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Luise Reddemann, Christiane Eichenberg: Posttraumatische Belastungsstörung

Cover Luise Reddemann, Christiane Eichenberg: Posttraumatische Belastungsstörung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 109 Seiten. ISBN 978-3-8017-2301-9.
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Thema

Das Kernthema des Buches ist die Behandlung von Erwachsenen bei einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung.

Autorin und Autor

Prof. Dr. Reddemann war lange Jahre Leiterin einer Klinik für Psychotherapie und psychosomatische Medizin, PD Dr. Wöller ist ärztlicher Direktor und Leitender Abteilungsarzt (Schwerpunkt Traumafolgeerkrankungen) in einem Krankenhaus für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Beide haben eine Ausbildung in Psychoanalyse.

Aufbau

Nach einer kurzen, prägnanten Beschreibung der Störung wird ausführlich auf die verschiedenen Phasen der Behandlung bei diesem Störungsbild eingegangen.

Inhalt

Die ersten drei Kapitel beschreiben zunächst die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (Definition, epidemiologische Daten, Verlauf und Prognose, Komorbidität), stellen kurz Störungstheorien und -modelle vor (Traumagenese, psychoanalytische Modellbildungen, Gedächtnisforschung, Entwicklungs- und Bindungsforschung) und skizzieren eine mögliche Diagnostik.

Ausführlich wird dann auf die einzelnen Phasen der Behandlung eingegangen, die jeweils auch durch Fallbeispiele konkretisiert werden. Der erste Teil widmet sich dabei allgemeinen Prinzipien der Arbeit mit komplex traumatisierten Patienten. Hier wird u.a. auf das Beziehungsverständnis, die Förderung salutogenetischer Faktoren, den Stellenwert von Imaginationen, die beobachtende Haltung im therapeutischen Prozess und die Ego-State-Arbeit eingegangen. Vor der Beschreibung der drei Phasen wird ausführlich die therapeutische Beziehung in seinen verschiedenen Facetten beleuchtet. Phase 1 – traumaspezifische Stabilisierung – bildet die entscheidende Grundlage für das weitere Vorgehen.

Hier werden thematisiert:

  • Imaginationen zur Emotionsregulierung,
  • Schutz vor weiterer Traumatisierung,
  • Differenzierung von Gefühlen,
  • Wahrnehmung eigener Bedürfnisse,
  • Selbstfürsorge,
  • Stärkung des Selbstwertgefühls.

Dabei und auch bei allen weiteren Ausführungen werden jeweils konkrete Methoden und Fallbeispiele aufgeführt, die dem Leser das Vorgehen verständlich machen. In der zweiten Phase geht es um Traumaexposition und Erinnerungsarbeit. Zunächst werden die Voraussetzungen aufgeführt, wann bzw. wann nicht eine Exposition überhaupt sinnvoll oder durchführbar ist.

Zentrale Technik ist die sogenannte Beobachtertechnik, die den Patienten vor einer Überflutung bzw. einer Retraumatisierung schützt. Anschließend wird kurz die Phase 3 beschrieben (Trauern und Neubeginn) und es werden spezifische Situationen aufgegriffen:

  • selbstverletzendes Verhalten,
  • Grenzüberschreitungen,
  • aggressives Verhalten,
  • maligne Introjekte und dissoziative Symptome.

Abgerundet wird das Buch durch Ausführungen zur Wirksamkeit der Methode.

Diskussion

Das Buch ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Es beschreibt klar, präzise und prägnant ein neues Störungsbild, das – hoffentlich – Eingang findet in das anstehende ICD 11, nämlich die Langzeitfolgen von schwerer Misshandlung und sexuellem Missbrauch in der Kindheit und die daraus notwendigen Folgerungen für eine Therapie.

Obwohl bereits Mitte der Neunziger Jahre van der Kolk auf diese zwingende Abgrenzung zwischen komplexer Traumatisierung und „normaler“ Traumatisierung hingewiesen hat, dies in der englischsprachigen Fachliteratur in den Folgejahren ausführlich aufgegriffen wurde und beispielsweise in Skandinavien und England auch Eingang in Therapiekonzepte gefunden hat, wurde dieses Thema in Deutschland wenn überhaupt dann nur zögerlich aufgegriffen. Hier kann man der Autorin und dem Autor nur dankbar sein für diese Veröffentlichung und dass – endlich – ein stimmiges Therapiemodell bei schwerer, komplexer Traumatisierung in der Kindheit entworfen wurde.

Das Buch ist aus einem weiteren Grund bemerkenswert. Der Ausgang für die Entwicklung der Behandlungsschritte und der konkreten Vorgehensweise ist der Patient mit seinen verletzten Bedürfnissen in der Kindheit und den daraus abgeleiteten Folgen. Vielfach ist der Gedankengang ein anderer: ein bestimmtes Therapiemodell steht im Vordergrund ohne zu fragen, welche Grundbedürfnisse hat ein Mensch und in welcher Entwicklungsphase wurden diese verletzt. Hier hebt sich dieses Buch qualitativ positiv von vielen anderen Therapiebüchern ab, da es den Mensch in seiner Ganzheit mit seinen Bedürfnissen und seiner Entwicklung betrachtet und daraus die notwendigen Behandlungsschritte ableitet. An jeder Stelle des Buches wird deutlich, dass die Autorin und der Autor wissen, worüber sie schreiben, d.h. sie lassen die Leser an der langjährigen Praxiserfahrung teilhaben. Dabei gelingt ihnen stets Verknüpfungen zu „Klassikern“ der Psychoanalyse zu ziehen, souverän an den passenden Stellen aus anderen Ansätzen (beispielsweise bei der Ressourcenaktivierung) nützliche Vorgehensweisen einzubeziehen und dies verständlich und prägnant.

Die Grundorientierung des Buches ist auch das Rahmenmodell von Grawe, der auch den Mensch mit seinen Bedürfnissen als Ausgangspunkt aller therapeutischen Überlegungen sieht. Im Buch wird an einigen Stellen von einem „Manual“ gesprochen. Mir scheint es weit wertvoller als die üblichen Therapiehandbücher, da eine stets sehr differenzierte und abwägende Sichtweise auf Patienten und Therapeuten gepflegt wird, die Mitgefühl und Achtsamkeit in den Vordergrund rücken.

Fazit

Selbst als Nicht-Psychoanalytiker hat mich dieses Buch begeistert, da es – verständlich und prägnant geschrieben – ein stimmiges, praxisorientiertes Therapiekonzept bei komplexer Traumatisierung vorlegt. Das Buch gehört nicht nur in die Hände von Praktikern (egal welcher Therapieschule), die mit diesem Thema zu tun haben, es eröffnet auch im Forschungsbereich eine erheblich bessere Abgrenzung im Bereich der Folgen- und Therapieforschung. Auch für Studierende der Medizin, Psychologie oder klinischen Sozialarbeit und im Bereich der Ausbildung zur Psychotherapie ist dieses Buch sehr empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 21.03.2017 zu: Luise Reddemann, Christiane Eichenberg: Posttraumatische Belastungsstörung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. ISBN 978-3-8017-2301-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11079.php, Datum des Zugriffs 24.02.2020.


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