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Hans Wolfgang Hoefert, Christoph Klotter (Hrsg.): Wandel der Patientenrolle

Cover Hans Wolfgang Hoefert, Christoph Klotter (Hrsg.): Wandel der Patientenrolle. Neue Interaktionsformen zwischen Professionellen und Klienten im Gesundheitswesen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. 335 Seiten. ISBN 978-3-8017-2283-8. 39,95 EUR, CH: 59,00 sFr.

Reihe: Organisation und Medizin.
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Thema

Die Beziehung zwischen Nutzern und Leistungsanbietern im Gesundheitswesen ist seit geraumer Zeit Gegenstand intensiver wissenschaftlicher und gesundheitspolitischer Debatten. Insbesondere der Bedeutungszuwachs chronischer Erkrankungen aber auch ein weit reichender Einstellungs- und Wertewandel tragen dazu bei, dass das einstmals am Leitbild des benevolenten Paternalismus orientierte Beziehungsgefüge mehr und mehr in Frage gestellt und neue Formen des Miteinanders eingefordert werden. Traditionelle Vorstellungen von Patienten, die fraglos den Anweisungen der Gesundheitsprofessionen – namentlich der Ärzte – Folge leisten, scheinen zwischenzeitlich überholt. An dessen Stelle sind – zumindest in der Rhetorik dieser Tage – mündige, aufgeklärte und selbstverantwortliche Patienten getreten. Übersehen wird zumeist, dass längst nicht alle Nutzer und Leistungsanbieter jederzeit bereit und in der Lage sind, diesen Rollenwandel zu vollziehen. Zuweilen sind die Patienten mit den von ihnen abverlangten Entscheidungen überfordert und schlicht auf der Suche nach verlässlicher Orientierung. Professionelle Helfer wiederum sind verunsichert und wissen oft nicht mehr, wie sie sich gegenüber den zuweilen fordernd, zuweilen unsicher auftretenden Patienten verhalten sollen. Mit anderen Worten: Die Rollenbeziehungen zwischen Patienten, Klienten oder Nutzern einerseits und den Ärzten, Pflegenden oder anderen professionellen Helfern sind komplizierter und damit zugleich zum Gegenstand kritischer Diskussion und Reflexion geworden. Eben dazu will der vorliegende Reader einen Beitrag leisten.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Herausgegeben wurde das Buch von den Psychologen Hans-Wolfgang Hoefert, Professor für Sozial- und Organisationspsychologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin, und Christoph Klotter, Professor für Ernährungspsychologie und Gesundheitsförderung an der Hochschule Fulda. Der Reader ist als 15. Band in der Buchreihe „Organisation und Medizin“ erschienen, die sich mit der „Beziehung zwischen Gesundheit und Krankheit und den jeweils unterschiedlichen institutionellen Kontexten“ (S. 5) befasst. Intention der Herausgeber des vorliegenden Bandes ist es, den Diskurs über die eingangs skizzierten Entwicklungen im Beziehungsgefüge zwischen Nutzern und Anbietern gesundheitsrelevanter Leistungen anzustoßen und darin nicht allein eine Herausforderung für Professionelle, sondern gleichermaßen eine „Chance für eine persönliche oder institutionelle Weiterentwicklung“ (S. 13) zu sehen.

Aufbau und Inhalt

Der Reader enthält neben einem Vorwort der Herausgeber vier thematische Teile mit insgesamt 18 Aufsätzen von 26 Autorinnen und Autoren sowie ein ergänzendes Autoren- und Stichwortverzeichnis. Der Herausgeber Hoefert hat sich neben dem Vorwort mit zwei, der Herausgeber Klotter mit einem Aufsatz in das Buch eingebracht.

Teil I konzentriert sich auf „Historische Hintergründe und neuere Entwicklungen“ zum Thema. Skizziert werden in den sechs Beiträgen zunächst die zunehmende Verlagerung von Versorgungsaufgaben auf den „arbeitenden“ Patienten (Dieder/Giesing) sowie die Empowerment-Bewegung und ihre Auswirkungen auf das Gesundheitswesen (Gouthier/Tunder). Gleich drei Beiträge sind dem Thema „Patienteninformation“ gewidmet, darunter einer zu grundsätzlichen Fragen des „informierten“ Patienten (Braun/Marstedt), einer zur Rolle des Internets (Eichenberg) und einer zu Fragen der Evidenzbasierung (Sänger/Lang). Ein weiterer Beitrag widmet sich den Patientenrechten und ihren Auswirkungen auf die Arzt-Patient-Beziehung (Hart).

Teil 2 befasst sich mit den „Interaktionen zwischen Professionellen und Klienten“. Behandelt werden Themen wie die Partizipative Entscheidungsfindung und zwar einmal in Form eher theoretischer Überlegungen (Buchholz et al.) und ein weiteres Mal anhand empirischer Befunde (Ernst et al.). Die Ökonomisierung der Arzt-Patienten-Beziehung (Schuldzinski/Vogel) wird ebenso aufgegriffen wie die Debatte um Compliance und Adhärenz (Hoefert). Enthalten ist schließlich auch ein Beitrag, in dem am Beispiel von Krankmeldungen Aushandlungsprozesse zwischen Ärzten und Patienten und damit verbundene organisatorische und gesamtgesellschaftliche Auswirkungen analysiert werden (Westermayer).

