socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nouriel Roubini, Stephen Mihm: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft [...]

Cover Nouriel Roubini, Stephen Mihm: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft = Crisis economics. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 470 Seiten. ISBN 978-3-593-39102-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Wirtschaftskrise, die von 2008 an die Welt erschütterte, steht im Kern des Buches. Es geht darum, wie diese Krise entstehen konnte, und was daraus für die Zukunft des Finanzsystems und künftige Wirtschaftspolitik zu lernen ist. Die Autoren gehen davon aus, dass ein Verständnis und eine Bewältigung der Krise einen ganzheitlichen Ansatz erfordern.

Autoren

Der Ökonom Nouriel Roubini – Wirtschaftsprofessor an der New York University - warnte seit 2004 vor einem Platzen der Immobilienblase, 2006 sagte er die Wirtschaftskrise und die folgende Rezession voraus. Stephan Mihm ist Journalist und Associate Professor für Geschichte an der Unviersity of Georgia.

Aufbau und Inhalt

Das Buch spannt einen Bogen von der Geschichte früherer Krisen über die Wurzeln und Ausprägungen der aktuellen Krise hin zu Einschätzungen zukünftiger Entwicklungen.

Es beginnt mit einem Überblick mit vergangenen Krisen, mit dem der Zusammenhang von Kapitalismus und Krise verdeutlicht wird. Da die meisten gegenwärtigen Ökonomen Krisen zu Unrecht als Übergangsphänomen von Schwellenländern oder als Ausnahme betrachten, greifen die Autoren zunächst auf Klassiker wie Keynes oder Minsky zurück.

Danach werden die strukturellen Ursachen der gegenwärtigen Krise analysiert, es wird gezeigt, „wie in einer jahrzehntelangen Entwicklung ein internationales Finanzsystem aufgebaut wurde, das durch und durch Schrott war“ 18, d.h. neben undurchsichtigen Finanzinstrumenten auch ein Schattenfinanzsystem erlaubte, in dem bankähnliche Institutionen wie hedge-Fonds, Investmentbanken etc. ohne ausreichende Finanzaufsicht Dienstleistungen anbieten konnten, in dem Moral Hazard begünstigt wurde durch Versagen der Unternehmensaufsicht und des Staates.

Im nächsten Kapitel werden Parallelen zu vergangenen Krisen aufgezeigt, die verdeutlichen sollen, dass diese Krise in Bezug auf Verlauf und Reaktionen der Notenbanken nicht anders als Krisen, die vor ein- oder zweihundert Jahren stattfanden. In Kapitel 6 wird für die Zeit nach der Krise Deflation und wirtschaftlicher Abschwung prognostiziert, und in Kapitel 7 die Rolle der Geldpolitik analysiert. In den folgenden Kapiteln werden Vorschläge für eine neue Finanzarchitektur erarbeitet, die ein größeres Maß an Stabilität und Transparenz sicherstellen sollen, u.a. eine engere Zusammenarbeit der Notenbanken, verbindliche Regulierung und staatliche Aufsicht auch von Investmentbanken, Versicherungen, hedge-Fonds etc. sowie die Einschränkung von Risiken bei Banken, die „zu groß für einen Konkurs“ sind. 21

In Kapitel 10 wird angesichts der extremen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft gezeigt, welche radikalen Reformen der internationalen Währungs- und Finanzordnung zukünftige Krisen vermeiden könnten, wobei in Zukunft sicher neue Akteure die Hegemonie der USA sowie der G7 beenden werden. Dementsprechend werden auch verschiedene Szenarien aufgezeigt, in denen Industrienationen und Schwellenländer überleben und aufstreben können. Insgesamt geht es in den letzten Kapiteln um die Frage, ob und wie sich der globale Kapitalismus reformieren lässt.

Inhalt

Ein besonderer Augenmerk gilt dem Zusammenhang von Kapitalismus und Krise - Krisen werden als fester Bestandteil des kapitalistischen Systems gesehen, gerade jene Faktoren, die dem Kapitalismus erfolgreich machen, wie Innovationskraft und Risikotoleranz können Auslöser für Zusammenbrüche sein. krisen sind demnach nicht unerwartete Ausreißer, sondern systeminhärent: „weit verbreitet, verhältnismäßig einfach vorherzusehen und relativ leicht zu verstehen. Nennen wir sie daher lieber „weiße Schwäne“ (17).

