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Angelika Fliegner: Kind und/oder Karriere?

Cover Angelika Fliegner: Kind und/oder Karriere? Erwerbstätigkeit deutscher und niederländischer Mütter zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 182 Seiten. ISBN 978-3-8309-2460-9. 16,90 EUR.

Reihe: Niederlande-Studien Kleinere Schriften - 15.
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Thema

In ihrem Buch geht Angelika Fliegner der Frage nach, welche Faktoren niederländische und deutsche Mütter zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei ihrer Entscheidung über Erwerbstätigkeit und Kinderbetreuung beeinflussen. In einem transdisziplinären Ansatz werden ökonomische, politische, soziokulturelle und historische Faktoren sowie individuelle Sozialvariablen und ihr Zusammenwirken untersucht. Die Analyse und Interpretation macht verständlich, warum niederländische Mütter trotz gut ausgebauter Kinderbetreuung überwiegend in Teilzeit arbeiten oder zu Hause bleiben und warum ostdeutsche Mütter häufiger erwerbstätig sind als westdeutsche Frauen.

Autorin

Angelika Fliegner studierte den binationalen Doppeldiplomstudiengang Niederlande-Deutschland-Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Radboud-Universiteit Nijmegen. Seit Sommer 2011 ist sie wissenschaftliche Hilfskraft und Promotionsstudentin am Zentrum für Niederlande-Studien.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf der Diplomarbeit, die Angelika Fliegner 2010 am Zentrum für Niederlande-Studien in Münster geschrieben hat.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert.

Das erste Kapitel enthält die Einleitung, den theoretischen Hintergrund, Methode und Fragestellung der Studie.

Im zweiten und dritten Kapitel werden die historischen, ökonomischen, politischen, soziokulturellen und individuellen Sozialvariablen als Einflussfaktoren in je einem Unterkapitel behandelt, wobei zunächst Daten und Fakten aus unterschiedlichen Quellen referiert (Kap. 2) und anschließend interpretiert werden (Kap. 3).

Das 4. Kapitel enthält das Fazit mit einer Gewichtung der Einflussfaktoren und einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen.

Das Literaturverzeichnis befindet sich im 5. Kapitel, wobei die Autorin zusätzlich alle Literaturquellen sowie weitere Erläuterungen in lesefreundlichen Fußnoten anbietet.

Inhalt

Ausgehend von der aktuellen Diskussion um den Ausbau der Krippenplätze in Deutschland zeigt Angelika Fliegner auf, dass hier wie auch in den Niederlanden ein erheblicher Teil der Frauen nach der Geburt eines Kindes nicht oder nur noch in Teilzeit erwerbstätig ist. In Westdeutschland wird dies mit fehlenden Betreuungsangeboten erklärt, zumal die Erwerbsbeteiligung in den neuen Bundesländern bei besserer Kinderbetreuung deutlich höher ist. Weniger verständlich ist die Situation in den Niederlanden, wo trotz vorhandener öffentlicher Betreuungsangebote viele Mütter in Teilzeit oder gar nicht erwerbstätig sind. Daraus leitet die Autorin die Kernfrage ihrer Studie ab, welche Faktoren die Erwerbsentscheidungen der Mütter in Deutschland und den Niederlanden beeinflussen und warum Väter in aller Regel zu anderen Entscheidungen kommen.

Für die Studie wurde der transdisziplinäre Forschungsansatz der Cultural Studies (Marchart, 2008) gewählt, in dem mehrere sich überschneidende und gegenseitig beeinflussende Kontextfaktoren untersucht werden. Die für die Fragestellung relevanten Faktoren werden jeweils anhand von Zahlenmaterial im Ländervergleich betrachtet und auf sogenannte Gender Gaps (Unterschiede zwischen den Geschlechtern) durchleuchtet.

Zum historischen Kontext gehört, dass das Familienmodell der männlichen Versorgerehe (männlicher Alleinernährer, nicht erwerbstätige Hausfrau und Mutter) in beiden Ländern in den 1950er und frühen 1960er Jahren dominierend war. Hervorgegangen aus dem Wertesystem des städtischen Bürgertums setzt es voraus, dass das Arbeitseinkommen des Mannes als Familieneinkommen ausreicht. Ab Mitte der 1960er Jahre setzte ein Wertewandel in beiden Ländern ein. Die Antibabypille erlaubte eine verlässliche Geburtenregelung, die Bedeutung der wertkonservativen Kirchen nahm ab, die Bildungsexpansion führte zu längeren Ausbildungszeiten und die Frauenbewegung forderte Selbstbestimmung und Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen. In beiden Ländern gingen die Geburtenziffern zurück, wobei in Deutschland im gesamten Zeitraum weniger Kinder pro Frau geboren wurden als in den Niederlanden. Gleichzeitig stieg der Anteil der erwerbstätigen Frauen und Mütter.

