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Dirk Bange: Eltern von sexuell missbrauchten Kindern

Cover Dirk Bange: Eltern von sexuell missbrauchten Kindern. Reaktionen, psychosoziale Folgen und Möglichkeiten der Hilfe. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. 191 Seiten. ISBN 978-3-8017-2357-6. 22,95 EUR, CH: 34,40 sFr.
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Thema

Das Buch befasst sich mit den Eltern sexuell missbrauchter Kinder, ihren Reaktionen auf den Missbrauch ihrer Kinder, mit den psychosozialen Folgen des Missbrauchs sowie den Möglichkeiten der Hilfe.

Autor

Dirk Bange ist seit vielen Jahren für seine Veröffentlichungen zu verschiedenen Aspekten des sexuellen Missbrauchs bekannt.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von Erfahrungen in der Praxis mit sexuell missbrauchten Kindern und deren Eltern ist ein Ziel des Buches, Helfern in diesem Bereich ein besseres Verständnis für die Situation von (nicht missbrauchenden) Eltern zu vermitteln. Neben diesem Blick in die Praxis beschäftigen den Autor die einseitigen Schuldzuschreibungen an die Mütter von sexuell missbrauchten Kindern, die explizit und implizit in vielen Veröffentlichungen zur Thematik auftauchen und dadurch ein verzerrtes Bild der Realität liefern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält – neben dem Schwerpunkt – alle wesentlichen Aspekte zum sexuellen Missbrauch und ermöglicht daher auch Lesern, die sich vorher noch nicht damit beschäftigt haben, ein gutes Verständnis für die gesamte Thematik.

Im ersten Kapitel werden verschiedene Definitionen und Kriterien für Missbrauch prägnant dargestellt, mit den Studien zu Häufigkeiten in Deutschland unterlegt und verschiedene Umstände eines Missbrauchs konkretisiert. Das Kapitel wird durch eine zusammenfassende Darstellung möglicher Folgen für Kinder abgeschlossen.

Nach dieser kurzen Einführung in die Thematik wird im zweiten Kapitel die zentrale Problematik aufgegriffen. Schuldzuweisungen an die Mütter und Nichtbeachtung der Väter. Unter verschiedenen Blickwinkeln und konkretisiert an vielen Beispielen wird die Thematik in seiner ganzen Breite und Tiefe beleuchtet:

  • häufige Vorwürfe an die Mütter,
  • die Sicht der Kinder auf ihre nicht missbrauchenden Eltern,
  • traditionelles Mutter- und Familienbild (auch bei Helferinnen und Helfern).

Abgerundet wird das Kapitel, in dem die vielfach ignorierten Väter in den Blick genommen werden.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Aufdeckungsprozess, der gerade für die praktische Arbeit von entscheidender Bedeutung ist. Sehr differenziert werden entscheidende Variablen und Faktoren dieses Prozesses verständlich vorgestellt: Geschlecht und Alter des Kindes, innere Prozesse des Kindes wie Angst oder Scham, unterschiedliche Formen der Gewalt. Auch hier wird der Rückbezug zur Hauptthematik eingeflochten: Wahrnehmungen und Zweifel bei den Eltern werden angesprochen.

Im vierten Kapitel wird die Bedeutung für nicht missbrauchende Eltern herausgearbeitet, indem die existentielle Bedrohung, das Erleben von Stress und mögliche Verarbeitungsformen behandelt werden. Dieses Thematik wird im anschließenden Kapitel mit der Überschrift „Eltern zwischen Glauben, Unterstützen und Leugnen“ weiter vertieft und in den nächsten beiden Kapiteln mit den Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung (Verunsicherung über Erziehungsfragen, Vater-Kind-Beziehung, positive Veränderungen) und den Veränderungen der Elternbeziehung sinnvoll abgerundet. Der zu Beginn des Buches aufgegriffene Aspekt der Rolle der Mutter wird im 8. Kapitel vertieft und um verschiedene Fragen ergänzt (z.B. Ausmaß der selbst erlittenen Gewalt, Zyklus der Gewalt, frühe Mutterschaft, Erziehungsverhalten, Bindung an die eigenen Eltern).

Der anschließende Teil widmet sich den Täterstrategien mit dem zentralen Inhalt der Manipulation der Eltern. Die frühere Diskussion zum Missbrauch des Missbrauchs wird durch eine Zusammenschau zunächst der Forschungsergebnisse aus den USA und im zweiten Teil durch die (wenigen) Forschungen in Deutschland dargestellt.

