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Roland Stein: Grundwissen Verhaltensstörungen

Cover Roland Stein: Grundwissen Verhaltensstörungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. 2., überarbeitete Auflage. 258 Seiten. ISBN 978-3-8340-0832-9. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Autor

Prof. Dr. Roland Stein lehrt an der Bayrischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Dabei konzentriert sich seine Arbeit besonders auf folgende Bereiche: Unterricht und pädagogische Förderung bei Verhaltensstörungen, Berufs- und Lebenshinführung beeinträchtigter und benachteiligter junger Menschen sowie Untersuchungen zum Selbstkonzept von Pädagogen.

Thema

In den letzten Jahren zeigt sich eine verstärkte Auseinandersetzung in der Gesellschaft und in den Medien mit dem Thema Verhaltensstörungen, was sicher auch auf die Gewaltakte gegenüber Lehren und Schülern zurückzuführen ist. In diesem Zusammenhang wird generell eine erhebliche Zunahme problematischen Verhaltens und Erlebens bei Kindern und Jugendlichen diskutiert. Selbst professionelle Erzieher haben hier Probleme und kommen an die Grenzen der Belastbarkeit. (vgl. S.1)

Das Fachgebiet „Pädagogik bei Verhaltensstörungen“ bleibt nach wie vor ein nicht leicht überschaubares Feld, weil neben den unterschiedlichen Begriffen wie Verhaltensgestörtenpädagogik, Erziehungsschwierigenpädagogik oder Pädagogik mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung auch grundlegende Definitions- und Operationalisierungsprobleme im Hinblick auf den zentralen Terminus „Verhaltensstörungen“ selbst existieren.

Ein Ziel dieses Buches ist es, einen Überblick zu geben sowie Grundlagenwissen für die Disziplin Pädagogik bei Verhaltensstörungen auf der Basis eines differenzierten und systematischen Verständnisses zu vermitteln. Verschiedene Grundfragen beziehen sich auf solch wichtige Begriffe wie Erscheinungsformen, Bereiche auffälliger Persönlichkeit, Normabhängigkeit, Klassifikation, Diagnostik, zentrale Erklärungsperspektiven, relevante Handlungsfelder, Einrichtungen, gesetzliche Regelungen, pädagogische Aufgabenstellungen und pädagogisch – therapeutische Förderung.

Darüber hinaus möchte der Verfasser aber auch für diese Problematik sensibilisieren und eine kritische Sicht auf das Phänomen Verhaltensauffälligkeiten fördern. (vgl. S.1)

Zielgruppen

Dieses Buch richtet sich vorwiegend an Lehramtsstudierende, Lehrerinnen/Lehrer und Eltern. Aber auch Studierenden der Sozialpädagogik und Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe bietet es eine gelungene Orientierungshilfe.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Einführung des Autors und ist in sieben Kapitel untergliedert:

  1. ‚Verhaltensauffälligkeiten‘ und ‚Verhaltensstörungen‘: zum Phänomen
  2. Erklärungsmodelle für Verhaltensstörungen
  3. Diagnostik bei Verhaltensstörungen
  4. Rahmenbedingungen der Förderung
  5. Aufgaben von Sonderpädagogen im Kontext Verhaltensstörungen
  6. Pädagogisch-therapeutische Förderung: Konzepte und Förderbereiche
  7. Ausgewählte Phänomene und Problemstellungen

Den sieben Kapiteln schließt sich ein Personen- und Sachregister an.

1. Verhaltensauffälligkeiten‘ und ‚Verhaltensstörungen‘: zum Phänomen

Roland Stein zeigt in seinen Ausführungen Probleme und Konfliktfelder der Kinder- und Jugendhilfe auf und thematisiert anhand von drei Fallskizzen typische Formen von Verhaltensauffälligkeiten wie Impulsivität, Ängstlichkeit und Aggressivität. In Theorie und Praxis werden zur Charakteristik von Verhaltensauffälligkeiten eine Reihe sich unterscheidender Begriffe wie bspw. Verhaltensstörung, Verhaltensprobleme, abweichendes Verhalten, Verhaltensoriginalität, Psychopathie, Verhaltensbehinderung usw. herangezogen, um das Phänomen zu beschreiben.(vgl. S.6) Obwohl sich die Begriffe Verhaltensstörungen und Verhaltensauffälligkeiten gegenwärtig im Fachvokabular durchgesetzt haben, gibt es einige Kritikpunkte, die einerseits das personenorientierte Störungsverständnis und andererseits die unbedachte Rekurrenz auf die `Definitionsmacht` der Erwachsenen betreffen.

