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Klaus Dietze, Manfred Spicker: Wie viel ist noch normal?

Rezensiert von Prof. lic. phil. Urs Gerber, 27.09.2011

Cover Klaus Dietze, Manfred Spicker: Wie viel ist noch normal? ISBN 978-3-407-85930-3

Klaus Dietze, Manfred Spicker: Wie viel ist noch normal? Alkoholprobleme erkennen und überwinden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 3., vollst. überarbeitete Auflage. 200 Seiten. ISBN 978-3-407-85930-3. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Autoren

Die Autoren besitzen umfangreiche praktische Erfahrungen in der Suchtprävention und in der Behandlung von suchtkranken Menschen.

Klaus Dietze ist in der Suchtprävention, im Stressmanagement und in der psychosozialen Unterstützung von Mitarbeitenden tätig.

Manfred Spicker ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut in freier Praxis mit den Schwerpunkten Einzel- und Paartherapie, Coaching, Supervision und Suchttherapie. Er war langjähriger Gruppentherapeut und Teamleiter in einer Suchtklinik.

Thema

Das Hauptziel der Autoren besteht darin, den Betroffenen und den Angehörige eine Orientierungshilfe zu bieten. In ihrer Publikation beantworten sie grundlegende Fragen auf anschauliche Art und Weise:

  • Wie entsteht Alkoholabhängigkeit?
  • Welche Ausstiegshilfen gibt es?

Sie lichten für die Betroffenen den Dschungel der Angebote, so dass die Betroffenen für sich einen geeigneten und gangbaren Weg finden können.

Den Serviceleistungen kommt ein grosser Stellenwert zu: Ein Kapitel beschäftigt sich mit Hinweisen und Tipps für die Angehörigen und anderen Bezugspersonen.

Aufbau

Die Autoren erläutern den kulturellen Umgang mit Alkohol in unserer Gesellschaft. Sie stellen die Formen und Ursachen der Alkoholabhängigkeit dar. Ein Selbsttest bietet die Möglichkeit, den eigenen Alkoholkonsum zu analysieren. Sie präsentieren den Aushandlungsprozess für die Entscheidung zur Mässigung oder zur Abstinenz. Detailliert zeigen sie die verschiedenen Möglichkeiten von Massnahmen auf: Von der Selbsthilfe über die psychosoziale Unterstützung bis zu den verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Danach folgt ein Beitrag, was Angehörige und andere Bezugspersonen förderliches tun können. Schliesslich listen die Autoren die wichtigsten Adressen und Telefonnummern auf, die weiterhelfen können. Am Schluss erläutern sie die wichtigsten Fachbegriffe erläutert und stellen fünf Literaturtipps zur Vertiefung vor. Hilfreich sind die Zusammenfassungen jeweils am Schluss jeden Kapitels.

Inhalt

Im Kapitel 1 - Zwischen Genuss und Abhängigkeit - beschreiben die Autoren die physiologische Wirkung von Alkohol. Sie weisen auf die Schwierigkeit hin, die Grenzen zwischen ?normalen? Konsum, riskantem Konsum, Problemtrinken und abhängigem Trinken die Grenzen zu ziehen. Das erklärt auch, weshalb viele unvermittelt in eine Abhängigkeit geraten. Zusätzlich machen sie auf die gefährliche Wechselwirkung zwischen Nikotin und Alkohol aufmerksam.

Im Kapitel 2 - Die verschiedenen Formen der Abhängigkeit - erörtern sie die Typologie von Jellinek. Dazu liefern sie Beispiele. Für die Frauen nutzen sie die Typisierung nach Vogt. Sie sprechen zwei weitere Problemkreise werden an: Jugendliche können schneller abhängig als Erwachsene werden und bei einer Sucht besteht immer auch die Gefahr einer Suchtverlagerung.

Im Kapitel 3 - Ursachen der Alkoholabhängigkeit - stellen sie das bio-psycho-soziale Modell einer Krankheit dar. Genetische Veranlagungen und biochemische Prozesse im Gehirn sprechen sie ebenso an wie Risikofaktoren im psychologischen und sozialen Bereich. Schutzfaktoren erwähnen sie nicht.