Der ökonomische Kontext ist ein zentraler Faktor der Geschlechtergerechtigkeit. Trotz verschiedener Initiativen auf EU-Ebene trägt die unterschiedlich hohe Entlohnung von typischen Frauen- und Männerberufen zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle bei und führt in der Familie dazu, dass eher die Frau als der Mann wegen der Kinder beruflich zurücktritt. Wie sich die Erwerbsbeteiligung der Mütter in Deutschland und den Niederlanden entwickelt hat, zeigt Angelika Fliegner anhand von Daten aus dem (deutschen) Gender-Datenreport (BMFSFJ) und dem (niederländischen) Emancipatiemonitor (SCP/CBS). Der Anteil erwerbstätiger Mütter war in den Niederlanden höher, gleichzeitig waren in Deutschland mehr Mütter in Vollzeit beschäftigt. Betrachtet man die Arrangements junger Familien mit kleinen Kindern, zeigt sich, dass 46% Paare in den Niederlanden das Vollzeit-Teilzeit-Modell wählen, während in Deutschland 44% der Mütter zu Hause bleiben und nur der Partner in Vollzeit arbeitet. Dabei gelten Teilzeitarbeit wie auch Elternzeit zwar als familienfreundlich, stellen aber gleichzeitig ein Karrierehemmnis dar. In beiden Ländern sind Frauen in führenden Positionen unterrepräsentiert.

Im politischen Kontext werden Maßnahmen zur Entlastung der Familien betrachtet. Die Autorin zeigt, dass in Deutschland zwar mehr finanzielle Mittel für Familien aufgewendet werden als in den Niederlanden, fast die Hälfte davon aber als direkter Geldtransfer (z.B. Kindergeld) geleistet wird. In den Niederlanden fließen dagegen weit mehr Mittel in die Subvention der Kinderbetreuung. Deutliche Unterschiede zeigen sich in den Zeitleistungen, die jungen Familien gewährt werden. In Deutschland können Eltern bis zu 14 Monate Elternzeit nehmen, in denen steuerfinanzierte Lohnersatzleistungen gezahlt werden. Gefördert wird also die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit. In den Niederlanden haben Eltern Anspruch auf bis zu 26 Wochen unbezahlten Urlaub. Meist arbeiten sie stattdessen über einen längeren Zeitraum mit reduzierter Stundenzahl. Ein weiteres Angebot auf niederländischer Seite ist die Lebenslaufregelung. Mitarbeiter können einen Teil ihres Einkommens über einen begrenzten Zeitraum ansparen, um sich anschließend mit Gehaltsfortzahlung beurlauben zu lassen.

Der soziokulturelle Kontext wird als „die nationaltypische kulturelle Prägung auf Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung“ definiert (S. 85). Untersucht wird, inwiefern traditionelle Rollenverteilungen in der Bevölkerung akzeptiert bzw. zurückgewiesen werden. Frauen in Ostdeutschland lehnten eine traditionelle Rollenverteilung deutlich häufiger ab, als Frauen in Westdeutschland. Noch häufiger befürworteten niederländische Befragte die traditionelle Frauenrolle, insbesondere in Bezug auf die Betreuung kleiner Kinder und den Umfang von Erwerbstätigkeit.

Zu den individuellen Sozialvariablen zählen Familienstand/Partnerschaft, Ausbildung, Religiosität und die innerfamiliäre Arbeit. Als „Traditionalisierungsfalle“ wird das Phänomen bezeichnet, dass Väter nach der Geburt des ersten Kindes mehr und Frauen weniger arbeiten. Entsprechend verschiebt sich die Verteilung der Hausarbeit. Zu den Faktoren, die eine Erwerbstätigkeit der Mutter eher begünstigen, zählen ein hohes Ausbildungsniveau, eine geringe religiöse Bindung, die Erwerbsbeteiligung der eigenen Mutter und die egalitäre Einstellung des Partners.

Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass soziokulturelle Faktoren die größten Hemmnisse für die Erwerbsbeteiligung von Müttern darstellen, weil sie sowohl die staatlichen Unterstützungsmodelle als auch die individuellen Entscheidungen beeinflussen. Ein Ausbau der Kinderbetreuung allein genügt jedoch nicht, um die Erwerbsquote von Müttern zu steigern. „Zusätzlich müssen ein Wandel der geschlechterkulturellen Vorstellungen sowie eine Veränderung des ökonomischen Kontextes stattfinden“, so die Autorin (S. 160).

Diskussion

Der Vergleich der Nachbarländer, die erhebliche ökonomische und gesellschaftliche Ähnlichkeiten aufweisen, wird anhand von zahlreichen Datenquellen geführt. Angelika Fliegner zeigt in ihrer differenzierten Untersuchung strukturelle aber auch nationaltypische Merkmale der Erwerbsarbeit von Müttern auf. Das Zusammenwirken von wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen und kulturellen Leitbildern führt zu jeweils unterschiedlichen Entscheidungen in den Ländern aber auch im Zeitverlauf. Limitationen der Studie werden aufgezeigt (Mütter mit Migrationshintergrund werden nicht gesondert behandelt).

Fazit

Insgesamt ein interessantes und gut lesbares Buch, das sowohl Studierende der Sozialwissenschaften und Genderstudien anspricht, als auch Menschen, die allgemein an Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit interessiert sind. Die Analyse regt zum Nachdenken über eigene Entscheidungsprozesse im Kontext von Erwerbs- und Familienarbeit an. Insbesondere für Entscheidungsträger bietet der Band Anregungen für die Gestaltung einer familienfreundlichen Politik. Der umfassende Vergleich der Lebens- und Arbeitsbedingungen von deutschen und niederländischen Müttern schärft den Blick auf die eigene Realität.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 16.11.2011 zu: Angelika Fliegner: Kind und/oder Karriere? Erwerbstätigkeit deutscher und niederländischer Mütter zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2460-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11187.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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