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Silke Wehr, Thomas Tribelhorn (Hrsg.): Bolognagerechte Hochschullehre

Cover Silke Wehr, Thomas Tribelhorn (Hrsg.): Bolognagerechte Hochschullehre. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 288 Seiten. ISBN 978-3-258-07641-6. D: 32,50 EUR, A: 33,50 EUR, CH: 42,00 sFr.
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Thema

Durch die Bologna-Reform und das in ihr enthaltene Employability-Konzept ist in der Hochschullehre eine Wendung eingetreten. Während vormals das humboldtsche Universitätskonzept zumindest als Ideal noch Geltung hatte, auch wenn realiter die Norm beständig unterboten und entstellt wurde, so erscheint aktuell gerade die humanistische Idee einer Bildung als freie Entfaltung der menschlichen Kräfte am Gegenstand an Geltungsmacht zu verlieren. Das neue Paradigma setzt zwar ebenfalls am Gedanken selbsttätiger Lernprozesse an, diese sind jedoch vorwiegend auf erwerbsrelevante Kompetenzen hin ausgerichtet, kaum jedoch an eine Ganzheitlichkeit anstrebende Bildungsidee im Sinne einer Verknüpfung des Ichs mit der Welt angelehnt. Je nach Ausprägung erscheinen die neuen hochschuldidaktischen Konzepte als Taylorisierung universitärer Lehre, als Disziplinierung der Studierenden oder sie eröffnen mitunter tatsächlich nolens volens neue Freiräume.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband enthält neben einem Vorwort von Andreas Fischer und dem einführenden Beitrag von Silke Wehr 13 „Beiträge aus der hochschuldidaktischen Praxis“. Alle diese Beiträge verknüpfen praktische Lehrbeispiele mit entsprechenden Konzepten und Erläuterungen.

Nicht nur belehren, sondern auch befähigen – zur Förderung des Kompetenzerwerbs an der Hochschule (Silke Wehr). Im einführenden Beitrag von Wehr wird kurz der Zusammenhang zum Bolognaprozess hergestellt und es werden einige wesentlichen Schlagworte der aktuellen Debatte zur Hochschuldidaktik angerissen: Kompetenzorientierung, Student-Centered-Learning, Lernprozessorientierung. Die Vorstellung der Sammelbandsbeiträge fällt recht knapp aus.

Despkriptorengeleitete Seminargestaltung (Petra Bleisch und Dirk Johannsen). Das hier vorgestellte Konzept bemüht sich um eine Operationalisierung des angestrebten Learning-Outcomes respektive der durch die Studierenden zu erreichenden Kompetenzen in Anlehnung an die so genannten Dublin Deskriptoren. Es entsteht der Eindruck einer technischen Machbarkeit durch an Lernziele angepasste Methoden und eines gleichsam angepassten Assessments. So sollen etwa durch Referate gemäß der Deskriptoren „Darstellung“ und „Einstellungen“ Präsentations- und Vermittlungskompetenzen bzw. Kompetenzen zur reflektierten Diskussion vermittelt und überprüft werden. Als Beispiel dient eine Veranstaltung zur „Cognitive Science of Religion“.

Kompetenzorientierte Planung eines Bachelor-Seminars (Patrick Kuss). Ähnlich wie im Beitrag von Bleisch und Johannsen wird auch hier der Versuch einer Steuerung des Learning-Outcomes untergenommen. Der Gegenstand ist allerdings ein völlig anderer, Kuss verdeutlicht sein Konzept an einer Veranstaltung zur „Biodiversität der Alpen“. Auch Kuss beruft sich jedoch auf die Dublin Deskriptoren. Hinzu tritt jedoch das Konzept des „Alignements“, das heißt die Veranstaltung wird entscheidend durch den gezielten Einsatz von Leistungskontrollen gesteuert. Verschiedene kleinere methodisch-didaktische Konzeptchen und Methödchen kommen dann zum Einsatz – auch zum Beispiel das Lesen von Texten will schließlich effektiv gestaltet sein (mit der sogenannten PQ4R-Methode). Eine sequenzielle, verschiedene Formen der Leistungsüberprüfung erfassende Benotung und eine umfangreiche Feedback-Implementation runden die Planung ab.

Lehrperson oder Servicecenter? Zeitökonomische Beratung und Betreuung von Studierenden (Eva Hoffmann-Zang). Hoffmann-Zang greift das sicherlich viele Lehrende betreffende Problem der Notwendigkeit einer Betreuung von Studierenden bei begrenzten Zeitkapazitäten in ihrem Beitrag auf. Sie schlägt die Beratung Studierender nach einem von ihr modifizierten Stufenmodell, die Einrichtung einer FAQ-Liste und die obligatorische Vorab-Formulierung von Fragen durch die Studierenden im Vorfeld eines Beratungsgesprächs vor.

Theorie-Praxis-Verbindung mit Hilfe von strukturiertem Peerfeedback (Thomas Tribelhorn). Der Beitrag von Tribelhorn bewegt sich auf einer Meta-Ebene, denn ihm geht es darum didaktische Mittel zur Vermittlung hochschuldidaktiktischer Kompetenzen aufzuzeigen, also gewissermaßen Didaktik der Hochschuldidaktik nach dem Motto „Teach as you preach!“ am Beispiel einer hochschuldidaktischen Weiterbildungsveranstaltung. Nach dem vielgepriesenen Konzept des Peerfeedbacks wurden von den Teilnehmenden skizzierte Assessment-Situationen selbst einer Bewertung auch hinsichtlich der Kompatibilität mit angestrebten Kompetenzen bei den Lernenden unterzogen. Das panoptische, reziproke Assessment sorgt so für eine totalisierte Qualitätskontrolle.

Das Lehrportfolio zur formativen Selbstpräsentation (Silke Wehr). Wehr beschreibt hier das Lehrportfolio als Komplement des Lernportfolios, d.h. wie ein Portfolio zur Reflexion der eigenen Lehrtätigkeit und Selbststeuerung eingesetzt werden kann. Daneben geht sie auch auf den summativen Einsatz von Lehrportfolios vor allem bei Bewerbungen ein. Sie gibt auch ganz konkrete Hinweise zur Erstellung eines Portfolios wieder.

Ein Selbstinterview zur Reflexion des eigenen Lehr-Lern-Verständnisses (Adrian Baumgartner). In diesem Text von fast schon literarischer Qualität legt Baumgartner sein Selbstverständnis als Lehrperson dar. Eine durchaus humanistische Ausrichtung und eine mäeutische Grundhaltung gepaart mit vielfältigen didaktischen Methoden und dem Desiderat einer problembasierter Lehre, die der Unterstützung der Hochschule bedarf, kommen hier zum Ausdruck.

Diskussion

M.E. ist die derzeitige Konjunktur der Hochschuldidaktik ein hochambivalentes Phänomen. Zum einen lassen manche der vorgestellten Beiträge eine derartige Operationalisierungswut erkennen, dass die Möglichkeit von tatsächlichen Bildungsprozessen, die immer auch Ausschweifungen und Entschleunigung benötigen, hier zumindest in Frage gestellt werden muss. Die Angst vor dem so genannten „trägen Wissen“ führt zudem dazu, immer sogleich nach Anwendungsmöglichkeiten zu suchen, was eine vertiefende und kritische Reflexion des Gelernten erschweren dürfte. Andererseits sorgt der Paradigmenwechsel auch für eine Demokratisierung akademischer Bildung (sofern von dieser noch gesprochen werden kann), denn die Ausrichtung auf die Studierenden verhindert, dass der Dozent selbstgefällig vor sich hin doziert und die Verantwortung für Verständnisschwierigkeiten allein bei den Studierenden liegt. Gerade der letzte phantasievolle Beitrag von Baumgartner weckt Hoffnung, dass die Reflektion der eigenen Rolle als Lehrperson nicht auf eine rein behavioristische Ausrichtung auf Kompetenztrainings und eine Infantilisierung der Studierenden durch Verschulung hinauslaufen und auch die theoretische Rückbindung praxisrelevanter Konzepte nicht zu kurz kommen muss. Hierzu bedarf es jedoch eine Rückbesinnung auf humanistische Ideale, selbst wenn diese nur approximativ in der Lehre erreicht werden können. „Selbststeuerung“ trägt auch ein Moment der Freiheit in sich, dass zugleich jedoch vom Verdacht der unbemerkten Zurichtung durch Subjektivierungstechniken affiziert ist. Die umfassende Qualitätskontrolle ist zwar in mancher Hinsicht sinnvoll, hat aber auch etwas von „Big Brother“ und sollte die Hinterfragung der angelegten Kategorien nicht verunmöglichen, gerade weil sie an Verbindlichkeit zunimmt.

Fazit

Jenseits dieser normativen Überlegungen liefert das Buch für die Befürworter der aktuellen Tendenzen eine Fundgrube von Anleitungen zur Modifikation der eigenen Lehre und Beratungstätigkeit und für Aspiranten einer Hochschulkarriere Hinweise für die nötige optimierte Selbstdarstellung. Schade ist, dass gerade Konzepte, die bei entsprechend reflektierter Anwendung durchaus neue Freiräume schaffen könnten (wie das Problem Based Learning oder das Online-Learning) unterbelichtet sind.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 31.03.2011 zu: Silke Wehr, Thomas Tribelhorn (Hrsg.): Bolognagerechte Hochschullehre. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-258-07641-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11126.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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