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Astrid Hassler: Ausbildungssupervision und Lehrsupervision

Cover Astrid Hassler: Ausbildungssupervision und Lehrsupervision. Ein Leitfaden fürs Lehren und Lernen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-258-07645-4. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,00 sFr.
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Thema und Hintergrund

Ausbildungssupervision und Lehrsupervision sind zwei unterschiedliche Formate, die vor allem einen gemeinsamen Aspekt haben: Sie begleiten beide Lernprozesse im Kontext von Ausbildungen. Ausbildungssupervision begleitet die Professionalisierung von SozialpädagogInnen, Lehrsupervision die von SupervisorInnen. Beide sind im Hinblick auf die ausbildenden Institute externe Settings, die – bei aller notwendigen Rückkopplung – die Chance der dritten Perspektive nutzen sollen. Nun gibt es wohl für die sozialpädagogische Ausbildung durchdachte Konzepte, ebenso für die Ausbildung von SupervisorInnnen, aber kaum für Ausbildungs- und Lehrsupervision. Die (veröffentlichten) Gedanken, die die Autorin dazu zitieren kann, stammen aus den Jahren 1997/98 und bieten auch noch kein konsistentes Modell. Der Autorin ist dafür zu danken, dass sie dieses Defizit gefüllt hat.

Autorin

Astrid Hassler ist Geschäftsführerin des Institut für Lehrsupervision und Ausbildungssupervision ilea gmbh in St. Gallen. Sie ist Organisationsberaterin, Supervisorin und Trainerin sowie Lehrtrainerin in entsprechenden Ausbildungen. Darüber hinaus versieht sie Lehrtätigkeiten an der FHS St. Gallen. Nähere Informationen zu ihrem Institut, ihrer Arbeitsweise und ihrer Person sind auf ihrer Homepage zu finden: http://www.ahassler.ch.

Aufbau und Inhalt

Nach dem Vorwort und einer kurzen Einführung stellt die Autorin anhand einer Graphik ihr „Modell der Lehr- und Ausbildungssupervision“ vor, das LE-A-S Modell®. Es folgt das erste Kapitel: Grundlagen und Rahmenbedingungen. Ausbildungs- und Lehrsupervision werden als Formate vorgestellt, die Inhalte beschrieben, die Unterschiede festgehalten und die unterschiedlichen Formen dargestellt. Dabei fungiert Lehrsupervision auch als „Modell für Beratung“, d.h. Lehrsupervision bedeutet auch „Lernen am Modell“. Auch der Dreiecksvertrag, der in beiden begleitenden Supervisionsformen eine Rolle spielt, wird im ersten Kapitel bereits benannt – und dann allerdings in der ganzen Abhandlung weiter verfolgt.

Das zweite Kapitel beschreibt den „Lernprozess der Trainee“. Schon die im Inhaltsverzeichnis genannten Stichworte beschreiben den thematischen Rahmen gut: Es geht zunächst um Konzeptbildung: um die des Systems Lehr- und Ausbildungssupervision, um die der Trainee und um die der Trainerin, wobei die des Trainees deutlich fallbezogen ist: Sie orientiert sich immer wieder an dem Auftrag des Klienten, alles andere folgt der Prämisse, die z.B. Steve de Shazer den von ihm begleitenten BeraterInnen mit den Worten „What does the client want?“ eingeschärft hat. Danach geht es um Rollenreflexion: Rolle und Rollenverhalten, Rollenmanagement sowie Mann-Frau-Rollen. Es folgen Abschnitte zum Thema „Lernen“ in verschiedenen Perspektiven. So werden unterschiedliche „Lernzielstufen“ (Reproduktion, Reorganisation, Transfer etc.) sowie deren Überprüfungen beschrieben. Weiter gibt die Autorin einen tabellarischen Überblick über Handlungen, die zu einem handlungsorientierten Lernen führen, sowie über unterschiedliche Lernmethoden, die für die beschriebenen Formate grundlegend sind. Abschließend werden in dem Kapitel Schlüsselkompetenzen für Beratung differenziert und für Lernprozesse nachvollziehbar beschrieben.

Das dritte Kapitel ist der „Steuerung der Lehr- und Lernprozesse durch den Trainer“ gewidmet. Hassler beschreibt sechs Wirkfaktoren, also Faktoren, mit denen Wirksamkeit, „das Hauptanliegen in der Beratung und in der Ausbildung zur Beratung“ (S. 68) unterstützt wird. Diese Wirkfaktoren werden detailliert beschrieben: Die Bearbeitungstiefe im Lernprozess, der Reifegrad der Arbeitsbeziehung, das handlungsorientierte Lernen und die Lernzielstufen, die fallbezogene Konzeptbildung, die Veränderung von Handlungsmustern und die Ergebnisüberprüfung, die auch ein Bewertungsschema über das Erreichen der Lernziele einschließt.

Das vierte Kapitel ist mit „Qualität und Rückkoppelung von Lernprozessen“ überschrieben. Qualifizierte Lernprozesse brauchen Qualitätsüberprüfungen und Qualitätssicherung – also „Qualitätsmanagement“. Die Autorin beschreibt subjektive und objektive Qualitätsmerkmale, qualitätssichernde Rückkoppelungsschleifen und Evaluation, Und schließlich werden die Kooperationsbedingungen zwischen Ausbildungsinstitut, Trainer und Trainees benannt.

