielhaft gezeigt, wie sich moralische Desensibilisierung als Prozess darstellt und in welche Richtung sich diese Probanden entwickelt haben.

7. Die Bearbeitung moralischer Konflikte in der Pflegeethik (S. 247-297): In diesem Kapitel wird anhand der Beispiele von Sara T. Fry: Ethik in der Pflegepraxis (1995) und M.Arndt: Ethik denken (1996) der Beitrag der Pflegeethik zur Sensibilisierung für moralische Probleme und für die Bewältigung von moralischen Konfliktsituationen im Pflegealltag untersucht und erörtert.

8. Was ist zu tun? (S. 299-302): Als zusammenfassendes Bewertungskriterium des untersuchten Reaktionsmuster nennt die Autorin drei Aspekte: 1. Subjektives Befinden der Probanden; 2. Konkrete Auswirkungen auf die praktische Pflege; 3. Zunehmende Einsicht auf die strukturellen Bedingungen des Pflegealltags. – Im weiteren Verlauf wird die Forderung erhoben, dass die Erkenntnisse der Pflegewissenschaft zu strukturellen Bedingungen des Pflegealltags Eingang in die Pflegewissenschaft finden müssen.

9. Weiterführende Forschungen (S. 303-313): Zum Schluss werden noch weitere Forschungsfragen aufgezeigt sowie Möglichkeiten genannt, in welcher Weise die hier entwickelten Ergebnisse auf Forschungsfelder im Bereich der Burnout-Problematik und der Thematik der beruflichen Sozialisation fruchtbar gemacht werden können.

Anhang: Darstellung der Themen der Moralkonflikte im Forschungsprojekt Moralische Krisenerfahrung in Kindheit und Jugend (S. 315-318): Es geht hier um die Verortung der Untersuchung von Karin Kersting im Gesamtzusammenhang des von A.Gruschka initiierten Forschungsprojektes, das eine Antwort auf die Frage „Wie lernt man, kalt zu werden?“ (Gruschka 1997) geben sollte.

Ein Literaturverzeichnis (S. 319-322) schließt die Untersuchung ab.

Zielgruppe

Zunächst ist das Buch von Karin Kersting ein wichtiger Forschungsbeitrag zum intradisziplinären Diskurs in der Pflegewissenschaft, also für dort Lehrende und Studierende. Wie die Autorin in Kap. 8 betont, ist es aber wichtig, dass die Ergebnisse des Buches Eingang in die berufliche Ausbildung der Pflegenden selbst finden – mit dem Ziel einer präventiven Wirkung gegen die angesprochene Desensibilisierung. Das Thema „Kälte“ an sich ist allerdings von allgemeinerer Bedeutung, wie sich schon aus dem Gesamtrahmen des Forschungsprojektes ergibt: Es geht hier um ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen, das sich in vielen von „Notständen“, Sparzwängen u.ä. betroffenen Bereichen zuspitzt. Insofern ist die Lektüre für alle gewinnbringend, die sich mit diesen Situationen ethisch, politisch und in Gestaltungsräumen des Gemeinwesens auseinandersetzen.

Diskussion

Am konkreten Fall der Strukturproblematik im Bereich der Pflege bringt die Autorin ein gesellschaftliches Grundproblem zur Sprache, das seit den Tagen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in der Bundesrepublik unvermindert virulent ist: Es geht um die zunehmende Kälte angesichts scheinbar unabänderlicher Notlagen, die mit einer kontinuierlichen Verschiebung von öffentlichem Vermögen in privates Vermögen zu tun haben, an deren Ende eine akute Verschuldung der öffentlichen Hand steht. Eklatantestes Beispiel hierfür ist die rapid zunehmende Armutsproblematik in einem der reichsten Länder der Erde, die von einer ebenso rapid zunehmenden gesellschaftlichen und politischen Gleichgültigkeit begleitet wird. Die Arbeit von Karin Kersting analysiert die hierbei entstehenden Reaktionsmuster am Fallbeispiel Pflege mit großer Genauigkeit und kommt dabei zu wesentlichen, über den gegenwärtigen Forschungsstand hinausgehenden Ergebnissen. Diese sind ihrerseits von hoher gesellschaftlicher Relevanz, weil sie – auf empirischer Basis – eine gesellschaftsethische Grundfrage ansprechen, die letztlich auf die Menschenrechtsfrage hinausläuft. – Insofern geht die Relevanz dieser Untersuchung auch weit über Fragen der Tagesaktualität bzw. der spezifisch pflegewissenschaftlichen Bezüge hinaus.

Fazit

Das Buch ist in manchen Passagen zwar keine ganz einfache Lektüre. Aber die Mühe lohnt sich und die Untersuchung von Karin Kersting ist für alle von großem Wert, die – im Bereich der Pflege aber auch weit darüber hinaus – den Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit in vielen gesellschaftlichen Gestaltungsräumen sowie das zunehmende Phänomen der „Kälte“ als Belastung wahrnehmen. - Unbedingt empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 28.09.2011 zu: Karin Kersting: "Coolout" in der Pflege. Eine Studie zur moralischen Desensibilisierung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. 2. Auflage. ISBN 978-3-940529-99-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11032.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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