Angesichts des massiven Eingreifens der Notenbanken wird die Frage gestellt, wieweit angesichts des Umfangs der staatlichen Interventionen, die zur Stabilisierung des Systems erforderlich sind, der Laissez-faire-Kapitalismus noch existiert bzw. haltbar ist. „Das Eingreifen des Staates spielte genauso eine Rolle wie sein Nichteingreifen, aber nicht so, wie Experten aus dem konservativen oder dem liberalen Lager uns weismachen wollen.“ 19

Krisen verhalten sich wie Epidemien, sie breiten sich wie ein Virus in alle Richtungen aus. Kapitel 5 zeigt dementsprechend, warum und wie die Krise die gesamte Weltwirtschaft erfasste – hier wird argumentiert, dass die Krise jeweils Länder betraf, deren Finanzsystem ähnliche Probleme aufwies.

Als Gegenmaßnahmen werden radikale Einschnitte vorgeschlagen, v.a. die Zerschlagung von Großbanken (den too big to fail – Instituten; 301) und die Errichtung neuer „Brandschutzwände“ 284 im Finanzsystem (d.h. Trennung von Geschäfts- und Investitionsbanken), höheren Eigenkapitalanteilen sowie geldpolitische Instrumente zur Vereitelung von Spekulationsblasen.

Es wird v.a. für eine flächendeckende Regulierung von Finanzinstituten argumentiert, wodurch Schattenbanken und kleinere Institute derselben Regulierung unterworfen würden wie normale Banken. Problematisch dabei ist u.a. die Vielfalt von Produkten, der nur mit einem sehr einfachen Regelwerk begegnet werden kann, z.B. klaren Obergrenzen für den Fremdkapitalanteil.Gerade angesichts der hohen Staatshilfen müssten Kreditinstitute sich schärferen Regulierungen unterordnen, insbesondere da viele davon systemrelevant sind. Solange diese Regulierungen allerdings nicht bundesweit einheitlich sind, bestehen weiterhin Schlupflöcher für Finanzinstitute. Dem amerikanischen Modell wird daher jenes der britischen Finanzaufsicht gegenüber gestellt, welches neben Banken und Versicherungen auch Wertpapiere, Derivate und Hypotheken regelt und kontrolliert. Wirklich lösbar, so wird argumentiert, ist das Problem aufgrund der globalen Beweglichkeit der Unternehmen allerdings nur durch international abgestimmte Reformen und spätestens damit ergeben sich massive Kontrollprobleme.

Notenbanken müssten weiters dazu übergehen, Spekulationsblasen z.B. durch Zinserhöhungen zu verhindern, statt hinterher die Folgen zu lindern – eine Strategie, die natürlich verantwortungsloses Risikoverhalten fördert. Da Geldpolitik in Zeiten beginnender Blasen vermutlich als Instrument zu schwach ist, werden begleitende Maßnahmen vorgeschlagen, z.B. die Veränderung von Einschusserfordernissen, d.h. der Summen, die Investoren leihen dürfen, um Wertpapiere zu kaufen.

Fazit

Engagiert, informiert und informativ - das Buch ist für Ökonomen wie Nicht-Ökonomen empfehlenswert. Es ist äußerst dicht geschrieben, mit vielen Beispielen und Fakten unterlegt. Die Vorschläge für ein gesellschaftlich gerechteres und stabileres Finanzsystem sind nachvollziehbar und logisch einsichtig – ihr Hauptnachteil ist vermutlich, dass sie für wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger, die häufig – auf Kosten einer halbwegs ausgewogenen Verteilung und der Stabilität des Gesamtsystems – von der neoliberalen Ideologie profitieren, nicht attraktiv sind.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
E-Mail Mailformular


Alle 75 Rezensionen von Ruth Simsa anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 23.05.2011 zu: Nouriel Roubini, Stephen Mihm: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft = Crisis economics. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39102-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11200.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung