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Oliver Dimbath, Peter Wehling (Hrsg.): Soziologie des Vergessens

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 23.02.2011

Cover Oliver Dimbath, Peter Wehling (Hrsg.): Soziologie des Vergessens ISBN 978-3-86764-275-0

Oliver Dimbath, Peter Wehling (Hrsg.): Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. 362 Seiten. ISBN 978-3-86764-275-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr.
Reihe: Theorie und Methode - Sozialwissenschaften.

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Herausgeber

Oliver Dimbath ist Akademischer Rat am Lehrstuhl für Soziologie der Universität Augsburg. Peter Wehling ist ebendort wissenschaftlicher Mitarbeiter und außerdem Privatdozent an der Universität München. Die Herausgeber beschränken sich nicht nur auf die sehr instruktive Einleitung des Sammelbandes, der 15 Beiträge umfasst; sie sind darüber hinaus als Allein- und Co-Autoren im Buch vertreten.

Ausgangslage

Spätestens seit den 1960er Jahren sind die Regierungen der BRD faktischerweise das, was sie moralischerweise von Anfang an sein sollten: „Erinnerungsregime“, die unter der Parole „Wider das Vergessen“ eine „Vergangenheitspolitik“ mit dem Generalziel betreiben, „dass Auschwitz sich nicht wiederhole“ (Adorno). Dem hohen Kurswert des „Erinnerns“ steht die Geringschätzung des „Vergessens“ gegenüber. Das Vergessen wird heute primär als Krankheit (Alzheimer!) thematisiert, nicht aber als ernsthafte soziologische Kategorie. Das vorliegende Buch dient u. a. der „Wiederentdeckung des Vergessens“ (S. 7), ja mehr noch: seiner sozial- und kulturwissenschaftlichen Rehabilitation, ohne freilich eine erinnerungspolitische Revision damit zu verbinden. Denn das in Deutschland vorherrschende Verständnis, dass sich im Schatten des Holocaust „nur dann eine stabile Demokratie entwickeln kann, wenn es ein öffentliches Erinnern an die eigene Verbrechensgeschichte gibt“ (S. 214), bleibt unangetastet.

Zwei Teile

Im ersten Teil des Buches finden sich grundlagenorientierte Beiträge, die den Spuren des Vergessensthemas in klassischen soziologischen Theorien nachgehen, von Maurice Halbwachs über Karl Mannheim und Alfred Schütz bis zur Frankfurter Schule, Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu.

Der zweite Teil des Buches widmet sich ausgewählten empirischen Fragestellungen:

  • Zur Bedeutung des Vergessens im Kontext von Vergangenheitspolitik. Gedächtnispolitisch wird das Verhältnis von Erinnern und Vergessen neu zur Diskussion gestellt.
  • Zur Bedeutung des Vergessens im Lichte der neuen Medien: „Das Netz vergisst nichts“, heißt es hinsichtlich der unermesslichen Speicherkapazitäten digitaler Medien. Fluch oder Segen? Was ist, wenn die persönliche Vergangenheit stets netzpräsent ist und wir zu jeder Zeit von ihr eingeholt werden können?
  • Zur Bedeutung des „intelligenten Vergessens“ und des „Entlernens“ in der Organisations- und Managementforschung: „Wissen als Belastung und Nichtwissen als Ressource.“ (S. 284)
  • Zur Bedeutung des „wissenschaftlichen Oblivionismus“ (ein Begriff von Harald Weinrich) als einer Strategie des systematischen Ignorierens, Übersehens und Übergehens in der scientific community;
  • Zur Bedeutung pharmakologischer „Vergessenspillen“ bei der Trauma-Behandlung;
  • Zur Bedeutung des missbräuchlichen Umgangs mit dem Vergessen, etwa bei Zeugen vor Gericht.

Kontext, Definition, Wechselspiel

Nach Paul Connerton sind es vor allem die zeitlichen und räumlichen Strukturen einer enorm beschleunigten kapitalistischen Ökonomie sowie die Allgegenwart fragmentierter medialer Informationen, die das Erinnern schwächen und das Vergessen von Orten, Dingen und zeitlichen Kontinuitäten massiv vorantreiben. Solche Überlegungen führen mitten hinein in die Fragestellungen der Soziologie des Vergessens: „Welche gesellschaftlichen Faktoren begünstigen oder verhindern das Vergessen, in welchem Verhältnis stehen Erinnern und Vergessen in sozialen Praktiken und welche Wirkungen haben sie jeweils, wie werden Vergessen und Erinnern gesellschaftlich wahrgenommen und bewertet?“ (S. 13)

