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Peter Wißmann, Christian Zimmermann: Auf dem Weg mit Alzheimer

Cover Peter Wißmann, Christian Zimmermann: Auf dem Weg mit Alzheimer. Wie sich mit einer Demenz leben lässt. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. 160 Seiten. ISBN 978-3-940529-90-9. 19,90 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Thema und Autoren

Der Titel „Auf dem Weg mit Alzheimer. Wie sich mit einer Demenz leben lässt“ weist schon auf die Besonderheit dieser Broschüre hin – ein von der Alzheimer Krankheit selbst Betroffener berichtet mit der Expertise eines beruflichen Fachmanns in Form des „unterstützten Schreibens“ wie er mit der Krankheit lebt. Sein Ziel ist es, Angehörigen, Pflegenden, nahen Bekannten und Betroffenen aufzuzeigen, wie er mit der Krankheit umgeht, um ihnen zu vermitteln, dass es sich lohnt, die Diagnose anzunehmen. Es ist ein Ratgeber, der Anregungen und Denkanstöße geben möchte, wie man mit der allgemein gefürchteten Krankheit dennoch gut leben kann.

Herausgeber dieses Bandes sind Christian Zimmermann, Werkzeugmacher und mittelständischer Unternehmer in München als Betroffener und Peter Wissmann, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Demenz Support gGmbH Stuttgart, Mitherausgeber der Zeitschrift „demenz. DAS MAGAZIN“.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einer Einführung, die die Frage beantworten soll, wer dieses Buch interessant finden könnte und wie dieses entstand, in fünf inhaltliche Teile mit 23 Einzelkapitel unterschiedlicher Länge untergliedert.

Die „Einführung“ ist von beiden Herausgebern des Bandes verfasst und verdeutlicht, woraus diese Idee, das „Betroffenen – Buch“ zu schreiben, resultierte.

Der erste Teil mit sechs einzelnen Kapiteln „Der Diagnose ins Gesicht sehen“ beginnt mit Kapitel eins „Da ist doch was! Wenn man plötzlich Veränderungen bei sich feststellt“. U. Zimmermann beschreibt, wodurch er die Krankheit bemerkt, Situationen, die ihm Angst gemacht haben, die er aber, um nicht in der Familie aufzufallen, zunächst ignoriert und verbirgt.

Das zweite Kapitel ist mit dem Titel überschrieben „Und jetzt erzähl ich meine Geschichte. Der Arztbesuch“. Der Autor erzählt, was seinen Erwartungen nach ein richtiger Arzt für Voraussetzungen erfüllen müsste, um dem Betroffenen das Gefühl vermitteln zu können, dass er richtig gewählt hat. Nachdem er die Diagnose „Demenz vom Alzheimer Typ“ erhielt, verspürte er neben dem harten Schock eine gewisse Erleichterung, denn nun konnten die erlebten Veränderungen besser eingeordnet werden.

Mit dem Titel „Was nun? Die schwierige Zeit nach der Diagnose“ ist das dritte Kapitel dieses Schwerpunktes überschrieben. Mit dem Gedanken Alzheimer zu haben, wird das zukünftige Leben immer verbunden sein, ein Vergessen dieser Diagnose ist kaum möglich. Mit der Diagnose wird die Krankheit das künftige Leben bestimmen und immer mit gedacht werden müssen. Wichtig sei es jetzt, sich einer Person (Familienangehörige, Freund etc.) anzuvertrauen, die unterstützt und beratend zur Seite steht.

Im vierten Kapitel „Leben mit dem großen Unbekannten“ wird auf die Begrifflichkeit „Demenz Alzheimer Typ“ in sehr einfacher und verständlicher Weise eingegangen. Da das Gehirn bei allen Menschen altere, nur in spezifischer Weise, würden alle auf dem Weg zu dieser Krankheit sein (S. 34).

Zu Beginn des folgenden Kapitels steht die Frage „Wovor haben Sie Angst?“. Hier wird thematisiert, dass die Angst vom Verhalten anderer Menschen abhänge, Alzheimer Patienten würden die eigene Persönlichkeit und die kognitiven Fähigkeiten einbüßen, obgleich sich doch alle Menschen verändern und mit dem Alter bestimmte Fähigkeiten beeinträchtigt würden.

Kapitel sechs „Annehmen oder Verzweifeln?“ setzt sich mit der Balance auseinander, der Krankheit einen unüberwindlichen Schrecken zuzuschreiben oder sie anzunehmen und sie als einen Begleiter im weiteren Leben zu begreifen.

Der zweite Teil des Ratgebers ist mit dem Titel „Fragen“ überschrieben und beginnt mit dem siebenten Kapitel „Was erwartest du von mir?“. Wesentliche Aspekte wie die Rollenübernahme durch andere oder die Entmachtung, Dinge, die noch selbst getan werden können, entzogen zu bekommen, werden angesprochen.

Im folgenden Kapitel „Schweigen oder Reden?“ wird dafür plädiert, offen über diese Krankheit zu reden, um Verständnis für eventuell nicht erwartbares Verhalten zu entwickeln (S. 61). Verschwiegenheit führe unweigerlich zum Versteckspiel und könne ohnehin nicht auf Dauer realisierbar sein.

Weiterdenken“ heißt der dritte Teil und wird mit Kapitel neun „Gott Verstand“ eingeleitet. Treffend wird argumentiert, warum man kein vollwertiger Mensch mehr sein sollte, wenn man an Alzheimerdemenz erkrankt ist. Es wird gefragt, warum diese Diagnose gegenüber anderen Krankheiten wie Blindheit, Rheuma etc. an die Infragestellung des gesamten Lebenssinns gekoppelt sein soll.

Meeresrauschen und heulender Wind“ ist das Thema des sich anschließenden Kapitels. Herausgearbeitet wird die Vielfalt des Gedächtnisses, das nicht nur aus gedanklicher Erinnerung bestünde, sondern auch aus dem Leibgedächtnis, das uns an Gerüche, an das Rauschen der Wellen erinnere. Übungen zum Training des Gedächtnisses könnten nicht auf andere geistige Aufgaben adaptiert werden, deshalb seien diese nur sinnvoll, wenn noch keine Demenzerkrankung bestehe.

Das 11. Kapitel „Hoffnung is a Schmarr?n“ versucht zu erklären, warum es wenig sinnvoll ist, auf Medikamente zu hoffen. Es käme eher darauf an, auf die eigenen Kräfte zu hoffen (S. 79).

Ein weiterer und damit der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit dem Themenkomplex „Das Leben weiterleben“. Das erste Unterkapitel, Kapitel 12, ist mit dem Titel „Obladi Oblada“ überschrieben. Der Blick sollte nicht auf Defizite gelenkt werden, auf Fähigkeiten, die nicht mehr wie früher problemlos durchführbar sind. Vielmehr gehe es darum, auf Stärken zu achten.

Kapitel 13 soll Mut geben „Neues zu entdecken“. So hat der Autor für sich die Malerei und das Theaterspielen entdeckt und freut sich, dass er im Auto, nicht mehr selbst fahrend, die Umwelt beobachten kann.

In einem weiteren Kapitel werden die sozialen Beziehungen „In Kontakt bleiben“ thematisiert. Wichtig sei es, neugierig zu sein und sich nicht zurück zu ziehen.

Mit „Ungebetene Gäste“ ist das 15. Kapitel betitelt. Die Botschaft hier heißt, Angst beispielsweise bezüglich einer schweren Krankheit sei erlernt und könne auch wieder verlernt werden. Statt kopflosem Handeln sollte die Wahrnehmung gezielt auf die Gegenwart gelenkt werden, um psychisch stabiler zu werden.

Im folgenden letzten Kapitel dieses dritten Abschnitts setzt sich mit dem Thema „Nicht immer einfach“ auseinander. Vorgeschlagen wird vom Autor, den Humor nicht zu verlieren. so hätte er versucht, seine Alzheimer Krankheit im Internet anzubieten, aber keiner hätte sie haben wollen.

Der vorletzte Abschnitt „Die Dinge in die Hand nehmen“ beginnt mit Kapitel 17 „Ich hab? was zu sagen“. Keiner der Professionellen würde wirklich über die Erfahrungen mit der Krankheit verfügen. Deshalb sei es wichtig, dass Betroffene selbst zu Wort kämen, was es heißt mit den Symptomen von Demenz leben zu müssen (S. 113).

Die Notwendigkeit von Selbsthilfegruppen wird im darauf folgenden 18. Kapitel „Auf eigene Kräfte bauen“ erörtert.

Im Kapitel 19 „Mir kann schon nichts passieren!“ werden technische Hilfsmittel vorgestellt, die helfen können, Defizite auszugleichen. Herdsicherungen, Erinnerungen an bestimmte Termine durch das Telefon u.a. sind Erleichterungen, die den Alltag sicherer gestalten können.

Das letzte Kapitel imitiert einen Abgesang in Form eines Interviews zwischen den beiden Herausgebern des Buches und endet mit dem Titel „Wir kommen wieder“.

Ab Seite 135 beginnt der letzte Abschnitt „Wie Sie weitermachen können“ mit drei weiteren Unterkapiteln. Es wird ermuntert, Kontakt aufzunehmen, um die eigenen Erfahrungen thematisieren zu können und es werden Adressen von Beratungsstellen angegeben sowie Bücher und DVDs empfohlen.

Fazit

Das Versprechen, ein Ratgeber für Betroffene zu sein, die mit der Alzheimer Krankheit leben müssen, löst das Büchlein wirklich ein. Es ist tatsächlich etwas Besonderes, wenn aus eigener Erfahrung über diese allgemein hin gefürchtete Krankheit berichtet wird, weil die Authentizität der Aussagen kaum hinterfragt werden muss. Zudem ist es in einer so einfachen und verständlichen Sprache geschrieben, dass die Aussagen auch von bereits kognitiv Beeinträchtigten sehr gut verstehbar sind. Das ist wohl der eigentliche Gewinn dieses Buches. Es ist nicht von Professionellen geschrieben, die meinen zu wissen, wie sich diese Krankheit anfühlt, sondern von tatsächlich Betroffenen, die über diesen einzigen und spezifischen „Erfahrungsschatz“ verfügen. Die Ausführungen erheben keinen wissenschaftlichen Anspruch, das ist nicht das Anliegen der beiden Autoren gewesen. Sie verhelfen aber dazu, sich sehr gut die Einschränkungen und Defizite vorstellen zu können, die diese Krankheit für alle Beteiligten mit sich bringt.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 30.12.2011 zu: Peter Wißmann, Christian Zimmermann: Auf dem Weg mit Alzheimer. Wie sich mit einer Demenz leben lässt. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-940529-90-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11035.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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