socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Weinberger: Klientenzentrierte Gesprächsführung

Cover Sabine Weinberger: Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 14., überarb. Auflage. 276 Seiten. ISBN 978-3-7799-2092-2. 19,95 EUR.

Reihe: Edition sozial.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Hintergrund

Fast schien es, als sei die Klientenzentrierte Gesprächsführung schon in der Versenkung verschwunden oder, positiv gesehen, so in die beraterische Grundhaltung eingegangen, dass sie nicht mehr als eigenes Konzept dargestellt werden muss. Ein Blick in das Buch zeigt: die erste Auflage ist bereits im Jahr 1980 erschienen und hat seitdem eine Reihe von Überarbeitungen erfahren. Und in der Tat kenne ich den klientenzentrierten Ansatz von Carl R. Rogers aus eben dieser Zeit: Er war das Basiskonzept der klinischen Seelsorgeausbildung im Predigerseminar. In Erinnerung geblieben sind mir vor allem die beziehungsförderlichen Haltungen Empathie, Wertschätzung und Kongruenz sowie das „Spiegeln“ als elementare „Technik“.

In späteren Beratungsweiterbildungen sind mir die Haltungen immer wieder begegnet, nämlich als Grundvoraussetzungen von gelungenen (Arbeits-)Beziehungen. Eine weitere Überzeugung Rogers´ hat den Wert der Haltungen noch gestützt: dass nämlich Therapie Beziehung ist und Beziehung Therapie. Das rückt die aktive und achtsame Beziehungsgestaltung in den Mittelpunkt der Beratungsarbeit. Und, mit Blick auf das psychosoziale Berufsfeld, damit auch die Frage, wie denn eine nicht-direktive Beratung in Feldern möglich sein kann, deren Konstruktionsprinzip in wesentlichen Teilen auf Direktivität beruht: Jugendamtsinterventionen, Beratung Langzeitarbeitsloser, Sorgerechtsregelungen etc.

Genau diesen Bogen beschreibt das Buch von Weinberger: Sie beginnt mit der Darstellung des klientenzentrierten Konzepts von Rogers und endet mit Erfahrungsberichten aus unterschiedlichen Feldern der psychosozialen Arbeit. Die Autorin versteht das Buch als eine „Lern- und Praxisanleitung“, entsprechend durchdacht ist das didaktische Konzept, das zwischen Darstellung und Übungen wechselt.

Autorin

Sabine Weinberger ist Diplompsychologin und approbierte Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis. Gleichzeitig war sie Lehrbeauftragte verschiedener Fachhochschulen und Universitäten. Sie ist Ausbilderin in Klientenzentrierter Gesprächsführung der Gesellschaft für Personenzentrierte Psychotherapie und Beratung (GwG).

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht neben der Einleitung aus sieben Kapiteln und einem Anhang. Die Einleitung gibt einen Überblick über den didaktischen Aufbau des Bandes, in dem sich theoretische Lernabschnitte mit praktischen Lernabschnitten abwechseln. Es folgt eine „Bestandsaufnahme des eigenen gegenwärtigen Gesprächsverhaltens“: die LeserInnen werden eingeladen, Erwiderungen auf Beratungssituationen auszuwählen, die ihnen selbst am nächsten sind. (Problematisch finde ich schon an dieser Stelle die Normativität, die darin liegt, dass es einen Lösungsteil mit „richtigen“ Antworten gibt. Da beißt sich sich die nondirektive Katze irgendwie in den Schwanz…)

Im ersten Kapitel wird das „klientenzentrierte Konzept“ ausführlich dargestellt, beginnend mit einem geschichtlichen Überblick. In diesem Überblick werden auch die im Konzept immer wieder verwendeten Begriffe wie „nicht-direktiv“, „klientenzentriert“, „personzentriert“, „Aktualisierungstendenz“, „Inkongruenz“ etc. erläutert sowie eine Abgrenzung gegenüber anderen therapeutischen und beraterischen Verfahren vorgenommen. In den folgenden Abschnitten 1.2 bis 1.4 werden die Grundhaltungen Empathie, Wertschätzung und Kongruenz dargestellt, danach der Begriff „Selbstexploration“ und die Frage nicht-adäquater Verhaltensweisen reflektiert. Das erste Kapitel endet mit einer ersten Reflexion auf die Bedingungen, unter denen die Grundhaltungen in bestimmten psychosozialen Beratungsfeldern mehr oder weniger realisiert werden können.

