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Christine Burtscheidt: Humboldts falsche Erben

Cover Christine Burtscheidt: Humboldts falsche Erben. Eine Bilanz der deutschen Hochschulreform. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 453 Seiten. ISBN 978-3-593-39272-1. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Thema

Die Dissertationsschrift von Burtscheidt hat im Wesentlichen die politische Steuerung von Hochschulen in der Bundesrepublik im Blick, wobei der aktuellen Situation ein besonderes Augenmerk gilt. Die Autorin beschäftigt insbesondere die Frage, inwiefern durch die Reformen mehr Autonomie für die Hochschulen hergestellt wurde. In der Frage nach Hochschulautonomie muss immer differenziert werden, ob nur die Autonomie vom Staat oder eine tatsächliche Autonomie, also auch die von wirtschaftlichen Interessenlagen und Lobbyismus gemeint ist. Denn nur allzu oft nimmt gerade die emphatische Forderung nach Freiheit für die Universitäten tatsächlich die Preisgabe dieser an die Gezeiten der Ökonomie in Kauf. Die Forderung nach vollständiger Autonomie hingegen ist realiter kaum umsetzbar und droht daher zur ideologischen Legitimation neoliberalistischer Bestrebungen zu verkommen. Burtscheidt versucht sich nun in einer Haltung, die vorwiegend an dem Ideal der Hochschulautonomie festhalten will, dennoch kompromisshaft vereinzelt der Wirtschaft Zugriff auf die Hochschulen gewährt und zugleich Wettbewerbsprinzipien bejaht. Vor allem die staatlichen Eingriffe und natürlich die Finanzierungsbereitschaft von Bund und Ländern erweisen sich aus dieser Sicht als problematisch.

Aufbau und Inhalt

1. Einleitung: Die politische Ausgangslage. In der Einleitung wird neben einer kurzen Skizzierung von im Kontext der Reform angeführten Argumenten das Erkenntnisinteresse der Untersuchung dargelegt. Ziel der Arbeit ist neben der Darstellung und historischen Einordnung der Hochschulreform die Untersuchung, inwiefern durch diese die Zielsetzung einer Stärkung der Hochschulautonomie erreicht wurde.

2. Reformtendenzen der vergangenen Jahre. Hier werden internationale Leistungsvergleiche und veränderte globale Rahmenbedingungen als Hintergrund der Hochschulreform angeführt und es wird ein kurzer Einblick in die Debatten zu dieser gegeben.

3. Theoretische Grundlagen. Hier werden die Property-Rights-Theorie und der organisationstheoretische Ansatz von Engels vorgestellt. Die Property-Rights-Theory besagt nichts weiter, als dass Entscheidungsrechte über Ressourcen in Unternehmen mit entsprechender Haftung für Konsequenzen von Entscheidungen einhergehen sollten. Engels differenziert weiterhin zwischen verschiedenen Formen der Steuerung: einer horizontalen Selbststeuerung und einer vertikalen oder lateralen Fremdsteuerung. Vor der Reform waren die deutschen Hochschulen ein Beispiel für eine Mischform einer zentralistischen, vertikalen Fremdsteuerung mit dem Rektor oder Präsidenten als inneren Steuerungsträger und einer lateralen Fremdsteuerung durch den Staat. Weiterhin kann eine Steuerung durch soziale Normen und durch strukturelle Regeln unterschieden werden, letztere ermöglichen entweder eine ex-ante-Steuerung oder eine ex-post-Steuerung, wobei der aktuellen Tendenz nach letztere präferiert wird. Neben diesen Theorien geht Burtscheidt noch auf die Wettbewerbstheorie nach Hayek ein, die die Anreizfunktion von durch den Wettbewerb bestimmten Preisen und Löhnen hervorhebt, woraus sich eine Argumentation für flexible Löhne und leistungsabhängige Mittelzuweisungen an Hochschulen ableiten lässt.

