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Wolfgang Bergmann: Lasst eure Kinder in Ruhe!

Cover Wolfgang Bergmann: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2011. 144 Seiten. ISBN 978-3-466-30908-5. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Das Buch möchte aufzeigen, dass eine falsch verstandene Frühförderung von Kindern diese in ihrer Entwicklung nicht unterstützt, sondern möglicherweise sogar behindern kann. Es will Eltern ermutigen, sich gegen den „allgegenwärtigen Förderwahn in der Erziehung zu wehren“ (Klappentext).

Autor

Wolfgang Bergmann ist studierter Erziehungswissenschaftler und Leiter des Institutes für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei Abteilungen:

  1. Fördern - bis in der Seele alles leer ist
  2. Wie lernen unsere Kinder ihre Welt kennen - und werden mutig und schlau?

In der ersten Abteilung versucht der Autor darzustellen, wie jüngere Kinder entwicklungspsychologisch betrachtet lernen und welche gesellschaftlichen Bedingungen dies in heutiger Zeit erschweren. Er betont zu Recht die Sinnhaftigkeit einer spielerischen Aneignung der Welt, um mit ihr altersgemäß vertraut zu werden. Dafür nutzt er eingängliche Alltagsbeispiele aus Familien und Einrichtungen. Als großes Problem sieht er den allgemeinen Druck an, der auf den Kindern lastet und klagt an, dass falsche Erziehungskonzepte dominieren. Verinnerlichtes, tradiertes Wissen darüber, was in der Erziehung richtig oder falsch ist, stehe der modernen Kleinfamilie nicht mehr zur Verfügung! Bergmann bezweifelt ganz entschieden den Nutzen einer seiner Meinung nach übertriebenen und nicht förderlichen Wissensvermittlung in den Frühfördereinrichtungen. Die erste Abteilung schließt mit einem Praxisbeispiel aus einem christlichen Kindergarten, welches illustrieren soll, dass eine Förderung nach Plan den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht wird.

In der zweiten Abteilung thematisiert der Autor - wohl im Hinblick auf die Begrenzung der Seitenzahl eines Ratgebers - sehr verkürzt die Grundlagen der abendländischen Bildungsideen mit einem speziellen Bezug zu Immanuel Kant und Friedrich Fröbel. Es ist ein Plädoyer dafür, den Kindern wieder mehr eigenen Entwicklungsraum zuzugestehen, damit sich bei ihnen eine tiefe fundierte geist-seelische Ordnung etablieren kann. Er kritisiert massiv eine nicht näher definierte „Exzellenzpädagogik“, deren Inhalte angeblich „ganz auf unsere Wirtschaftsordnungen“ abgestellt sein sollen (S. 109). Eine übereilte, hektische und das Einzelschicksal vernachlässigende Förderpädagogik liefere die Kinder einer autoritären Ordnung aus. Die zweite Abteilung schließt mit einer für den Autor zentralen Orientierung auf die christliche Kultur. Mit Bezug auf den jüdischen Propheten und Menschensohn Jesus möchte er hervorheben, welch wunderbare Geschöpfe Kinder darstellen, die nicht nur die Welt der Eltern bereichern. Sein Credo lautet nochmals, von einem Zuviel an (letztlich schädlichem) Förderwahn abzugehen und stattdessen die Kinder mit mehr Liebe zu umgeben.

Diskussion

Von der Anlage des Buches her ist ersichtlich, dass hier ein Erziehungsratgeber vorliegt, der Eltern ermutigen will, sich dem verbreiteten Förderdruck zu entziehen, indem andere Erziehungsprämissen gewählt werden. Anstelle einer voreiligen und - wie er anklingen lässt - seelenlosen Förderung nach Plan wirbt Bergmann dafür, den Kindern mehr eigenen Entwicklungsraum zuzugestehen, damit sie sich nicht nur kognitiv, sondern vor allem seelisch gut entwickeln können.

Problematisch an diesem Ratgeber zeigt sich die Tendenz des Autors, mit mehr oder weniger holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Argumentationen zu operieren. Da wird nach seiner Meinung in unseren Kindergärten und anderen pädagogischen Einrichtungen versucht, die „Freiheit auszutreiben“ (S. 26). Heutigen Eltern gehe ihre Intention für das Kind verloren, so dass sie unsicher würden, obwohl „zugleich Therapeuten aller Art, Sprach- und Benimmtrainer und andere Erziehungscoachs die unsicheren Eltern umlagern“ (S. 33). Die vorgestellte Gesellschaftsbeschreibung und -analyse ist eine krude Mischung aus Halbwahrheiten, populistischen Stammtischparolen und pädagogisch erhobenem Zeigefinger. Bergmann sieht eine nicht näher definierte Pädagogik, die „sich in Stil und Inhalt nicht am Kind, sondern an den Erscheinungsformen der Finanzwirtschaft orientiert“ (S. 114). Wenn er dann noch an anderer Stelle konstatiert, dass viele Universitätsprofessoren Mühe damit haben, zu verstehen, stellt sich schon die Frage, ob der „diplomierte Erziehungswissenschaftler“ nicht doch noch ein paar unerledigte Rechnungen mit dem universitären Wissenschaftsbetrieb offenstehen hat (S. 55).

Zielgruppen

Von der Anlage und dem Aufbau des Buches als Erziehungsratgeber ist ersichtlich, dass es sich an Eltern richtet. Für die Bereiche von Ausbildung und Studium eignet sich das Buch leider nicht. Zum einen ist auch für einen Ratgeber Auswahl und Umfang der ausgewiesenen Quellen dürftig zu nennen. Zum anderen dürfte man von einem ausgewiesenen Erziehungswissenschaftler erwarten können, dass mehr Argumente anstelle von Polemik genutzt werden.

Fazit

Es ist gut möglich, dass dieses Buch auf dem Markt der Erziehungsratgeber sein Publikum an Eltern findet, die in ihrer Verunsicherung nach Antworten und Orientierungshilfen suchen. Die dem Buch innewohnende wertschätzende Haltung zu Entwicklungsbedürfnissen von Kindern kann solche Eltern im besten Fall unterstützen, mehr Sicherheit im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln. Insgesamt hinterlässt das Buch den Eindruck, dass der Grundtenor auf der Basis eines wertkonservativen Verständnisses von Welt beruht. Es ist zu bedauern, dass durch die vielen Generalisierungen scheinbar völlig verloren geht, wie viele engagierte Erzieherinnen und Erzieher es gibt, die keinem „Förderwahn“ verfallen sind, sondern vielmehr in ihrer liebevollen und unterstützenden Begleitung dazu beitragen, dass sich die ihnen anvertrauten Kinder gut entwickeln können.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 07.10.2011 zu: Wolfgang Bergmann: Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-466-30908-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11140.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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