Im zweiten Kapitel folgen „Übungen zur Verwirklichung der klientenzentrierten Prinzipien“ in acht Übungsstufen mit Angaben zu Möglichkeiten der Lernkontrolle.

Das dritte Kapitel ist überschrieben mit „Differentielle Interventionen“. Zuerst werden die verschiedenen „Differenzierungsebenen im klientenzentrierten Konzept“ dargestellt: Die Ebene 1 definiert die Interaktion als eine professionelle Beziehung zwischen Berater und Klient, die Ebene 2 beschreibt die Prinzipien dieser Beziehung, nämlich Empathie, Wertschätzung und Kongruenz. Ebene 3 nennt die dazugehörigen Methoden, Ebene 4 Aspekte eines konkreten (Berater-)Verhaltens in einer bestimmten Beratungssituation.

Ein kurzes viertes Kapitel bietet „Übungen zu den differentiellen Interventionen“.

Im fünften Kapitel „Anwendung der Klientenzentrierten Gesprächsführung“ werden u.a. auch die Grenzen eines klientenzentrierten „Counselling“, wie es sich im Bereich psychosozialer Beratung nahelegt, reflektiert. Grenzen bedeuten zum einen der Berater selbst (Überlastung, mangelnde Ausbildung), die Klienten (wenig oder keine Motivation, Erwartung von Lösungsangeboten) und die Institution (wenig Zeit, Bürokratie). Der typische Phasenverlauf eines Beratungsgespräches wird dargestellt, die Frage der Dokumentation von Beratungsgesprächen behandelt sowie die Bedeutung klientenzentrierter Gesprächsführung für verschiedene Formate psychosozialer Beratung wie Supervision, Krisenintervention, traumazentrierte Beratung etc. reflektiert.

Das sechste Kapitel enthält „Übungen zu verschiedenen Gesprächssituationen“.

Das siebte schließlich bietet „Erfahrungsberichte aus der psychosozialen Arbeit“ wie z.B. Schwangerschaftskonfliktberatung, Suchtberatung, Behördeninterventionen, Sorgerechtsregelung etc.

Der Anhang bietet die Lösungen der Testaufgaben, Erläuterungen der Fachbegriffe, Materialien zur Qualitätssicherung, Adressen, Literatur sowie Sach- und Personenregister.

Diskussion

Die Tatsache, dass die klientenzentrierte Gesprächsführung in viele Felder der psychosozialen Beratung „eingesickert“ ist, bedeutet in vielen Fällen auch eine inadäquate Verdünnung des Konzeptes von Carl R. Rogers. Es tut gut, daran erinnert zu werden, dass die klientenzentrierte Gesprächsführung wesentlich reicher ist. Ein Beispiel dafür ist das berühmte, aber auch berüchtigte „Spiegeln“, das – missverstanden – zu papageienhafter Kommunikation führt. Da finde ich folgende Klarstellung hilfreich: „Rogers hat nicht festgelegt, wie diese Empathie dem anderen mitzuteilen ist, da er keine Technik daraus machen wollte. Dies hat jedoch zu vielen Missverständnissen geführt. So wurde das empathische Verstehen auf ‚die Worte des Klienten spiegeln‘ reduziert.“ (S. 41) Rogers selbst ist vor einer solchen Karikatur so erschrocken, dass er eine Weile ganz darauf verzichtet hat, über das Thema einfühlendes Verstehen zu sprechen. Das Buch von Weinberger hilft, die Schätze zu heben, die die Arbeit von Rogers in reicher Zahl enthält. So hat zum Beispiel die Persönlichkeitstheorie von Rogers mit ihrer Ressourcenorientierung alle Konzepte der humanistischen Psychologie nachhaltig geprägt. Die Autorin schlägt in der Neubearbeitung aber auch Brücken in gegenwärtig häufig genutzte Konzepte wie das der Achtsamkeit, die, ohne ausdrücklich genannt zu werden, eine grundlegende Orientierung in der klientenzentrierten Arbeit darstellt.