Die Begrifflichkeiten der Nachbardisziplinen werden anschließend aufgelistet und entsprechend definiert.

Kriterien zur Bestimmung eines Verhaltens und Normvorstellungen in Bezug auf Individuum, Gesellschaft sowie Situation und Sache geben einen Überblick über die nicht einfache Einteilung von Verhaltensstörungen/Verhaltensauffälligkeiten. Nach einer grundsätzlichen Darstellung der Bedingungen für die Einteilung, worunter bspw. evidente Zuordnungskriterien für eine Klasse sowie die Trennschärfe zwischen den einzelnen Klassen zu verstehen sind, wird anhand von verschiedenen Klassifikationssystemen wie bspw. Quay/Peterson, ICD10, DSM IV, ICF sowie dem pädagogischen System ein Einblick in diese Diagnoseinstrumente gegeben.

2. Erklärungsmodelle für Verhaltensstörungen

Deutlich wird in diesem Kapitel, dass Verhaltensstörungen nur als komplexes Phänomen beschrieben werden können. Dies gemahnt zu einem behutsamen, gedanklichen Annähern an die hochkomplizierte Thematik, um vorschnelle Vereinfachungen und Einengungen der professionellen Problemwahrnehmung zu vermindern. Es gibt nicht die `wahre` Theorie und eine die unterschiedlichen Konzepte einbindende `Metatheorie` ist nicht in Sicht. (vgl.S.96)

„Je nach pädagogischer Problematik könnte die eine oder andere Sichtweise besonders hilfreiche Erkenntnisse ermöglichen – daher ist es empfehlenswert, verschiedene dieser Perspektiven auf ein Problem einzunehmen und daraus resultierende Interpretationen gedanklich durchzuspielen.“(S.97)

3. Diagnostik bei Verhaltensstörungen

Das Ziel der diagnostischen Arbeit kann sowohl in der Zuordnung einer diagnostizierten Person zu allgemeinen Maßnahmen als auch in der Auswahl geeigneter Fördermöglichkeiten bestehen. (vgl. S. 99)

Nach Erläuterung des diagnostischen Prozesses, wobei das Schema nach Seitz auf S. 102 eine übersichtliche und transparente Abfolge bietet, werden weitere diagnostische Verfahren vorgestellt, wie bspw. die Verhaltensbeobachtung, das diagnostischen Gespräch (Exploration, Anamnese), Fragebögen, Projektive Tests, Leistungstests sowie Soziometrie und Soziogramm. Dabei wird besonders darauf hingewiesen, dass viele Testverfahren nur von autorisierten Diagnostikern durchgeführt werden dürfen. Nichtsdestotrotz sind die Vorgehensweisen und Methoden der sonderpädagogisch- psychologischen Diagnostik für das Verständnis und den Kontext der Verhaltensstörungen für alle Pädagogen von großer Bedeutung.

4. Rahmenbedingungen der Förderung

Bei der sonderpädagogischen Förderung von Kindern ist es bedeutsam, bestimmte Rahmenbedingungen wie das organisatorische System, Gesetze und Verordnungen näher zu beleuchten. Allerding muss im Vorfeld die entscheidende Frage diskutiert werden, in welchem Rahmen die Förderung erfolgen soll, durch Separation oder Integration bzw. Inklusion.

Diese schon seit Jahrzehnten geführte Debatte in der Sonderpädagogik ist leider oft von Polarisierungen, Polemik und (pseudo-) wissenschaftlicher Einseitigkeit gekennzeichnet. (vgl. S.115)

Ein Zitat von Kobi besagt: „Integration ist eine in bezug auf Sonderung und Aussonderung gegenläufige, mit dieser spannungsvoll verbundene (dialektische) Bewegung. Separation und Integration stehen nicht in einem Verhältnis der Ausschließlichkeit zueinander, sondern bilden das spannungsgeladene und oft konfliktreiche Organisationsmuster … der helfenden Bemühungen“ (S. 117)

Diese eher formale, strukturelle Beschreibung zeigt, dass eine Verabsolutierung des einen oder anderen Ansatzes nicht fruchtbar für die sehr heterogene Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf sein kann. Im weiteren Kapitel werden dann die einzelnen Einrichtungen vorgestellt, die den spezifischen Förderbedarf realisieren. Dabei kommen sozialpädagogische, schulpädagogische, psychiatrische, arbeits-und berufspädagogische Einrichtungen sowie der Jugendstrafvollzug in Betracht. Eine besondere Aufgabe ergibt sich bei Vernetzung und Kooperation der einzelnen Institutionen.

