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Andrea Grisold, Wolfgang Maderthaner u.a. (Hrsg.): Neoliberalismus und die Krise des Sozialen

Cover Andrea Grisold, Wolfgang Maderthaner, Otto Penz (Hrsg.): Neoliberalismus und die Krise des Sozialen. Das Beispiel Österreich. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2010. 262 Seiten. ISBN 978-3-205-78519-4. 29,90 EUR.
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Herausgeberin und Herausgeber

Das Buch wird von einem interdisziplinären Team aus Ökonomie (Grisold), Geschichte und Kulturwissenschaft (Maderthaner) und Soziologie (Penz) herausgegeben.

Thema

Das Buch strebt eine Bestandsaufnahme der Effekte der Vorherrschaft der neoliberalen Ideologie und Politik in den letzten drei Jahrzehnten an, also „jener Phase eines grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen und technischen Wandels, der den wohlfahrtsstaatlichen Konsens der Nachkriegsordnung und der Wiederaufbauära aufzuheben und Arbeit, Soziales, Demokratie und Zivilgesellschaft dem radikalen Paradigma einer rastlosen Globalisierung und Deregulierung von Ökonomie und Kultur unterzuordnen scheint.“ (9) Damit einhergehende Kriseneffekte werden in der Arbeitswelt, im Zusammenleben, im Sozialstaat, in Mentalitäten und politischen Präferenzen identifiziert.

Den gemeinsamen Hintergrund des transdisziplinären Bandes bildet die Regulationstheorie, ergänzt durch die praxeologische Sichtweise von Bourdieu, den Postkeynesianismus und das Gouvernmentalitäts-Konzept von Foucault.

Aufbau und Inhalt

Zu Beginn des Buches liegt der Schwerpunkt auf wirtschaftlichen Problemstellungen, danach stehen politische Fragen der Regulierung und governance und die geschlechtsspezifische Ungleichheit im Zentrum des Interesses.

Am Beginn beschreibt Wolfgang Maderthaner den Aufstieg des Neoliberalismus von einer marginalen Position zur „erfolgreichsten Ideologie aller Zeiten“ (Anderson), die unter dem Vorzeichen der völligen Neuordnung und Deregulierung der Finanzmärkte auf eine „völlig neu konfigurierte, zur Gänze integrierte, virtuelle globale Ökonomie“ (S.9) abzielt und letztlich Klassenbeziehungen und gesellschaftliche Machtverhältnisse zugunsten neuer ökonomischer Eliten restrukturiert, sodass es ebenso zu einer umfassenden Neuverteilung von Ressourcen kommt wie auch zu Dynamiken der Selbstdestruktion, welche letztlich massive staatliche – dem ideologischen Paradigma widersprechenden - Interventionen erfordern. Er hebt die (selbst)destruktive Komponente des Neoliberalismus hervor, der in einer Art Okkultismus Wertschöpfung aus dem Nichts – d.h. in selbstreferenzieller Abkoppelung von realer Produktivität – angetreten ist, um Zweckrationalität und Invididualismus zu realisieren und nun in sein Gegenteil umschlägt, nämlich die radikale Negation der Aufklärung (58)

Wolfgang Fellner und Andrea Grisold untersuchen die Verteilungsfrage im neoliberalen Zeitalter. Anhand von makroökonomischen Daten für Österreich und fünf weiteren europäischen Wohlfahrtsstaaten überprüft, wie weit diese neoliberale wirtschaftspolitische Forderungen tatsächlich umgesetzt haben. Für Österreich wird gezeigt, dass neoliberale Ideen in vielen Bereichen umgesetzt wurden und deutliche Änderungen in der Verteilung erwirkt haben, dass für makroökonomische Stabilisierung und Wachstum aber nicht auf sie vertraut wurde. In fast allen untersuchten Ländern sind staatliche Aktivitäten gestiegen, Stabilisierung durch Geld- und Fiskalpolitik und sozialpolitische (antizyklisch wirkende) Maßnahmen haben weiter hohe Bedeutung, wenngleich ein Diskurs über die Verteilung von Sozialausgaben dominant wurde und eine zunehmende Flexibilisierung von Arbeitsmärkten sowie die Inkaufnahme höherer Arbeitslosenquoten beobachtbar ist. In allen Ländern ist eine zunehmende personale Einkommensverteilung sowie auch größere funktionale Einkommensunterschiede (sinkende Lohnquote) - insgesamt eine klare Verteilung von Unten nach Oben deutlich.

