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Jens Flassbeck: Co-Abhängigkeit

Rezensiert von Arnold Schmieder, 15.03.2011

Cover Jens Flassbeck: Co-Abhängigkeit ISBN 978-3-608-89106-5

Jens Flassbeck: Co-Abhängigkeit. Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 270 Seiten. ISBN 978-3-608-89106-5. 26,95 EUR. CH: 39,90 sFr.
Reihe: Leben lernen - 238.

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Thema

Die Verstrickung nicht nur Angehöriger, sondern auch die Einbeziehung von Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen und nicht zuletzt Organisationen in das süchtige Verhalten von Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung wird in der ‚ansteckenden‘ Wirkung dargestellt. Alle Mitbetroffenen werden mehr oder minder co-abhängig überformt. Es soll deutlich werden, „dass Angehörige nicht bloß ein Anhängsel der Süchtigen sind“ (S. 266) und daher der besonderen – therapeutischen – Zuwendung bedürfen. Für deren Probleme den Blick zu schärfen, dafür macht sich Jens Flassbeck stark, der Diplom-Psychologe und Gesprächstherapeut ist und die Fachklinik Extertal, eine Rehabilitationsklinik für Drogenabhängige, bei Lemgo/Lippe leitet.

Der Verfasser betont und kreist um die Thesen, dass zum einen Co-Abhängigkeit „eine eigenständige psychosoziale Problematik“ ist, dabei zum anderen eine „institutionelle und gesellschaftliche Problematik, insofern das Leiden, die Probleme und der Hilfebedarf der Angehörigen durch unsere Gesellschaft und konkret durch die Suchthilfe bagatellisiert und missachtet werden.“ (S. 19 f)

Aufbau und Inhalt

Alle Kapitel sind sehr ausführlich und häufig finden sich Fallbeispiele eingestreut. Zunächst wird das Störungsbild im Rahmen eines Ordnungsschemas beschrieben und dargestellt, was an den frühen und wegweisenden Arbeiten von Anne Wilson Schaef und Pia Mellody orientiert ist, die der Autor weiterzuentwickeln beansprucht. Weiter wird eine so genannte Organisationsdiagnose gestellt, die auf Symptomlisten und diagnostischen Leitlinien fußt. Hier wie an anderen Stellen bemüht sich der Autor um Typisierungen. Ein eigenes Kapitel ist auch darum der Kritik der Suchtforschung gewidmet, weil sie sich bislang zu wenig um die Angehörigen gekümmert und deren Wohl und Wehe sträflich vernachlässigt habe.

Bevor dieser Zungenschlag der Kritik auf die Suchthilfe gewendet wird, die sich häufig in besonderer Weise als co-abhängig identifizieren lasse (wie ebenfalls Vereine, Betriebe, Unternehmen als ‚gesellschaftliche Systeme‘), werden Sozialisationsbedingungen und -faktoren dingfest gemacht, die innerhalb einer Suchtfamilie für Co-Abhängigkeit disponieren. Summa summarum sei die Behandlungssituation denkbar schlecht, weshalb sich der Verfasser anheischig macht, Alternativen zur Behandlung aufzuzeigen und Möglichkeiten zu eröffnen.

Nachdem er Mängel in den Behandlungsstrukturen „schonungslos“ ( S. 27) aufgedeckt hat, kommt Flassbeck zu seiner „Herzensangelegenheit“ (ebd.), nämlich auf den Co-Abhängigen fokussierte, gangbare Wege persönlichen Wachstums und der Heilung zu gehen, wobei er sie nachdrücklich ermuntert, aus ihrer Schweigeecke herauszutreten. Abschließend werden noch allgemeine Strategien anempfohlen, systemisch und institutionell verankerte co-abhängige Strukturen auszuhebeln. Zugleich werden für die Suchthilfe allgemein Handreichungen gegeben, wie diese Dilemmata konkret zu überwinden und sinnvolle Hilfestellungen auch institutionell zu geben sind.