Das Buch von Weinberger hat viele starke Seiten. Zum Einen: Ich teile die Ansicht, dass der klientenzentrierte Ansatz für professionelle BeraterInnen enorm hilfreich ist und deshalb in Ausbildungen auf jeden Fall vermittelt werden sollte. Dafür hat Weinberger viel getan: Der Band gibt zahlreiche Anregungen für Übungen, die auch im Selbststudium wertvoll sind. Zum Zweiten: Die Autorin gibt sich nicht damit zufrieden, das Modell von Rogers zu beschreiben, sie reflektiert auch seine Anwendung auf den verschiedenen Ebenen des Beratungsgeschehen und in unterschiedlichen Beratungskontexten. Zum Dritten: Es ist eine Stärke des Bandes, dass er mit Praxisberichten schließt, denn sie zeigen die Chancen, wichtige Aufmerksamkeitsrichtungen, aber auch die Grenzen des klientenzentrierten Ansatzes in unterschiedlichen Handlungsfeldern psychosozialer Beratung. Das ergänzt die Praxiskenntnis, die die Autorin selbst mitbringt.

Es ist sinnvoll, ein Buch an dem zu messen, was es selbst als Anspruch formuliert. Ich zitiere daher die Zielsetzung der Autorin: „Ziel der vorliegenden Lern- und Praxisanleitung ist es, Sozialarbeiterinnen/Sozialpädagoginnen und Angehörige anderer im psychosozialen Arbeitsfeld tätigen Berufsgruppen mit der Klientenzentrierten Gesprächsführung insoweit bekannt zu machen, dass sie

  • sensibel werden für die Beziehung, die sie in den verschiedenen beruflichen Situationen mit Klienten bzw. Personen aufnehmen;
  • lernen, die Klienten und ihre Probleme deutlicher wahrzunehmen und zu verstehen und aus diesem Verstehen heraus die geeignete Hilfe für sie zu finden;
  • lernen, inwieweit und wie sie die Klienten bei Entscheidungsfindungen und Problemlösungsprozessen hilfreich unterstützen können, und
  • angeregt werden, sich bei entsprechender Neigung und Eignung in dieser Richtung fortzubilden.“ (S. 11)

Dieses Ziel ist, soweit ich es beurteilen kann, erreicht, jedenfalls der Teil des Ziels, für den eine Autorin etwas tun kann, denn damit ein Buch sein Ziel erreichen kann, muss auch der/die LeserIn einiges beitragen: Interesse und Lernbereitschaft zum Beispiel. Die Autorin allerdings macht gut deutlich, wie grundlegend die Beziehung im Beratungsprozess ist, was einer gelungenen Arbeitsbeziehung mehr dienlich ist und was weniger. Bei der deutlichen Wahrnehmung der Klientenprobleme ist Empathie eine Grundkompetenz, deren Ausbau man sich als BeraterIn nicht genug widmen kann. Auch hier hilft das Buch, weil es deutlich macht, das empathische Rückmeldung nicht bedeuten, Klienten nur mit ihren eigenen Gefühls- und Gedankenäußerungen anzureichern: der Mehrwert liegt im (ko-kreativen) Mitfühlen und Mitdenken. Auf diese Weise gelingen Problemlösungen, die längst in der Kompetenz der KlientInnen verborgen lagen und durch eine wertschätzende, empathische und kongruente Beratungsbeziehung ent-deckt worden sind. Das Buch richtet sich außerdem an Seminarleiter und -leiterinnen, die in ihren Veranstaltungen das klientenzentrierte Beraten vermitteln möchten. Auch dafür eignet sich diese „Lern- und Praxisanleitung“ sehr gut. Also: ein rundum gelungenes Buch!

Wenn es überhaupt eine leise Kritik gibt, dann die, die ich zu Beginn schon angedeutet habe: dass es mir gelegentlich zu normativ ist. Natürlich kann man von „falschen“ und „richtigen“ Antworten sprechen und von adäquatem und inadäquatem Verhalten, dann tappt man aber leicht in eine sehr direktive Falle, denn das sind eben keine wirklich klientenzentrierten Kategorien. „Richtig“ oder „falsch“ hängt allemal von dem Ziel ab, auf das sich die Beteiligten geeinigt haben. Und bezogen auf das Ziel gibt es dann Antworten und Verhaltensweisen, die hilfreicher oder weniger hilfreich, zieldienlicher oder weniger zieldienlich sind. Aber das ist eine wirklich sehr leise Kritik – und möglicherweise schon der Eintritt in einen weiterführenden Diskurs.

Fazit

Ein sehr gelungenes Buch, das seine 14. Auflage verdient hat, und eine Kaufempfehlung für alle, die im Bereich psychosozialer Beratung oder in entsprechenden Ausbildungen tätig sind!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 08.11.2013 zu: Sabine Weinberger: Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 14., überarb. Auflage. ISBN 978-3-7799-2092-2. Reihe: Edition sozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1119.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung