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Jochen Kade, Werner Helsper u.a. (Hrsg.): Pädagogisches Wissen

Cover Jochen Kade, Werner Helsper, Christian Lüders, Birte Egloff, Frank-Olaf Radtke, Werner Thole (Hrsg.): Pädagogisches Wissen. Erziehungswissenschaft in Grundbegriffen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-17-021144-5. 24,90 EUR.

Reihe: Urban Taschenbücher.
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Thema

Das als „Einführungsband“ für Studierende und Professionelle gedachte Buch beansprucht, „das gegenwärtig vorliegende, gesicherte theoretische, historische und empirische erziehungswissenschaftliche Wissen“ (S. 8) darzubieten. Entsprechend der „Offenheit des Wissens“ sei das Buch „nicht geschlossen, sondern offen“. Mit der Auswahl der Grundbegriffe seien „der Umfang und die Tiefe des erziehungswissenschaftlichen Wissens … keineswegs vollständig abgedeckt“ (S. 9).

Herausgeber

Mit den Herausgebern sind die zentralen Subdisziplinen der Erziehungswissenschaft vertreten: die Allgemeine Pädagogik mit Frank-Olaf Radtke, die Schulpädagogik mit Werner Helsper, die Sozialpädagogik mit Christian Lüders und Werner Thole und die Erwachsenenbildung mit Birte Egloff und Jochen Kade. Professoren sind Helsper (Halle-Wittenberg), Kade (Frankfurt a.M., inzwischen emeritiert), Radtke (ebenfalls Frankfurt a.M.) und Thole (Kassel). Egloff ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Frankfurt, Lüders ist Leiter der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugend Institut (München).

Wie die nur teilweise alphabetische Reihenfolge, aus der Kade und Egloff ausscheren, zu deuten ist, bleibt dahingestellt. Zumindest könnte Kade als Erstgenanntem unter den Herausgebern eine irgendwie geartete Schlüsselrolle zugedacht worden sein.

Alle Herausgeber sind mit mindestens einem Grundbegriff vertreten, Kade mit zweien, Radtke mit dreien. Außer den Herausgebern haben an dem Buch noch 24 andere Autoren mitgeschrieben.

Aufbau

Das Buch ist in fünf inhaltliche Teile gegliedert, „die insgesamt das Feld der Erziehungswissenschaft umfassend und systematisch abdecken“ (S. 8) und „Aufgaben“, „Bezüge“, „Praktiken“ und „Reflexionen“ genannt werden. Es schließt mit einem „Support“ zu Forschungs- und Serviceeinrichtungen, Fachportalen im Internet und Fachgesellschaften.

Das Buch lässt sich mit dem Begriff des pädagogischen Feldes erschließen, der zuerst in der Einleitung und später als eigener Grundbegriff unter der Abteilung „Orte“ auftaucht, die wiederum pädagogischen Feldern gewidmet ist. Der Ansatz bei pädagogischen Feldern erklärt sich möglicherweise durch das deutliche Übergewicht und eine gewisse Streuung von praxisfeldbezogenen Subdisziplinen unter den Herausgebern. Unter „Aufgaben“ werden die „Leistungen behandelt, die vom pädagogischen Feld erwartet werden“, unter „Bezüge“ die „wesentlichen Kontexte der Realisierung dieser Aufgaben“ und unter „Orte“, wie gesagt, pädagogische Felder selbst (S. 8). Mit „Praktiken“ scheinen Leistungen gemeint zu sein, die im Vergleich zu „Aufgaben“ konkreter zu verstehen sind. Dafür spricht, dass die Praktiken als substantivierte Infinitive wie z.B. „Lehren“und die Aufgaben als Verbalsubstantive wie z.B. „Bildung“ formuliert werden. Die Abteilung „Praktiken“ wird in der Einleitung nicht eigens charakterisiert. Der letzte Buchteil, „Reflexionen“, ebenfalls nicht. Er soll wohl Grundbegriffe zu reflexiven Orten und Praktiken unter sich vereinen.