Diskussion

Was das Thema der Co-Abhängigkeit betrifft, kommt die Suchtforschung insgesamt und auch die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) schlecht weg. Zwar habe sich deren damaliger Geschäftsführer Hüllinghorst schon vor über zehn Jahren mit Verve für erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber den Problemen Angehöriger ausgesprochen, doch nach Auszählung entsprechender Publikationen seitens des Verfassers sei das Ergebnis bis auf den heutigen Tag äußerst mager geblieben. Auch hier macht Jens Flassbeck einen „Fall von institutioneller Co-Abhängigkeit“ aus. (S. 105) Das mag aus seiner Sicht und angesichts der Bedeutsamkeit, die das Thema in der Tat hat, durchaus richtig sein. Allerdings muss man zu bedenken geben, dass in der Praxis aller Selbsthilfegruppen, gleichviel unter welchem Dach sie organisiert sein mögen, seit Jahrzehnten und zunehmend mehr den Belangen der Angehörigen Aufmerksamkeit gewidmet wird, und zwar deutlich über das Etikett eines Anhängsels des noch ‚nassen‘ oder schon ‚trockenen‘ Suchtkranken hinaus – jedenfalls im Bereich des Alkoholismus. Ein Blick in die Periodika von Helfergemeinschaften belehrt ebenfalls, dass man sich schon länger in der ‚Theorie‘ für eine verbesserungswürdige Praxis Gedanken gemacht und sie auch umgesetzt hat.

Ohne der Suchtforschung unkritisch das Wort reden und ihre blinden Flecken exkulpieren zu wollen, solche Affronts – wie hier im Hinblick auf mangelnde Aufmerksamkeit gegenüber der Co-Abhängigkeit – hat sie nicht verdient. Hätte Flassbeck die konstruktive, den Blick für das Problem schärfende Kritik an Mellody und vor allem Schaef zur Kenntnis genommen, auf die er sich beruft, hätte er u.a. erfahren, dass gerade am Schicksal der Angehörigen von suchtkranken Menschen diese Krankheit als eben ‚systemische‘ und darüber hinaus als eine solche zu qualifizieren ist, in der als gleichsam Spitze des Eisbergs normal alltägliche, destruktive Verhaltensweisen zum Ausdruck kommen, dann eben auch bis zu Borderline-Symptomen oder bis in den Bereich manifester psychopathologischer Störungen bei Angehörigen oder nahestehenden Personen. Eine gezielte Beschäftigung mit dem Literaturverzeichnis, das im Hinblick auf eine derart anspruchsvolle Kritik eher schmal ausfällt, lässt vermuten, dass sich der Verfasser diesbezüglich nicht weiter umgetan hat.

Suchtkliniken, wie man sie nennt, auch solche, die einen psychoanalytischen Therapieansatz vertreten, haben das Problem erkannt und binden Angehörige ein, soweit es finanzierbar ist. Generell mag da der Hase im Pfeffer liegen, wo auf Grund eines immer noch in das Kalkül einfließenden Hintergrundrauschens, dass es vornehmlich um die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit des Betroffenen geht, aus Kostengründen die Angehörigen im zweiten Glied gehalten werden; eine Erwägung, die der Autor nicht diskutiert, sondern mit scheint‘s nur moralischer Empörung überdeckt.

Vollends irritiert die inhaltliche Koinzidenz von „Vorweg“ genanntem Vorwort und dem Resümee, die bis in einzelne Formulierungen reicht. „Dieses Buch bietet Ihnen Informationen und eine Perspektive von Sucht, die Sie nur schwer woanders finden werden“ (S. 11), wird gleich eingangs vollmundig versprochen. Etwas mehr Bescheidenheit hätte dem sicherlich sehr engagierten Verfasser besser angestanden, zumal man vergeblich nach wirklich innovativen Gedanken sucht, die neue Wege weisen könnten. Empfohlen wird in der Logik dieser Selbsteinschätzung die Lektüre des Buches eigentlich jedermann, weshalb es an dieser Stelle müßig ist, alle vom Autor im Vor- wie Nachwort genannten Berufs- und Personengruppen aufzulisten. Sehr ernst zu nehmen, allerdings so überraschend neu auch nicht, ist der Rat zum Schluss: „organisieren Sie sich in der Selbsthilfegruppe.“ (S. 267)

Fazit

Wer gerne Fallbeispiele liest und das „Stöbern“ nach „Lust und Laune“ mag, so eine Leseempfehlung des Verfassers (S. 28), der mag an dem Buch Gefallen finden. Die Argumentation erscheint oft ein wenig langatmig, zumindest gemessen an den Botschaften der einzelnen Kapitel. Als Ratgeber fällt das seitenstarke Buch zu umfangreich aus, als wissenschaftlicher Beitrag fehlt ihm jenes Maß an Information und Fundierung, die derjenige erhoffen darf, der sich mit der Suchtthematik und der ohne Zweifel außerordentlich belangvollen Problematik von Co-Abhängigkeit vertiefend beschäftigen möchte.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Es gibt 131 Rezensionen von Arnold Schmieder.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Am 29.April 2011 wurden eine Replik des Autors auf die Rezension sowie eine Stellungnahme des Rezensenten auf diese Replik veröffentlicht.