4. Historischer Rückblick. Nach einem knapp gehaltenen Exkurs zu den Universitäten des Mittelalters und ihren Steuerungsformen wird die von Humboldt mitinitiierte Bildungsreform thematisiert.Die Diskrepanz von Idee und Wirklichkeit wird hier durch ein widersprüchliches Verhältnis Humboldts zum Staat und die Distanzierung der preußischen Regierung vom humboldtschen Universitätsmodell erklärt. Für die Nachkriegszeit stellt Burtscheidt wenig Reformbereitschaft fest. Die im Zuge der Studentenrevolten entstandene Gremienuniversität hält Burtscheidt aus steuerungstheoretischer Perspektive für ein gescheitertes Modell. Auch in der Folgezeit konnten aus ihrer Sicht keine wesentlichen Veränderungen in Gang gebracht werden.

5. Trendwende in den 1990er Jahren. Hier wird der Beginn der Reform bis zu dem aktuellen Status Quo nachgezeichnet. Die Umstrukturierung der Studiengänge hin zu Bachelor- und Masterstudiengängen steht im Blickfeld wie auch die Implementierung von Qualitätskontrollen. Bayern steht hier exemplarisch besonders im Vordergrund.

6. Analyse der gegenwärtigen Situation. Im Kapitel wird zwischen Bund und Ländern differenziert. Das Unterkapitel zur Rolle des Bundes liest sich im Wesentlichen wie ein verhaltenes Plädoyer für die Einrichtung einer „Deutschen Wissenschaftsgemeinschaft“ (DWG) zur zentralen und vom Staat unabhängigen Steuerung von Lehre und Forschung und für den Rückzug des Bundes als Steuerungsträger der Hochschulen sowie eine Entflechtung der Zuständigkeiten von Bund und Ländern. Es wird im Folgenden auch der Bologna-Prozess aufgegriffen, aber auch hochschulpolitische Maßnahmen wie die Umstellung auf W-Besoldung oder die Einführung der Juniorprofessur. Hinsichtlich der Rolle der Länder stellt die Autorin einen inkonsequent und zögerlich erfolgten Rückzug aus der Rolle als Steuerungsträger fest. Eine erwünschte Erhöhung der Autonomie der Hochschulen solle, so Burtscheidt, in jedem Falle mit einer ausreichenden staatlichen Finanzierung einhergehen. Das Kapitel nimmt den größten Teil des Buches ein und ist sehr detailliert.

7. Blick in die Zukunft; Gleichheit oder Vielfalt. Hier wird neben der Fusionierung universitärer und außeruniversitärer Forschung vor allem das US-amerikanische Hochschulsystem thematisiert, wobei beides dem Entwurf potentieller Zukunftsmodelle dient.

8. Humboldt neu denken. Burtscheidt ist der Ansicht, Humboldt hätte den Fehler gemacht, aus seiner Idee einer zweckfreien Bildung keine strukturellen Konsequenzen zu ziehen. Mithilfe ihrer zuvor dargelegten Vorschläge zu radikalen Eingriffen hält sie es jedoch für möglich, dass die Umsetzung einer Reform nach Humboldts Vorgaben zumindest an einzelnen Hochschulen doch noch gelingt.

Diskussion

Im Wesentlichen übernimmt die Autorin bestehende Tendenzen unter anderem zur leistungsabhängigen Mittelvergabe, so genannter „Exzellenz“ und zur outcome-Orientierung respektive ex-post-Steuerung und Hochschulautonomisierung. Allerdings betont sie sehr stark, dass die Autonomie der Hochschulen mit einer ausreichenden staatlichen Grundfinanzierung einhergehen müsse, und die Steuerung sich an wissenschaftlichen Kriterien zu orientieren habe. Hieraus leitet sie eine Konvergenz ihrer Vorschläge mit der humboldtschen Universitätsidee ab, unterschätzt jedoch m.E. stark den Einfluss wirtschaftlicher Interessenlagen, der u.a. durch Drittmittelfinanzierung und Beratungsfunktionen von Wirtschaftsvertretern gegeben ist, genauso, wie sie die Schwächen des äußerst heterogenen Hochschulsystems der USA unterbewertet.