Engelbert Stockhammer analysiert die Finanzialisierung der Wirtschaftsordnung, d.h. einer von Finanzmärkten und Shareholder-Value-Orientierung dominierten globalen Wirtschaft, die in Österreich zu einer besonders ausgeprägten Polarisierung der Einkommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit geführt hat und infolge derer sich zudem Banken ihrer früheren gemeinwirtschaftlichen Ziele entledigt haben.

Otto Penz beschäftigt sich mit der sozialen Frage, insbesondere Arbeitsbeziehungen und Systemen sozialer Sicherung in Österreich, welche insbesondere durch Flexibilisierung und Präkarisierung der Arbeit, verbunden mit Reduktionen öffentlicher Sozialleistung gekennzeichnet sind und als Ausdruck einer allgemeinen Ökonomisierung der politischen Steuerung zu werten sind. Er kommt zu dem Schluss, dass die wirtschaftliche Krise zu einer Verschärfung der sozialen Unsicherheiten führte und die Frage nach gesellschaftlicher Integration und sozialer Gerechtigkeit wie auch nach Überwindung der neoliberalen Hegemonie virulent wird.

Birgit Sauer diskutiert die Folgen der Wirtschaftskrise für die Geschlechterverhältnisse. Grenzverschiebungen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen werden dabei als zentral identifiziert, der erodierende männliche Familienernährer wird durch das geschlechtsneutrale adult breadwinner-Modell abgelöst und es kommt zu einer Re-Privatisierung der weiblichen Reproduktionsarbeit.

Der Beitrag von Andrea Grisold, Edith Waltner und Klara Zwickl untersucht die Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Frauen in der Arbeitswelt, anhand der Beschäftigung, der Verteilung von Arbeitszeit, Segregation und Einkommensverteilung. Während die Frauenerwerbstätigkeit demnach deutlich anstieg, kam es infolge der Deregulierung von Arbeitsmärkten zu einem stakren Anstieg von Teilzeitarbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen wodurch sich die Ungleichverteilung der bezahlten Arbeitszeit zwischen Männern und Frauen verschärfte, und Einkommensunterschiede sowie auch Segregation sich wieder an das Niveau der 1070er Jahre annäherten. Während Frauen also in Bezug auf Bildungsstand und Erwerbsbeteiligung in den letzten drei Jahrzehnten aufgeholt haben, sind die grundlegenden Rollenbilder der Verteilung von Arbeit (nach Bezahlung und Tätigkeit) weithin unverändert geblieben. Während eine gewisse Absicherung sozialer Härten erreicht wurde, gilt dies für die Annäherung an egalitäre Möglichkeiten nicht, obwohl diese zumindest in Bezug auf den Arbeitsmarkt technisch möglich, relativ unkompliziert und nachhaltig wäre, etwa durch die Einführung existenzsichernder Mindestlöhne, höherer arbeits- und sozialrechtlicher Standards in prekären Beschäftigungsverhältnissen und eine Sozialversicherungspflicht für alle Beschäftigungsverhältnisse, welche die Einkommenssituation von Frauen deutlich verbessern könnten.

Fazit

Das Buch ist absolut empfehlenswert, es sollte Politikern, Ökonomen, Studierenden und Journalisten als Pflichtlektüre gelten.

Es ist deklariert parteiisch, dabei aber – im Unterschied zu vielen anderen Publikationen und politischen Aussagen – wissenschaftlich sorgfältig, ökonomisch fundiert, professionell recherchiert und daher inhaltlich überzeugend. Und es liest sich flüssig und leicht.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 21.03.2011 zu: Andrea Grisold, Wolfgang Maderthaner, Otto Penz (Hrsg.): Neoliberalismus und die Krise des Sozialen. Das Beispiel Österreich. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2010. ISBN 978-3-205-78519-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11199.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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