Pflege Heute
Rezensiert von Dr. phil. Hubert Kolling, 14.04.2011
Pflege Heute. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2011. 5., vollständig überarbeitete Auflage. 1392 Seiten. ISBN 978-3-437-26773-4. 74,95 EUR.
Mit www.pflegeheute.de - Zugang. Konzeption und Herausgabe: Lektorat Pflege und Nicole Menche.
Thema
Keine Frage, wie in anderen Bereichen bedarf es auch in der Pflege zur Bewältigung der beruflichen Anforderungen umfassende Handlungskompetenz. Von daher werden für die Ausbildung ebenso wie als Nachschlagewerk Lehrbücher gebraucht, in denen der aktuelle Wissensstand vermittelt wird. Weit verbreitet ist dabei im deutschen Sprachraum der Band „Pflege heute“, der nach seinem Erscheinen 1997 nun bereits in der fünften, vollständig überarbeiteten Auflage vorliegt.
Herausgeber, Autorinnen und Autoren
Für die Herausgabe des Lehrbuchs zeichnen sich das Lektorat Pflege und Dr. med. Nicole Menche verantwortlich. Letztere war nach dem Studium der Humanmedizin in Düsseldorf und Frankfurt am Main zunächst als Ärztin in Krankenhaus und in einer allgemeinärztlichen Praxis im Raum Langen (Hessen) mit dem Schwerpunkt Innere Medizin tätig. In ihrer 1988 der Universität Düsseldorf vorgelegten Dissertation beschäftigte sie sich mit der Diagnostik und Therapie von „Pinelalistumoren bei Kindern und Jugendlichen“. Seit 1991 arbeit Nicole Menche freiberuflich als medizinische Fachredakteurin. Sie ist (Mit-)Autorin und Herausgeberin einiger medizinischer Lehrbücher, wobei ihre Arbeitsschwerpunkte heute in den Bereichen Anatomie, Physiologie und Innere Medizin liegen.
An der vorliegenden Auflage von „Pflege heute“ haben rund 40 AutorInnen und 50 GutachterInnen aus Deutschland, vereinzelt auch aus Österreich und der Schweiz mitgewirkt, wobei neben der Medizin eine erfreulich hohe Zahl aus dem Tertiärbereich der Pflege stammt.
Entstehungshintergrund
Ausgehend von der Unzufriedenheit über die bis dahin bestehenden speziellen Lehrbücher zur Krankenpflege erschien im Jahre 1997 nach fünfjähriger Vorbereitung in Zusammenarbeit mit vielen Berufstätigen, LehrerInnen, ÄrztInnen sowie Auszubildenden in der Krankenpflege bei Elsevier (Urban & Fischer Verlag, München) ein neues Lehrbuch: „Pflege heute“, das schnell zu einem Standardwerk mit bisher weit über 500.000 verkauften Exemplaren wurde.
Durch das Gesetz über die Berufe in der Krankenpflege vom 1. Januar 2004 unternahm die professionelle Pflege dann einen entscheidenden Schritt zu mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung. Die bisherige Orientierung als Assistenzberuf der Medizin wich dabei immer stärker einem neuen selbstbewussten, auf der Grundlage der Pflegewissenschaft und -forschung basierenden Berufsverständnis. Da die Erreichung der bestmöglichsten Pflege für die Betroffenen dabei nach wie vor im Vordergrund stand, galt es, aktuelle Forschungsergebnisse in praxisrelevante Handlungen zu transferieren. So wurde auch das vorliegende Lehrbuch von Auflage zu Auflage (2001 erschien die 2., 2004 die 3. und 2007 die 4. Auflage) weiterentwickelt.
Wie die erwähnten Verkaufszahlen zeigen, bieten das Gesundheitswesen und insbesondere der Pflegesektor auf dem heiß umkämpften Buchmarkt durchaus attraktive Möglichkeiten, die genutzt werden. Das Management der Elsevier GmbH hat dabei ein gutes Gespür dafür, wo es Geld zu verdienen gibt. Von daher hat die Verlagsleitung auch einen entsprechenden Titel in ihr Programm aufgenommen. Ohne Aussicht auf eine ansehnliche Rendite hätte eine Veröffentlichung hier, unabhängig von der Qualität ihres Inhaltes, wohl keine Chance gehabt. Die Rechnung beziehungsweise Verkaufsphilosophie scheint aufgegangen zu sein, indem „Pflege heute“ nun wiederholt in einer Neuauflage vorliegt.
