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Jacques Ranciere: Der Hass der Demokratie

Cover Jacques Ranciere: Der Hass der Demokratie. August Verlag (Berlin) 2011. 103 Seiten. ISBN 978-3-941360-01-3. 16,00 EUR.
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Thema

Wie aktuell ist heute noch ein bereits im Jahr 2005 im französischen Original erschienenes Buch mit dem Titel „Der Hass der Demokratie“? Erfreut sich ‚die Demokratie‘ (als stünde außer Frage, was darunter immer schon zu verstehen sei) nicht gerade großer Beliebtheit? Schickt sie sich nicht an, nach ihrem Sieg über den Totalitarismus nun auch noch die arabischen Despoten von der Bühne zu fegen und Gleichheit und Freiheit an ihre Stelle zu setzen? Mit welchem Recht kann man da von einem Hass der Demokratie reden?

Dies mögen zwei Reaktionen auf die Umbrüche in Nordafrika illustrieren. Die eine ist zu beobachten bei den demokratischen Politikern Europas: Zweifellos, beteuern diesen, unterstütze man die Forderungen nach Demokratie; man dürfe aber, beeilt man sich zu ergänzen, die Stabilität in den ‚Unruheregionen‘ nicht aufs Spiel setzen, anderenfalls man in Europa einen Exodus biblischen Ausmaßes zu gewärtigen habe oder damit rechnen müsse, dass radikale Gruppierungen die Macht an sich reißen. Eine andere Reaktion konnte man in der Satiresendung ‚heute-show‘ des ZDF vom 18.02.2011 erleben. Dort fragte der Moderator Oliver Welke nach den Wünschen des ägyptischen Volkes. Dabei wurde seine Vermutung, eine neue Verfassung oder Bildung für alle sei das vorrangige Ziel, widerlegt und als naiv entlarvt durch einen Einspielfilm, der zusammengeschnittene Szenen von demonstrierenden Ägyptern zeigte, die nur eines forderten: (mehr) Geld.

Beide Reaktionen, so ließe sich mit Rancière sagen, stehen für den Hass der Demokratie: Das Verhalten der Politiker zeugt demnach von nichts anderem als der Überzeugung, eine demokratische Regierung tauge nur dann etwas, sofern sie „in der Lage ist, ein Übel zu beherrschen, das ganz einfach ‚das demokratische Leben‘ heißt“. (S. 13) Dieses Übel (und damit das demokratische Leben), so zeigt der Fernsehbeitrag, ist mit anderen Worten „die Herrschaft der unbegrenzten individuellen Begierden in der modernen Massengesellschaft“. (S. 7)

In seinem Buch macht Rancière es sich zur Aufgabe, die Entstehung und Hintergründe des Hasses der Demokratie darzulegen und dem darin ausgedrückten – seiner Ansicht nach grundfalschen – Verständnis von Demokratie das eigene entgegenzusetzen.

Autor

Geboren 1940 in Algerien, gelangte Rancière zu erster Bekanntheit durch seine (in der deutschen Ausgabe nicht dokumentierte) Mitarbeit am Buch „Lire le Capital“ (1965) seines akademischen Lehrers Louis Althusser, von welchem er sich nach den Ereignissen des Mai 1968 jedoch distanzierte. Von 1969-2000 hatte Rancière eine Professur für Philosophie an der Universität Paris VIII inne, seit einigen Jahren unterrichtet er an der European Graduate School in Saas-Fee. Neben der politischen Philosophie beschäftigt sich Rancière vor allem mit Fragen der Ästhetik.

