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Anja Görtz-Dorten, Manfred Döpfner: Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 22.06.2011

Cover Anja Görtz-Dorten, Manfred Döpfner: Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten ISBN 978-3-8017-2084-1

Anja Görtz-Dorten, Manfred Döpfner: Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV). Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. 178 Seiten. ISBN 978-3-8017-2084-1. 59,95 EUR. CH: 89,00 sFr.
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Aggressionstheorien

Seit rund 100 Jahren gibt es psychologische Aggressionstheorien. Es haben sich zwei Gruppen gebildet: Instinkt/Triebtheorien einerseits, lernpsychologische Ansätze andererseits. Zwischen beiden steht die Frustrations-Aggressions-Theorie.

Die Theorie des angeborenen Aggressionstriebs wird von der Psychoanalyse vertreten. Freud ging von der Existenz eines Todestriebes aus, der den Menschen zu destruktivem Verhalten treibt. Die Frustrations-Aggressions-Hypothese besagt, dass Aggressionen eine Reaktion auf erlittene Frustrationen sind. Bei der Idee der Aggression als erlerntes Verhaltensmuster geht man davon aus, dass aggressives Verhalten im Kindesalter durch Beobachtung und Nachahmung/ Imitation erlernt wird. Die gegenwärtige Forschung geht davon aus, dass keiner der drei Ansätze alleine dazu geeignet ist, aggressives Verhalten zu erklären. Bei der Entstehung von Aggression ist eine Vielzahl von Faktoren bedeutend, wie etwa Kindheitserfahrungen, soziale und kulturelle Einflüsse oder erlebte Kränkungen.

Gesellschaftliche Bedeutung von Aggressionen

Aggressivität ist eine gesellschaftliche Erscheinung, die heutzutage immer mehr zum Problem wird. Dies zeigt sich in Rechtsradikalismus bei Jugendlichen, Gewalt an Schulen, und steigender Kinder- und Jugendkriminalität, um nur einige Beispiele zu nennen. Würde man die Aggressivität als Krankheit betrachten, so wäre unsere gesamte Gesellschaft krank. Man würde den Einzelnen aus der Verantwortung für sein Handeln entlassen. Es wäre wichtiger, Möglichkeiten zur Eindämmung von Aggressionen in vernünftige Bahnen zu suchen.

Autorin und Autor

Görtz-Dorten, Anja -Dipl.-Psych., Dipl.-Heilpäd., Dr. rer. medic., KJP. Leiterin des Instituts für Klinische Kinderpsychologie der Christoph-Dornier-Stiftung an der Universität Köln und Leiterin des Bereichs THAV-aggressive Störungen der Spezialambulanz für ADHS und Expansive Störungen der AKiP-Psychotherapieambulanz. Forschungsschwerpunkte: Evaluation des Diagnostik-Systems für Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter nach ICD-10 und DSM-IV (DISYPS-II) und Entwicklung und Evaluation des Therapieprogramms für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV).

Döpfner, Manfred - Prof. Dr. sc. hum., Dipl.-Psych., PP, KJP (SV) Jahrgang 1955, Studium der Psychologie an der Universität Mannheim, Promotion an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg, Habilitation an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln. Universitätsprofessor für Psychotherapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leitender Diplom-Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Uniklinik Köln. Psychologischer Psychotherapeut und Kinder und Jugendlichentherapeut, KBV-Gutachter für Kinder- und Jugendpsychotherapie, Leiter des Ausbildungsinstituts für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (AKiP) und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Klinische Kinderpsychologie der Christoph-Dornier-Stiftung an der Universität Köln. Forschungsschwerpunkte: Epidemiologie psychischer Störungen, Entwicklung und Evaluation psychodiagnostischer Verfahren und psychotherapeutischer Interventionen, insbesondere bei Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), Angst- und Zwangsstörungen, Ticstörungen im Kindes- und Jugendalter.

Aufbau

Das Buch „Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV)“setzt sich aus 2 Kapiteln zusammen.

Kapitel 1: Grundlagen

In diesem Einführungskapitel werden die Symptomatik und die Häufigkeit für aggressives Verhalten bei Kindern besprochen. Es schließt sich eine Erläuterung der häufig auftretenden Komorbidität mit einer Reihe von psychischen Störungen sowie der prognostische Verlauf dieses Störungsbildes an. Die bedeutendsten Ursachen für aggressives Verhalten stellen Störungen in der sozial-kognitiven Informationsverarbeitung, der Impulskontrolle, sozialer Fertigkeiten sowie der sozialen Interaktion dar. Hier ergeben sich die Interventionsansätze für THAV. Es schließt sich eine Abhandlung aktueller und laufender Evaluationsstudien zum Programm an.