Teil 3 konzentriert sich auf eher komplementäre Aspekte und die „Attraktivität des zweiten Gesundheitsmarktes“. Darin werden in der übrigen Literatur eher selten thematisierte Aspekte der Debatte um den Wandel der Patientenrollen aufgegriffen und bearbeitet, darunter der Bedeutungszuwachs alternativer Medizin (Hoefert) die Spiritualität in therapeutischen Beziehungen (Utsch) und die wachsende Attraktivität von „Heilern“ (Straube).

Teil 4 richtet das Augenmerk schließlich auf „Veränderungen in institutionellen Kontexten“. Beleuchtet wird der Wandel der Patientenrolle in der Psychiatrie (Elzer), der Psychotherapie (Klotter), der Rehabilitation (von Kardorff) und der Selbsthilfe (Matzat).

Diskussion

Mit zahlreichen unterschiedlichen Beiträgen von ansprechender Qualität bietet das vorliegende Buch einen interessanten Ein- und Überblick über ein Thema von hoher Aktualität und Bedeutung für alle im Gesundheitssystem Tätigen. Die äußere Gestaltung und drucktechnische Aufbereitung des Readers sind praktikabel und ansprechend, die Texte flüssig geschrieben und die sprachliche Ausdrucksweise ist einem wissenschaftlichen Werk angemessen. Die Beiträge enthalten zahlreiche weiterführende Literaturhinweise und das Stichwortverzeichnis hilft auch „schnellen“ Lesern bei der Orientierung. Einige Texte können als solide Einführungen in die Thematik gelesen (und als solche beispielsweise auch in der Lehre eingesetzt werden), andere wiederum bieten selbst für in dieser Thematik orientierte Leserinnen und Leser durch ungewöhnliche Blickwinkel noch interessante Impulse zum Nach- und Weiterdenken. Leserinnen und Leser werden sorgfältig geführt und auch über die Hintergründe des Buches wie die damit verbundene Intention aufgeklärt. Besonders interessant an dem Buch ist, dass die einzelnen Beiträge nicht allein auf eine mikroperspektivische Betrachtung der Beziehungen zwischen den Patienten und den Professionellen beschränkt bleiben. Vielmehr wird die psychologische Engführung vermieden, der Blick institutionell und gesamtgesellschaftlich geweitet und – der Leitidee der Buchreihe folgend – zugleich auch nach Auswirkungen des Rollenwandels auf der Meso- und Makro-Ebene gefragt. In besonderer Weise kann dies m.E. an dem Aufsatz von Westermeyer zum Thema „Krankenstand als Verhandlungsergebnis zwischen Arzt und Patient“ nachvollzogen werden, doch sind auch andere Beiträge von dieser Idee geprägt.

Kritikwürdig scheint aus inhaltlicher Perspektive allenfalls, dass auch in diesem Buch das Hauptaugenmerk erneut auf die Arzt-Patient-Dyade gerichtet wird. Die spezifischen Herausforderungen, die beispielsweise Pflegende oder andere alliierte Gesundheitsberufe in der Zusammenarbeit mit den Patienten zu bewältigen haben, erfahren ebenso wenig Aufmerksamkeit, wie die Interaktionsprobleme in triadrisch angelegten Beziehungen – etwa im Spannungsfeld Arzt-Patient-Angehörige oder Pflegende-Patient-Angehörige. Tatsächlich ergeben sich aus dem Wandel der Patientenrolle aber auch in diesen Konstellationen zahlreiche, bislang nur bedingt bewältigte Herausforderungen, die eine intensivere Betrachtung und Diskussion verdient hätten.

Fazit

Der von Hoefert/Klotter herausgegebene Reader ist aufgrund seiner zugleich soliden und kenntnisreichen Bearbeitung sowie seiner kritischen Perspektive eine interessante Ergänzung und Bereicherung der bislang vorliegenden Publikationen zum Thema. Das Buch dürfte mit seinen Beiträgen diverse Zielgruppen ansprechen und erscheint geeignet, die Auseinandersetzung mit dem Wandel der Patientenrolle in unterschiedlichen Settings und auf allen relevanten Ebenen zu befördern. Es ist insofern uneingeschränkt zur Lektüre zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Ewers
Pflege- und Gesundheitswissenschaftler. Professor für Gesundheitswissenschaften und ihre Didaktik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin
Homepage www.charite.de
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Zitiervorschlag
Michael Ewers. Rezension vom 24.06.2011 zu: Hans Wolfgang Hoefert, Christoph Klotter (Hrsg.): Wandel der Patientenrolle. Neue Interaktionsformen zwischen Professionellen und Klienten im Gesundheitswesen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-8017-2283-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11083.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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