Aufbau und Inhalt

Rancière gibt zu, dass der Hass der Demokratie diese seit ihrer Entstehung begleitet. Ebenso bekannt sei auch die Kritik der Demokratie, sei es als Versuch ihrer aristokratischen Einhegung (Demokratie als Elitenregierung und zur Wahrung der Besitzverhältnisse) oder marxistischen Demaskierung (Demokratie als Schein und Instrument bourgeoiser Macht). Elemente beider Formen der Kritik verquicken sich Rancière zufolge zum neuen Hass der Demokratie, der ideologische Züge annehme und sich auf die Formel bringen lasse: „Es gibt nur eine gute Demokratie, nämlich diejenige, die die Katastrophe der demokratischen Kultur unterdrückt.“ (S. 10)

Dieser Auffassung von Demokratie, so führt Rancière im Kapitel „Von der siegreichen zur kriminellen Demokratie“ aus, begegne man schon in den Analysen, die Michel Crozier, Samuel P. Huntington und Jôji Watanuki 1975 in ihrem Bericht „The Crisis of Democracy“ der Trilateralen Kommission vorgelegt hatten. Danach sei die Demokratie die Verkörperung eines „anarchischen Prinzip[s]“ (S. 13), das die Autorität des Staates und das Wissen von Experten in dem gleichen Maße untergrabe, wie es zum unbegrenzten Wachstum individueller Forderungen führe und damit das Interesse für das Gemeinwohl zum Verschwinden bringe. Anders gesagt: „Die Demokratie als politische und gesellschaftliche Lebensform ist die Herrschaft des Exzesses. Dieser Exzess nun bedeutet den Ruin der demokratischen Regierung und muss deshalb von ihr wieder unterdrückt werden.“ (S. 14)

Wie kam es zu dieser Bedeutungsverschiebung des Begriffs ‚Demokratie‘? Eine entscheidende Etappe bildet für Rancière die Umdeutung des Totalitarismusbegriffs nach dem Ende des Kalten Krieges. Totalitarismus und Demokratie, so habe etwa François Furet im Zusammenhang mit seiner Neubewertung der Französischen Revolution gezeigt, seien keine Gegensätze. Vielmehr lasse sich eine direkte Verbindung zwischen stalinistischer und revolutionärer Schreckensherrschaft erkennen, welch letztere ihrerseits in der demokratischen Revolution angelegt gewesen sei. Die hiermit erneuerte liberale Kritik am totalitären Gleichheitsdogma verdecke jedoch nur die weitaus bedeutendere Kritik, welche „das Vergehen der Revolution nicht in ihrem Kollektivismus, sondern im Gegenteil in ihrem Individualismus sah. Aus dieser Perspektive war die Französische Revolution nicht deshalb terroristisch, weil sie die Rechte der Individuen nicht anerkannt hat, sondern gerade aus dem Grund, weil sie diese geheiligt hat“ (S. 20) und dadurch gleichermaßen natürliche wie historische Bindungen zerstört habe. Der Terror lasse sich nach dieser Lesart auf den Versuch zurückführen, einer bereits „zerstörten Gesellschaft einen imaginären Körper zu geben“. (S. 21)

Diesen eingeschlagenen Weg zu einer Umdeutung von ‚Demokratie‘ sind Rancière zufolge auch Teile der Linken mitgegangen. So habe man nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Menschenrechte, in deren Name der Kampf für mehr Demokratie in den totalitären sozialistischen Staaten ausgetragen worden sei, in marxistischer Manier kritisiert als „die Rechte der egoistischen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft“. (S. 22) Dabei identifizierte man allerdings als die ‚egoistischen Individuen‘ nicht mehr – wie noch Marx – die Besitzer der Produktionsmittel, sondern die demokratischen Individuen. (S. 22f.) Ganz ähnlich sei auch Marxens und Engels‘ Kritik an der Bourgeoisie, diese habe „die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Rechte die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt“ (Marx/Engels 1969, S. 465), in eine Kritik am „‚demokratischen Menschen‘“ (S. 25) umgemünzt worden. „In der Folge dieser Ersetzung wird die Herrschaft der Ausbeutung zur Herrschaft der Gleichheit, und die demokratische Gleichheit lässt sich umstandslos mit dem ‚gerechten Austausch‘ der Marktgüter identifizieren.“ (ebd.)