Aufbau
Das „Lehrbuch für Pflegeberufe“ gliedert sich in 5 Teile mit insgesamt 38 Kapiteln, die ihrerseits wiederum in eine Vielzahl von Punkten untergliedert sind. Die ausführliche Einzelgliederung findet sich dabei in Form einer Übersichtsseite jeweils am Anfang von jedem Kapitel.
I. Grundlagen der Pflege
1
Menschenbilder und Ethik
2.
Professionelles Pflegehandeln
3.
Pflege im Gesundheitswesen
4.
Pflegewissenschaft
5
Lebensphasen
6
Pflege als Interaktion
7
Patienten- und Familienedukation: Informieren – Schulen –
Beraten
8
Gesundheitsförderung und Prävention
9
Rehabilitation
10
Palliativpflege
11
Pflegeprozess
II.
Beobachten, Beurteilen und Intervenieren
12
Beobachten
III.
Pflege bei den verschiedenen Erkrankungen
13
Sofortmaßnahmen in der Pflege
14
Der Weg zur Diagnose und die Mithilfe der Pflegenden bei der
Diagnosefindung
15.
Heilmethoden und Aufgaben der Pflegenden bei der Therapie
16
Pflege von Menschen mit Herzerkrankungen
17
Pflege von Menschen mit Kreislauferkrankungen
18
Pflege von Menschen mit Lungenerkrankungen
19
Pflege von Menschen mit Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes
20
Pflege von Menschen mit Erkrankungen von Leber, Gallenwegen, Pankreas
und Milz
21
Pflege von Menschen mit endokrinologischen, stoffwechsel- und
ernährungsbedingten Erkrankungen
22
Pflege von Menschen mit hämatologischen und onkologischen
Erkrankungen
23
Pflege von Menschen mitrheumatischen Erkrankungen
24
Pflege von Menschen mit orthopädischen Erkrankungen
25
Pflege von Menschen mit traumatologischen Erkrankungen
26
Pflege von Menschen mit Infektionskrankheiten
27
Pflege von Menschen mit Erkrankungen des Immunsystems
28
Pflege von Menschen mit Haut- und Geschlechtskrankheiten
29
Pflege von Menschen mit Erkrankungen der Niere und der ableitenden
Harnwege
30
Pflege von Frauen mit gynäkologischen Erkrankungen und bei
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett
31
Pflege von Menschen mit Augenerkrankungen
32
Pflege von Menschen mit Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen
33
Pflege von Menschen mit neurologischen und neurochirurgischen
Erkrankungen
34
Pflege von Menschen mitpsychischen Erkrankungen
IV.
Laborwerte
35
Laborwerte
Register.
V.
Online-Kapitel
36
Grundlagen der Anästhesiologie und Anästhesiepflege
37
Pflege im OP
38
Grundlagen der Intensivmedizin und Intensivpflege.
Inhalt
Ausgehend von der momentan (noch) gültigen Gesetzeslage, wurde die Gliederung und Auswahl der Inhalte auf das aktuelle Krankenpflegegesetz von 2004 abgestimmt und den Blick auf generalistische Themen erweitert. Dementsprechend werden beispielsweise „Pflege als Interaktion“, „Prävention“, „Rehabilitation“, „Palliativpflege“ und „Patientenedukation“, die sich als wichtige Themen in der Pflegeausbildung etabliert haben, in eigenständigen Kapiteln behandelt. Die Zunahme der Bedeutung von pflegewissenschaftlichen Erkenntnissen und vor allem die Forderung nach der Umsetzung in der Praxis fühlt sich nicht zuletzt das Kapitel „Pflegewissenschaft“ verpflichtet. Das Kapitel „Lebensphasen“ möchte helfen, den Blickwinkel zu erweitern – auf gesunde und kranke Menschen in allen Altersgruppen vom Säugling bis zum alten Menschen. Im Kapitel „Beobachten, Beurteilen, Intervenieren“ finden sich schließlich alle wesentlichen pflegerischen Handlungen – orientiert am Alltag der Pflegenden.
