socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gudrun Piechotta-Henze, Elke Josties u.a. (Hrsg.): Ein Zaun kennt viele Farben

Cover Gudrun Piechotta-Henze, Elke Josties, Ramona Jakob, Michael Ganß (Hrsg.): Ein Zaun kennt viele Farben. Plädoyer für eine kreative Kultur der Begegnung mit Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. 180 Seiten. ISBN 978-3-940529-95-4. 24,90 EUR, CH: 41,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Entstehungshintergrund

Die Beiträge sind Ergebnis des studentischen Projektes „Sich selbst (er)leben. Aktiv und kreativ in der Begegnung mit Menschen mit Demenz“ im Bachelor-Studiengang Gesundheits- und Pflegemanagement an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH), das von 2008 – 2010 in drei Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz und für dementiell erkrankte Menschen, die in ihrer eigenen Wohnungen leben, durchgeführt wurde. Die Studierenden, die als Projektteilnehmerinnen an dem Buch mitgearbeitet haben, sind ausgebildete Altenpflegerinnen, Gesundheits- und Krankenpflegerinnen. Ihre Erfahrungen in der Begegnung hochaltriger, veränderter Menschen waren berufsbedingt sehr unterschiedlich.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die Herausgeberinnen sind Grundrun Piechotta-Henze, Professorin für Pflegewissenschaften an der AHS, Elke Josties, Professorin für Soziale Kulturarbeit an der ASH, Ramona Jakob, Diplom-Pädoging und Sozialpädagogin, arbeitet freiberuflich als Dozentin für Schreibprozesse und Michael Gans, Diplom-Gerontologe und Diplom-Kunsttherapeut ist stellvertretender Vorsitzender der Werkstatt Demenz e.V. und Mitherausgeber der Zeitschrift „demenz. Das Magazin“.

Thema

Ausgangspunkt des Projektes waren Grundsatzfragen: gelten die sozialen Grundrechte der Selbstbestimmung, der körperlichen Unversehrtheit und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben auch für Menschen, die an einer Demenz erkranken und diese Rechte nicht mehr einfordern können? Können sie einen Alltag erleben, in dem sie nicht vorrangig als „Objekte“ der Fürsorge, der Therapie und Pädogogik wahrgenommen und behandelt werden? Sind jenseits von Therapie und Pflege zwischen interessierten (gesunden) Menschen und Menschen mit dementiellen Veränderungen Formen der Begegnung möglich, die ein kreatives Miteinander fördern, es erlebbar und erlernbar machen? Sind Aktivitäten der Alltagskultur wie das Erzählen von Lebensgeschichten, sind Poesie, Musik und Kunst geeignet, damit Menschen mit Demenz trotz ihrer Einschränkungen soziale Anerkennung und Teilhabe (er) leben können?

Das Buch schildert Begegnungsformen, die getragen sind von der Bereitschaft sich auf die Andersartigkeit von Menschen mit Demenz einzulassen, von ihnen als den „Experten“ zu lernen, sie auf ihren Weg zu begleiten, von und mit ihnen zusammen zu lernen wie eine Begegnung auf Augenhöhe sich entwickeln kann.

Aufbau

Das kleine Buch ist in vier Abschnitte gegliedert, die vier Formen einer Kultur der Begegnung beschreiben

1. Kultur der Begegnung: Lebensgeschichten

Von 13 erzählten und aufgeschriebenen Lebensgeschichten werden drei Lebensgeschichten vorgestellt. Ungewöhnlich dabei ist, dass zugleich der Entstehungsprozeß selbst von den Studentinnen, die die Rolle von Schreibpatinnen übernehmen, geschildert wird. In mehreren Gesprächen wird von den Schreibpatinnen, die von ihren Gesprächspartnerinnen erzählte Lebensgeschichte zunächst auf Band aufgezeichnet, dann für die Erzählenden verschriftlicht, gestaltet und zum Schluß den Erzählern und ihren Angehörigen vorgelesen. Jede dargestellte Lebensgeschichte endet damit, dass die Schreibpatin diese Situation des Vorlesens der jeweiligen Lebensgeschichte reflektiert. Damit lassen sie den Leser nicht nur an ihren Erfahrungen in der Begegnung teilnehmen, sondern vermitteln auch Anregungen für Biografiegespräche mit Menschen mit Demenz.

Der letzte Teil des Abschnittes beeinhaltet konsquenterweise entsprechende Hinweise und Anregungen für eine biografiegestützte Begegnungspraxis.

2. Kultur der Begegnung: Poesie

In der Einführung der Berichte wird prägnant dargelegt, welche Wirkungen Poesie bzw. das Vortragen von Gedichten oder Vorlesen von Geschichten in der Kommunikation von und mit Personen mit dementiellen Veränderungen haben kann.

Dann werden drei Tagebücher von Projektteilnehmerinnen vorgestellt, in denen anschaulich die Durchführung, das Erleben und die Wirkungen von Lesungen geschildert wird. Anregend und ermutigend ist auch die berichtete Erfahrung, dass durch das Vorlesen von Gedichten, auch wenn sie den Zuhörern unbekannt sind, in vielerlei Hinsicht ganz besondere Momente der Begegnung, Momente des Glücks und der Nähe für alle Beteiligten erlebbar werden. Poesie und Lyrik mit ihrer Bildersprache kann nicht nur Erinnerungen wecken, sie kann die Herzen erreichen und so auch das Erleben eines guten Miteinanders von Alt und Jung, von gesunden und hinfälligen Menschen möglich machen.