Die Grundbegriffe innerhalb der fünf Teile des Buches sind nicht alphabetisch geordnet. Sie folgen, mehr oder minder „einem durchgehenden Schema: Ausgangspunkt ist die Frage, welches Thema mit dem jeweiligen Begriff angesprochen ist. Anschließend wird seine historische Dimension erhellt, es werden die mit dem Begriff verknüpften theoretischen Konzepte entfaltet und die wesentlichen empirischen Befunde zum jeweils angesprochenen Thema referiert. Ein Ausblick auf aktuelle Problemlagen schließt die Beiträge jeweils ab.“ (S. 8)

1 Aufgaben

Grundbegriffe: Bildung, Erziehung, Sozialisation und Entwicklung, Wissenskommunikation, Prävention, Selektion

Die ersten drei respektive vier Grundbegriffe sind die zentralen der Erziehungswissenschaft, die zugleich ihren Gegenstand markieren. Ein weiterer Zentralbegriff, der meist genannt wird, ist im Buch der Abteilung „Orte“ zugeschlagen worden. Bildung und Erziehung sind die „einheimischen“ Grundbegriffe, wie Herbart sagen würde, Sozialisation und Entwicklung die zunächst fremddisziplinären.

Ungewohnt erscheint der Begriff der Wissenskommunikation. Er gehört weder zu den hergebrachten pädagogischen noch zu den üblichen soziologisch-psychologischen Grundbegriffen. Für Jochen Kade, den Autor des Beitrags, umschließt der Begriff, der eine gewisse Nähe zur Bildung aufweist, auch die außerpädagogische Vermittlung von Wissen z.B. durch die Medien. Der Wissenskommunikation entspricht die „moralische Kommunikation“ (S. 41), wie Jürgen Oelkers einmal die Erziehung genannt hat, die sich aber ebenfalls auf entsprechende außerpädagogische Kommunikationen bezieht.

Der Begriff der Prävention steht einerseits quer zu den genannten Zentralbegriffen, sprengt andererseits den pädagogischen Rahmen. Prävention ist keine Art, sondern eine Phase der Intervention: der Korrektion vorgeschaltet, die wiederum der Rehabilitation vorangeht. Und Prävention ist in den Felder virulent, in denen „Unerwünschtes“ verhindert oder beseitigt werden soll, z.B. Krankheit. Das kommt auch in pädagogischen Feldern vor, doch sind sie prinzipiell logisch positiv, nicht negativ ausgerichtet. Auch der Begriff der Selektion passt nicht so recht in die Reihe der pädagogischen Aufgaben. Diese zielen, was insbesondere für die Bildung gilt, als „Operationen der Vermittlung ... auf Wissen, die Operationen der Selektion ... auf Zertifikate“ (S. 55).

2 Bezüge

Grundbegriffe: Generation, Geschlecht, Migration

Es werden nur Bezüge thematisiert, die auf Seiten der beteiligten Personen (-gruppen) in pädagogischen Feldern liegen. Soziokulturelle Bezüge fehlen oder werden in der Abteilung „Reflexion“ aufgegriffen.

Andererseits sind gerade die drei behandelten Grundbegriffe für pädagogische Fragestellungen von herausragender Bedeutung. Generation und Geschlecht stehen in einem engen Zusammenhang, und schon Schleiermacher brachte die Pädagogik mit der Differenz der älteren und jüngeren Generation in Zusammenhang. Und wie die Menschen durch Geburt auf die Welt kommen und sie durch ihr Sterben wieder verlassen, so kommen und gehen die Menschen auch durch Ein- und Auswanderung. Auch durch Migration, genauer durch die Differenz zwischen der eigenen und fremden Kultur, werden pädagogische Aktivitäten notwendig.

3 Orte

Grundbegriffe: Pädagogische Felder, Institutionen und Organisationen, Unterricht, Medien, Lebenslanges Lernen

Die ersten beiden Grundbegriffe stecken den Rahmen ab, innerhalb dessen sich Orte pädagogischer Aktivitäten wiederfinden lassen. Wolfgang Seitter stellt verschiedene Ordnungsversuche für pädagogische Felder vor: nach Lebensaltern (Pädagogik, Andragogik, Gerontagogik), der Formalorganisation (primärer, sekundärer, tertiärer, quartärer Bildungsbereich), der Lernform (formales, non-formales und informales Lernen), nach Zielgruppen und Inhalten und nach dem Selbstverständnis (explizite und implizite Bildungseinrichtungen). Michael Göhlich verweist für die pädagogischen Felder darauf, dass Institutionen nicht nur Einrichtungen, sondern auch Verhaltensmuster sind und Organisationen nicht nur instrumentell (Organisation haben), sondern auch sozial (Organisation sein) verstanden werden können.

Dass der Begriff des Unterrichts nicht oder allenfalls indirekt auf einen Ort verweist, habe ich schon bei den Aufgaben erwähnt. Die beiden letzten Grundbegriffe der Abteilung, Medien und Lebenslanges Lernen, heben darauf ab, dass pädagogische Felder nicht nur präsentisch, sondern auch medial zu verstehen sind und sich nicht auf Kindheit und Jugend beschränken, sondern über den ganzen Lebenslauf erstrecken.