Andreas Westerfellhaus, Präsident Deutscher Pflegerat e.V., hat zu dem Lehrbuch ein Geleitwort beigesteuert, in dem er zunächst auf die Veränderungen und zu erwartenden Herausforderungen des Gesundheitswesens in Deutschland hinweist. Die Pflegeberufe, so der Autor, hätten in den letzten Jahren – gestützt durch die Pflegewissenschaft und durch viele engagierte Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Berufsfeldern – eine dynamische Weiterentwicklung erfahren. Der Deutsche Pflegerat setze sich als Dachverband der Pflegeorganisationen in Politik und Öffentlichkeit für die Weiterentwicklung eines attraktiven Berufsfeldes Pflege ein. Eine zentrale Rolle spiele das „eigenverantwortliche Handeln“ der beruflich Pflegenden. Es gehe dabei darum, die qualifizierte professionelle Tätigkeit der Pflegenden im Umgang mit Menschen aller Altersgruppen in unterschiedlichen pflegerischen Herausforderungen anzuerkennen und damit auch die Attraktivität des Berufsbildes zu steigern. Und an den Nachwuchs gerichtet hält er wörtlich fest: „Auszubildende in der Pflege haben sich für einen schönen, zukunftsfähigen Beruf mit vielen Perspektiven entschieden. Es erwartet sie eine anspruchsvolle Ausbildung, ein spannendes Arbeitsfeld und viele spannende Herausforderungen in der Zukunft. Mit Pflege Heute haben Sie ein Lehrbuch an ihrer Seite, das Konsequent den Entwicklungen in der Pflege folgt. Hier finden sie die optimale Vorbereitung, um im Berufsalltag zu bestehen und sich auch für berufspolitische Zusammenhänge zu interessieren und zu engagieren“ (S. VIII).
Ein weiteres Geleitwort stammt von Michael Breuckmann, Vorsitzender Bundesverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe e.V., in dem er zunächst auf den im Wesentlichen durch die Neuordnung der gesetzlichen Grundlagen für die Pflegeausbildung eingeleiteten Paradigmenwechsel hinweist, der die Notwendigkeit einer adäquaten Pflegeliteratur nachdrücklich unterstrichen habe. Hierzu schreibt er unter anderem: „Ein neues Bildungsverständnis mit evidenzbasiertem Wissen, vernetztem Denken und der Integration von Bezugswissenschaften hat sich durchgesetzt. Bei allen Beteiligten: Schulen, Lehrern und Schulträgern, Studiengängen, Hochschullehrern und Hochschulen aber auch bei den Berufsangehörigen ist die Erkenntnis des Wechsels von einer rein funktionalen Versorgung hin zur pflegerischen Interaktion mit Menschen aller Altersgruppen auf Akzeptanz gestoßen“ (S. IX).
Pflege als eigenständige Profession sei bei den Leistungsempfängern und damit in der Gesellschaft angekommen. Bei der Bearbeitung der Themen, so der Autor, habe die sektorenübergreifende Versorgung sowie die unterschiedlichen Berufsfelder der Pflege ihren Niederschlag gefunden. Fragestellungen, die bisher nur peripher betrachtet wurden (unter anderem Beratungskompetenz, Beratungstheorien, Wundmanagement, Gewalt und Aggression sowie Ekel in der Pflege), seien in der aktuellen Auflage neu berücksichtigt worden. Zusammenfassend hält er hierzu fest: „Pflege Heute hat mit der 5. Auflage auf die verschiedenen Veränderungen reagiert und damit seine Position als Bestandteil einer qualitätsorientierten und auf Kompetenzen ausgerichteten Pflegeausbildung gefestigt. Hierdurch wird ein weiterer entscheidender Beitrag für die Sicherstellung des Versorgungsauftrags der Pflege in Deutschland geleistet“ (S. IX).
Diskussion
„Pflege heute“, ein voluminöses Lehrbuch, bei dem man statt der Seitenzahlen lieber das Gewicht (2,79 Kilogramm) angeben möchte, ist didaktisch anspruchsvoll aufbereitet, wobei ein nach Kapiteln gekennzeichnetes Farbleitsystem mit unterschiedlichen Leitfarben ein schnelles Auffinden des jeweiligen Informationsschwerpunktes beziehungsweise der gesuchten Inhalte erlaubt. Während die Leitfarbe lila die „Grundlagen der Pflege“ (Kapitel 1 bis 11) markiert, bietet die Leitfarbe grün Hinweise zum Thema „Beobachten, Beurteilen und Intervenieren“ (Kapitel 12). Die Leitfarbe blau kennzeichnet die „Pflege bei den verschiedenen Erkrankungen“ (Kapitel 13 bis 34) und die Leitfarbe grau die „Laborwerte“ (Kapitel 35). Das „Online-Kapitel“ (Kapitel 36 bis 38) hat schließlich die Leitfarbe orange.
