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Melitta Walter: Eltern sein heute

Cover Melitta Walter: Eltern sein heute. Ein Mutmachbuch für eine abenteuerliche Lebensform. Kösel-Verlag (München) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-466-30864-4. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Das Buch vermittelt, obwohl es auch problematische Themen anspricht, Freude und Lust, mit Kindern zu leben. Hingegen ist das Buch kein Erziehungsratgeber, es geht nicht um Fragen zur Entwicklung der Kinder in verschiedenen Lebensphasen, sondern der Blick bleibt konsequent auf die Eltern gerichtet.

Entstehungshintergrund

Die Erzieherin und Sexualpädagogin Melitta Walter blickt auf mehrere Jahrzehnte Beratungs- und Schulungstätigkeit von Eltern zurück und hat ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse in diesen umfassenden Ratgeber gepackt.

Aufbau

Der Text folgt zuerst den Entwicklungsschritten eines werdenden Kindes: Von der geplanten oder der unerwarteten Schwangerschaft, über die Geburt, die Monate danach und die Babyjahre mündet das Buch in die breite Diskussion von historischer Elternschaft und aktueller Familienpolitik.

Inhalt

Mutter und Vater werden ist schön – meistens. Alle werdenden Eltern sind aber auch mit Fragen und Ängsten konfrontiert, machen sich Sorgen, die sie oft nicht einmal dem Partner oder engsten Freunden gegenüber zu äussern wagen. Nebst Freude und Hoffnung gibt es auch die Sorge, den eigenen und fremden Ansprüchen nicht genügen zu können, es gibt die Angst, liebgewonnene Freiheiten und Lebensstile zu verlieren, es kann die Zweifel geben, ob der Partner der richtige Vater ist, und manchmal kann es ganz einfach auch richtig sein, ein Kind nicht zu bekommen. Die Gesellschaft macht es werdenden Müttern nicht gerade einfach, wenn sie junge schwangere Frauen bemitleidet, ältere als Risikoschwangerschaft pathologisiert, und überhaupt Schwangerschaft als kranken Ausnahmezustand und Kinder als Störfaktor im öffentlichen Leben deklariert.

Die Geburt ist ein rundum glückliches Ereignis – so wird es uns in den Medien vermittelt. Aber meist ist Glück nicht das einzige Gefühl, das sich bei einer Geburt einstellt. Viele Mütter sind erst einmal schrecklich erschöpft, sie merken plötzlich, dass sie anstelle ihres Partners doch lieber eine gute Freundin bei der Geburt dabei hätten, oder sie empfinden dem Kind gegenüber Fremdheitsgefühle. Ebenso können die ersten Wochen mit dem Baby faszinierende Schritte in ein neues Leben zu dritt sein, aber sie können auch von Depressionen, Ängsten und Selbstzweifeln begleitet sein. Wie eine englischsprachige Studie 2005 zeigte, waren 10% der Mütter und 4% der Väter zwei Monate nach der Geburt depressiv.

Entgegen des gängigen Klischees sind es eher die Mütter als die Väter, die sich plötzlich von ihren Partnern vernachlässigt und nicht mehr genügend geschätzt fühlen. Hilfreich sind stützende Verwandte, gute Freunde und überhaupt Menschen, mit denen man über all diese Gefühle reden darf, nicht nur über die Sonnenseiten des Kinderhabens.

Die Lebens- und Familienformen sind vielfältig geworden, Kinder gedeihen heute auch in Einelternfamilien, in homosexuellen Partnerschaften, in Fortsetzungsfamilien und in nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften.

Ebenso hat das Ideal der guten Mutter seit dem 19. Jahrhundert mehrere Veränderungen erfahren, es sah während der Frauenbewegung, während der Nazi-Zeit und in der Nachkriegszeit immer wieder anders aus, und war auch für die Arbeiterschicht ein anderes als für Wohlbetuchte. Heute steht die Karrieremutter unter Verdacht ihr Kind zu vernachlässigen, während die ‚Nur-Hausfrau‘ belächelt wird. Genauso sehen sich Väter mit unterschiedlichen Rollen und Ansprüchen konfrontiert. Ihnen macht es die Arbeitswelt nach wie vor besonders schwer, dem Ideal des modernen Vaters nachkommen zu können. Nur wenigen Paaren gelingt es, auch mit Kindern partnerschaftliche Modelle zu leben, mit der Geburt von Kindern setzen sich meistens traditionelle Rollenverteilungen durch. Viele arbeitstätige Mütter und Väter leiden jahrelang unter dem Gefühl, chronisch zu wenig Zeit für die Familie aufbringen zu können.

Das dringendst zu lösende Problem sind die fehlenden flexiblen Arbeitszeiten für Mütter und Väter. Und obwohl in Deutschland jedes Kind unter drei Jahren Anrecht auf einen Krippenplatz hat, gibt es nicht genügend Einrichtungen, um diesen Auftrag zu erfüllen.

Diskussion

Aufgrund ihrer grossen Erfahrung mit verschiedensten Müttern und Vätern ist die Autorin zu einer empathischen, toleranten und gelassenen Einstellung Eltern gegenüber gelangt. Obwohl dieses Empowerment durchaus aufmunternd wirkt, mutet der Rat einer Professionellen, sich einfach auf den gesunden Menschenverstand und die Instinkte zu verlassen, doch etwas naiv an. Kritisch steht sie vielmehr den gesellschaftlichen Ansprüchen und Idealbildern gegenüber, sowie den familienpolitischen Rahmenbedingungen und den Wahlversprechen, die nicht eingehalten werden. So möchte sie Menschen nicht nur dazu ermuntern, Kinder zu haben, sondern auch, sich für ihre Anliegen als Mütter und Väter politisch zu engagieren.

Fazit

Der Anspruch im Titel wird eingelöst. Ein leicht zu lesendes Ratgeberbuch, das persönliche und professionelle Erfahrungen, viele eigene Gedanken und Kommentare, vereinzelt statistisches Material und politische Stellungnahmen, sowie erfrischende Aussagen von Kindern zu einem ganz eigenen, persönlich gefärbten Mix verarbeitet.


Rezension von
Ursula Christen
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Zitiervorschlag
Ursula Christen. Rezension vom 27.02.2012 zu: Melitta Walter: Eltern sein heute. Ein Mutmachbuch für eine abenteuerliche Lebensform. Kösel-Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-466-30864-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11139.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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