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Susanne Schoppmann: "Dann habe ich ihr einfach meine Arme hingehalten". (Selbstverletzung)

Cover Susanne Schoppmann: "Dann habe ich ihr einfach meine Arme hingehalten". Selbstverletzendes Verhalten aus der Perspektive der Betroffenen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 192 Seiten. ISBN 978-3-456-83972-1. 24,95 EUR.

Reihe Pflegewissenschaft.
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Einführung in das Thema

Selbstverletzendes Verhalten (vor allem Einschneiden der Haut an verschiedenen Körperstellen mit unterschiedlichen Materialien) ist in den letzten Jahren verstärkt ins Blickfeld der fachlichen Auseinandersetzung gerückt. Sowohl im stationär-psychiatrischen Bereich als auch in ambulanten medizinischen, psychologischen und sozialpädagogischen Kontext, werden Fachleute immer wieder mit dem Phänomen von Selbstverletzungen, welche auch mit den Begriffen Autoaggressionen, Ritzen, Cutten beschrieben werden, konfrontiert. Der Anteil der Menschen, die sich selbst verletzen, ist in den letzten Jahren gestiegen.

Das Bewusstsein der Öffentlichkeit hierzu wurde durch das öffentliche Bekennen verschiedener Persönlichkeiten (z.B. Prinzessin Diana) und einige Berichte in Printmedien (Spiegel, Psychologie Heute) geschärft. Außerdem geben diverse Foren im Internet die Möglichkeit der Auseinandersetzung für betroffene Menschen, welche überwiegend Frauen sind.

Autorin

Das Fachbuch aus der Reihe Pflegewissenschaft ist eine Dissertationsschrift der erfahrenen Fachkrankenschwester für Psychiatrie Susanne Schoppmann. Sie hat über vier Jahre lang intensive Forschungsarbeit zur Thematik geleistet.

Aufbau und Inhalte

Susanne Schoppmann hat in der bisher veröffentlichten, zahlreichen Literatur zu selbstverletzendem Verhalten einen eklatanten Perspektivenwechsel vorgenommen. Bisherige Arbeiten befassen sich eher mit der Ursachendeutung und insbesondere psychotherapeutischen Erklärungsmustern. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt seltener direkt im Erleben der Menschen, die sich selbst verletzen, und so ist die Perspektive der Betroffenen der Kernpunkt dieser Forschungsarbeit.

Hierzu hat die Autorin im Rahmen ihres Studiums der Pflegewissenschaften eine gründliche Recherche der Literatur und eine umfassende Feldforschung mit zahlreichen Interviews und Beobachtungssequenzen vorgenommen. Sie hat diverse englisch- und deutschsprachige Datenbanken zur Literatursuche ausgewertet und die Ergebnisse kompetent fachlich eingeordnet. Zusätzlich hat sie auf zwei unterschiedlichen Psychiatriestationen in achtzig Stunden zu verschiedenen Tageszeiten teilnehmende Beobachtungen bei Frauen, die sich selbst verletzen, durchgeführt und dabei auch die pflegenden Personen teilweise einbezogen. Mit fünf betroffenen Frauen führte die Forscherin bis zu dreistündige Interviews und mit einer Frau lediglich Austausch mittels Email. Damit stand Susanne Schoppmann ein umfassendes Datenmaterial zur Verfügung, welches sie in gründlicher Weise ausgewertet hat.

Die hermeneutisch-phänomenologische Betrachtung der Frauen, die sich selbst verletzen, bietet die Möglichkeit, die Betroffenen auch als Kundige ihres eigenen Erlebens zu sehen. Die Autorin stellt hierzu einen Zusammenhang her zwischen dem Entfremdungserleben und den Selbstverletzungen. Sie zeigt auf, wie sich selbst verletzende Menschen in einzelnen Phasenschritten eine Entfremdung erleben und dass das Verhalten auch einen selbstfürsorglichen Charakter annehmen kann. Diese Betroffenen sind immer weiter von ihrer eigenen Körperlichkeit entfernt und können umso weniger von sich aus oder durch fremde Hilfe wieder zu sich kommen. Die Autorin fasst die bisherigen Forschungsergebnisse zusammen und beurteilt sie kritisch hinsichtlich der Hilfe für die Betroffenen. Sie zeigt insbesondere anhand der zahlreichen Auszüge aus den Interviewskripten und den Beobachtungssequenzen, welche Interventionen für die Frauen als hilfreich erlebt werden.

Mögliche Pflegeinterventionen bei Selbstverletzungen ordnet sie in das Spektrum von maximaler Kontrolle bis hin zu maximaler Autonomie ein. Die Autorin versteht sowohl die Perspektive der Pflegenden als auch diejenige der Patienten zu berücksichtigen. So kann man als helfende Person mögliche eigene, favorisierte Interventionen vor dem dargestellten Blickwinkel reflektieren und gegebenenfalls anders bewerten. Nach der äußerst gründlichen Analyse der jeweiligen Betroffenheit von Patienten und Pflegenden bei Selbstverletzungen sowie der strukturellen Bedingungen auf einer Psychiatriestation, stellt die Autorin auch ungewöhnlichere Interventionsstrategien - wie z.B. Trommeln, Aromatherapie, Basale Stimulation oder Qi-Gong-Übungen - vor.

Der Autorin kommt es insbesondere darauf an, dass die Beziehungen zwischen den pflegenden Personen und den Frauen wertschätzend und das eigene Erleben respektierend gestaltet werden.

Im letzten Abschnitt ihrer Ausführungen beurteilt die Autorin selbstkritisch die Relevanz ihrer wissenschaftlichen Arbeit und stellt umfassende Überlegungen zur Bedeutung für die Praxis und zu relevanten künftigen Forschungsarbeiten dar.

Zielgruppen

Die Lektüre des Buches eignet sich insbesondere für Pflegekräfte, Ärzte, Psychologen und Pädagogen aus dem psychiatrischen und sonderpädagogischen Bereich, welche eine kritische, fachlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Selbstverletzungen suchen.

Fazit

Das Buch stellt eine ausgesprochen gründliche Auseinandersetzung mit der Thematik dar. Es macht die Erlebenswelt der betroffenen Frauen nachvollziehbarer und enthält in einfühlsamer Art und Weise zahlreiche Hinweise zum Umgang mit den Menschen, die sich selbst verletzen.

Leider enthält dieses Fachbuch weder ein Stichwortregister noch eine zusammenfassende Auflistung hilfreicher Internetseiten. Zudem bezieht sich die Autorin nur auf die begrenzte Lebenswirklichkeit "Psychiatriestation". Hier wäre ein stärkerer Transfer in die Alltagswelt anderer betroffener Menschen eine Bereicherung gewesen. Trotz dieser kleinen Schwächen ist das Buch - das stellenweise äußerst wissenschaftssprachlich gehalten ist - ein wichtiges Werk für alle beteiligten Menschen. Es hilft, das Verständnis der Beteiligten füreinander deutlich zu stärken und ist somit ein Gewinn für den Alltag: als Perspektive für hilfreiche Helfer/-innen!


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 16.09.2003 zu: Susanne Schoppmann: "Dann habe ich ihr einfach meine Arme hingehalten". Selbstverletzendes Verhalten aus der Perspektive der Betroffenen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. ISBN 978-3-456-83972-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1116.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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