Neben dem Farbleitsystem der Kapitel gibt es auch ein Farbleitsystem von in den Text eingebetteten „Kästen“. Die Farbe grün markiert dabei den Informationsschwerpunkte Pflege und Medizin, gelb „Textkästen“ mit Definitionen im „Telegrammstil“, rot signalisiert Warnhinweise und Hinweise auf häufige, vermeidbare Fehler in der Pflege sowie „Notfall-Kästen“ mit den Erstmaßnahmen bei allen häufigen Notfällen. Während schwierige Zusammenhänge durch rund 2.000, durchgängig farbige Abbildungen veranschaulicht werden, finden sich neben zahlreichen Querverweisen am Ende von jedem Kapitel Literaturhinweise und Kontaktadressen, die zu vertiefendem Wissenserwerb und vernetztem Denken anregen. Wer Informationen zu einem bestimmten Thema sucht, findet diese rasch dank des umfangreichen Registers am Ende des Buches.
Unter dem Motto „Elsevier-Pflegebücher sind einen Schritt voraus!“ enthält „pflege heute“ eine persönliche PIN-Nummer, die dem Käufer – ausschließlich für den eigenen Gebrauch („Der Zugang darf nicht gemeinsam genutzt, verkauft oder anderweitig weitergegeben werden“) – den Zugang zu dem seit Juli 2007 bestehenden „PflegeHeute-Angebot: Buch+Portal+Service!“ der Elsevier GmbH (www.pflegeheute.de und www.selsevier.de) ermöglicht. Dieses Portal – die PIN-Nummer muss vor Erscheinen der Neuauflage dieses Buches eingegeben werden, sonst verfällt sie – erlaubt unter anderem (in einigen Fällen zeitlich begrenzt), auf unterschiedliche Themenbereiche und viele weitere multimediale Angebote zuzugreifen sowie mit exklusiven Zusatzinhalten zum Buch zu arbeiten. Hierzu halten die Herausgeber in ihrem Vorwort fest: „Ein Lehrbuch hat Grenzen – aber mithilfe der Zusatzmaterialien im Internet gelingt es Pflege Heute, diese Grenzen zu überwinden. Bereits zur 4. Auflage gibt es ein weitreichendes Online-Angebot. Dieses wurde zur 5. Auflage aktualisiert, verbessert und um wertvolles Material erweitert. Neu in Pflege Heute sind u.a. Assessmentbögen, Pflege Heute als Online-Buch mit einer Bilddatenbank, Filme zu Pflegetechniken, Lernerfolgskontrollen zu jedem Kapitel, Lehrkonzepte sowie ein Online-Training zum Thema ‚Lernen lernen‘“ (S. V).
Gegenüber der vorhergegangenen Ausgabe bietet die vorliegende Neuauflage zusammenfassend betrachtet:
- gleicher inhaltlicher Umfang bei geringerem Gewicht
- ausführliches Inhaltsverzeichnis
- Belegbarkeit der Inhalte ausgebaut durch Quellennachweise und Studien
- Neue Abbildungen und Fotoserien
- Neues, modernes Layout mit überarbeitetem Farbleitsystem
- Neue beziehungsweise erweiterte Inhalte.
„Pflege heute“ erfüllt alle Anforderungen des Krankenpflegegesetzes sowie der entsprechenden Ausbildungs- und Prüfungsordnung und ist damit für eine qualitätsorientierte moderne Pflegeausbildung bestens geeignet. Insofern gehört der Band zunächst in die Hände der Auszubildenden. Neben den Lernenden können ihn aber auch die Lehrenden in verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens immer wieder fruchtbringend zur Hand nehmen. Schließlich kann das Lehrbuch auch im pflegerischen Alltag als aktuelles Nachschlagewerk gute Dienste leisten.
Fazit
„Pflege heute“ ist ein umfassendes, auf den aktuellen Stand gebrachtes Lehrbuch und Nachschlagewerk für Ausbildung, Lehre und Praxis.
Rezension von
Dr. phil. Hubert Kolling
Krankenpfleger, Diplom-Pädagoge und Diplom-Politologe
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