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Rebekka Horlacher: Bildung

Cover Rebekka Horlacher: Bildung. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-8252-3522-2. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 15,90 sFr.

Reihe: UTB S (Small-Format).
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Thema

Das Thema „Bildung“ kann beginnend bei der Antike sehr ausufernd behandelt werden. Verschiedene Bildungstheorien enthalten dabei auch immer explizit oder implizit normative Entscheidungen. Horlacher muss also, wenn sie dem Titel gerecht werden will, eine Auswahl für eine komparatistische Darstellung treffen oder eine eigene Programmatik entwickeln. Es handelt sich bei der vorliegenden Publikation tatsächlich mehr über eine zusammenfassende Aufführung verschiedener Ausdeutungen von „Bildung“ und weniger um eine eigene Stellungnahme. Trotz des referierenden Charakters erscheint angesichts der Konjunktur des Kompetenzbegriffs, der den Bildungsbegriff ins anachronistisch erscheinende Abseits zu katapultieren droht, auch eine weitere Monographie, die den Bildungsbegriff abhandelt und ihn damit implizit wertschätzt, keineswegs überflüssig, zumal die Autorin mit ihrer Beleuchtung auch des angelsächsischen Raumes und seiner Bezüge zum Bildungsbegriff des deutschsprachigen Raumes neue Aspekte zu den wichtigen und üblichen Humboldt-Referenzen hinzufügt.

Aufbau und Inhalt

Neben einem Vorwort, einem Fazit und einem Literaturverzeichnis, Personen- und Körperschaftsregister und Sachregister umfassenden Anhang enthält die Publikation sieben chronologisch aneinander anschließende Kapitel.

Das Vorwort dient dazu, die überzeitliche Relevanz der Thematik aufzuzeigen, und enthält weiterhin eine Zusammenfassung der folgenden Kapitel.

1 Grundlagen des Bildungsbegriffs im 18. Jahrhundert. Hier wird zunächst dargestellt, wie der Bildungsbegriff in seiner transzendenten Dimension an religiöse und mystische Vorstellungen anknüpft. Im Folgenden geht es vor allem um das Konzept der „Politeness“, einen Schlüsselbegriff des späten 17. und 18. Jahrhunderts in der englischen Philosophie, der zuvörderst auf den Third Earl of Shaftesbury zurückgeführt wird. „Politeness“ erfüllte ähnlich wie das Bildungskonzept im deutschsprachigen Raum die Funktion eines sozialen Unterscheidungsmerkmales und entsprach der aufkommenden Industriegesellschaft. Weiterhin werden die Bezüge der Diskussion um eine Verbindung von Ethik und Ästhetik zum Bildungsbegriff angedeutet.

2 Die Pädagogisierung der Bildung um 1800. In Anknüpfung an die zuvor bereits angedeutete Rolle des Third Earl of Shaftesbury wird nun dessen 1710 erschienene Abhandlung „Selbstgespräch“ als Vorbereitung eines Bildungsbegriffs vorgestellt, der von einer Entfaltung innerer Kräfte ausging und sich in Bildungsromanen wie „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) von Goethe konkretisierte. Wie schon der Earl of Shaftesbury in der Antike die Ideale von Ethik und Ästhetik verwirklicht sah, so knüpfte man auch in Deutschland an diese Vorstellung an. Hier war es der Archäologe Winckelmann, der insbesondere für die griechische Kultur eine Vorbildfunktion vorsah.

3 Bildung als nationales Konstrukt. Mit der Säkularisierung erlangte zunehmend die Idee der Nation die Funktion eines Substituts der Religion. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann so die politische Bildung als staatsbürgerliche Tugenderziehung an Bedeutung. Herder verband die Idee der Nation in seiner “Abhandlung über die neuere deutsche Literatur“ (1768) mit dem Konzept der Sprache als einigendem Band der Gesellschaft. Fichte wiederum strich in seinen „Reden an die deutsche Nation“ (1808) die Bedeutung der Erziehung heraus und entwarf das Konzept von autarken „Erziehungsanstalten“. Die wesentlich durch Humboldt mitgestalteten Reformen in Preußen am Beginn des 19. Jahrhunderts stellten einen Versuch dar, eine an das vorige anschließende Idee der Bildung des Menschen umzusetzen.

4 Bildung als soziale Unterscheidung. Die konkurrierenden Ideen der Neuhumanisten und Philanthropinisten manifestierten sich in der Präferenz jeweils der klassisch-philologischen oder der naturwissenschaftlichen Fächer, wobei es lange dauerte, bis die entsprechend verschiedenen Abiturtypen gleichermaßen akzeptiert wurden. Die „realistische“ Schulbildung blieb bis in das 20. Jahrhundert hinein gegenüber der humanistischen Bildung abgewertet, die einer Elite vorbehalten war. Es kam zu einer Unterscheidung von Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum, wobei dieses kulturell niedriger eingestuft wurde. Die aus dem Deutschen Idealismus hervorgegangene Naturphilosophie bot jedoch auch für die Naturwissenschaft die Möglichkeit, an den Bildungsgedanken anzuknüpfen. Das „Fin de Siècle“ ging mit einer erstarkenden Kritik am Bürgertum und dessen Instrumentalisierung des Bildungsbegriffes einher, wie sie auch von Nietzsche vertreten und differenziert wurde.

5 Bildung in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Zunächst wird die Hermeneutik als Methode der Geisteswissenschaften vorgestellt, die auch eine Kritik an dem Relativismus des Historismus implizierte. Am Beispiel Hermann Nohls und seines Konzeptes des Pädagogischen Bezuges werden die Grundzüge Geisteswissenschaftlicher Pädagogik konkretisiert, die allerdings auch Anknüpfungspunkte für die Schriften zur nationalsozialistischen Erziehung bot. Spranger, als weiterer Vertreter der führenden pädagogischen Strömung, setzte sich für den Erhalt der alten Sprachen am Gymnasium ein und recurrierte so auf die idealistische Tradition. In den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) schloss Thomas Mann an die Vorstellungen dieser pädagogischen Vertreter an und stilisierte Bildung und Erziehung als Mittel, um einer „Verpöbelung“ durch die zunehmend Demokratisierung entgegenzuwirken. Die historische Verankerung der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik wird so durch dieses Kapitel deutlich.

6 Bildung als „kritischer“ Begriff. Nach Ende des Krieges erlangte die Kritische Theorie der Frankfurter Schule Einfluss auf die Erziehungswissenschaft, die angesichts der Erfahrungen im Nationalsozialismus die politische Dimension des Bildungsbegriffs hervorhob. „Mündigkeit“ etablierte sich als neues zentrales Telos von Erziehung und Bildung. Heydorn entfaltete schließlich einen dialektischen Bildungsbegriff für die Pädagogik, während Klafki mit seiner kritisch-konstruktiven Didaktik die Lehrbarkeit der an der Kritischen Theorie entfalteten individuellen und gesellschaftlichen Werte und Ziele propagierte. Die „Realistische Wendung“ im Anschluss an Roth und als Reaktion auf den Kalten Krieg versuchte schließlich die Erziehungswissenschaft auf eine empirische Basis zu stellen.

7 Das Revival der Bildung als Erlösung von Bildung. Der heutige Diskurs ist bestimmt durch Versuche einerseits die Tradition des Bildungsbegriffes wieder aufleben zu lassen (von Hentig, Fuhrmann) und andererseits Lernerfolge messbar zu machen und durch den Kompetenzbegriff einen Anwendungsbezug herzustellen, wodurch jedoch zugleich der materiale Gehalt des Gelernten vernachlässigt wird. Auch in Spanien recurriert man in ähnlichen Debatten auf einen humanistischen und kritisch verwendeten Bildungsbegriff.

Bildung im 21. Jahrhundert. Der als Fazit zu verstehende letzte Teil des Buches streicht die Bedeutung des Verständnisses historischer Zusammenhänge in Diskussionen zum Bildungs- oder Kompetenzbegriff auf, welche in diesen nach Ansicht der Autorin zu häufig vernachlässigt werden.

Diskussion

Es handelt sich bei diesem Buch um eine Überblicksarbeit, die nicht zuletzt aufgrund der Fachgebiete der Autorin spezifische Schwerpunktsetzungen vornimmt. So werden immer wieder historische Bezüge aufgezeigt, die das Verständnis erleichtern, warum zu welcher Zeit bestimmte Konzepte vorrangig waren. Der Charakter einer referierenden Zusammenfassung der Geschichte des Bildungsbegriffes macht es sicherlich notwendig, dass die jeweiligen Konzepte nur kurz skizziert werden und deskriptiv abgehandelt werden. Die konkurrierenden Strömungen der Kritischen Erziehungswissenschaft und der Kritisch-Rationalistischen Erziehungswissenschaft stehen so ohne Berücksichtigung der starken Differenzen zwischen den Ausrichtungen nebeneinander. Auch hat Hartmut von Hentig hier ebenso seine Berechtigung wie Schwanitz“ vielkritisiertes Halbbildungsensemle. Insgesamt enthält sich Horlacher normativer Entscheidungen weitestgehend, was eine Diskussion beinahe obsolet erscheinen lässt, will man nicht diese Enthaltsamkeit selbst problematisieren.

Hervorzuheben wäre allerdings noch der Versuch, auch über die deutschen Grenzen hinaus Bezüge herzustellen, was interessante Parallelen des humanistischen Bildungsbegriffs zu dem englischen Begriff der „Politeness“ hinsichtlich ihrer historisch eingebetteten Funktion offenlegt. Auch Thomas Mann in einem Werk zur Bedeutung eines pädagogischen Kernbegriffs zu Wort kommen zu lassen stellt eine originelle und weiterführende Wendung dar.

Fazit

Es handelt sich um ein solides Überblickswerk, das ein besonderes Gewicht auf die historische Einbettung von Bildungskonzepten legt.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 21.07.2011 zu: Rebekka Horlacher: Bildung. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-8252-3522-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11128.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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