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H.-Hugo Kremer, Andrea Zoyke (Hrsg.): Individuelle Förderung in der beruflichen Bildung

Cover H.-Hugo Kremer, Andrea Zoyke (Hrsg.): Individuelle Förderung in der beruflichen Bildung. Grundlegung und Annäherung im Kontext von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2010. 218 Seiten. ISBN 978-3-940625-11-3. 22,00 EUR.

Reihe: InLab – Bd. 1.
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Autoren und Herausgeber

Herausgeber und Autoren sind Paderborner Berufsbildungsforscher des wirtschaftspädagogischen Departments der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. H.-Hugo Kremer vertritt mit seiner Professur für Wirtschaftspädagogik vor allem Mediendidaktik und Weiterbildung. Seine Themen sind u.a. internetbasierte Lehr-Lernformen oder die Implementierung didaktischer Innovationen. Nach der Berufung in Konstanz lehrt er seit 2004 in Paderborn (vgl. das Interview in Wirtschaft und Erziehung, H. 2/2007, S. 70 f.). Als Mitherausgeberin zeichnet Dipl.-Hdl. Andrea Zoyke, wissenschaftliche Mitarbeiterin und in der Forschung mit Projekten zum selbstständigen Lernen, mit Kompetenzermittlung und Förderplanung befasst. Auf den Hochschultagen Berufliche Bildung 2011 hat sie mit Prof. Beutner, der auch einer der Autoren des Sammelbandes ist, den Workshop „Konzepte und Erfahrungen zur Berufsorientierung im Übergang“ angeboten. Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftspädagogik und zusammen mit seinen Kollegen Kremer und Sloane verantwortlich für das Graduiertenkolleg „Individuelle Förderung Kompetenzentwicklung und –diagnostik in der beruflichen Bildung“ der Universität Paderborn. Bei den anderen Autoren handelt es sich um Mitarbeiter des Departments bzw. der Projekte zur individuellen Förderung.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich bei dem vorgelegten Buch um den ersten Band des Modellprojektes InLab, was für „Individuelle Förderung und selbstgesteuerte Kompetenzentwicklung für multikulturelle Lebens- und Arbeitswelten in der berufsschulischen Grundbildung“ steht. Das Projekt wird durch den ESF und BMAS gefördert und es ist Teil des Programms XENOS, das auf Bundesebene Integration und Vielfalt fördern soll. Projektträger ist das MSW in NRW. Das begonnene Projekt beruht auf den Erfahrungen mit dem NRW / BMBF-Modellversuch KooL = kooperative Lernumgebungen, das wiederum eingebettet war in das Programm der BLK zum selbstgesteuerten und kooperativen Lernen in der beruflichen Erstausbildung (SKOLA). Außerdem stützt sich das Konzept von InLab auf die Erfahrungen mit der Begleitung des reha-pädagogischen Vorbereitungslehrgangs des BFW München. Die Laufzeit des Projektes umfasst 2/2009 bis 2/2012.

Aufbau

Da es sich trotz der Klammer des wissenschaftlichen Projektes um einen Sammelband zu verschiedenen Aspekten individuellen Lernens handelt, soll der Aufbau des Buches skizziert werden, da ggf. auch nur einzelne Themen für Leser interessant sein können:

  • Individuelle Förderung zur Kompetenzentwicklung in der beruflichen Bildung – Überlegungen zur Grundlegung eines Forschungs- und Entwicklungsbereichs (Kremer, Zoyke)
  • Neue Medien als Katalysator individueller Förderung in der Berufsbildung (Kremer)
  • Individuelle Förderung in komplexen Lernumgebungen (Türling)
  • Individuelle Förderung im Reha-Vorbereitungslehrgang für besondere Zielgruppen – Entwicklung und Erprobung didaktisch-methodischer Reformansätze (Kremer, Zoyke)
  • Individuelle Förderung – Rezeption und Einsatz im Übergangssystem (de Groot, Kremer, Zoyke)
  • Berufsorientierung als Herausforderung und Chance für die schulisch strukturierten Bildungsgänge des Übergangssystems (Kremer)
  • Wie der Übergang gelingen kann – Empirische Explorationen zur beruflichen Orientierung von Jugendlichen im Übergangssystem (Kremer, Rüschen)
  • Kollektivstrukturen als Gestaltungselemente in der wirtschaftspädagogischen Begleitforschung (Beutner, Kremer)
  • Innovationskompetenz und Gestaltung von Innovationsprozessen – eine empirische Studie zum Modellversuch KooL (Zoyke).

