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Heinz-Jürgen Dahme, Hans-Uwe Otto u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat

Cover Heinz-Jürgen Dahme, Hans-Uwe Otto, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.): Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. 439 Seiten. ISBN 978-3-8100-3741-1. 19,90 EUR.
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Vorbemerkung

Der "aktivierende" Staat ist seit längerem in aller Munde, vor allem bei den regierenden Sozialdemokraten, bei denen dieser Begriff positiv gesehen eine Art Leitbildcharakter oder negativ bewertet eine reine Legitimationsfunktion für den als notwendig erachteten Abbau bzw. Umbau sozialer Leistungen zugeschrieben bekommt. Die Rezeption des Konzepts des "aktivierenden" Staates in Deutschland ist typisch für viele der neueren Debatten im weiten Feld der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit, weil es auch bei diesem Thema aus international vergleichender Sicht um eine "nachholende" Anpassung an Trends geht, die sich bereits seit längerem in anderen Ländern vollziehen - und hier sind nicht nur die angelsächsischen Länder gemeint, sondern auch in den skandinavischen Staaten oder in den Niederlanden können wir die praktische Umsetzung "aktivierender" Staatskonzepte beobachten. Insofern handelt es sich eben nicht nur um eine Art "Werbekleister" zum Übertünchen eines klassischen Sozialabbaus, sondern dahinter steht durchaus eine international relevante Entwicklungslinie in vielen Wohlfahrtsstaaten.

Die besondere Relevanz dieser Entwicklung für den Bereich der Sozialen Arbeit liegt vor allem darin, dass der "aktivierende" Staat in vielerlei Hinsicht Zumutungen bereithält, die eben nicht nur als "einfache" Sparpolitik daherkommen, sondern zugleich - und das ist vielleicht noch viel "schlimmer" - auch bestimmte konzeptionelle und disziplinäre Grundlagen und Gewissheiten der Sozialen Arbeit erschüttern oder zumindest in Frage stellen. Gefordert wird in vielen Handlungsfeldern ein Perspektiven- und Strategiewechsel, in Teilbereichen gar ein Systemwechsel. Vor diesem Hintergrund ist eine mehrstimmige, gewichtige Bestandsaufnahme des nur angedeuteten Spannungsverhältnisses - wie sie der hier zu besprechende Sammelband in Aussicht stellt - von besonderer Bedeutung gerade für eine sozialpolitische Sicht auf die Anforderungen an und die Antworten aus der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband vereint 19 Beiträge grundsätzlicher und handlungsfeldbezogener Ausrichtung. Insofern sei vorwegschickend und auch prophylaktisch entschuldigend erwähnt, dass angesichts dieser Breite nur eine fragmentarische Vorstellung der Inhalte möglich ist - ein grundsätzliches Problem der Rezension von Sammelbänden.

Das Buch gliedert sich in sechs größere und in sich geschlossene Teile.

  • Zum einen erfolgt eine grundsätzliche Einführung in die Thematik ("Aktivierender Staat und Herausforderungen für soziale Dienste").
  • Daran anschließend wird "Bürgerschaftliches Engagement und der aktivierende Staat" thematisiert.
  • Der dritte Teil befasst sich dann mit einem Kernbereich der konzeptionellen Umsetzung aktivierender Modelle und Ansätze - der "Arbeitsmarktpolitik im aktivierenden Staat". Hier wird ein Handlungsfeld bearbeitet, dass natürlich aufgrund der Hartz-Reformen und der Agenda 2010 für die deutsche Diskussion von zentraler Bedeutung ist.
  • Der vierte Teil mag viele überraschen, bietet vielleicht aber gerade deshalb einigen Erkenntnisgewinn: "Aktivierender Staat und Innere Sicherheit". Die drei Beiträge in diesem Abschnitt eröffnen neue Horizonte angesichts der im Regelfall doch sehr sozialpolitisch, zuweilen gar nur arbeitsmarktpolitisch verengten Sichtweise, die auch den Fachdiskurs dominiert.
  • Im fünften Teil geht es um "Kontroversen über Aktivierungsansätze in der sozialen Praxis" am Beispiel des Case Managements in der Sozialhilfe, den Veränderungen der Arbeitsbedingungen und Arbeitsvollzüge in der Sozialen Arbeit im Spannungsfeld von eigenem Anspruch und beruflicher Realität, dem aktivierenden Sozialstaat in der Kinder- und Jugendhilfe und schlussendlich um die Frage nach einer aktivierenden Jugendarbeit.
  • Abgerundet wird der Sammelband mit einem Blick über die eigenen nationalstaatlichen Grenzen: "Das Modell Großbritannien - Zukunft für die Soziale Arbeit?" wird von zwei Autoren diskutiert.

Angesichts des erkennbar inhaltlich bzw. thematisch voluminösen Zuschnitts des Sammelbandes will sich der Rezensent beschränken auf einige Stichworte zu einer exemplarisch herausgegriffenen Abhandlung, die einen Eindruck von dem Nutzwert (und den Grenzen) des Buches ermöglicht.

  • Wie bereits erwähnt spielt die Arbeitsmarktpolitik und die Sozialhilfe als ein wichtiges Operationalisierungsfeld "aktivierender" Konzepte - man denke nur an die mittlerweile dominante Sprechweise vom "Fördern und Fordern" im Kontext der Umsetzung der Hartz-Vorschläge - eine herausragende Rolle. Im Sammelband kommt zunächst Achim Trube zu Wort, der seinen Beitrag betitelt hat mit "Vom Wohlfahrtsstaat zum Workfarestate" (S. 177 ff.) und daran anschließend Uwe Becker und Michael Wiedemeyer mit einem Plädoyer für eine Wiederaneignung solidarischer Arbeitsmarktpolitik (S. 205 ff.) Beide Beiträge bewegen sich im bekannten Muster einer dem "Mainstream" der gegenwärtigen Arbeitsmarktpolitik widergelagerten, kritischen Argumentation. Die Autoren bemängeln zu Recht die Exzesse einer die gegenwärtige Arbeitslosigkeit simplifizierende Personalisierung der Ursachen der hohen Arbeitslosigkeit, die häufig zu einer sinnlosen "Schuldfrage" mutiert. Vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses zwischen Sozialer Arbeit und den Vorstellungen, die mit dem aktivierenden Staat verbunden werden, ist der Beitrag von Helga Spindler zu "Aktivierenden Ansätzen in der Sozialhilfe" (S. 225 ff.) von besonderem Interesse, weil hier an einem wichtigen Handlungsfeld das Spannungsverhältnis konkretisiert und abschließend auch derart eingeordnet wird, dass es verständlich wird, warum große Teile der Vertreter Sozialer Arbeit mit dem aktivierenden Staat hadern. Sie skizziert an Beispielen den zunehmend offen-repressiven Charakter vieler "Aktivierungsmaßnahmen" in der Sozialhilfepraxis und dessen Verkleisterung über eine modern daherkommende sozialtechnologische Terminologie, die aber den Grundwiderspruch zur Lebenspraxis vieler Betroffener nicht aufzulösen vermag (und dies eigentlich auch gar nicht anstrebt). Die widersprüchlichen Effekte auf die Soziale Arbeit sieht Spindler zum einen darin, dass klassisch sozialarbeiterische Qualifikationen zunehmend gefragt sind und sie konzediert der wachsenden Inanspruchnahme der Sozialarbeiter in den Feldern der aktivierenden Maßnahmen einen durchaus positiven Rückkopplungseffekt auf die Disziplin im Sinne einer Bereicherung der professionellen Perspektive in Richtung Arbeitsmarkt und anderen Dimensionen. Allerdings werde diese positive Entwicklung überschattet durch die Verdrängung der emanzipatorischen, der parteilichen Seite der Sozialen Arbeit (S. 239), des klassischen Berufsethos und des Menschenbildes. Sie weist darauf hin, dass zunehmend die Rechtsansprüche aus den Augen verloren werden und sich dies sogar im Studium in Form einer abnehmenden Bedeutung einer soliden Rechtsausbildung manifestiere. "Es sind gerade die ehemals als konservativ verschrieenen Juristen in den Fachbereichen, die sich noch gegen diese Entwicklung aussprechen, weil ihnen bewusst ist, was das in der Konsequenz für den Bürger bedeutet" (S. 240). Es kommt zu einer Verkürzung auf soziale Technik, auf Fallarbeit, gepaart idealerweise mit gewissen manipulativen Fähigkeiten. Sie wirft die durchaus substanzielle Frage auf, ob sich die Soziale Arbeit einordnen soll in die engen staatlichen Effektivitäts- und Effizienzvorgaben - die zudem noch akzentuiert werden durch die jeweils parteipolitisch gefärbten Präferenzen in Düsseldorf, Mainz, Stuttgart oder Dresden. Dies hätte den Vorteil, dass "nach einer Flurbereinigung von nicht nur ziel- sondern auch klientenorientierten sozialen Dienstleistern" (S. 240) eine ausreichende Planstellenfinanzierung, Erfolgsprämien für Arbeitsvermittlung, Beteiligung an der eingesparten Sozialhilfe und hoheitlich zugewiesene "Kunden" winken. Spindler verweist darauf, dass auch die Arbeit mit Pflichtklientel oder mit direktiven Methoden durchaus zu sinnvollen Ergebnissen für bestimmte Personengruppen führen kann - mit ein Grund für die Unsicherheit der Sozialen Arbeit, gegenwärtig eine klare Position zu beziehen. Aber letztendlich plädiert Spindler natürlich für ein Verständnis von Aktivierung als ermutigender, unterstützender Ansatz, in erster Linie durch Überzeugung und nicht durch materiellen Zwang wirkend. Und da ist er wieder, der gegenwärtig so wirkkräftige Grundwiderspruch Sozialer Arbeit zwischen Emanzipation(sversprechen) und systemstabilisierender Sozialtechnologie.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich zum einen an alle Interessierte an der Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit und Sozialpolitik, zum anderen sollte es Studierenden in diesen beiden Feldern dringend als Lektüre nahegelegt werden.

Fazit

Wer eine breite und zugleich nach Handlungsfeldern systematisierte Einführung in das offensichtliche Spannungsverhältnis zwischen den modernen Aktivierungsansätzen und weiten Teilen der Sozialen Arbeit haben möchte, der ist mit diesem Sammelband gut bedient. Es handelt sich sicherlich um eine der besten gegenwärtig erhältlichen Zusammenstellungen zu dieser wichtigen Thematik.

Kritisch anzumerken bleibt ein gewisses Unbehagen, was zum einen die Gewichtung der im Sammelband vertretenen Positionen angeht und zum anderen die äußerst dünne, weil nur auf Großbritannien beschränkte internationale Einbettung der Thematik, denn bei diesem Punkt hätte ein Blick in die skandinavischen Länder, in die Niederlande oder auch aufgrund der föderal ähnlichen Struktur in die USA wertvolle und die letztendlich unbefriedigende Konfrontation auch differenzierende Ansätze liefern können. Die recht einseitige, weil durchweg kritische Rezeption der Aktivierungsansätze kann in toto nicht völlig überzeugen - man nehme hier nur die Befunde der neueren wohlfahrtskulturellen Forschung, die interessante Einsichten in die Differenzierungsbreite der Bevölkerung zu bestimmten Leistungs- und Hilfesystemen liefert und zugleich mit den Präferenzen der Bürger operiert, die nicht per se mit Skepsis zu betrachten sind, nur weil sie nicht dem sozialarbeiterischen Mainstream entsprechen (wollen).


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Sell


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Zitiervorschlag
Stefan Sell. Rezension vom 10.02.2004 zu: Heinz-Jürgen Dahme, Hans-Uwe Otto, Norbert Wohlfahrt (Hrsg.): Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat. Leske + Budrich (Leverkusen) 2003. ISBN 978-3-8100-3741-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1115.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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