Replik des Autoren auf die Rezension

Die Rezension von Herrn Schmieder vom 15.03.2011 zu meinem Fachbuch „Co-Abhängigkeit“ wird den Ausführungen des Buches in keiner Weise gerecht. In der Rezension werden wesentliche Inhalte des Buches nicht erwähnt. Statt dessen werden Details des Buches tendenziös und verfälscht dargestellt. Ich möchte anhand einiger weniger markanter Beispiele die reichhaltigen Inhalte des Buches mit den Lücken und Mängeln der Rezension ins Verhältnis setzen.

1. Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf der Klärung des vielschichtigen Phänomens der Co-Abhängigkeit. Analog der heute üblichen Unterscheidung riskanten, problematischen und abhängigen Suchtkonsums bzw. Suchtverhaltens postuliere ich drei Formen co-abhängigen Verhaltens: 1. ein co-abhängiges Risiko von typischen Verhaltens- und Erlebensweisen auf die Konfrontation mit Sucht, 2. die problematische co-abhängige Verstrickung sowie 3. das Co-Abhängigkeitssyndrom als verhaltensbezogene Suchtstörung. Darüber hinaus unterscheide ich verschiedene Ebenen, auf denen das Phänomen der Co-Abhängigkeit sich darstellt: bei Personen, im therapeutischen Kontext und in gesellschaftlichen Systemen. Diese Ordnung integriert verschiedene scheinbar konkurrierende Ansätze und Konzepte, Co-Abhängigkeit zu beschreiben und zu verstehen, übersichtlich und verständlich in einem neuen Modell.
Herr Schmieder erwähnt in der Rezension eine „Typisierung“, um die der Autor „bemüht“ sei, ohne darauf näher einzugehen.

2. Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt des Buches liegt auf dem Krankheits- und Diagnosekonzept, das ich auf der Grundlage unzähliger Behandlungsfälle und im Abgleich mit Symptom- und Beschwerdelisten anderer Autoren (Schaef, Mellody, Rennert, Woititz, Lambrou) entwickelt habe. Ergebnis der Bemühungen ist ein neues Diagnosekonzept mit eindeutigen Leitlinien entsprechend den modernen Standards der Diagnostik psychischer Störungen (in Anlehnung an ICD-10 und DSM-IV-R). Die Standardwerke zur Co-Abhängigkeit stammen überwiegend aus den 80ern des letzten Jahrhunderts (Schaef, Mellody, Rennert). Entsprechend unzeitgemäß erscheinen mittlerweile die diagnostischen Ansätze und Methoden. Hier nachzubessern, ist ein wesentliches Anliegen des Buches. In der Rezension findet das Diagnosekonzept keinerlei Beachtung.

3. Das siebte Kapitel nimmt ein Viertel des Buches ein und stellt einen umfassenden personzentrierten Psychotherapieansatz der Co-Abhängigkeit mit Leitthemen, Interventionen, Methoden und Strategien des psychotherapeutischen Vorgehens vor. Ausführlich wird die psychotherapeutische Beeinflussung der co-abhängigen Selbststörung zum einen und der Beziehungsstörung zum anderen dargestellt. Ergänzt wird dies durch Abschnitte über psychoedukative Methoden wie auch psychotherapeutische Bewältigungsstrategien des Traumas, in einer Suchtfamilie aufgewachsen zu sein.
In der Rezension wurde das Kapitel 7 verkürzt auf die „niedliche“ Formulierung: „gangbare Wege persönlichen Wachstums und der Heilung ..., wobei er sie nachdrücklich ermuntert, aus ihrer Schweigeecke herauszutreten.“

