Christian Galle-Hellwig (Hrsg.): Musiktherapie in Lebenskrisen
Rezensiert von Dipl. Musiktherapeut Thomas Schrauth, 13.07.2011
Christian Galle-Hellwig (Hrsg.):Musiktherapie in Lebenskrisen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2010. 126 Seiten. ISBN 978-3-89500-738-5.
Reihe: Institut für Musiktherapie
Thema und Entstehungshintergrund
Das von Christian Galle-Hellwig herausgegebene Buch „Musiktherapie in Lebenskrisen“ beschäftigt sich in sechs Kapiteln mit dem Begriff der Krise, Umgang mit Krisen, musiktherapeutischen Möglichkeiten und Grenzen bei Krisen und einem seelsorgerischen Blick auf das Thema Krise. Das Buch ist als Tagungsband der 18. Musiktherapietagung am Freien Musikzentrum München e.V. vom 06. - 07. März 2010 konzipiert und spiegelt so das große Spektrum der Tagung zum Thema Musiktherapie in Lebenskrisen wider.
Herausgeber
Der Herausgeber Christian Galle-Hellwig ist Dipl. Musiktherapeut, Dipl. Klavierpädagoge, Psychotherapeut (HPG), Lehrmusiktherapeut an der Berufsbegleitenden Weiterbildung für Musiktherapie am Freien Musikzentrum München sowie Dozent an einer Logopädieschule.
Aufbau
Nach einem kurzen Vorwort des Herausgebers schreibt Dorothee von Moreau über „Krisen in der Entwicklung - Entwicklungskrisen“.
„Psychiatrische Krisenintervention - die interdisziplinäre Aufgabe, mit seelischer Not umzugehen“ ist das Thema, mit dem sich Susanna Scherbaum im zweiten Kapitel beschäftigt.
Claus Roeske fasst im dritten Kapitel seine Erfahrungen zu dem Thema „Musiktherapie im Notfallkoffer - Musik bei ressourcenorientierten stabilisierenden Kriseninterventionen“ zusammen.
Im vierten Kapitel schreibt Bettina Kandé-Staehelin über die „Musiktherapeutische Begleitung von Menschen in Lebenskrisen mithilfe des Konzeptes der Vielfältigen Identität“.
Sigrid Schulz berichtet in Kapitel fünf unter dem Titel: „Ich fahr dahin mein Straßen über Schwierigkeiten und Chancen des Lebens in der Fremde“.
Abschließend beleuchtet Rainer Deschler in Kapitel sechs den „Sinn in der Krise???“.
Inhalt
Im ersten Kapitel gibt Dorothee von Moreau einen Einblick in Kennzeichen und Herausforderungen von Krisen, die aus ihrer Sicht ein Gegenstück zum Alltag darstellen, da „die über lange Zeit erarbeitete und immer wieder fein nachgestimmte Passung von Person und Umwelt (…) fundamental attackiert [wird und] Handlungsroutinen und Bewältigungsstrategien (…) auf einmal nicht mehr ausreichen, um neuen Anforderungen gerecht zu werden.“ (S. 9) Anschließend charakterisiert sie auslösende Events und Non-events von Krisen und gibt allgemeine Strategien zur Krisenbewältigung. Zum Schluss arbeitet die Autorin die Resilienz als möglichen Krisenpuffer heraus.
Susanna Scherbaum beschreibt im zweiten Kapitel basierend auf ihren Erfahrungen aus dem Tätigkeitsfeld der Akutpsychiatrie heraus ein verhaltenstherapeutisch orientiertes Arbeitsmuster im Umgang mit verschiedenen Krisenfeldern (schwierige Lebenslagen, Lebenskrisen, akute Suizidgefahr und Suizidversuche). Sie betont in Notfall- und Kriseninterventionen eine klare Haltung des Behandlerteams und das Wissen um die Ambivalenz der Patienten als wichtige Ressourcen. Im weiteren Verlauf erstellt sie einen Leitfaden, in dem das Vorgehen in der Akutphase einer nachfolgenden Krisenintervention gegenübergestellt wird. Abschließend beschreibt sie differenziert das Vorgehen bei Störungen des Realitätsbezugs, bei Störungen des Affekts und bei Persönlichkeitsstörungen.
