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Gernot Barth: Das Individuum und die Gesellschaft

Cover Gernot Barth: Das Individuum und die Gesellschaft. Der Gemeinschaftsdiskurs in der Sozial- und Reformpädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. 165 Seiten. ISBN 978-3-8340-0823-7. 18,00 EUR, CH: 31,60 sFr.

Reihe: Sozialpädagogik und Schulreform - Band 8.
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Thema

„Es muss doch entweder allen Bürgern alles gemeinsam sein oder nichts oder endlich einiges gemeinsam und anderes nich.t“ In der Auseinandersetzung mit Platons Staats- und Verfassungsdenken müht Aristoteles sich in seiner Theorie der Gerechtigkeit, die er als „Gemeinschaftstugend“ bezeichnet, darum, wie die koinônia, die Gemeinschaft, Gemeinsamkeit und Teilhabe beim „Gemeinschaftswesen Mensch“ zu verstehen ist (vgl. dazu: R. Geiger, koinônia, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 321ff). Die philosophischen, anthropologischen, soziologischen, ethischen, kulturellen, staatsrechtlichen und pädagogischen Auseinandersetzung um den Gemeinschaftsbegriff ziehen sich durch den Menschheitsdiskurs bis heute, kontrovers, ideologisch, analytisch und humanistisch. Die Beliebigkeit bei der Anwendung und Interpretation des Begriffs führt dazu, dass dabei von einem „Suchbegriff“ gesprochen wird. Wenn aber Begrifflichkeiten, die zur Benennung von konkreten Lebenszusammenhängen der Menschen dienen, sich als beliebig, viel- und nichtssagend darstellen, bedarf es einer wissenschaftlichen Reflexion.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Privatdozent an der Universität Erfurt und Leiter des Instituts für Kommunikation und Mediation in Leipzig, Gernot Barth, macht sich in dem Buch „Das Individuum und die Gesellschaft“ daran, die Bedeutungszusammenhänge des Diskurses über „Gemeinschaft“ in der Geschichte und Aktualität der Sozial- und Reformpädagogik darzustellen. Dabei formuliert er, „dass es sich um einen Suchbegriff im Diskurs der Moderne handelt, mit dessen Hilfe aufgrund der sich wandelnden Vermittlungszusammenhänge zwischen den Individuen und den übergreifenden Lebensordnungen andere, neue oder zukünftige zu beschreibend versucht werden“. Er weist darauf hin, dass der Gemeinschaftsbegriff nicht nur Bedeutung für die Reformpädagogik habe, sondern „als Grundkonstituente sozialpädagogischen Denkens“ gelten sollte.

Aufbau und Inhalt

Gernot Barth gliedert das Buch in fünf Kapitel. Im ersten zeigt er die im sozial- und reformpädagogischen Diskurs vorfindbaren, unterschiedlichen Argumentations- und Interpretationsstränge auf. Im zweiten setzt er sich mit „Schule als Institution des Übergangs und der Vermittlung“ in der historischen Entwicklung und in der klassischen Moderne auseinander. Im dritten Kapitel reflektiert er „Gemeinschaft im Theoriediskurs der Jahrhundertwende“, indem er auf die „Dichotomie von organischer Gemeinschaft und einer Gesellschaft freier Individuen als Gegensatz von geschlossener und offener Gesellschaft“ verweist und dies an soziologischen und pädagogischen Konzepten verdeutlicht. Das vierte Kapitel handelt von „Gemeinschaft – Sozialpädagogik – Schulreform“ im Zusammenhang mit den verschiedenen (Schul-)Gemeinschaftsideen und Konzepten, vom Einheitsschulgedanken, über genossenschaftliche Erziehung, bis hin zur Schulgemeinde als sozialpädagogisches Projekt. Schließlich fokussiert der Autor im fünften Kapitel die Frage nach „Leben und Schule als sozialpädagogisches Vermittlungsproblem von Individuum und Gemeinschaft“.

Es ist ja in der Tat so, dass in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion nicht nur eine thematische, sondern eine Wertigkeitsdifferenzierung zwischen Schul- und Sozialpädagogik vorgenommen wurde und weiterhin wird, was sich in der Lehrer-, Erzieher- und sozialpädagogischen Ausbildung drastisch verdeutlicht und die unverbrüchlich zusammengehörigen Aufgaben von Bildung und Erziehung trennt. Die Ansätze, wie sie von Schulreformern, wie etwa von Peter Petersen und anderen als ganzheitliche Menschwerdung verstanden wurden ( vgl. dazu auch: Jürgen Oelkers: Reformpädagogik, Kallmeyer Verlag, Seelze/Velber 2009, in: socialnet Rezensionen, http://www.socialnet.de/rezensionen/10292.php), sind in der heutigen, individualisierten und entpersönlichten Entwicklung nötiger denn je.

Die Schule, als Schon-, wie als Vorbereitungsraum für das gesellschaftliche und Erwachsenenleben, soll dabei sowohl die Bereiche der individuellen, familialen Erziehung und Bildung (mit) übernehmen, als auch den gesellschaftlichen, institutionalisierten Auftrag für ein öffentliches Leben erfüllen und eine Brücke zwischen den Generationen herstellen. „Vor dem Hintergrund des Zerfalls naturwüchsiger Gruppen und Schichten wird `Gemeinschaft` zum regulativen, prinzipiell offenen Prinzip, mit dessen Hilfe ausgleichend versucht wird, nach Sozialformen gegen das Individualisierungsphänomen zu suchen“.

