Michaela Hilberger: Familienintervention bei verhaltensauffälligen Kindern
Rezensiert von Prof. Dr. Ines Herrmann, 02.11.2011
Michaela Hilberger: Familienintervention bei verhaltensauffälligen Kindern. FITT-Manual: Hometreatment zur intensiven Förderung von Kindern mit expansiven Verhaltensauffälligkeiten. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-456-84960-7. 34,95 EUR.CH: 52,00 sFr.
Gegenstand und Zielgruppen
In der Kindheit auftretende expansive Verhaltensauffälligkeiten, deren Erscheinungsformen und Folgen stehen im Zentrum des FITT-Manuals. Vorgestellt wird das „Hometreatment zur intensiven Förderung von Kindern mit expansiven Verhaltensauffälligkeiten“ als aufsuchende Behandlungsform im häuslichen Umfeld der betroffenen Kinder und Familien. Es dient vor allem Familientrainern als Arbeitsgrundlage und Interventionsmethode in der konkreten Familienarbeit und bietet von daher die Möglichkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Therapeut und Familie. Des weiteren wird mit dem FITT-Behandlungsmanual eine standardisierte Interventionsform zur Verfügung gestellt, die die Messbarkeit von Behandlungseffekten zulässt.
Autorenteam
Das Autorenteam konstituiert sich aus klinischen und pädagogischen MitarbeiterInnen des Präventionsprojektes „Zappelphilipp“ – einem Kooperationsprojekt des Zentralinstitutes für Seelische Gesundheit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jungendalters sowie dem Polizeipräsidium der Stadt Mannheim. Ein wissenschaftlicher Beirat namhafter Psychologen aus dem deutschsprachigen Raum hat das Projekt fachlich begleitet.
Entstehungshintergrund
Der enge Zusammenhang von ADHS und delinquentem Verhalten – insbesondere bei Jungen – sowie eine seit Jahren erhöhte Kriminalstatistik bei Kindern und Jugendlichen gaben Anlass für den Start des Kooperationsprojektes im Jahr 2006. Die Zielgruppe des Treatments sind Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 und 13 Jahren sowie deren Familien, die in der Projektstudie über Jugendsachbearbei-ter der Polizei, über Kinder- und Jugendpsychiater, das Jugendamt oder Jugendhilfeeinrichtungen rekrutiert wurden. In die Evaluationsstudie, die als Pilotstudie angelegt war, gingen 54 Familien ein, wovon 24 das Hometreatment durchlaufen und abgeschlossen haben. Die Zielstellung fokussierte dabei zum einen auf die Überprüfung von Anwendungs- und Durchführungsaspekten der Methode. Andererseits soll das Hometreatment dazu beitragen, Störungen frühzeitig zu erkennen, pädagogisch-therapeutische Interventionen im unmittelbaren Lebensumfeld anzubieten und durch Hilfe zur Selbsthilfe einer ungünstigen Störungsentwicklung vorzubeugen. Der Einbeziehung der Familien der betroffenen Kinder und Jugendlichen kommt dabei ein hoher Stellenwert zu.
Aufbau und Inhalt
Das FITT-Manual als Familienintervention zur Förderung von Kindern mit expansiven Verhaltensauffälligkeiten enthält insgesamt folgende 6 Kapitel sowie eine CD-ROM mit Materialien zur Durchführung der Trainingsbausteine, die detailliert im 3. Kapitel dargestellt werden.
- Einleitung
- FITT – Familienintervention zur intensiven Förderung von Kindern mit expansiven Verhaltensauffälligkeiten
- Trainingbausteine: Kindertraining – Elterntraining – Familientraining
- Typische Probleme FAQs
- Fallbeispiel: Max
- Evaluationsergebnisse zu FITT
Nach der Einleitung, in der knapp und präzise auf expansive Verhaltensstörungen, zugehörige Therapienansätze und präventive Maßnahmen eingegangen sowie die Ausgangslage für die Entstehung von FITT erläutert wird, folgt im 2. Kapitel die Vorstellung der Interventionsmethode. Hierbei werden Ziele, Struktur und Rahmenbedingungen der Intervention dargestellt und es werden allgemeine Trainingsprinzipien beschrieben.
Das 3. Kapitel ist das Kernstück des Manuals. Es beschreibt auf 88 Seiten detailliert und strukturiert alle 18 inhaltsbezogenen Sitzungen der Familienintervention, denen eine Kennenlernsitzung vorangeht und 3 Auffrischungssitzungen folgen. Die einzelnen jeweils ca. 90-minütigen Sitzungen basieren auf aufeinander aufbauenden Fragestellungen, Themen, Aufgabenstellungen und Übungen, wobei in Kinder-, Eltern- und Familientraining unterschieden wird. Zu Beginn jeder Sitzung wird eine Übersicht über das benötigte Material und die zu behandelnden Themen und Fragestellungen gegeben sowie das Sitzungsziel benannt. Im weiteren Verlauf wird das genaue Vorgehen der Sitzung in Bezug auf die jeweilige Zielgruppe – das Kind, die Eltern oder die gesamte Familie – beschrieben. Hilfreich zur Orientierung ist dabei, dass am oberen Seitenrand jeweils deutlich gemacht wird, welcher Sitzung die Inhalte zugehörig sind. Auch die Binnenstruktur der einzelnen Sitzungen ist durch Absätze, Teilüberschriften und Hervorhebungen übersichtlich gestaltet. Die Formulierungen beschreiben die überwiegend verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Vorgehensweise des Trainers und fungieren als Handlungsleitfaden der Intervention. Eine dem Manual beigefügte CD-ROM enthält auf 245 Seiten alle einsetzbaren Form- und Arbeitsblätter im PDF-Format. Auch hier ist die Zuordnung zu den Sitzungen und den in ihnen behandelten Inhalten und Themen gekennzeichnet. Die z.T. farbig gestalteten Materialien können ausgedruckt werden und unterstützen die Durchführung des Hometrainings. Gleichzeitig können sie der Dokumentation von Teilergebnissen im Handlungsverlauf dienen.
Im Verlauf der Sitzungen wird zuerst die Wahrnehmung und das korrekte Erkennen von Gefühlen und Verhaltensweisen der beteiligten Personen geübt und wünschenswertem Verhalten gegenübergestellt. Regeln für den Umgang in der Familie werden formuliert und überprüft. Der Einsatz von positiven und negativen Verstärkern sowie von weiteren sinnvollen Alltagsinterventionen wird gemeinsam durchdacht und eingeübt, wobei auf wertschätzendes und nicht überforderndes Kommunikationsverhalten geachtet wird. Problemverhaltensweisen sollen frühzeitig erkannt, gestoppt und durch sinnvolle Verhaltensweisen ersetzt werden. Ihr Prozesscharakter findet hierbei Berücksichtigung, wobei die Fähigkeit der Familien geschult wird, systematisch und zielgerichtet Lösungsansätze in längerfristigen Handlungsprozessen zu entwickeln und umzusetzen. Regelmäßig vorkommende oder im Schweregrad besonders gravierende Verhaltensweisen, wie Suchtmittelgebrauch, Gewaltanwendungen, Stehlen oder Schuleschwänzen werden hierbei konkret benannt, gemeinsam analysiert und schrittweise angegangen sowie Ressourcen zur Schaffung eines positiven Familienklimas identifiziert und nutzbar gemacht.
Auf häufig gestellte Fragen bzw. typische Probleme im Trainingsverlauf wird im 4. Kapitel eingegangen. Da das Training im häuslichen Umfeld der Familien stattfindet, stellen sich an den Trainer besondere Anforderungen in Hinblick auf Umgang mit Komplexität und Variabilität des Interventionsrahmens. Ihm werden hier Hinweise und Hilfestellungen zur Verfügung gestellt, um auch mit zeitlich und räumlich begrenzten Bedingungen im Trainingsverlauf und mit schwierigen Situationen zwischen den beteiligten Personen umzugehen. Dabei spielen Fragen zur Aufrechterhaltung der Teilnahmemotivation bzw. der Verhinderung eines Trainingsabbruchs eine Rollen, wie auch Fragen zur Verwendung der Trainingsmaterialien und Arbeitsblätter sowie zu einem angemessenen und individuell angepassten Einsatz der Trainingseinheiten.