Verschiedenen „fröhlichen postmodernen Soziologen“ (S. 28), so Rancière, sei es gelungen, diesen Bedeutungswandel des Demokratiebegriffs ins Positive zu wenden, indem sie den einst von Entfremdung betroffenen Verbraucher zum konsumfreudigen Narziss deklarierten, der sich im Universum des Marktes ebenso spielerisch bewege wie auf der demokratischen Bühne und somit seine „individuelle Befriedigung und die Regeln der Gemeinschaft in eine perfekte Harmonie“ (S. 27) zu bringen wisse. Zugleich allerdings habe diese Identifizierung von Demokratie und Konsum einer Kritik Tür und Tor geöffnet, der es nicht schwerfiel, auf die ruinösen Folgen dieser Gleichsetzung für die Politik hinzuweisen, und die forderte, die Politik im Interesse des allgemeinen Wohls von den egoistischen Begierden des demokratischen Verbrauchers reinzuhalten. (S. 28f.)

Als beispielhaft für diese Kritik und den daraus abgeleiteten Forderungen führt Rancière die französische Debatte um die Frage an, wie sich die schulische Chancenungleichheit ‚bildungsferner Schichten‘ bekämpfen lasse. Dabei habe für die Parteigänger eines „‚republikanischen Elitismus‘“ (S. 31) außer Frage gestanden, dass für die Schulprobleme nicht die gesellschaftliche Ungleichheit verantwortlich zeichnet, „sondern der Schüler selbst, der zum Repräsentanten des demokratischen Menschen par excellence wurde, zum unmündigen Wesen, zum jungen, vor Gleichheit trunkenen Verbraucher, dessen Verfassung die Menschenrechte sind“. (ebd.) Als solcher erkenne er die Autorität des Lehrers nicht mehr an, welche notwendig sei dafür, dass der Lehrer seine Funktion als „Überbringer des gleichmachenden, universalen Wissens an jungfräuliche Seelen“ (S. 32) allererst wahrnehmen kann.

Für Rancière verbirgt sich hinter dieser am Beispiel des Schülers vorgenommenen Abwertung des auf Gleichheit pochenden demokratischen Individuums die Vorstellung von einer gleichsam „erwachsene[n] Menschheit“ (S. 34), die sich sittlich, kulturell, durch Geburt, Reichtum oder Wissen über die Exzesse der konsumtrunkenen Individuen erhaben dünkt und so ihren Herrschaftsanspruch geltend zu machen sucht. (S. 33f.; 70) „Die Verurteilung des ‚demokratischen Individualismus‘“, urteilt er, „ist ganz einfach der Hass der Gleichheit, durch den die herrschende Intelligenzija sich als die Elite bestätigt, die für die Führung der blinden Herde qualifiziert ist.“ (S. 73)

In dem Kapitel „Die Gründe für einen Hass“ verdeutlicht Rancière, dass auch der aktuelle Hass der Demokratie nicht zuletzt von dem Willen herrührt, den eigenen Führungsanspruch zu behaupten. Man müsse feststellen: „Wir leben nicht in Demokratien. […] Wir leben in oligarchischen Rechtsstaaten, d.h. in Staaten, in denen die Macht der Oligarchen durch die doppelte Anerkennung der Volkssouveränität und der individuellen Freiheiten begrenzt ist.“ (S. 79) Was man heute ‚Demokratie‘ nennt, verdiene daher diese Bezeichnung keineswegs; vielmehr sehe man sich einer „solide[n] Allianz von staatlicher und wirtschaftlicher Oligarchie“ (S. 78) gegenüber, die sich in ihrem „unstillbaren Appetit“ des „Raub[s] an der öffentlichen Sache und dem öffentlichen Gut“ (S. 79) schuldig mache.