Bei der Suche nach den „Ursprüngen der Sozialpädagogik in der industriellen Gesellschaft (Klaus Mollenhauer, 1959) diskutiert Barth ausgewählte Konzepte von erziehungswissenschaftlichen Theoretikern, die in besonderem Maße dem Gemeinschaftsbegriff mit sozialpädagogischer Bedeutung füllen: Ferdinand Tönnies (1855 – 1936), der mit der Verbindung von anthropologisch-psychologischer Theorie und soziologischer Begriffsbildung ein auf dem Vertrauen beruhendes Gemeinschaftsbewusstsein entwickelte; der Soziologe Max Weber (1864 – 1920), der die Moderne als rationalisierte und entzauberte Welt betrachtete; Hellmuth Plessner (1892 – 1985), der mit seinem Denkansatz der gemeinschaftlichen Sozialformen des menschlichen Zusammenlebens den gesellschaftlichen entgegensetzte; Peter Petersen (1884 – 1952), der die Auffassung vertrat, dass der Mensch „vom Ursprung her auf Gemeinschaft“ angelegt sei; Theodor Litt (1880 – 1962), der die Dialektik propagierte, dass der „Einzelne im Ganzen, aber nicht minder das Ganze im Einzelnen lebt“; Martin Buber (1878 – 1965), der davon ausging, dass Autonomie nur durch Wachstum und Selbstbehauptung eines vom fiktiven zum realen Sein aufgestiegenen Gemeinwesens erlangt werden könne.

Die institutionalisierten, gemeinschaftsbildenden (schulischen und außerschulischen) Formen begannen mit dem Gemeinschaftsschulgedanken, der in der Reformpädagogik ansetzte und mit dem von der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung mit dem „Reichsgesetz betr. die Grundschule und der privaten Vorschule“ vom 28. April 1920 ein erstes Fundament für einen standesübergreifenden Unterricht goss. Sie wurden ausgeweitet mit der „Suche nach dem neuen Menschen“, wie sie sich in der genossenschaftlichen Erziehung darstellte. Sie festigten sich in den Initiativen bei der Gründung von Schulgemeinden, fand mit der Gründung der ersten Landerziehungsheime durch Hermann Lietz (1868 – 1919) eine weitere Ausdifferenzierung und mit Eduard Sprangers (1882 – 1963) “Schule als Lebensgemeinschaft“ eine völkisch-nationale Ausrichtung. Aus den Besorgnissen, dass die Familie nicht mehr die grundlegenden Erziehungsaufgaben übernehmen könne, entstand schließlich die „organische Sozialpädagogik“ (Carl Weiß) mit dem Ziel, die Schule als einen „sozialpädagogischen Bezirk“ zu definieren.

Die Kritik am „Fetzenstundenplan“ (Peter Petersen) und der Lehrplanpraxis, dass Lehrbücher dadurch entstehen, dass sie von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben wurden…, führte schließlich dazu, dass nicht mehr die Unterrichtung und Wissensvermittlung als wichtigste schulische Aufgabe verstanden wurde, sondern die Erziehung der Heranwachsenden, und die Lernschule zur Lebensschule werden sollte. In der Denkschrift „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“, die 1995 von der nordrhein-westfälischen Bildungskommission vorgelegt wurde, wird denn auch vom „Haus des Lernens“ und von der „Schule als Lern- und Lebensraum“ gesprochen.

Fazit

Der Aufriss des Zusammenhangs von Schul- und Sozialpädagogik, von Bildung und Erziehung im schulischen Kontext, erinnert an zahlreiche Initiativen und Denkprozesse, die es angeraten sein lassen, die vielfältigen, historischen Bemühungen im Bereich der Sozial- und Reformpädagogik zu bedenken, um den Slogan richtig zu verstehen und in der pädagogischen Theorie und Praxis umsetzen zu können: „Macht die Schulen auf, lasst das Leben rein“; denn „die Forderung, dass die Schule nicht nur Unterrichtsraum und Erziehungsanstalt zu Grundwerten, sondern viel mehr auch sozialpädagogischer Vermittlungsraum zwischen Schülern, Eltern, Lehrern auf der einen sowie Gesellschaft, Gemeinschaft und Öffentlichkeit auf der anderen Seite sein soll, ist … aktueller denn je“.

Die Schrift „Das Individuum und die Gesellschaft“ von Gernot Barth könnte als Handbuch nicht nur für die Lehreraus- und –fortbildung dienen, sondern sollte auch für die integrierte Arbeit von LehrerInnen, SchülerInnen, Eltern, Schulverwaltung und –politik bereit stehen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.03.2011 zu: Gernot Barth: Das Individuum und die Gesellschaft. Der Gemeinschaftsdiskurs in der Sozial- und Reformpädagogik. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2010. ISBN 978-3-8340-0823-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11176.php, Datum des Zugriffs 05.12.2020.


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