Inhalt

Die Herausgeber betonen in ihrem Vorwort, dass „individuelle Förderung aktuell mit besonderer Vehemenz in der Bildungsarbeit gefordert“ wird, aber neben den Problemen mit der Implementierung auch zu fragen ist, ob bei Reformen Kontinuität gegeben ist oder ob nicht „bekannte Dinge unter einem neuen Terminus neu“ entwickelt werden (S. 3). Daher hat sich die Projektgruppe bewusst auf bisherige Arbeiten bezogen, um ein Forschungs- und Entwicklungskonzept vorzulegen. In dem grundlegenden Beitrag gehen Kremer und Zoyke davon aus, das dem Postulat nach individueller Förderung real ein „diffuses Begriffsverständnis sowie ein erhebliches Defizit an Theorien […] gegenüber“ steht (S. 9). Es werden drei Zugänge für individuelle Förderung beschrieben und begründet: die Lernumgebung, das Curriculum und die Organisation des Lehr- und Lernprozesses. Insbesondere das sogenannte Übergangssystem wird im Hinblick auf die Folgen für Lernen angesprochen, wobei auf bisherige Reformansätze seit den 1970er Jahren zur individuellen Förderung eingegangen wird. In den 80er Jahren stellt Lippegaus mit Bezug auf die Benachteiligtenförderung einen Trend zur Individualisierung und Differenzierung heraus. Als Prinzipien individueller Förderung nennen die Autoren (vgl. S. 19):

  • Ganzheitliche Lebensweltbezüge
  • Stärkenorientierung des Kompetenzansatzes
  • Individualisierung im pädagogischen Kontext
  • Partizipation.

In ihrem Modell der Förderung gehen sie dann von einer Perspektive des Lehrens sowie von einer Perspektive des Lernens aus (Abb. 1 u. 2), die sich wechselseitig bedingen. Von Basiskompetenzen, Lernfeldern, Diagnoseinstrumenten bis hin zur Lehrerfortbildung reichen dabei die Gestaltungs- und Bedingungsfelder.

Kremer, der sich bereits in seiner Promotion mit der theoretischen Modellierung und fachdidaktischen Anwendung der Medienentwicklung befasste, stellt die Frage, ob neue Medien als Katalysator individueller Förderung in der Berufsbildung dienen können. Dabei bezieht er sich auf den Modellversuch „Kooperatives Lernen in webbasierten Lernumgebungen“ und geht exemplarisch auf Lernumgebungen ein. Stichpunkte sind Kooperationsformen, Blended Learning – hier bezogen auf leistungsstarke Jugendliche -, multimediale Lernangebote und die erforderliche Supportstruktur. Bezogen auf selbstgesteuertes Lernen betont er das hohe Maß an Interaktion zwischen den Lernern, den Motivationsaspekt und die sich ergebende Sozialbeziehung, die kognitiven Herausforderungen, das Lernen am Modell und die tutorielle Tätigkeit (vgl. S. 39) und führt diese Aspekte (Parameter) detailliert aus. Auf drei Barrieren in der Nutzung neuer Medien wird abschließend hingewiesen: Zunächst stellte sich das Problem der Unkenntnis im Umgang mit neuen Medien – eine Erfahrung, die oft bezweifelt wird, aber auch im Leonardo da Vinci Modellversuch Disabil IT y gemacht wurde; zweitens müssen die Medien für berufliche Handlungen akzentuiert werden und dritten sollten die Medien nicht isoliert in Bildungsgängen eingesetzt, sondern insgesamt im Bildungsprozess genutzt werden. Sein Fazit: „Zusammenfassend kann so festgestellt werden, dass neue Medien weniger als Katalysator für individuelle Förderung wirken, sondern der Prozess der Nutzbarmachung der Potenziale entscheidend für eine zunehmende individuelle Förderung ist“ (S. 51).

Auch Janosch Türling bezieht sich auf den Modellversuch KooL und stellt eine empirische Studie zu den Gestaltungsmöglichkeiten der entsprechenden Lernumgebungen vor. Sein Ergebnis: „[Es] zeigte sich, dass sowohl Lehrkräfte als auch Lernende den Aspekt der Metakognition als wesentlich für die Selbststeuerung herausstellen und dass die Förderung entsprechender Kompetenzen als zentrales Lernfeld gesehen wird“ (S. 55). Ein weiteres Ergebnis ist die Forderung, Lerner in Diagnostik und Förderung einzubinden und somit den erforderlichen Rollenwechsel in selbstgesteuerten Lehr-Lern-Prozessen vorzunehmen. Ohne die Details der Untersuchung aufzulisten und auf die Vorstellung weiterer Erhebungen einzugehen, soll auf die Überlegung von Türling hingewiesen werden, die in Richtung ganzheitliches pädagogisches Konzept und Entwicklung einer Lernkultur gehen (S. 66).

Die Herausgeber gehen im nächsten Abschnitt des Buches auf didaktisch-methodische Ansätze ein, die sie in einem Reha-Vorbereitungslehrgang mit i.d.R. „lernungewohnten“ Erwachsenen in einem BFW entwickelt und erprobt haben. Auf die Besonderheiten dieses gerade ich im radikalen Wandel befindenden Bereichs der Weiterbildung kann nur als Fußnote hingewiesen werden, so auf die Studie RehaFutur (2009) im Auftrag des BMAS, die im neuen Reha-Modell für BFW ihren Niederschlag gefunden hat. Ziel der Reform des Vorbereitungslehrgangs war es, den Rehabilitanden individuelle Lernwege anbieten zu können ohne allerdings den gesamten Bildungsprozess aus dem Auge zu verlieren. Der erforderliche Rollenwechsel der Lehrenden musste dabei durch Organisations- und Personalentwicklung begleitet werden. Im Hinblick auf die Förderplanung wurde u.a. auf die Bielefelder Gruppe zurückgegriffen, die Assessment und Diagnose nicht als Gutachterposition und damit als autoritäres Expertenurteil begreift, sondern die Betroffenen aktiv mit einbezieht. Interessant ist auch das Instrument des Lerntagebuchs, da dies Selbstreflexion und Dialog versachlicht und eine Voraussetzung für die Optimierung des Arbeitsverhaltens ist (vgl. S. 75 Abb. 1 zum Reformansatz). Das Curriculumkonzept, die theoretischen Annahmen sollen hier ausgeblendet bleiben, konkret führten sie zu Lernfeldern, also nicht zu isolierten Unterrichtsfächern oder Kursen. So geht es zum Beispiel darum, sich mit einem möglichen Ausbildungsberuf auseinanderzusetzen, dabei die sich ergebenden Situationen sprachlich-kommunikativ und mathematisch zu bewältigen und Informations- und Kommunikationsinstrumente als assistive Hilfen zu nutzen (vgl. Abb. 2, S. 80). Vorgestellt werden insgesamt sechs Lernfelder, das letzte fasst unter der Frage „Wie kann ich meine eigene Kompetenzentwicklung weiter voran treiben?“ die anderen Lernfelder zusammen. Ein Ergebnis ist, dass die Öffnung des Lernprozesses zwar einerseits die Chance der Individualisierung beinhaltet, andererseits aber doch Schwierigkeiten bei der konkreten Umsetzung zu sehen sind. Zusammenfassend wird noch die Funktion der dialogischen und erwachsenengemäßen Vorgehensweise erläutert. Um ein gleichberechtigtes Gespräch zu führen, können die Rehabilitanden Kompetenzbilanzen, Lerntagebücher aus den Lernumgebungen mitnehmen, um so die weitere Perspektive abzustimmen (vgl. S. 104 f.). Der Anhang dokumentiert auszugsweise die konkreten Lehr- und Lernmaterialien.