4 Praktiken

Grundbegriffe: Lehren, Lernen, Üben, Helfen, Beraten, Disziplinieren, Evaluieren, Aufmerksamkeit, Didaktik und Methodik

Die Praktiken des Lehrens, Lernens und Übens erinnern an die Aufgabe Bildung und den Ort Unterricht, das Disziplinieren an Erziehung. Das Helfen ist, in sozialpädagogischer Perspektive, mitunter schon zu Bildung, Erziehung und Unterricht hinzugesetzt worden, Beratung changiert zwischen Erwachsenenbildung und Sozialpädagogik.

Die Praktik des Evaluierens liegt in dem Sinne quer zu den anderen Praktiken, als sie überall relevant sein kann. Das hätte auch für das hier fehlende Diagnostizieren gegolten. Die Aufmerksamkeit, eigentlich ein psychologischer Begriff, ist eindeutig keine Praktik, spielt aber gerade im Kontext des Lehrens und Lernens eine wichtige Rolle. Der Beitrag zur Didaktik und Methodik mutet einerseits als Doppelung zum Unterricht an, andererseits, da eine Lehre gemeint ist, als Vorgriff auf die fünfte Abteilung „Reflexionen“.

5 Reflexionen

Grundbegriffe: Pädagogisches Ethos, Disziplin und Profession, Praxisreflexion, Erziehungssystem, Bildungspolitik, Forschen, Wissenschaftliches Arbeiten

Diese Abteilung ist die heterogenste von allen. Sie führt einerseits Grundbegriffe, die sich gemäß dem Titel mehr oder minder auf „Reflexionen“ beziehen: Disziplin und Profession, Praxisreflexion, Forschen und Wissenschaftliches Arbeiten. Wenn statt des pädagogischen Ethos die pädagogische Ethik gemeint wäre, würde auch sie als Reflexion zu verstehen sein. Erziehungssystem und Bildungspolitik, wie Praxisreflexion eher Sachverhalte als Begriffe, sind Themen, die besser in andere Abteilungen gepasst hätten: das Erziehungssystem als der Ort formalen und non-formalen Lernens überhaupt, die Bildungspolitik als ein kollektiver Bezug dieses Lernens.

Diskussion

Das vorliegende Buch kann auf zwei Ebenen gewürdigt werden: auf der des gesamten Buches und auf der der einzelnen Beiträge. Da die Beiträge zu viele sind, um sie im Kontext einer Rezension einzeln besprechen zu können, aber auch, weil sie meist verständlich und sachdienlich geschrieben sind, beschränke ich mich auf die Buchebene.

Die Buchgattung bleibt unklar. Einerseits ähnelt das Buch einem (Sach-) Wörterbuch, da es relativ viele und kurze Lexeme führt. Andererseits fehlt die typischerweise alphabetische Anordnung. Einerseits ähnelt das Buch einem Handbuch, da es systematisch abgeleitete Abteilungen vornimmt. Andererseits wird die Systematik nicht weiter differenziert.

Der Titel des Buches, „Pädagogisches Wissen“, unterläuft die in der Einleitung getroffene Unterscheidung zwischen pädagogischem und erziehungswissenschaftlichem Wissen. Ob das pädagogische Wissen als Ober- oder als Nebenbegriff verstanden wird, spielt dabei keine Rolle: Das Buch soll erziehungswissenschaftliche Wissen präsentieren.

Die fünf Teile des Buches sind als grobe und funktionale Einteilung durchaus nachvollziehbar und brauchbar, systematisch aber nur bedingt verständlich und auch kaum vollständig. Auch die Logik innerhalb der Abteilungen, in denen die Grundbegriffe nicht-alphabetisch aufeinanderfolgen, bleibt verschlossen und/oder wird nicht erläutert.

Fazit

Zum Nachschlagen einzelner Grundbegriffe und um auf den neuesten historischen, theoretischen, empirischen und praktischen Stand erziehungswissenschaftlicher Wissensbestände zu kommen, ein sehr hilfreiches Buch, als Einführung in die Erziehungswissenschaft aber weniger.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 02.03.2011 zu: Jochen Kade, Werner Helsper, Christian Lüders, Birte Egloff, Frank-Olaf Radtke, Werner Thole (Hrsg.): Pädagogisches Wissen. Erziehungswissenschaft in Grundbegriffen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021144-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11144.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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