Mit welchen Mitteln herrscht diese alliierte Oligarchie? Nach dem Ende der Sowjetunion und mit dem Schwächerwerden sozialer und emanzipatorischer Bewegungen, so Rancière, habe sich der Konsens durchgesetzt, dass die Wirtschaft und das grenzenlose Strömen des Reichtums die einzige und mithin alternativlose jetzige wie zukünftige Wirklichkeit bilde, deren Gesetze man lediglich noch exekutieren könne. Unterstützung erfahre diese oligarchische „Konsens-Vision“ von einer „Königswissenschaft“ (S. 82), welche die richtigen Antworten auf gesellschaftliche Probleme aus der Erkenntnis der vermeintlich objektiven Gegebenheiten und Zwänge ableite, sie somit zu einer Angelegenheit von Experten mache und der öffentlichen Abstimmung entziehe. (S. 82f.) Meinungen und Bestrebungen, die sich gegen den herrschenden Konsens und die allfällige Rede von globalen und historischen Unumgänglichkeiten richten – als Beispiel nennt Rancière das französische Referendum zum europäischen Verfassungsvertrag – schmähe man als ewiggestrigen Populismus und diffamiere ihn mit dem ‚Argument‘: „Wenn der Fortschritt nicht voranschreitet, sind die Nachzügler daran schuld.“ (S. 85) Im Kern stehe ‚Populismus‘ damit für den Wunsch der oligarchischen Eliten, ohne Volk und Politik regieren zu können. (S. 85)

Eine besondere Tragik liegt für Rancière darin, dass sich auch einstmals kritische Intellektuelle dem oligarchischen Konsens anschließen – ohne dabei ihre marxistischen Überzeugungen fahren lassen zu müssen: „Sie haben an das Fortschreiten der Geschichte geglaubt, als es zur sozialistischen Weltrevolution führte. Sie glauben auch heute noch daran, während es zum globalen Triumph des Marktes führt. Es ist nicht ihre Schuld, wenn die Geschichte sich geirrt hat.“ (S. 91) Andere, ebenfalls mit Marx im Rücken, kritisierten zwar die Herrschaft des Konsums und des grenzenlosen Kapitalismus, kehrten dabei jedoch Ursache und Wirkung um, so dass mit einem Mal die Individuen nicht mehr Leidtragende der globalen Kapitalherrschaft seien, sondern zu deren Verursachern würden. „Nur weil der demokratische Mensch ein maßloses Wesen ist, das unersättlich Waren, Menschenrechte und Fernsehshows verschlingt, regiert dieser Kritik zufolge das Gesetz des kapitalistischen Profits die Welt.“ (S. 92)

Einmal an diesem Punkt angelangt, lasse sich der Demokratie von ihren Gegnern in einer letzten Volte nun sogar noch die Schuld am nationalsozialistischen Genozid zuschreiben und der Kampf gegen die Demokratie zum Kampf gegen den Totalitarismus adeln. (S. 94ff.)

Welches Verständnis von Demokratie setzt Rancière ihrer oligarchischen Schwundform entgegen? Worin besteht der „demokratische Skandal“ (S. 57), der nichts mit dem zu tun habe, dessen man die Demokratie anklagt? Dies zu erläutern, knüpft Rancière an Platon an. Dieser hatte in den „Nomoi“ eine Liste von Herrschaftstiteln erstellt; neben den sechs Titeln, die Herrschaft entweder durch das Recht des Höher- oder Erstgeborenen (Eltern gebieten über Kinder, Alte über Junge, Herren über Sklaven, Wackere über Nichtwackere) oder die Natur (der Stärkere beherrscht den Schwächeren, der Gelehrte den Unwissenden) legitimieren, hatte Platon auch einen siebten eingeführt: Derjenige solle herrschen, welcher von den Göttern und dem Glück gleichsam wie bei „einer Art von Verlosung“ (Platon 1968, S. 72 [690c]) begünstigt wird. Für Rancière beginnen erst jetzt, mit der Einführung dieses siebten Titels, Politik und Demokratie, denn allererst das Lossystem ist eine „demokratische Prozedur, durch die ein Volk von Gleichen über die Verteilung der Plätze entscheidet“. (S. 45) Mithin ist die demokratische Herrschaft Rancière zufolge paradoxal verfasst: Demokratie ist „der Skandal einer Überlegenheit, die auf keinem anderen Prinzip als dem Fehlen jeder Überlegenheit gründet. Demokratie bedeutet also […] eine anarchische ‚Regierung‘, die auf nichts anderem gründet als auf dem Fehlen jedes Herrschaftsanspruchs.“ (S. 46) Die Gründung der Demokratie in Grundlosigkeit – und nicht etwa individualistischer (Konsum-)Exzess – sei es also, was „die tiefe Unordnung“ hervorruft, „die das Wort Demokratie bedeutet“. (S. 45) Mit dem Losverfahren hindere man nicht nur diejenigen am Regieren, die mit List nach der Macht trachten; es wecke überdies Zweifel an jeder Autorität, die sich auf Geburt oder Natur beruft. (S. 47ff.)