Das Ende des Abschnittes umfasst praktische Hinweise und Tipps für die Gestaltung von Lesungen sowie eine auswertende Reflexion in Bezug auf die Übertragbarkeit in der alltäglichen Pflege- und Betreuungspraxis.

3. Kultur der Begegnung:Kunst

Besonders spannend ist dieser Abschnitt. Denn künstlerische Aktivitäten mit Menschen mit Demenz zu gestalten erscheint gerade langjährigen Pflegekräften als schier unmöglich, noch dazu mit der Generation von alten Menschen, für die Kunst etwas für Könner ist und meist jenseits ihrer eigenen Lebenspraxis war. Künstlerische Werke wurden allenfalls betrachtet, erlebt an besonderen Orten, aber kaum einer der hochaltrigen Menschen kann auf eine aktive künstlicherisch-gestaltende Erfahrung zurück greifen. Intention der Projektteilnehmer war daher auch nicht, verborgene oder verschüttete künstlerische Talente zu re-aktivieren. Handlungsleitend war vielmehr die Idee, dass besonders die bildende Kunst eine nicht auf Sprache basierende Ausdrucks- und Interaktionsmöglichkeit bietet und somit Menschen, deren Sprache brüchig geworden ist, Mitteilung und Verständigung ermöglicht.

Besonders reflektiert ist in diesem Abschnitt geschildert wie die Projektteilnehmerinnen sich im Experimentieren mit den verschiedensten Materialen und Werkzeugen ihren eigenen Unsicherheiten und Zweifeln stellen, wie sie lernen sich einem anderen, modernen Kunstverständnis zu öffnen, das sie frei macht von dem beruflichen Anspruch etwas bewirken und ein Ergebnis erzielen zu müssen. Denn nicht im Erlernen handwerklicher, gestalterischer Techniken, sondern in der Reflexion ihrer Einstellungen, der Schärfung ihrer Wahrnehmungsfähigkeit, dem sich öffnen für das sich selbst Ausprobieren , für die eigenen Empfindungen beim kreativen Arbeiten, lernen sie sich auf ein unsicheres Terrain zu begehen und nähern sich so den hochaltrigen Menschen an, für die die übliche Normen, Vorstellungen und Werte meist nicht mehr tragend sind und die dadurch offener sind für ein künstlerisches Ausprobieren.

Mit anregenden praktischen Tipps zur Inititierung und Durchführung künstlerischer Aktivitäten endet auch dieser Abschnitt.

4. Kultur der Begegnung: Musik

Wie in den vorausgegangenen Abschnitten wird zuerst referiert, welche positive Wirkungen Musik nach bisherigen Erfahrungen und Erkenntnissen auf alte Menschen haben und wie sie zur Förderung der Lebensqualität beitragen kann.

In den anschließenden Erfahrungsberichten wird dann beschrieben, wie gemeinsames Singen und Musizieren gestaltet, für Jung und Alt erlebt wird und welche vielfältige Wirkungen eine reflektierte, an den indivuellen und regionaltypischen Besonderheiten orientierte Musikpraxis für alle Beteiligten haben kann. Musik weckt die „Lebensgeister“ und Erinnerungen, sie ermöglicht eine Lebendigkeit und ein gemeinschaftliches Zusammensein aller Beteiligter, wie kaum eine andere künstlerische Aktivität.

Zum Schluß werden dann wieder hilfreiche praktische Tips zum Singen und Musizieren mit hochaltrigen, dementiell veränderten alten Menschen gegeben.

Zielgruppe

Das Buch ist für alle die Menschen gedacht, die alte Menschen mit dementiellen Veränderungen begleiten, betreuen und pflegen, und ihnen als Partner begegnen wollen, gleichgültig ob sie als Fachkräfte oder als Laien tätig sind.

Fazit

Das leicht lesbare und anregende kleine Buch ist sehr empfehlenswert. Es ist vor allem den Menschen ans Herz zu legen, denen es ein Anliegen ist, hochaltrigen Menschen, wertschätzend und achtsam zu begegnen. Sie können in den Berichten entdecken lernen, wie im künstlerischen, kreativen Miteinander ein anderer Blick, eine andere Begegnung gegenüber veränderten alten Menschen möglich ist und wie durch lernende Offenheit die individuelle Eigenheiten hochaltriger Menschen erlebbar werden. Denn die Berichte zeigen sehr deutlich, dass Menschen mit dementiellen Veränderungen keineswegs ihre Persönlichkeit verlieren.

Die Projektberichte und -reflexionen sind ein gelungener Versuch, auf Basis einer personorientierten Sichtweise, die Vielfalt menschlicher Gefühlsäußerungen in der Begegnung mit geistig veränderten alten Menschen wahrnehmen und wertschätzen zu lernen, Indem Begegnungen als Lernprozesse gestaltet werden, wird es möglich alte Menschen als Subjekte zu sehen und nicht (oft unreflektiert) als Objekte einer krankheitsorientierten Sicht, die sie zu „Opfer einer unheilbaren Krankheit“ degradiert.


Rezensentin
Dipl. Soziologin Angela M. Laußer
Dipl. Soziologin, Beraterin, Trainerin und Coach
E-Mail Mailformular


Alle 13 Rezensionen von Angela M. Laußer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 09.01.2012 zu: Gudrun Piechotta-Henze, Elke Josties, Ramona Jakob, Michael Ganß (Hrsg.): Ein Zaun kennt viele Farben. Plädoyer für eine kreative Kultur der Begegnung mit Menschen mit Demenz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-940529-95-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11036.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung