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François Höpflinger, Lucy Bayer-Oglesgy u.a.: Pflegebedürftigkeit und Langzeitpflege im Alter

Cover François Höpflinger, Lucy Bayer-Oglesgy, Andrea Zumbrunn: Pflegebedürftigkeit und Langzeitpflege im Alter. Aktualisierte Szenarien für die Schweiz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 110 Seiten. ISBN 978-3-456-84957-7. 26,95 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Der demographische Wandel hat Auswirkungen für die Gestaltung der Beziehungen zwischen den Generationen sowie der Organisation der Pflege. Das Buch thematisiert auf der Grundlage empirischer Ergebnisse und aktueller Hochrechnungen die Entwicklung in der Schweiz. Es wird ausgeführt, dass die Zahl der über 80-jährigen Menschen rasch ansteigen wird. Selbst bei positiver Entwicklung der Gesundheit im Alter ist – so die Autoren – mit einer steigenden Zahl von pflegebedürftigen alten Menschen zu rechnen. Eine spezielle Herausforderung stellen Menschen mit Demenz dar. Das Verhältnis von informeller und formeller Pflege wird sich ändern, etwa aufgrund familiendemographischer Wandlungen, neuer Ansprüche an professionelle Dienstleistungen oder sozialmedizinischer Entwicklungen.

  • Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung konkret für die Schweiz?
  • Wie wird sich die Zahl der pflegebedürftigen alten Menschen in den nächsten Jahrzehnten entwickeln?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich für Versorgungssysteme?
  • Wie steht die Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern dar?

Autor

Der Autor, Professor für Soziologie an der Universität Zürich, ist einer der bekannten Alternsforscher in der Schweiz. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms "Alter" hat er wesentlich zur Weiterentwicklung der Sozialgerontologie in der Schweiz beigetragen, war entscheidend an der Gründung des Zentrums für Gerontologie (ZfG) an der Universität Zürich beteiligt. In den letzten Jahren hat sich der Autor differenziert und umfassend mit Fragen des Wohnens, der Pflege, der Intergenerationenbeziehungen sowie der Erwerbstätigkeit in der zweiten Lebenshälfte beschäftigt.

Aufbau und zentrale Inhaltsbereiche

Die nun vorgelegte Studie umfasst neun Kapitel, in denen in knapper Form die Konsequenzen des demographischen Wandels in der Schweiz thematisiert werden. Dabei wird klar auf die zunehmende Belastung der Versorgungssysteme hingewiesen, jedoch pauschale und undifferenzierte „Horrorszenarien“ vermieden. Beispielsweise wird mehrfach erwähnt, dass der notwendige Ausbau sozialstaatlicher Hilfen nicht zu einer Abnahme familialer Solidarität, sondern zu einer verstärkten Spezialisierung intergenerationeller Austauschbeziehungen führen wird (Pflege durch Professionelle, Hilfe durch Angehörigen. Zu den einzelnen Kapiteln:

  • Kapitel 1 beschreibt (nach Einleitung und Zusammenfassung) grundlegende demographische Entwicklungen. Daten für die Schweiz werden präsentiert, Trends zur Lebenserwartung im Alter diskutiert (auch kontrovers), haushalts- und familiendemographische Perspektiven abgeleitet. Insgesamt ist von einer Zunahme von alten Menschen, vor allem der über 80-Jährigen, auszugehen. Auch die Lebenserwartung wird weiter steigen. Bei Männern wird für das Jahr 2060 eine Lebenserwartung von 83-89 Jahren, bei Frauen eine Lebenserwartung von 87-92 Jahren erwartet. Dies hat auch Konsequenzen u.a. für Partnerbeziehungen, denn der Anteil der Paarbeziehungen wird bei den 65-80-Jährigen (eher) gleich bleiben, bei den über 80-Jährigen (leicht) steigen.
  • Kapitel 2 thematisiert differenziert die Entwicklung der Pflegebedürftigkeit. Es wird auf verschiedenen Teilgruppen eingegangen, die subjektive Gesundheit beachtet sowie die Situation in der stationären Altenpflege beleuchtet. Es zeigt sich insgesamt, dass eine Minderheit der zu Hause lebenden alten Menschen funktional eingeschränkt ist (vor allem bei den über 85-Jährigen), während die Mehrheit der Heimbewohner mehr oder weniger stark pflegebedürftig ist. Jedoch lebt eine nicht unbeträchtliche Minderheit auch aus sozialen, psychischen oder wirtschaftlichen Gründen in einer Institution.
  • Kapitel 3 stellt die Pflegequoten, unterschieden nach Alter und Geschlecht, dar. Während bei der Altersgruppe der 75-79-Jährigen weniger als 10% pflegebedürftig sind, so ist bei den über 90-Jährigen mit einer Pflegequote von 50% zu rechnen. In der Schweiz sind 2008 zwischen 115000 und 119000 ältere Menschen (ab 65 Jahre) als pflegebedürftig einzuschätzen. Mit einer Steigerung dieser Zahl ist zu rechnen – je nach unterschiedlichen Szenarien. Beim schlechtesten Szenario (Kombination von verstärkter Alterung und Morbidität) werden bis zu 230000 pflegebedürftige alte Menschen im Jahr 2030 erwartet.
  • Kapitel 4 diskutiert die Auswirkungen auf die informelle Pflege. Dabei werden vier Entwicklungen prognostiziert. Erstens sinkt die relative Bedeutung der Hilfe durch den Partner, wobei Männer nach wie vor häufiger Hilfe von ihrer Ehefrau erhalten als umgekehrt. Zweitens gehören Töchter – soweit vorhanden – weiterhin zu zentralen Unterstützungspersonen. Drittens werden Söhne, wenn auch nicht überwiegend, an Bedeutung gewinnen, vor allem für die Pflege im hohen Alter. Viertens sind Geschwister und Enkelkinder weniger bedeutsam – die Kernfamilie (Partner, Töchter) steht bei der informellen Pflege im Zentrum.
  • In Kapitel 5 und 6 stehen formelle Pflegesysteme (ambulant und stationär) im Vordergrund. Ein Ausbau ist erforderlich, wird jedoch nicht – wie oben bereits angedeutet – zu einer Verdrängung informeller Pflege führen. Altersheime werden sich zunehmend zu Einrichtungen für Menschen im hohen Lebensalter bzw. für Menschen am Lebensende entwickeln. Menschen mit Demenz werden dort einen hohen Anteil ausmachen. Diese Veränderungen sind bereits in Deutschland Realität. Eine Differenzierung der Versorgungsstruktur wird erwartet, vor allem im Hinblick auf teilstationäre und teilambulante Angebote.
  • Kapitel 6 und 7 befassen sich mit Szenarien im intereuropäischen Vergleich sowie abschließend mit Trendentwicklungen für die Schweiz. Insgesamt gehört die Schweiz zu den Ländern, die von einer ausgedehnten behinderungsfreien Lebenserwartung profitiert. Relativ viele alte Menschen werden stationär gepflegt, so dass 80% der öffentlichen Ausgaben für die Langzeitpflege aufgewendet werden müssen. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass in der Schweiz private Ausgaben für die Langzeitpflege dominieren und familiale Pflegeleistungen nicht öffentlich unterstützt werden (z.B. durch eine Pflegeversicherung wie in Deutschland). Für die Schweiz wird davon ausgegangen, dass ambulante professionelle Hilfe in Zukunft stärker nachgefragt wird, eine stärker Spezialisierung und Technisierung (Telemedizin) zu erwarten ist, ebenso eine Zunahme von Koordinations- und Vermittlungsfunktionen zwischen den verschiedenen Hilfesystemen (Krankenhäuser, Angehörige, Ärzte). Viele bisherige Grenzziehungen im Alterspflegebereich – ob lokal versus international, privat versus öffentlich, ambulant versus stationär, formell versus informell – werden sich zwar nicht vollständig auflösen, zumindest aber verwischen.

Zielgruppen

Verantwortungsträger in den Wohlfahrtsverbänden, Gerontologen und Pflegewissenschaftler, Wissenschaftler aus verschiedenen gesundheitsbezogenen Disziplinen – vor allem jene, die an demographischen Entwicklungen und den Konsequenzen für informelle und formelle Pflegesysteme interessiert sind.

Fazit

Ein gutes, interessantes und wichtiges Buch. Das Buch argumentiert auf der Grundlage von Hochrechnungen und Szenarien, die datenbasiert sind. Ebenfalls werden aktuelle Prognosen vom Bundesamt für Statistik in der Schweiz, die Schweizerische Gesundheitsbefragung sowie die Erhebung zum Gesundheitszustand älterer Menschen in Institutionen mit beachtet. Die Einschätzungen sind abgewogen, soziologisch fundiert, relevant für die gerontologische, (verbands)-politische und trägerspezifische Diskussion. Das Buch regt an, über die Neuausrichtung sozialer Hilfen und Dienste (sowie institutioneller Angebote) nachzudenken. Vor allem die stärkere Vernetzung und Integration der verschiedenen Hilfesysteme zwingt dazu einen „long term care“-Bereich zu konzipieren, der sich nicht ständig durch unüberwindbare Koordinations- und Kooperationsprobleme selbst lahm legt. Eine Analyse dieser Problematiken, die letztlich in kulturellen Dispositionen zu verorten sind, war (leider) nicht mehr Gegenstand dieses Buches. Insgesamt ziehe ich ein rundum positives Resümee und bin gespannt auf weitere Veröffentlichungen des Autorenteams.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 06.02.2012 zu: François Höpflinger, Lucy Bayer-Oglesgy, Andrea Zumbrunn: Pflegebedürftigkeit und Langzeitpflege im Alter. Aktualisierte Szenarien für die Schweiz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84957-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11103.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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