4. Breiten Raum in der Rezension nimmt dahingegen die Infragestellung meiner Kritik an den bestehenden Verhältnissen in der Suchthilfe und -forschung ein. Nach meiner Meinung werden Angehörige und Kinder von Suchtkranken vernachlässigt und unzureichend versorgt. Herr Schmieder spricht von „solchen Affronts“ und ist der Meinung, dass die Suchthilfe sich längst schon verbessert habe. Außerdem beklagt er sich über meine „moralische Empörung“, mit der ich inhaltliche Mängel „überdecke“.
Als Argument für die Aufmerksamkeit, die den Angehörigen seit Jahrzehnten zuteil wird, verweist der Rezensent auf die Selbsthilfebewegung. Die Selbsthilfe wird in dem Buch sehr wohl würdigend herausgestellt (Flassbeck, 2011, S. 166-167), doch bin ich überzeugt, dass die co-abhängige Problematik angesichts ihrer Größenordnung und Bedeutsamkeit unbedingt auch angemessene fachliche Aufmerksamkeit und ein differenziertes professionelles Hilfeangebot benötigt. Der Beratungs- und Behandlungssituation ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Neben kritischen Anregungen werden hier ausgiebig vorhandene Hilfeangebote dargestellt und erörtert. Auch dies wird in der Rezension nicht einmal erwähnt.
Meine Belege für die These einer unzureichenden Versorgung Angehöriger und Kinder Suchtkranker (z.B. die in den letzten Jahren auf 6% gesunkene Behandlungsquote ambulanter Einrichtungen, der nachweisliche Mangel an Angeboten für Kinder aus Suchtfamilien etc.) werden durch Herrn Schmieder nicht zur Kenntnis genommen. Meine Kritik ist zudem im Einklang mit der Position einer Reihe von anerkannten Fachleuten (z.B. Klein, 2005, S. 5; Kolitzus, 2000, S. 13-14; Hüllinghorst, 2000, S. 40-42). Auch Herr Mielke, Vorsitzender von NACOA Deutschland, hat mir kürzlich in einer persönlichen Mitteilung seine uneingeschränkte Zustimmung zu meiner Kritik ausgedrückt. Um das klar zu stellen, weil auch dies verfälscht kolportiert wird: Die Suchthilfe und -forschung und die Suchtverbände arbeiten nach meiner Meinung auf einem sehr hohem Niveau, bei den Angehörigen dagegen versagen wir auf ganzer Linie.

5. Herr Schmieder bemängelt des Weiteren an dem Buch, dass es sich nicht als Ratgeber eigne und wissenschaftlich wenig informativ sei. Diese Aussage ist trivial und trifft nicht zu. Ich beanspruche weder einen Ratgeber noch ein vorrangig wissenschaftliches Buch geschrieben zu haben. Mein Fachbuch ist anwendungsorientiert aus meiner Berufspraxis als (auch wissenschaftlich qualifizierter) Psychologe und Psychotherapeut entstanden. Es richtet sich in erster Linie an Praktiker sowie auch an interessierte Laien und Betroffene. Es ist im regen Austausch mit anderen Fachleuten und Betroffenen entstanden und gezielt in der Reihe Leben-Lernen von Klett-Cotta herausgekommen, die für praxisorientierte Fachbücher vorgesehen ist.