Christoph de Groot, H.-Hugo Kremer und Andrea Zoyke fragen in ihrem Beitrag nach Legitimation und Umsetzung von Förderplanung im sogenannten Übergangssystem und stellen dann die Ergebnisse einer explorativen Studie vor. Mit Bezug auf die aus der Benachteiligtenförderung stammenden diagnostischen Materialien von INBAS werden als Prinzipien betont:

  • Stärken- und Kompetenzorientierung,
  • Partizipation
  • Lebensweltbezug
  • Prozessorientierung und Transparenz (vgl. S. 124).

Die Autoren benennen vier Kategorien für ihr Projekt InLab, die sie detailliert ausführen: (1) das Verständnis individueller Förderplanung, (2) die eigentlich Diagnose bzw. Kompetenzanalyse, (3) die didaktisch-methodischen Optionen der Förder-Maßnahmen und (4) die Potenziale sowie Grenzen der individualisierten Förderplanung.

Als Ergebnis ihrer Rezeption der üblichen Förderplanung im „Übergangssystem“ benennen sie vier Handlungsfelder. So betonen sie die Bedeutung formativer Diagnose, weisen aber auf das Problem hin, dass berufliche Bildung nur begrenzt in diagnostischen Instrumentarien berücksichtigt wird. Hier fordern sie einen besonderen Handlungsbedarf ein, um fachbezogene Diagnoseinstrumente mit beruflicher Handlungskompetenz zu verbinden. Weiter betonen sie die Bedeutung der Selbsteinschätzung. Die Lerner haben Eigenverantwortung für den Prozess zu tragen und diesen zu reflektieren. Der dritte Aspekt bezieht sich auf die originäre pädagogische Frage, „effektive Lernsituationen, die die zukünftige Lebens- und Arbeitswelt abbilden“ zu schaffen (S. 136). Viertens sprechen sie die Verwendung der Ergebnisse der diagnostischen Verfahren an. Wie bestimmt man Niveaustufen für individualisierte Aufgabenformate? Als Fazit verweist die Projektgruppe auf ein „erhebliches Forschungsdefizit“, außerdem würde die Perspektive der Jugendlichen kaum aufgegriffen (S. 137).

Auch im nächsten Beitrag über die Möglichkeiten der schulischen Bildungsgänge zur Berufsorientierung befasst sich Kremer mit der zentralen Aufgabe des „Übergangssystem“. Dabei skizziert er zunächst die Angebote dieses Subsystems und benennt dann die Handlungsfelder von Berufsorientierung. Sein Konzept ist eine individualisierte Berufsorientierung als Prinzip. Damit wird die Grundlage für den Modellversuch InLab entwickelt. Die bisherigen Ansätze fasst der Autor mit der Aussage zusammen, dass die Jugendlichen bereits verschiedene Unterstützungsmaßnahmen erfahren haben, z.B. Praktika, trotzdem bedarf „der überwiegende Teil […] einer Unterstützung im Rahmen einer Neu-Orientierung“ (S. 150). Als besondere Problembereiche sieht Kremer im Prozess der beruflichen Orientierung an: das Relevanzproblem, Wissensproblem, Prozessproblem und die Umweltbedingungen. Als „Handlungsbasis“ entwickelt er Orientierungswissen, Prozesswissen und Verantwortungswissen, die er in einer Matrix den Domänen Sache, Gruppe, Person gegenüberstellt (S. 155). Als durchgängiges Prinzip fordert er von einem Handlungsfeld Berufsorientierung, dass berufsübergreifende und berufsfeldspezifische Lernbereiche verknüpft werden. Eine Chance sieht er auch darin, eine gemeinsame Perspektive für berufliches und allgemeines Lernen zu finden.

