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Sonja Radatz: Wie Organisationen das Lernen lernen

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Sauter, 17.08.2011

Cover Sonja Radatz: Wie Organisationen das Lernen lernen ISBN 978-3-8340-0795-7

Sonja Radatz: Wie Organisationen das Lernen lernen. Entwurf eines epistemologischen Theoriemodells "organisationalen" Lernens aus relationaler Sicht. Schneider Verlag Hohengehren (Bielefeld) 2011. 196 Seiten. ISBN 978-3-8340-0795-7. 19,80 EUR. CH: 34,60 sFr.
Reihe: Systhemia - Band 5.

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Thema

Die Autorin verfolgt in ihrer Dissertation das Ziel, ein praktisch umsetzbares Modell der Lernenden Organisation zu entwickeln, das bei der Organisation, d.h. dem Rahmen und den Systemen, und nicht bei den einzelnen Mitarbeitern ansetzt. Sie will dabei aufzeigen, dass die Organisation gerade eben nicht lernt, wenn der Einzelne lernt. Deshalb fordert sie einen Paradigmenwechsel für die Ermöglichung einer Lernenden Organisation. Gleichzeitig gibt sie wertvolle Denkanstöße für die Gestaltung Lernender Organisationen.

Autorin

Sonja Radatz leitet das Institut für Systemisches Coaching und Training mit Standorten in Wien und Hamburg und ist Herausgeberin der Zeitschrift LO Lernende Organisation. Weiterhin ist sie seit Jahren Beraterin, Vortragende, Coach und Gastdozentin an Hochschulen im In- und Ausland.

Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Modelle und Werkzeuge zur Anwendung des Relationalen Ansatzes in der Organisationsentwicklung.

Entstehungshintergrund

Die Lernende Organisation ist das Ziel vieler Unternehmen, wird aber fast nie erreicht. Sonja Radatz sieht die Gründe dafür vor allem darin, dass die bisherigen Ansätze fast immer vom Lernen der Einzelnen ausgehen. Ihre These ist, dass die Organisationen gerade dann nicht lernen, wenn Einzelne lernen. Die Paradigmen zur Entwicklung der Lernenden Organisation müssen sich deshalb grundlegend verändern.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil werden insbesondere die Leitfragen des organisationalen Lernens analysiert und der Forschungsstand zur Theorie des organisationalen Lernens beleuchtet. Daraus leitet die Autorin die Lücke in der bisherigen Forschung zu diesem Themenbereich ab. Diese mündet in der Erkenntnis, dass die Gleichsetzung individuellen Lernens mit organisationalem Lernen und des daraus abgeleiteten Weges zur Lernendenden Organisation ein Irrweg ist. Die zentralen Leitfragen, die sich daraus ergeben, lauten: Wie kann gezielt organisationales Lernen gefördert werden, wie können die spürbaren Möglichkeiten einer Organisation erweitert und wie kann dieses Modell organisationalen Handelns erfolgreich umgesetzt werden? Dabei erhebt die Autorin nicht den Anspruch, ein ideales Modell zu entwickeln. Sie will vielmehr die Leser dazu anregen, eigene Sichtweisen in Frage zu stellen, die persönliche „Nische“ zu vergrößern und mit den Ergebnissen dieses Werkes zu experimentieren. Daraus sollen neue Antworten und eine kritische Auseinandersetzung mit dem vorgestellten Ansatz entstehen.

Im zweiten Teil werden zunächst die Möglichkeiten aufgezeigt, organisationales Lernen zu ermöglichen. Dabei werden die zentralen Unterschiede zwischen Lernen von Individuen und organisationalem Lernen heraus gearbeitet. Es wird deutlich, dass Individuen als Träger des Lernens in der Organisation ausscheiden, da das zu stabilisierende bzw. das neue Verhalten außerhalb der Mitarbeiter des Unternehmens gespeichert werden muss. Daraus werden erste Ansatzpunkte zur gezielten Initiierung sowie Förderung organisationalen Lernens entwickelt und die Frage nach dem Umgang mit dem „lebenden System“ Unternehmen in Hinblick auf organisationale Lernprozesse erörtert. Die Autorin untersucht hierbei die zwei zentralen Aspekte und Ansatzpunkte organisationalen Lernens, den Rahmen, d.h. die „Organisation“ und die Struktur. Der Rahmen definiert dabei vor allem, in welche Richtung und was gelernt wird, welches Lernen und welche Lernergebnisse belohnt werden, welche Regeln dabei beachtet werden und welche Ziele verfolgt werden. Die Strukturen der Lernenden Organisation umfassen dagegen die Selbstbeschreibung, die Identität, Ziele und Strategien, Prozesse, Kommunikationsstrukturen und operative Handlungen. Diese Entwicklungen verändern die Organisation und darüber hinaus auch die Individuen, die beteiligt sind.