Die letzten beiden Kapitel des Buches sind insbesondere für KollegInnen aus der Praxis wertvoll, da sie unter den Stichworten Interventionsmöglichkeiten und Prävention nützliche Hinweise bieten:

  • Grundsätze für und Wirkung von Beratung und Therapie
  • der erste Schritt der Intervention – Fakten analysieren sowie weitere Schritte
  • Themen der Beratung und Angebote für Väter und
  • bei dem Aspekt der Prävention Grundsätze, Inhalte und Strukturen der Elternbildung

Diskussion

Ein wertvolles und wichtiges Buch für Lehre, Forschung und Praxis. Die Stärken liegen in verschiedenen Aspekten: in dieser Breite ist in der deutschen Fachliteratur zum Thema sexueller Missbrauch die Thematik der Eltern noch nicht bearbeitet worden. Bange gelingt es, in allen wichtigen Fragen diesen Blickwinkel auf die Bedeutung der Eltern als roten Faden beizubehalten, auch wenn die Forschungslage an vielen Stellen dünn ist. Gleich zu Beginn des Buches greift Bange eine alte Debatte auf – „die „Schuld“ der Mutter -, die zu Unrecht in der Forschung als abgeschlossen betrachtet wurde. Hier ist es ein Verdienst des Buches prägnant aufzuzeigen, dass häufig implizit in theoretischen Modellen und in der Praxis diese alte Rollenvorstellung von der Bedeutung der Mutter bei sexuellem Missbrauch weiterhin vorhanden ist. Zusätzlich gelingt es Bange die Rolle des Vaters in den Blick zu nehmen. Gerade bei diesem Punkt wünscht man sich viele Leser, die in der Praxis mit dieser Problematik zu tun haben. Erschreckend wird deutlich, dass bei diesem Thema die Forschungslücken bei vielen Fragen gerade im deutschen Sprachraum groß sind. An einer Stelle, nennt dies Bange einen Skandal. Hier kann man ihm nur beipflichten. An den verwendeten Quellen wird weiterhin deutlich, dass in den letzten zehn Jahren in der Forschung zum Thema sexueller Missbrauch wenig Bewegung war.

Irritierend im Buch ist die Verwendung des Begriffes Aufdeckungsprozess, der eigentlich von Diagnostikern vermieden wird, da er impliziert, dass ich die „Wahrheit“ kenne. Bei den Ausführungen im Buch unter diesem Begriff gibt es jedoch fachlich nichts auszusetzen.

Für Leser, die sich bisher wenig mit der Thematik auseinandergesetzt haben, ist das Buch deshalb empfehlenswert, da wirklich alle Aspekte zumindest kurz dargelegt werden und so ein Gesamtbild entsteht, das Verstehen ermöglicht. Für KollegInnen, die sich mit der Thematik intensiv beschäftigt haben, ist dieses Buch ebenfalls sehr empfehlenswert, da – meines Erachtens zum ersten Mal – die Rolle und Bedeutung beider Elternteile ausführlich bearbeitet werden. Dabei knüpft Bange zu Recht bei früheren Fachdiskussionen an und zeigt die Bedeutung für die praktische Arbeit auf. Gerade für Praktiker in diesem Bereich ist das Buch unbedingt empfehlenswert, da es ausführlich in den letzten Kapiteln sehr konkrete Schritte für die Elternarbeit aufzeigt und die Einstellungen gegenüber den Eltern kritisch reflektiert.

Fazit

Dieses Buch sollte in keiner Eltern-, Jugend- und Familienberatungsstelle fehlen und müsste in allen Jugendämtern als Pflichtlektüre vorhanden sein. Mit fundiertem Bezug zur praktischen Arbeit mit (nicht missbrauchen) Eltern werden alle relevanten Aspekte zum Thema sexueller Missbrauch verständlich und mit aktuellem Bezug dargestellt. Dieses bisher in Deutschland völlig vernachlässigte Thema wird in seiner inhaltlichen Breite und Bedeutung durch Bange ausführlich und fachlich fundiert behandelt.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 22.03.2011 zu: Dirk Bange: Eltern von sexuell missbrauchten Kindern. Reaktionen, psychosoziale Folgen und Möglichkeiten der Hilfe. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-8017-2357-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11073.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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