Das fünfte Kapitel fasst das oben Beschriebene zusammen in der Graphik des „LE-A-S Modells®“. Ausblick und Literaturverzeichnis beschließen den Band.

Diskussion

Ich gestehe: Anfangs war ich zurückhaltend dem schmalen Band gegenüber, der die Seiten mit Graphiken und großen Zeilenabständen füllt. Das hat sich beim Lesen sehr schnell geändert: Da war ich bald froh über die orientierenden und strukturierenden Graphiken – und über die Tatsache, nicht mit einer „Bleiwüste“ konfrontiert zu werden. Und das Buch hat keineswegs den hohen Anspruch, das komplexe Thema umfassend oder gar erschöpfend zu behandeln, es will nicht mehr sein als eben „ein Leitfaden fürs Lehren und Lernen“. Die Erfinderin des Leitfadens ist Ariadne, die Theseus den Ausweg aus dem Labyrinth zeigt.

Ausbildungs- und noch mehr Lehrsupervision können leicht labyrinthartige Formen annehmen: Man kann darin die Orientierung verlieren. Ich gehe einmal an einigen Wegmarkierungen entlang: Es könnte sein, dass ein Lehrsupervisor sich nicht klarmacht, dass sein Trainee auch am Modell lernen möchte. Das könnte ihn zu mangelnder Sorgfalt z.B. in der methodischen Gestaltung verleiten, und das wäre in der Tat ein Irrweg. Es könnte sein, dass ein Ausbildungssupervisor nicht hinreichend sensibel ist für das Thema „Gender“. Dann besteht das Risiko, das blinde Flecken zu „blinden Flächen“ werden. Es könnte sein, dass sich Lehrende nicht ausreichend klargemacht haben, welche Schlüsselkompetenzen es zu entwickeln gilt. Daraus könnten schlimmstenfalls einseitig ausgebildete BeraterInnnen hervorgehen. Diese Auszählung könnte man fortsetzen, es mag aber ausreichen, um zu zeigen, wie wichtig die Wegmarkierungen sind, die Hassler mit ihrem „Leitfaden“ aufstellt.

Gleichwohl ist „Leitfaden“ zunächst eine rein funktionale Beschreibung dessen, was die Autorin mit ihrem Band leistet. Wichtiger finde ich die inhaltliche Arbeit, die sie geleistet hat: Astrid Hassler füllt eine Lücke in der Supervisionsliteratur. Realiter hat es immer Konzepte sowohl für Ausbildungs- als auch für Lehrsupervision gegeben. Anders wäre die Integration dieser Formate in Ausbildungskontexte nicht denkbar gewesen. Aber zum einen steht die Frage nach der Vergleichbarkeit solcher Konzepte im Raum, zum anderen die nach der Überprüfbarkeit, und zum dritten sind sie nicht veröffentlicht und können somit auch nicht in der Fachwelt diskutiert werden.

Die Donau Universität in Krems hat umfangreiche Arbeiten zur Wirksamkeitsforschung von Supervision vorgelegt, und es ist wohl kein Zufall, dass Astrid Hassler eben dort ihre Master Thesis verfasst hat, und zwar zum Thema „Indikatorenkatalog zu Evaluation von Qualität in der Lehrsupervision“. Wirksamkeit in das Zentrum des Interesses der Qualitätsforschung zu stellen finde ich mehr als plausibel: Eine Beratung, die nicht wirksam ist, ist nicht sonderlich sinnvoll. Dabei bleibt freilich zu berücksichtigen, dass solche Wirkungen nicht gezielt im Sinne eines Ursache-Wirkung-Schemas angestoßen werden können. Die sechs Wirkfaktoren, die die Autorin beschreibt, umreißen daher auch nicht mehr (und nicht weniger!) als ein Handlungskonzept für LehrsupervisorInnen, um Lernprozesse anzustoßen und hilfreich zu begleiten.

Hassler stellt abschließend fest: „Im Ausbildungsfeld für Berater und Beraterinnen fehlen spezifische Weiter- und Ausbildungsmöglichkeiten für Lehr- und Ausbildungssupervisorinnen.“ Das ist in der Tat ein Desiderat! Umso wertvoller ist das Modell, das Astrid Hassler entwickelt und zur Grundlage der Ausbildungen in ihrem Institut gemacht hat. Es ist ein wichtiger Anstoß zu einer Diskussion, die die Professionalisierung des Faches Supervision gut voranbringen wird. Vielen Dank dafür!

Fazit

Ich wünsche mir eine möglichst weite Verbreitung dieses Bandes bei allen, die mit Ausbildungs- und Lehrsupervision beschäftigt sind, und eine intensive Diskussion in den Ausbildungsinstituten.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 21.07.2011 zu: Astrid Hassler: Ausbildungssupervision und Lehrsupervision. Ein Leitfaden fürs Lehren und Lernen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-258-07645-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11127.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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