Im dritten Teil werden daraus abgeleitet umsetzungsorientierte Ablaufmodelle zur Errichtung einer Lernenden Organisation und zur konkreten Ausgestaltung sowie Umsetzung der Lernenden Organisation entwickelt. Die Autorin stellt Ablaufmodelle mit klaren Anleitungen zur Schaffung des Rahmens und der Struktur der Lernenden Organisation vor, die sehr gut als Basis für eigene Projekte der Leser dienen können. Im Gegensatz zu den gängigen Modellen der Lernenden Organisation ist das Ziel dabei bewusst offen gehalten und kann sich im Zeitablauf immer wieder verändern. Damit die Beiträge der Mitarbeiter zur Lernenden Organisation gefördert werden, sind neue Lernformen erforderlich, die das Explizieren von Erfahrungen ermöglichen. Wichtige Voraussetzungen sind die Förderung von Selbstreflexion, Wertschätzung, der Aufbau von Spirit und einer positiven Fehlerkultur. Die Autorin beschreibt in diesem Kontext eine Vielzahl von Lernmöglichkeiten, wie z.B. Storytelling, Communities of Practice oder Wissensmarktplätze. Diese Ansätze werden am Beispiel eines Handelsunternehmens mit realen Umsetzungsplänen anschaulich illustriert.

Im vierten Teil werden die Modelle zur Errichtung und zur Ausgestaltung sowie Umsetzung der Lernenden Organisation zusammen geführt. Es werden die Auswirkungen erörtert, die bei der Anwendung dieser Modelle entstehen und weiterführende Fragen diskutiert. Es wird deutlich, dass Lernende Organisationen nur möglich werden, wenn ein Kreislauf des Ermöglichen, des Schaffens, des Explizierens, Etablierens und Verbreitens sowie des Praktizieren initiiert und am Leben erhalten wird. Am Schluss geht die Autorin auch kritisch auf die möglichen Auswirkungen dieses Ansatzes ein. Sie verdeutlicht, dass die Führungskräfte lernen müssen, mit der „Unlenkbarkeit“ dieses Systemes umzugehen, dass Einzelne Macht an die Organisation abgeben müssen und dass sich die Definition von Kompetenz verändert. Die Lerninhalte verschieben sich von von Tools und fachlichen Inhalte n zu kombinatorischem Wissen, Netzwerkwissen und Relevanzwissen. Die bisherigen Lern-, Schulungs- und Trainingsinhalte müssen innovativen Lernangeboten weichen.

Abschließend fordert die Autorin ihre Leser auf, diesen Weg weiter zu denken, um zu lernen.

Fazit

Das Werk von Sonja Radatz untersucht die Thematik der Lernenden Organisation und des organisationalen Lernens mit einem hohen theoretischen Anspruch, ohne dass sie die praktische Umsetzung in den Unternehmen aus dem Auge verliert. Es wird deutlich, dass sie dabei ihr umfassendes, empirisches Erfahrungswissen nutzen konnte.

Hervorzuheben ist die konsequente Herleitung des Paradigmenwechsels zur Entwicklung der Lernenden Organisation, die nicht mehr vom Individuum aus initiiert wird. Sie verdeutlicht gut nachvollziehbar, dass die Lernende Organisation erst ermöglicht wird, wenn Rahmen und Struktur entwickelt wird.

Die Stärke dieses Werkes liegt darin, neben der fundierten und breiten theoretischen Darstellung, im Transfer auf die Umsetzungspraxis in den Unternehmen. Dabei vermittelt die Autorin eine Vielzahl von Anregungen und Hilfen für die Ermöglichung organisationalen Lernens. Gleichzeitig zeigt sie sehr klar auf, welche komplexen Anforderungen an Gestaltung dieser Entwicklungsprozesse notwendig sind. Das Werk macht trotzdem oder gerade deshalb Mut, diesen Weg zu gehen.

Dieses Fachbuch regt zum Nachdenken an. Es ist zu hoffen, dass das Werk von Sonja Radatz, wie von ihr gewünscht, eine intensive Diskussion zur Ermöglichung wirksamen Organisationslernens initiiert.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
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Es gibt 66 Rezensionen von Werner Sauter.

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ISSN 2190-9245