Kapitel 2: Das THAV-Programm

THAV ist für Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren mit aggressiven Verhaltensauffälligkeiten entwickelt worden, wobei ausgeprägte Konflikte mit anderen Kindern aus der Gleichaltrigengruppe im Mittelpunkt der Symptomatik stehen sollten. Das Programm ist für die ambulante Therapie im Einzelformat entwickelt worden, kann aber auch modifiziert sowohl im Gruppenformat als auch im teilstationären und stationären Setting eingesetzt werden. Die Anzahl der Sitzungen ist variabel, in der Regel wird zumindest der Rahmen einer Kurzzeittherapie (ca. 25-30 Sitzungen) benötigt. Häufig ist jedoch eine längere Therapiedauer indiziert.

Struktur von THAV. THAV ist als eine individualisierte Therapie konzipiert, in der einzelne Module und ihre Bausteine entsprechend den individuellen Problemen der Kinder zusammengestellt werden. Ausgangspunkt für die Therapieplanung sind die real stattgefundenen sozialen Konfliktsituationen in der letzten Zeit, die zunächst anhand der Exploration von Eltern und Lehrern zusammengestellt werden und danach mit dem Kind detailliert exploriert werden. Anhand eines Entscheidungsbaumes können nun die Module adaptiv zusammengestellt werden, die das Kind benötigt.

Modul I: Vorbereitung, Diagnostik und Verlaufskontrolle

  • Baustein 1: Beziehungsaufbau, Therapiemotivation, Ressourcenaktivierung (3 Sitzungen)
  • Baustein 2: Diagnostik und Problemdefinition (4 Sitzungen)
  • Baustein 3: Störungskonzept (5 Sitzungen)

Modul II: Sozial-kognitive Interventionen

  • Baustein 4: Ärger-Gedanken und Ärgerkiller-Gedanken (4 Sitzungen)
  • Baustein 5: Denkfallen und was ist stark? (4 Sitzungen)
  • Baustein 6: Mitfühlen (3 Sitzungen)

Modul III: Ärgerkontrolltraining

  • Baustein 7: Impulskontrolle (5 Sitzungen)

Modul IV: Problemlöse- und Fertigkeitstraining

  • Baustein 8: Kontakte aufnehmen und Freunde finden (4 Sitzungen)
  • Baustein 9: Nicht immer der Erste sein müssen (4 Sitzungen)
  • Baustein 10: Konflikte lösen und Rechte durchsetzen (4 Sitzungen)

Modul V: Abschluss

  • Baustein 11: Bilanzierung, Rückfallprävention und Ablösung (2 Sitzungen)

Modulübergreifende Intervention

  • Baustein 12: Das Zauberwaldspiel

Anhang: Übersicht über Diagnostik- und Therapiematerialien auf der CD. Die dem Buch beiliegende CD enthält PDF-Dateien der Materialien, die für die Durchführung der Trainings verwendet werden können.

Literaturverzeichnis

Diskussion

Das Trainingsmanual „Therapieprogamm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV)“ ist sehr übersichtlich und gut strukturiert aufgebaut. Jeder Baustein beginnt mit einer übersichtlichen Tabelle. Sie gliedert die Themen: Indikation für den jeweiligen Baustein, Hauptziele, Anzahl der Sitzungen, Therapieaufgaben für Eltern/Kinder, benötigtes Material des Bausteins sowie die jeweiligen Inhalte und Ziele für das entsprechende Material.

In den jeweiligen Kapiteln über die Bausteine werden der Beginn der Sitzung, Auswertungsgespräche zur letzten Therapieaufgabe, Bearbeitung neuer Arbeitsblätter, schwierige Therapiesituationen sowie der Abschluss der Sitzung besprochen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an alle Kinder- und Jugendpsychotherapeuten/-innen, die mit der Zielgruppe arbeiten. Darüber hinaus ist es sicherlich auch für Auszubildende vieler Fachrichtungen lesenswert.

Fazit

THAV ist das erste deutschsprachige Programm zur Behandlung von aggressiven Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern, das entsprechend der jeweiligen individuellen aufrechterhaltenden Faktoren auf jedes einzelne Kind abgestimmt werden kann. Es eignet sich für Kind von 6 bis 12 Jahren, die gleichaltrigenbezogenes aggressives Verhalten zeigen. THAV umfass sozial-kognitive Interventionen, Ärgerkontrolltraining sowie Problemlöse- und Fertigkeitentraining. Damit schließt es eine Lücke, die die wenigen bisher veröffentlichten deutschsprachigen Trainingsprogramme bei der gleichen Indikation bis heute nicht schließen konnten. Seine detaillierte Beschreibung sowie die gute Struktur der reichhaltigen Informationsfülle ermöglichen auch dem ungeübten Lesenden einen raschen Einstieg in die Thematik und ein gutes Fundament zur Umsetzung des Trainings. THAV darf in keiner Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche im Bücherregal fehlen.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 22.06.2011 zu: Anja Görtz-Dorten, Manfred Döpfner: Therapieprogramm für Kinder mit aggressivem Verhalten (THAV). Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-8017-2084-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11075.php, Datum des Zugriffs 30.06.2022.


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