Wesentlich für die Demokratie ist in Rancières Augen die Gleichheit, welche das Fundament bilde, auf dem erst Herrschaft und damit Ungleichheit errichtet werden könne. (S. 52f.) Denn, so Rancières Argument für die unaufhebbare Gleichheit zwischen Herrschenden und Beherrschten, „es gibt keinen Herren, der nicht riskiert, dass sein Sklave ihm wegläuft, während er schläft“. (S. 52) Politische Macht sei mithin nichts anderes als „die Macht des Beliebigen, die Gleich-Gültigkeit der Fähigkeiten, die Position des Regierenden oder des Regierten einzunehmen“ (S. 53), oder anders gesagt „die Macht derjenigen, die keine natürliche Grundlage dafür haben, über die zu herrschen, die ihrerseits keine natürliche Grundlage zum Beherrschtwerden haben“. (S. 52) Jegliche Versuche, politische Macht auf Alter, Herkommen, Reichtum oder Wissen zu gründen, schafften die Politik ab und etablierten stattdessen eine undemokratische Logik, für die Rancière den Titel ‚Polizei‘ vorschlägt. (S. 51f.)

Politik auf das „Fehlen jeder Grundlage“ (S. 54) zu gründen, hat Folgen. Allererst müsse man begreifen, stellt Rancière klar, dass sich die Demokratie nicht mit einer bestimmten Gesellschafts- oder Regierungsform oder einem bestimmten Verfassungstypus identifizieren lasse. (S. 51; 57) So sei etwa auch die repräsentative Demokratie keinesfalls dem gleichzusetzen, was für Rancière den wahren Gehalt von Demokratie ausmacht; die Repräsentation sei schließlich nichts anderes als „eine oligarchische Form vollen Rechts, eine Repräsentation von Minderheiten, die dazu berechtigt sind, sich um die Angelegenheiten der Gemeinschaft zu kümmern“. (S. 58) Dem entgegengestellt ist die Demokratie nach Rancières Verständnis ein Kampf: gegen die Versuche der ‚Polizei‘, die Öffentlichkeit zu privatisieren, und für die unaufhörliche Erweiterung der Öffentlichkeit. Der Demokratie sei es darum zu tun, „gegen die Aufteilung von Öffentlichem und Privatem zu kämpfen, die die doppelte Herrschaft der Oligarchie im Staat und in der Gesellschaft gewährleistet“. (S. 61) In der Geschichte manifestiere sich dieser Kampf in dem Bestreben, zum einen auch jenen eine Stimme als politischen Subjekten zu verschaffen, die bisher auf den privaten häuslichen Bereich beschränkt waren (z.B. Frauen, Lohnarbeitern), und zum anderen bestimmten Räumen, Beziehungen oder Institutionen ihren privaten Charakter zu nehmen und als öffentliche Angelegenheit zu behaupten, wie es etwa der Streit um Löhne, Arbeitsbedingungen oder das Gesundheits- und Rentensystem gezeigt habe. (S. 61f.) Insofern Demokratie damit als Tätigkeit aufzufassen sei, „die den oligarchischen Regierungen unaufhörlich das Monopol über das öffentliche Leben und dem Reichtum die Allmacht über das Leben aller entreißt“ (S. 100), könne es nicht verwundern, schließt Rancière seine Ausführungen, dass dies Hass hervorrufe bei denen, die sonst gewohnheitsmäßig das Denken machtvoll beherrschen. „Doch bei denen, die mit jedem Beliebigen die gleiche Macht der Intelligenz zu teilen wissen, kann sie im Gegenteil Mut hervorrufen, also Freude.“ (S. 101)