Weiterhin werden die gesetzlichen Regelungen im Kontext von Verhaltensstörungen vorgestellt und erörtert.

5. Aufgaben von Sonderpädagogen im Kontext Verhaltensstörungen

In diesem Kapitel werden anhand der Aufgabenfelder des Sonderpädagogen solche wesentliche Tätigkeiten wie Erziehung, Unterrichtung, Beratung weitere Aufgaben im Kontext der Verhaltensstörungen dargestellt. Stein orientiert sich mit seinem Begriffsverständnis von Erziehung bei Verhaltensstörungen u.a. an Böhm (vgl. 2005, S. 186), Gudjons (1994, S. 167), Speck (vgl.1991a) und Brezinka (vgl. 1990), in dem er jene Maßnahmen und Prozesse als Erziehung definiert, die den Menschen helfen, Autonomie und Mündigkeit zu erlangen.

Bei der Erziehung steht dabei der normative, intentionale Aspekt im Vordergrund, während die Sozialisation für sich betrachtet eher als ein stattfindender Prozess im Sinne eines Geschehens gesehen und dokumentiert wird. (vgl. S.147) Erziehung wird als außerordentlich komplexes Phänomen verstanden, wobei Brezinka vier Gegensatzpaare anführt, um diese Komplexität etwas aufzuhellen und verständlich zu machen:

  • Prozessbedeutung versus Produktbedeutung
  • Deskriptives versus programmatisch-präskriptives Begriffsverständnis
  • Absichts-Begriffe versus Wirkungs-Begriffe
  • Handlungs-Begriffe versus Geschehens-Begriffe

Dabei ist das Verständnis von Erziehung in hohem Maße mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Menschenbild verknüpft. (vgl. S.150)

6. Pädagogisch-therapeutische Förderung: Konzepte und Förderbereiche

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die pädagogisch-therapeutische Förderung, wobei ein breites Spektrum unterschiedlicher Ansatzpunkte vorgestellt wird. Neben der Psychoanalytischen Pädagogik von Aichhorn, Bettelheim und Redl sowie der individualpsychologischen Pädagogik, neben pädagogischen Implikationen der Bindungstheorie und der Verhaltensmodifikation mit Token-Programmen, neben Kontingenzverträgen, Time -out- Setting und Selbstinstruktionstraining spielen aber auch die Förderung der Selbst-und Handlungsregulation, die systemisch orientierte Förderung und soziologische Ansätze eine Rolle.

Anschließend wird noch auf ausgewählte Förderbereiche eingegangen, wobei der Fokus speziell auf das Spiel, das moralische Urteilen und Handeln, auf die Psychomotorik sowie Identitätsentwicklung und das Selbstkonzept am Beispiel der Biografiearbeit gerichtet ist.

7. Ausgewählte Phänomene und Problemstellungen

Es gibt ein breit gefächertes Spektrum auffälligen Verhalten und Erlebens. In diesem Abschnitt wird noch einmal besonders auf sehr häufige für Erzieher und Gesellschaft spektakuläre Verhaltensauffälligkeiten verwiesen, wie Gewalt und Aggressivität, Aufmerksamkeits-und Hyperaktivitätsstörungen sowie Ängstlichkeit und soziale Unsicherheit.

Fazit

Als Grundlagenwerk konzipiert, gelingt es Stein besonders in Fragen der Erziehung und ihrer Konzepte, aber auch in Bezug auf die Separations-Integrations-Inklusionsproblematik, eine vom wissenschaftlichen Standpunkt aus distanzierte nicht polemisch aufgeladene, sondern sachliche und argumentativ fundierte Sichtweise zu vertreten, die dem Leser die Möglichkeit gibt mehrere Meinungen kennenzulernen und sich selbstständig zu entscheiden.

Das Buch ermöglicht in komprimierter Form interessante Einblicke in wissenschaftliche Grundpositionen und Modelle sowie in die Geschichte und Konzepte der Pädagogik bei Verhaltensstörungen. Von besonderem Gewinn dürften auch die Ausführungen zur Psychoanalytischen Pädagogik sein. Weiterhin werden wertvolle Erkenntnisse aus den Bereichen der Diagnostik, erzieherischen Hilfen und therapeutischen Ansätzen geboten sowie die Perspektiven dieser Wissenschaft skizziert. Insgesamt liegt also ein interessantes und empfehlenswertes Buch vor.


Rezension von
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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Zitiervorschlag
Eva-Mia Coenen. Rezension vom 27.02.2012 zu: Roland Stein: Grundwissen Verhaltensstörungen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2011. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8340-0832-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11172.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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