6. Zu guter Letzt möchte ich auf den scheinbaren Makel eines „schmalen“ Literaturverzeichnisses eingehen. Im Gegensatz zur Suchtthematik gibt es zur Angehörigenthematik kaum neue Veröffentlichungen. Wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften zur Angehörigenthematik sind ausgesprochen rar und Artikel zur Co-Abhängigkeit gibt es keine, wie ich aufgezeigt habe (Flassbeck, 2011, S. 103-105). Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der co-abhängigen Thematik existiert aktuell nicht, abgesehen der Forschung im Kinderbereich (z.B. Klein, 2005). Literatur, die mir allzu sehr „suchtzentriert“ erschien und in der die Angehörigen als Anhängsel der Suchtkranken behandelt werden (z.B. das Konzept der „enabler“ von Wegscheider, 1981; des „Komplizen“ von Schmieder, 1992), habe ich mit Absicht nicht berücksichtigt, wie ich nachvollziehbar begründet habe (Flassbeck, 2011, S. 18-20). Übrigens sei mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass auch andere Bücher zum Thema (z.B. Schmieder, 1992) aus demselben Grund gleichfalls schmale Literaturverzeichnisse aufweisen. Fazit: In den letzten Jahren sind nur wenige Bücher zur Thematik der Angehörigen in Deutschland erschienen. Mit dem angehörigenzentrierten Ratgeber von Kolitzus (2004) sowie den informativen Büchern zur Kinderthematik von Klein (2005) und Zobel (2008) sind die in meinen Augen wichtigsten Ausnahmen erschöpfend aufgelistet. Mit gesundem Selbstbewusstsein möchte ich behaupten, dass mein Buch derzeit das einzig moderne Fachbuch über Co-Abhängigkeit ist. Mit der vom Rezensenten angemahnten „Bescheidenheit“ möchte ich jedoch hinzufügen, dass wir alle in Bezug auf die Angehörigenproblematik immer noch Anfänger sind. Es benötigt viel mehr an fachlicher, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung, um hier nachzubessern. Nicht dass ich falsch verstanden werde: Inhaltliche Kritik kann man sicherlich an meinem Buch anbringen und darüber in einen lehrreichen, inhaltlichen Disput treten. Die von Herrn Schmieder gewählte Ignoranz und Fehlinformation halte ich allerdings für unsachlich und unfair. Die Rezension wird genutzt, um persönliche Positionen des Rezensenten auf Kosten meines Buches zum Besten zu geben. Das wird dem Anliegen des Buches, der Ernsthaftigkeit und Größenordnung der Problematik, dem vielfachen Leid der Betroffenen sowie dem Bedarf nach wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn, gesundheitspolitischer Zuwendung, fachlich therapeutischer und präventiver Hilfe und gesellschaftlicher Aufklärung nicht gerecht.

Stellungnahme des Rezensenten auf die Replik des Autoren

Zur Replik auf die Rezension Stellung zu nehmen, komme ich nach – weil darum gebeten –, wenngleich für mich kein inhaltlicher Grund erkennbar wird, Tenor und Kritik der Rezension zu überdenken. Es sei mir nachgesehen, dass ich es mir erspare, auf die Invektiven des Verfassers einzugehen, der gern weiterhin mit „gesundem Selbstbewusstsein“, das er sich testiert, durchaus behaupten soll, dass sein „Buch derzeit das einzig moderne Fachbuch über Co-Abhängigkeit“ ist. Allerdings beschleicht mich der Eindruck, dass er die Replik dazu nutzt, sein Buch nochmals vorzustellen, seine – bezweifelten – „reichhaltigen Inhalte“ zu betonen, seine – ebenso fragliche – Leistung als Diagnostiker und seine prominente Stellung in den Reihen der Fachwissenschaftler ins rechte Licht zu rücken. Dass der Verfasser nicht mit Gleichmut auf die nach seiner Meinung ungerechtfertigte Kritik reagiert und sie zum Anlass nimmt, nach jenem vielleicht auch für ihn möglichen Körnchen Wahrheit zu suchen, dass er ganz offensichtlich gekränkt ist, weil irgendwer seinen Beitrag nicht so wissenschaftlich innovativ, erhellend und großartig findet, ist nur allzu menschlich und daher verständlich. Aber man muss sich halt an dem messen lassen, was zu leisten und zu sein man vorgibt.