Diskussion und Fazit

Dem eigenen Anspruch gemäß, „die Rückkehr der ‚politischen Philosophie‘ ins Feld der politischen Praxis zu denken“ (Rancière 2002, S. 13), ist RancièresDer Hass der Demokratie“ ein gleichsam philosophischer Eingriff in die gegenwärtige Praxis der westlichen Demokratien, mit dessen Hilfe er ihre Schwächen offenlegen will, um dadurch die demokratische Idee, den ‚Skandal‘, zu retten. Demokratie bedeutet für Rancière immer mehr als das, was in ihren aktuellen Formen etabliert ist und was ihre Propheten (notfalls mit Waffengewalt) in die Welt zu tragen suchen.

Lässt sich Demokratie à la Rancière aber überhaupt realisieren? Oder muss die Demokratie nicht vielmehr um ihrer selbst willen – weil das „was unter ‚demokratischer Gesellschaft‘ firmiert, […] nichts anderes [ist] als eine Fantasiemalerei, dazu bestimmt, dieses oder jenes Prinzip der guten Regierung zu unterstützen“ (S. 57) – eine immer erst noch zu verwirklichende Demokratie bleiben, die ihre eigene Vollendung niemals einholt? Darauf in der Tat scheint Rancières Argumentation hinauszulaufen, wie aus seinen Bemerkungen zu der für die Demokratie wesentlichen Gleichheit erhellt. Denn auch wenn, wie oben gesehen, jedes Herrschaftsverhältnis auf Gleichheit aufbaut, so bedeutete doch zugleich die Institutionalisierung der Gleichheit ihr Ende. „Die Gleichheit“, schreibt Rancière in „Das Unvernehmen“, „schlägt in ihr Gegenteil um, sobald sie sich in einen Platz gesellschaftlicher oder staatlicher Organisation einschreiben will.“ (Rancière 2002, S. 46) Rancière verleiht der Gleichheit (und damit auch der Demokratie) in diesem Sinne eine „messianische Struktur“ (Krasmann 2010, S. 88), in der diese nur angekündigt wird, sich aber niemals in Perfektion realisiert.

Es gehe ihm nicht, stellt Rancière in einem Gespräch klar, um die Vorhersage einer Zukunft (oder um Wege dorthin), in der das Prinzip der Demokratie – auf dem Fehlen einer a priori vorhandenen Ermächtigung zum Regieren zu beruhen – in Gänze umgesetzt wäre. Was er anzubieten habe, seien stattdessen „Werkzeuge und Maßnahmen, mit denen wir die gegenwärtigen Verhältnisse besser einschätzen und den Bereich des Möglichen ermessen können. Wir leben in einer Welt, in der Politik und Polizei, Gleichheit und Ungleichheit auf vielfältigste Weise miteinander verwoben sind. Es geht […] darum, Werkzeuge bereitzustellen, welche die beiden Prinzipien entwirren helfen und die Macht der ‚Unregierbarkeit‘ in der Gegenwart zur Geltung bringen.“ (Rancière 2007)