Als dritten Beitrag zum „Übergangssystem“ stellen H.-Hugo Kremer und Eva Rüschen eine empirische Exploration zur Berufsorientierung vor. Zunächst werden allgemein unterschiedliche Positionen zum komplexen Berufsorientierungsprozess skizziert und auf die heterogenen Gruppen in diesem Subsystem verwiesen, die auf misslingenden Übergang schließen lassen wie fehlende Schulabschlüsse oder eine nicht hinreichendes Angebot an Ausbildungsplätzen. Allerdings kann es auch sein, dass Jugendliche bewusst in Maßnahmen eintreten, z.B. um fehlende Abschlüsse zu erwerben. Das Konsortium Bildungsberichterstattung hatte im ersten Bericht - 2006 publiziert – eine Größenordnung von 40 % der Ausbildungsanfänger angegeben, die keine konkreten Berufsbildungsperspektiven hätten (vgl. S. 165). Allein vor diesem Hintergrund ist die Studie interessant. Zum einen werden die wesentlichen Instrumente zur individuellen Standortbestimmung der Berufswelt aufgelistet. Von so bekannten traditionellen Maßnahmen wie Schülerbetriebspraktikum bis hin zu Planspielen, aber auch neuere Verfahren wie Kompetenzcheck oder Schülerfirmen oder der Berufswahlpass (vgl. S. 166 f.). Ermittelt wurden personenbezogene Gelingensfaktoren, z.B. das Engagement oder die Selbsteinschätzung sowie Faktoren, die außerhalb der Person zu verorten sind, z.B. ob Angebote der Praxis mit schulischem Lernen verzahnt sind, Transparenz der Angebote oder regionale Netzwerke. In einem Vergleich von Schüler- und Lehrerbefragung wird dann auf den Berufsorientierungsprozess aus der jeweiligen Sicht eingegangen, werden Vorstellungen zur optimalen Gestaltung erhoben oder die Gelingensfaktoren eingeschätzt. Offen bleiben mussten aufgrund der Anlage der Studie, „wie Wirkzusammenhänge zwischen den einzelnen Gelingensfaktoren und tatsächliche gelingender beruflicher Orientierung bzw. auch eines gelingenden Übergangs sind“ (S. 175). Dies zu untersuchen, bleibt weitergehenden Arbeiten vorbehalten.

Marc Beutner und H.-Hugo Kremer leiten zum Schlussteil über, in dem wirtschaftspädagogische Forschung diskutiert wird. Nach Überlegungen zu Formen von Begleitforschung mit Bezug auf Sloane wird auf Kollektivorientierung als strukturierendes Element verwiesen. Hier wird bewusst das „Zusammenspiel von Wissenschaft und Praxis“ angesprochen (S. 184) und auf das Projekt InLab bezogen (S. 191 ff.), auf die Rollenvielfalt als Experte, Dokumentator oder Moderator hingewiesen. In einem Modellrahmen (Abb. 6) werden die Makro- und Mikroebene ausgewiesen und Akteure / Teilkollektive, Handlungen, soziale Situationen und kollektives Explanandum als Eckpunkte definiert (S. 199).

Abschließend geht Andrea Zoyke auf der Grundlage einer empirischen Arbeit zu KooL auf Innovationskompetenz und die Gestaltung von Innovationsprozessen ein. Gefragt wird nach der Bereitschaft und Fähigkeit der betroffenen Lehrer und Schulleitungen zu einem entsprechenden Verhalten. Sie kommt u.a. zu dem Ergebnis, dass intrinsische Motivation ausschlaggebend für die Innovationsprozesse ist. Positiv ist auch, wenn die Tätigkeit der Lehrer damit verbunden wird. Weiter ist Innovation als dauerhafte Aufgabe institutionell zu sichern.