Am Beispiel eines 11-jährigen Jungen und seiner spezifischen Problematik wird der Verlauf des Trainings im 5. Kapitel nochmals im Überblick dargestellt. Ausgehend vom Vorstellungsanlass und der Anamnese wird die gemeinsam erarbeitete Zielstellung benannt und dann der Trainingsverlauf kompakt dargestellt. Dabei werden Themen des Kindes und der Eltern, im Trainingsverlauf erzielte Ergebnisse und deutlich gewordene Ressourcen benannt.
Das 6. Kapitel wendet sich abschließend den Evaluationsergebnissen der Pilotstudie des Interventionstrainings zu. Die Stichprobe, das Design und die eingesetzten diagnostischen Instrumente werden beschrieben sowie erste Ergebnisse übersichtlich und knapp dargestellt. Dabei konnten in der Beurteilung der Verhaltensveränderungen durch die Eltern signifikante Symptomreduktionen nachgewiesen werden, die eine gute Wirksamkeit des Trainings attestieren. Eine weitere randomisierte Studie, die einen Vergleich zwischen Hometreatment und Beratungssetting in einer Kontrollgruppe vornimmt, wurde 2009 begonnen und befindet sich noch in Durchführung.
Diskussion
Das Manual stellt eine effektive und zielgerichtet vorgehende verhaltenstherapeutisch orientierte Methode zur präventiven Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jungendlichen und ihren Familienangehörigen vor. Das Besondere des hier beschriebenen Ansatzes ist die ganzheitliche, die Familie konsequent einbeziehende Vorgehensweise im häuslichen Milieu. Von daher ist das Interventionstraining besonders gut für den Einsatz in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) geeignet. Es richtet sich bevorzugt an SozialpädagogInnen und stellt ihnen zur Durchführung der Intervention einen sorgfältig ausgearbeiteten und übersichtlich dargestellten Handlungsleitfaden sowie eine Fülle geeigneter und das Training unterstützender Materialien zur Verfügung.
In seiner Darstellung und Formulierung ist das Manual sehr anwenderfreundlich aufgebaut und von daher für den Einsatz in der Praxis bestens geeignet. Die Form der Aufbereitung ermöglicht den standardisierten Einsatz des Manuals, so dass Interventionsergebnisse auch der Forschung zur Verfügung gestellt werden können.
Erste Ergebnisse der begleitenden Pilotstudie des Hometreatments belegen dessen Wirksamkeit insbesondere aus Sicht der betroffenen Eltern positiv. Hier wären weitere Erkenntnisse vor allem bezüglich langfristiger Wirkungen und Effekte sowie auch Fremdbeurteilungen externer Experten wünschenswert. Insofern darf man auf die Ergebnisse der noch in Durchführung befindlichen zweiten Studie gespannt sein.
Fazit
Das Autorenteam legt ein praxisnahes, effizientes und methodisch wohldurchdachtes Trainingskonzept für die Prävention von expansiven Verhaltensauffälligkeiten bei 8 -13-jährigen Kindern und Jugendlichen vor. Der methodisch sauber erarbeitete verhaltenstherapeutische Ansatz mit kognitivistischen und systemischen Anklängen scheint sehr gut für die Umsetzung in sozialpädagogischen Kontexten geeignet zu sein, wobei insbesondere ein Nachweis langfristiger Wirkeffekte wünschenswert wäre.
Rezension von
Prof. Dr. Ines Herrmann
Dipl. Psych., Dipl. Päd., Systemische Familienberaterin und -therapeutin (DFS), Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit / Schwerpunkt Beratung an der FH Erfurt
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