Unter Vergessen wird eine Variante des Nichtwissens verstanden, die den Verlust, das Verblassen oder auch das Verdrängen von bereits Gewusstem zum Inhalt hat. Das Vergessen wird als soziale und sozial geprägte Aktivität begriffen und darum „soziales Vergessen“ genannt: „Genauer geht es hierbei um die Sozialität oder Gesellschaftlichkeit des Vergessens… In den Blick soziologischer Analyse kommen damit … erstens die sozialen Prägungen individuellen Vergessens; zweitens Vergessenformen und –praktiken in sozialen Gruppen und Organisationen; drittens Vergessensprozesse und –dynamiken auf der Ebene sozialer Felder und Teilsysteme (Wirtschaft, Religion etc.) sowie ganzer Gesellschaften…“ (S.19)

Das menschliche Vergessen als soziales Vergessen wird mal schlicht, mal weniger schlicht debattiert. Schlicht: Eine Funktion des Vergessens ist das „Freimachen von Informationsverarbeitungskapazitäten.“ (S. 153) Schlicht auch die wiederholte Betonung der „Komplexitätsreduktion“ durch Vergessen. Weniger schlicht: Eine Funktion des Vergessens ist die Ermöglichung sozialen Wandels. Denn das Vergessen verhindert die „Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen“. (S. 76) Geradezu vertrackt ist der Emanzipationsgedanke, der mit gnädigem Vergessen verknüpft wird und auf einen Satz des Philosophen Alfred N. Whitehead zurückgeht, der sinngemäß geschrieben hat: Eine Wissenschaft ist verloren, wenn sie sich weigert, ihre Gründerväter zu vergessen. (vgl. S. 301)

Anregende Perspektiven

Leben wir in einer Epoche der gesellschaftlichen Neuordnung des Vergessenswerten? An vielen Stellen legt das Buch eine Bejahung der Frage nahe:

  • In einer profitwirtschaftlich denkenden Wissensgesellschaft wird als erstes das „unnütze Wissen“ dem Vergessen überantwortet.
  • In einer durchgängig digitalisierten Gesellschaft droht alles, was nicht digitalisiert und digitalisierbar ist, in Zukunft vergessen zu werden.
  • Numerische Rankings gewinnen Macht darüber, was erinnert und was vergessen wird. Schon heute gilt für Schüler: Was bei Google nicht auffindbar ist, existiert auch nicht. Aber Internetsuchmaschinen listen nur das auf, was häufig gesucht wird. Im Wissenschaftsbetrieb übernimmt der „impact factor“ diese Rolle. Der impact factor ist eine Maßzahl, die sich aus der Häufigkeit errechnet, mit der ein bestimmter Text in einem festgesetzten Zeitraum durch andere Arbeiten zitiert wird. (vgl. S. 309) Texte, die wohl publiziert, aber nicht zitiert werden fallen durch die ausbleibende Anschlusskommunikation dem Vergessen anheim. Dazu gehören auch Werke („sleeping beauties“), die ihrer Zeit weit voraus sind und erst Jahrzehnte später mit großem Gewinn entdeckt werden.
  • Die sich ausbreitende „Dominanz des Visuellen“ (Bild-Logik rangiert vor diskursiver Logik: „Viskurs“ steht vor Diskurs) führt zu einem Vergessen des Komplizierten: Verbildlichungen, Visualisierungen sind in der Regel „Abbreviaturen komplexer Zusammenhänge“ (S. 133), die mit einer „affirmativen ‚Struktur der Evidenz‘ als Wahrheitsformat“ einhergehen. (S. 134) Nur was sich ikonisch zeigen lässt, gilt als beglaubigt. Überspitzt bezogen auf das Nachrichtenwesen der audiovisuellen Massenkommunikationsmedien: Was nicht visualisierbar ist, ist nicht nachrichtenfähig.

Fazit

Die Herausgeber betonen, dass es sich bei dem Buch um einen „ersten Schritt“ handelt, der soziologischen Diskussion „ein bisher vernachlässigtes Themenfeld“ zu erschließen. Aber das Buch ist mehr als ein erster Schritt: Es repräsentiert den „state of the art“ der zeitgenössischen Vergessens-Soziologie.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Es gibt 102 Rezensionen von Klaus Hansen.

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ISSN 2190-9245