Eine Kürzung der Fakten referierenden Passagen des mehr als 400 Seiten starken Buches hätte dabei mitunter die Klarheit und Prägnanz der Aussage unterstützen können. Es ergeben sich zudem Widersprüche: so finden zwar Inkompatibilität des deutschen mit dem US-amerikanischen Hochschulsystems und dessen Schwächen Erwähnung, empfohlen wird dann aber doch ein Mimikry. Auch die kumulierten Zitationen verschiedenster Meinungsäußerungen zu diversen hochschulpolitischen Sachverhalten tragen nicht zur Stringenz der eigenen Aussage und zur Übersichtlichkeit bei. Allerdings lässt sich so sicherlich nicht beklagen, Burtscheidt habe sich nicht ausreichend in den Gegenstand vertieft und diesen nicht von allen Seiten her betrachtet.

Auch sind die vorgestellten Theorien für die vorgenommene Analyse adäquat, jedoch schon vom Ansatz her tendenziell wettbewerbsbejahend, so dass es nicht verwundert, dass Burtscheidt den Anspruch erhebt, differenzierter als Kritiker der Bildungsökonomisierung vorzugehen und diese damit abqualifiziert. Ihre Ankündigung in der Einleitung, keine „neoliberalistische Kampfschrift“ verfassen zu wollen, ist zwar dem rhetorischem Duktus nach durchaus wahr, inhaltlich ist die vorgebliche Objektivität einer pragmatischen Analyse jedoch anzuzweifeln, was sich etwa in der pauschalisierenden Negativhaltung zur Studentenrevolte und ihren Folgen oder der unkritischen Stellung zur OECD und zu Müller-Böling zeigt.

Die Idee, den Wettbewerb zwar zu befördern, aber unter die Vorzeichen der Wissenschaft zu stellen, ist schließlich die Konklusion. Hier ist Burscheidt allerdings insofern kritisch, als sie allzu stark vereinfachte Leistungsindikatoren ablehnt. Wie genau der wissenschaftliche Wettbewerb funktionieren soll, ohne von ökonomischer Seite affiziert zu werden, bleibt gleichwohl unklar. Was ersetzt im System der Wissenschaft die monetären Preise des Systems der Wirtschaft? Ruhm alleine dürfte kaum ein ausreichender Anreiz sein und wäre zudem ein ebenso fraglicher. Eine unabhängige Institution im Dienste der Wissenschaft müsste alternative Indikatoren zur Mittelvergabe entwickeln ‒ doch wie glaubwürdig ist es, dass diese nicht doch vorwiegend aus volkswirtschaftlich motivierten Erwägungen abgeleitet werden würden? „Hochschulmanagement“ impliziert die Anlage ökonomischer Kriterien im Feld der Wissenschaft, genauso wie Wettbewerbsprinzipien auf die Prinzipien der Wirtschaft rekurrieren. Deren Einfluss für säuberlich sezierbar und wirksam eindämmbar zu halten erscheint so naiv, wie die Forderung, der Staat solle ohne Steuerungsansprüche zu stellen für die Grundfinanzierung der Hochschulen sorgen. Humboldt ist angesichts seiner nur als durchaus utopisch zu nennendes, anzustrebendes Ideal zu verstehenden Idee einer Universität als pragmatisch gewendeter deus ex machina kaum glaubwürdig anzuführen.

Fazit

Burtscheidt hat gründlich recherchiert, das Buch wirkt dabei aber ein wenig überladen, da offenbar alles untergebracht werden sollte. Die hieraus resultierende gewisse Unübersichtlichkeit wird allerdings durch ein Sachregister abgemildert. Die Sinnhaftigkeit der Idee, einen Wettbewerb nach wissenschaftlichen Kriterien als Lösung der Steuerungsprobleme zu veranschlagen, wäre unabhängig davon zu diskutieren.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 17.05.2011 zu: Christine Burtscheidt: Humboldts falsche Erben. Eine Bilanz der deutschen Hochschulreform. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39272-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11230.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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