Das dritte Kapitel verfasst Claus Roeske im Hinblick auf zwei Fragestellungen:
- „Kann Musiktherapie bei der Regulation und Modulation belastender emotionaler Prozesse eine hilfreiche Methode sein?
- Unter welchen kontextuellen und personenbezogenen Bedingungen kann dies gelingen?“ (S. 42)
Er arbeitet die Wichtigkeit der geeigneten therapeutischen Methode für den individuellen Patienten heraus, wie z.B. eine individuell erstellte musikalische Ressourcen-CD oder das Singen. Nach Meinung des Autors gilt es „die bereits vorhanden Alltagsressourcen unserer Klienten zu erheben und gemeinsam passende Medien und Methoden zu finden. (…) Es ist (…) wichtig, sie zu kultivieren und dauerhaft zu trainieren, damit sie eine sichere, positive, neuronale Vernetzung und eine damit verbundene gefestigte neue Lernerfahrung werden.“ (S. 55)
Im vierten Kapitel stellt Bettina Kandé-Staehelin ihr Konzept der vielfältigen Identität als ressourcenorientiertes, dialogisches Identitätsmodell vor, das „Widersprüche als Voraussetzung für Weiterentwicklungsprozesse betrachtet, was die Integration von Krisenauslösern in ein bestehendes Identitätssystem begünstigen kann.“ (S. 74) Sie versucht mit entsprechenden Klienten die Vielzahl der lebensbeeinflussenden Faktoren neben der aktuell existierenden Krise herauszuarbeiten und diesen jeweils individuelle Klänge zuzuordnen. So versucht sie krisentypischen Gefühlen von Überforderung und Zerstückelung entgegenzuwirken.
Leben in der Fremde als mögliche Krise ist der Fokus des fünften Kapitels, in dem Sigrid Schulz eigene Erfahrungen mit Literaturzitaten Hilde Domins verknüpft. Sie führt dabei besonders in den Diskurs über Heimat und Migration. Die Brücke zur Musiktherapie schlägt sie, indem sie „das Grundgefühl der Entfremdung, dass man mit dem Fortgehen aus dem Vertrauten die Selbstverständlichkeit und leicht auch sich selbst verlieren kann“ (S. 78), mit einer Erhebung über Menschen mit Migrationshintergrund verbindet, die zum Teil eben auch Patienten der Musiktherapie sein können.
Im sechsten Kapitel stellt Rainer Deschler eine kritische Auseinandersetzung mit dem Postulat des Sinns in der Krise an den Beginn. Darauf aufbauend beleuchtet er Sinnzusammenhänge zwischen Seelsorge und Musiktherapie unter dem Fokus „Spirituelles in der Musiktherapie“. Im Weiteren stellt er einzelne Bausteine einer glaubwürdigen Seelsorge dar. Seine Ausführungen fasst er abschließend in sechs übergreifende Thesen zusammen.
Fazit
Der Tagungsband „Musiktherapie in Lebenskrisen“ von Christian Galle-Hellwig (Hrsg.) stellt ein spannendes Lesebuch für an der Musiktherapie Interessierte dar. Durch die Auswahl und Reihenfolge der einzelnen Kapitel entsteht ein umfassender Einblick in die Thematik Krise und Musiktherapie, wobei einschränkend anzumerken bleibt, dass sich lediglich drei Kapitel direkt mit Möglichkeiten der Musiktherapie in Krisen beschäftigen. Die anderen drei Kapitel bieten aber viele theoretische Gedanken zum Themenkomplex Krise, die sicherlich zu eigenem Nachdenken im Umgang mit Krisen im musiktherapeutischen Arbeitsalltag anregen können.
Rezension von
Dipl. Musiktherapeut Thomas Schrauth
M.A. - Musiktherapeut am Klinikum Stuttgart, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
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