Einem „lehrreichen, inhaltlichen Disput“, wie ihn Herr Dr. Flassbeck anmahnt, würde ich mich keinesfalls verschließen wollen, sähe ich nicht, dass wir unvereinbare Vorstellungen von dem haben, was Wissenschaft zu leisten hat. „Co-Abhängigkeit zu beschreiben und zu verstehen“, scheint mir da zu wenig, wo der Autor auf der Ebene des Beschreibens verbleibt und sein Begriff des Verstehens nicht das einschließt, was als Erklärung gelten dürfte. Man kann sich schnell auf ein Lamento darüber verständigen, dass institutionalisierte Zuwendung gegenüber Co-Abhängigen unterbelichtet ist; eine Analyse, warum das so ist, müsste über den suchtforscherischen Tellerrand hinaus schauen. Verlangt doch gerade der „Bedarf nach wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn“, den der Verfasser zu Recht sieht, sich für praxisrelevante theoretische Erörterung aus der Sucht- und Abhängigkeitsfokussierung zu lösen, um – angereichert durch eben Erklärung – zu diesem ‚Epiphänomen‘ zurückkehren zu können, an dem (ggf. als ‚Spitze des Eisberges‘) die Verwerfungen aus alltäglicher Normalität erkennbar werden. Das ist auch da notwendig und darum sinnvoll, wo eine „psychotherapeutische Beeinflussung“, die als vom Autor reklamierte „angemessene fachliche Aufmerksamkeit“ und als „differenziertes professionelles Hilfeangebot“ vorgestellt wird, sich nicht dem klammheimlichen Verdacht der Professionalisierung für den Zweck der Eröffnung weiterer – interessierter – Pfründe aussetzen will (was in der Rezension nicht getan wurde, aber hier wie anderswo zu bedenken bleibt). Wie hätte Karl Kraus an dieser Stelle geunkt?: „Die häufigste Krankheit ist die Diagnose.“ Ein Aphoristiker darf sich so äußern. Ein Sozialhistoriker dürfte selbst auf die Gefahr hin, des unstatthaften Vergleichs geziehen zu werden, an die ‚medizinische Polizey‘ der Spätaufklärung und an jene jüngere deutsche Vergangenheit erinnern, als Diagnosen zynisch und mit tödlichen Folgen missbraucht wurden. Vergessen aber sei vor allem nicht, dass jede Nabelschau den Blickwinkel so verengt, dass tatsächliche Problemursachen außen vor bleiben und Interventionsangebote zum vielleicht zeitlich befristet scheint’s hilfreichen, aber bloß Werkeln am Symptom verbleiben. Das ist gerade im Bereich von Borderline-Störungen bis zu manifesten Psychopathologien von fatalen Folgen – und nicht nur in der Psychiatrie schon länger bekannt. Ein behutsamer Umgang mit der Definition krankheitswertiger Phänomene ist geboten; nicht jede als krankhaft etikettierte Persönlichkeitsvariante bedarf professionalisierter Korrektur. Ein Fingerzeig kann da der Hinweis auf die Arbeiten von Klaus Dörner bis zur jüngst erschienen Veröffentlichung von Manfred Lütz sein.

Auch eine „Klärung des vielschichtigen Phänomens der Co-Abhängigkeit“, wie sie der Autor für sich beansprucht und die wegen ihres lediglich beschreibend anmutenden Charakters in verhaltener Kritik (auch am Diagnosekonzept) als „Typisierung“ gekennzeichnet wurde, bedarf, nimmt man den Anspruch des Verfassers ernst, einer solchen (auch: Selbst-)Reflexion, damit auch ein „neues“ (und damit nicht zwingend besseres) „Diagnosekonzept mit eindeutigen Leitlinien entsprechend den modernen Standards der Diagnostik psychischer Störungen“ (eine nach seiner Selbsteinschätzung genuine Leistung des Autors) jenseits aller Engführung durch Einbezug anscheinend gegenstandsfremder Aspekte unterfüttert und angereichert wird. – Doch scheint hier ein Problem aller Diagnostik und entsprechender Diagnosekonzepte auf. Sollte dem Autor entgangen sein, dass diese Diskussion seit spätestens den siebziger Jahren inzwischen Regalmeter füllt?

Diese Stellungnahme zur Replik kommt nicht über die Kerngehalte der Argumentation in der Rezension des Buches hinaus. Eventuelle Leserinnen und Leser mögen verzeihen oder es der Begriffsstutzigkeit des Rezensenten zuschreiben. Sicherlich ist das Buch in einem renommierten Verlag erschienen, was der Verfasser in seiner Replik meint betonen zu müssen; nicht bezweifelt werden soll auch, dass er den „Austausch mit anderen Fachleuten“ seiner beruflichen Umwelt und Betroffenen, seiner Klientel, gesucht hat.

Dem Autor aber zum Trost: Auch weniger günstig ausfallende Rezensionen eines Buches können erfahrungsgemäß durchaus förderlich für die Vermarktung sein. Und weiter: Auch Kritiker können sich irren, die Geschichte nicht nur der Literaturkritik hält reichlich Beispiele parat. Es ist also durchaus möglich, dass nicht erst die Nachwelt die Selbsteinschätzung von Herrn Dr. Flassbeck bestätigt.

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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 15.03.2011 zu: Jens Flassbeck: Co-Abhängigkeit. Diagnose, Ursachen und Therapie für Angehörige von Suchtkranken. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-89106-5. Reihe: Leben lernen - 238. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11044.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


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