Wie aber soll das vor sich gehen? Es scheint, als tendiere Rancières Theorie entgegen den eigenen Absichten dazu, den ‚Bereich des Möglichen‘ zu vernachlässigen. Ohne die von ihm selbst betonte Verquickung von Politik und Polizei genügend zu berücksichtigen, stellt Rancière allzu schroff den vorhandenen Demokratien, die für ihn kaum mehr sind als polizeiliche Unterdrückungsregimes, die wahre Politik einer Offenheit entgegen, die diese Polizeiordnung als Ganzes unterbricht. Dadurch kann er jedoch konkrete Bemühungen, die vorhandenen Demokratien aus ihrem Inneren und unter den gegebenen ökonomischen, kulturellen und politischen Bedingungen heraus zu transformieren nicht ausreichend würdigen und muss sie als Versuche (ab)werten, Inklusion in das System zu erzielen, ohne dieses dadurch in Frage zu stellen. (vgl. Niederberger 2004, S. 143ff.; Jünke 2009) So vertritt Rancière nach eigenen Angaben „keine Sichtweise der Politik, die sie auf die Ansprüche von AußenseiterInnen reduziert. […] Politik besteht nicht darin, die Ausgeschlossenen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Vielmehr geht es darum, das Problem des Ausschlusses in Form eines Konflikts, als Gegensatz zwischen verschiedenen Welten zu inszenieren.“ (Rancière 2007) In „Der Hass der Demokratie“ heißt es noch deutlicher und als Abgrenzung zu der von Antonio Negri und Michael Hardt propagierten Idee einer im Inneren des ‚Empire‘ sich heranbildenden und dieses überwindenden ‚Multitude‘: „Die nichtegalitäre Gesellschaft trägt keine egalitäre Gesellschaft in sich.“ (S. 101)

So notwendig der Einsatz für eine Veränderung der gegenwärtigen Verhältnisse im großen Maßstab auch sein mag, es wäre dieser Perspektive entgegenzuhalten, dass schon „die minimalen Unterschiede vom Immergleichen […] den ums Ganze“ (Adorno 2003, S. 146) vertreten. Dass Rancière es an Vorschlägen fehlen lässt, wie der ‚Gegensatz zwischen verschiedenen Welten‘ zur Inszenierung gelangen soll, nimmt indessen seiner Kritik am gegenwärtigen Hass der Demokratie nichts von ihrer Berechtigung und schmälert nicht den Gewinn, mit dem man sein Buch liest.

Literatur

  • Adorno, Theodor W.: Kultur und Verwaltung. In: ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 8. (Hg. Tiedemann, Rolf). Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003, S. 122-146
  • Jünke, Christoph: Der neue Abscheu vor der Demokratie. [Rezension von Jacques Rancière: Hatred of Democracy. London: Verso 2006]. Auf: http://www.iablis.de/iab2/content/view/414/101/
  • Krasmann, Susanne: Jacques Rancière: Polizei und Politik im Unvernehmen. In: Bröckling, Ulrich/Feustel, Robert (Hg.): Das Politische denken. Zeitgenössische Positionen. Bielefeld: transcript 2010, S. 77-98
  • Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. In: dies.: Werke. Bd. 4. (Hg. Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED). Berlin: Dietz 1969, S. 459-493
  • Niederberger, Andreas: Aufteilung(en) unter Gleichen. Zur Theorie der demokratischen Konstitution der Welt bei Jacques Rancière. In: Flügel, Oliver/Heil, Reinhard/Hetzel, Andreas (Hg.): Die Rückkehr des Politischen. Demokratietheorien heute. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004, S. 129-145
  • Platon: Nomoi. In: ders.: Sämtliche Werke. Bd. 6. (Hg. Otto, Walter F./Grassi, Ernesto/Plamböck, Gert; Übers. Müller, Hieronymus). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1968
  • Rancière, Jacques: Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002
  • Rancière, Jacques: Entsorgung der Demokratie. Interview mit Christian Höller. In: Springerin 3, 2007. Auf: http://www.eurozine.com/articles/2007-11-30-ranciere-de.html

Rezensent
Simon Herzhoff
M.A.
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Zitiervorschlag
Simon Herzhoff. Rezension vom 01.04.2011 zu: Jacques Ranciere: Der Hass der Demokratie. August Verlag (Berlin) 2011. ISBN 978-3-941360-01-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11184.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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