Im Kapitel 4 - Wie alkoholgefährdet bin ich? - schlagen die Autoren einen Test vor, bei dem die Trinkmenge über einen Zeitraum von sechs Monaten, beobachtet wird. Sie geben Obergrenzen von Alkoholmengen an und verordnen auch alkoholfreie Tage. Falls man nach den ersten sechs Monaten unsicher ist, besteht die Möglichkeit den Test um weitere sechs Monate zu verlängern. Der Test lädt ein zum Beobachten und Registrieren der eigenen Trinkmenge und dem Vergleichen mit gesundheitlich unbedenklichen Masseinheiten von Alkohol. Schwangere Frauen, Alkoholkranke, die sich für Abstinenz entschieden haben, Jugendliche, ältere Menschen und Menschen, die psychotrope Stoffe zu sich nehmen etc. sollen den Test nicht absolvieren.

Im Kapitel 5 - Mässigung oder Abstinenz - wägen sie das Pro und Contra der beiden Konzepte ab. Die Autoren schlagen einen pragmatischen Weg vor: Wer denkt, er könne einen kontrolliertem Konsum leben, soll dies unter kundiger Anleitung versuchen. Wer von sich weiss, dass es für ihn nur ein Entweder oder Oder gibt oder bereits mehrfach beim kontrollierten Konsum gescheitert ist, soll sich für Abstinenz entscheiden.

Im Kapitel 6 - Hilfsangebote und Wege aus der Abhängigkeit - zeigen sie die verschiedenen Zugangswege zur Hilfe respektive zur Selbsthilfe auf und liefern gleichzeitig Argumente für oder gegen einen Weg.

Das Kapitel 7 - Psychotherapeutische Verfahren in der Suchtbehandlung - zählt gebräuchliche Verfahren auf und schildert deren Hintergrund, das Menschenbild, ihre Stärken und Schwächen. Die Autoren wagen dabei auch einen Blick in die Zukunft. Ihrer Meinung nach wird der Therapeut in Zukunft weniger eine heilende Funktion haben als vielmehr eine informierende, beratende. Auch hier weisen sie der aufsuchenden Soziale Arbeit eine grössere Bedeutung zu.

Im Kapitel 8 - Hilfe zur Selbsthilfe - stellen die Autoren die verschiedenen Selbsthilfegruppen mit ihren Entstehungsgeschichten und Konzepten vor. Dies sind die Anonymen Alkoholiker, das Blaue Kreuz, die Freundeskreise, die Guttempler und der Kreuzbund. Ebenfalls in diesem Kapitel finden sich ein Genesungs-/Krisenraster und hilfreiche Tipps zum Nüchtern bleiben.

Das Kapitel 9 - Was Angehörige und andere Bezugspersonen für sich tun können - befasst sich vor allem mit dem Konzept der Ko-Abhängigkeit in all seinen Facetten. Dazu stellen sie die Methode der konstruktiven Konfrontation vor. Leider beziehen die Autoren das neue Konzept der Angehörigenberatung nicht ein: Communitiy Reinforcement Approach Family Training (CRAFT).

Das Buch wird abgerundet durch drei weitere Kapitel: Im Kapitel 10 werden die wichtigsten Adressen, Telefonnummern und Websites aufgelistet. Im Kapitel 11 folgt ein Glossar der wichtigsten Begriffe und das Schlusskapitel 12 enthält fünf kommentierte Literaturtipps.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich anPersonen, die mit Alkoholproblemen konfrontiert sind. Durch die Lektüre sollen sie ihr Verhalten besser verstehen lernen und möglicherweise auch ändern.

Eine weitere Zielgruppe sind Bezugspersonen von Menschen mit Alkoholproblemen, zum Beispiel Angehörige. Auch sie sollen ihr Verhalten besser verstehen und verändern können.

Fazit

Das Buch bietet eine gute Möglichkeit für Alkoholkranke und Betroffene durch Selbstlektüre die vielen Aspekte der Krankheit besser zu verstehen. Gerade in ambulanten und stationären Institutionen erweist es sich als praktisch, Patienten und Patientinnen auf Bücher hinweisen zu können. Oft haben sie das Bedürfnis, mehr über Alkoholismus und den Hintergrund ihres Leidens zu erfahren.

Auch für Angehörige eignet sich das Buch. Sie können so besser nachvollziehen, welche Vorgänge das Suchtgeschehen prägen. Darüber hinaus erhalten sie Verhaltenstipps.

Die einfache Sprache mit den vielen Beispielen, die das Geschriebene illustrieren, trägt viel zur guten Verständlichkeit bei.

Rezension von
Prof. lic. phil. Urs Gerber
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Olten
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Es gibt 11 Rezensionen von Urs Gerber.

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Zitiervorschlag
Urs Gerber. Rezension vom 27.09.2011 zu: Klaus Dietze, Manfred Spicker: Wie viel ist noch normal? Alkoholprobleme erkennen und überwinden. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 3., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-407-85930-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11118.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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