Diskussion

Das vorgelegte Buch über das Projekt InLab ist ein interessanter Einstieg in die Dokumentation des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens, mit dem an 12 Berufskollegs in NRW (Berufsschulzentren in den anderen Bundesländern) praxistaugliche Lösungen zur selbstgesteuerten Kompetenzentwicklung für multikulturelle Lebens- und Arbeitswelten in der berufsschulischen Grundbildung erprobt werden sollen. Positiv ist die Reflexion gerade abgeschlossener Arbeiten. Auch ist die Offenheit, die im Lehr-Lernprozess gestaltet werden soll, auf die wissenschaftliche Arbeitsweise übertragen worden. So sind nicht nur die Grundpositionen offen gelegt (vgl. z.B. den Beitrag von Beutner und Kremer), sondern auch die konkreten Lehrmaterialien vorgestellt worden (vgl. Zoyke und Kremer zum Reha-Vorbereitungslehrgang). Die mediendidaktische Forschung hat in Paderborn Tradition, so zum Beispiel die Habilitation von Schröder zum Virtuellen Berufsbildungswerk, auf die leider kein Bezug genommen wird. Wurde noch Anfang der 1980er Jahre die Dissertation von Klaus Halfpap, damals Handelslehrer und Schulleiter zum handlungstheoretisch begründeten Lernen mit Jungarbeitern im kaufmännischen Bereich von der Wirtschaftspädagogik negiert, war es üblich, dass Gewerbelehrer ungelernte Jugendliche in kaufmännisch-verwaltenden Tätigkeiten unterrichteten, so ist die Begleitforschung vom Handwerksforschungsinstitut der Universität zu Köln zur Sonderberufspädagogik in Bayern durch Twardy, auf den Kremer sich ausdrücklich als akademischen Lehrer bezieht, eine Entwicklung, die mit der Projektgruppe in Paderborn nun zu einem ausgewiesenen Zentrum für individualisierende Lernen führt. Schwerpunkt der Arbeit ist allerdings weniger eine soziologische Betrachtung z.B. des sogenannten Übergangssystems, sondern mehr die didaktische Optimierung von Lehr- und Lernprozessen. Damit stehen die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Lehrern einerseits und ein mehr an Chancen für die betroffenen Jugendlichen andererseits im Fokus. Für Schule und Lehrer sicher eine vielversprechende Anlaufstelle. Allerdings wäre es wünschenswert, wenn die Forschungen zu Benachteiligten, Rehabilitanden, assistiver Technologie nicht isoliert erfolgen würden. So bestehen ähnliche Positionen zu Reformprozessen auch im Programm des BMBF mit rund 100 Projekten zur Grundbildung und Alphabetisierung oder im Programm der EU im Rahmen von Leonardo da Vinci. Die Hochschultage 2011 haben dieses Forum nicht mehr – anders als zu Beginn 1980 – nicht mehr herstellen können. Jeder Bereich, jedes Segment, jedes Projekt stellte sich auf Workshops punktuell der Diskussion – auch die Projektgruppe aus Paderborn ebenso wie der Rezensent.

Fazit

Das Buch ist für Studierende, die sich mit Lehren und Lernen mit Hilfe von neuen Medien befassen, interessant. Inhaltlich ist auch die Frage der Individualisierung für Sonderpädagogik, Sozialpädagogik mit Blick auf das sogenannte Übergangssystem wichtig und auch Berufs- und Wirtschaftspädagogik erhält Impulse für die Arbeit mit jungen Erwachsenen mit Förderbedarf. Somit eine zu empfehlende Lektüre für Studium und Praxis der beruflichen Bildung.


Rezension von
Prof. Dr. Horst Biermann


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Zitiervorschlag
Horst Biermann. Rezension vom 14.04.2011 zu: H.-Hugo Kremer, Andrea Zoyke (Hrsg.): Individuelle Förderung in der beruflichen Bildung. Grundlegung und Annäherung im Kontext von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Eusl Verlagsgesellschaft mbH (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-940625-11-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11050.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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