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Peter Reinicke: Die Geschichte der Krankenhausfürsorge für jüdische Patienten

Rezensiert von Dr. Peter Michael Hoffmann, 25.03.2011

Cover Peter Reinicke: Die Geschichte der Krankenhausfürsorge für jüdische Patienten ISBN 978-3-942271-13-4

Peter Reinicke: Die Geschichte der Krankenhausfürsorge für jüdische Patienten. Hentrich & Hentrich Verlag (Berlin) 2010. 63 Seiten. ISBN 978-3-942271-13-4. 6,90 EUR.
Reihe: Jüdische Miniaturen. Herausgegeben von Hermann Simon, Band 105.

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Die „Jüdische Miniaturen“ des Verlages

Der Hentrich & Hentrich Verlag Berlin engagiert sich mit dem Schwerpunkt seines Verlagsprogramms für Themen aus der jüdischen Kultur und Zeitgeschichte. Mit der Schriftenreihe „Jüdische Miniaturen“ und den Portraits jüdischer Persönlichkeiten soll durch Dokumentation und Aufklärung ein Zeichen gesetzt werden gegen das Vergessen und Verdrängen des während der Naziherrschaft begangenen Gräueltaten und des Unrechts an Juden. Es ist das Anliegen des Verlags, unzähligen Opfern der Naziwillkür ihre Namen und die ehrende Erinnerung an sie für die nachfolgenden Generationen zu wahren und zu schützen.

In einer weiteren, mit inhaltlichem Kontext zu dem hier vorgestellten Band, erschienenen „Miniatur“ aus dieser Reihe (Band 95) beschreibt Harro Jenss in einer Biographie das Leben des jüdischen Arztes und Wissenschaftler Hermann Strauss, der um die Wende des 20. Jahrhunderts zur Gruppe sehr kreativer jüdischer Ärzte der Berliner Medizinischen Fakultät zählte und der 1942, gemeinsam mit seiner Frau Elsa Strauss, in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde und dort dann 1944 verstarb. Seine Frau Elsa war eine der Pioniere der Krankenhausfürsorge. Peter Reinicke beschreibt in einem kleinen Beitrag in diesem Band den beruflichen Lebensweg und das Engagement von Elsa Strauss, als eine wichtige Wegbereiterin der deutschen Krankenhaussozialarbeit (ISBN 978-3-941450-22-6).

Ausgangspunkt und Zielsetzung

Das hier zu rezensierende Buch wird es mit diesem Titel auf Anhieb sicher nicht leicht haben, größere Neugier auf sich zu ziehen. Da ist nicht nur die frühere Bezeichnung „Krankenhausfürsorge“, sondern auch die thematische Eingrenzung auf jüdische Patienten, die nur begrenztes Interesse generieren könnte. Nein – um es gleich zu sagen: es gibt keine typische Krankenhausfürsorge für jüdische Patienten. Hat man die Anfangsscheu überwunden, bietet der kleine Band interessante Einblicke in Geschehnisse und Entwicklungen, die, wenn sie je präsent waren, doch weitestgehend unbekannt sind. Das besondere war der Zeitpunkt und Beginn eines systematischen und konzeptionellen Planens und Umsetzens sozialer Hilfen für – in diesem Fall meist jüdische – Menschen, die aufgrund ihrer Lebenssituation einer personenbezogenen Unterstützung bedurften. Es waren eben auch jüdische Fürsorgerinnen, die – neben anderen Pionieren der Krankenhaussozialarbeit – Anstöße zum Auf- und Ausbau der Krankenhausfürsorge in Deutschland auf den Weg brachten. Das Anliegen des Autors ist es zu beschreiben, dass die Krankenhausfürsorge in Berlin und Deutschland viele Wurzeln hat, und eben auch in der jüdischen Wohlfahrtspflege begründet ist. Über diese Ideen und Denkanstöße nicht nur aber auch jüdischer Frauen und Männer berichtet Peter Reinicke.

Aufbau und Inhalt

Am Beispiel der Beratung und Betreuung jüdischer Patienten im Krankenhaus beschreibt der Autor die Entstehung und die Entwicklung eines inzwischen klassischen Aufgabenbereiches professioneller gesundheitsbezogener Sozialarbeit.

In der Gründungsphase bedeuteten die verschiedenen Engagements mit Wohlfahrtsaktivitäten zunächst für Frauen aus den „besseren Kreisen“ eine Chance, ihre eigene Lebenssituation neu zu gestalten, um alten Klischees zur Rolle der Frau in Gesellschaft und Familie neue Akzente entgegen zu setzen. Mit diesen ersten Aktivitäten Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind Namen wie Jeanette Schwerin und Alice Salomon verbunden. Der Autor beschreibt die schwierigen organisatorischen Schritte zur Etablierung einer Fürsorge für Patienten in der Berliner Charité und widmet sich dann ausführlicher den beruflichen Ansätzen einiger Pioniere jener Zeit. Das Wirken von Lina Basch – erste Fürsorgerin in einem deutschen Krankenhaus – und von Elsa Strauss entwickelten bereits Arbeitsansätze, deren Grundanliegen auch heute noch Geltung haben.

Schon früh erkannte man, dass Sozialarbeit nur im Verbund und einer breiten Vernetzung attraktiv und wirksam werden kann. So waren Mitglieder des 1904 gegründeten jüdischen Frauenbundes wichtige Verbündete, um organisierte Hilfen im Bereich der Krankenhausfürsorge zu entwickeln. Dies war auch Wegbereitung für die Aktivitäten des Bundes der jüdischen Kranken- und Pflegeanstalten in Deutschland. Im Jahre 1926 konnten viele Städte und Gemeinden bei der im Jahre 1926 in Düsseldorf stattgefundenen Ausstellung „ Gesolei“ dokumentieren, wie sich die Krankenhausfürsorge – und natürlich nicht nur die jüdische - inzwischen zu einem anerkannten Tätigkeitsfeld gesundheitsbezogener Sozialfürsorge in ganz Deutschland entwickelt hatte. Die Ausstellung für Gesundheitspflege, Soziale Fürsorge und Leibesübungen (Gesolei) zählte mit fast 8 Millionen Besuchern zu den größten Ausstellungsereignissen der Weimarer Republik.

In einem – allerdings sehr kurz geratenen - abschließenden Beitrag beschäftigt sich der Autor mit den tragischen Ereignissen jüdischer Krankenhausfürsorge nach 1933.

Fazit

Die Lektüre des nur 68 Seiten umfassenden Buches empfiehlt sich für Sozialarbeiter u. Sozialpädagogen die Interesse an geschichtlichen Themen aus der Sozialarbeit haben. Es ist schnell gelesen und vermittelt viele Fakten und Daten. Für Menschen, die ein vertieftes Interesse an geschichtsbezogenen Fragestellungen haben oder Material für Referate und schriftliche Ausarbeitungen benötigen bietet das Bändchen durch die Quellenangaben wertvolle Hilfen für das Weiterarbeiten. Der sehr niedrige Preis von 6,90 Euro ist angemessen und dem recht kleinformatigen Angebot geschuldet.

Rezension von
Dr. Peter Michael Hoffmann
Dipl. Sozialwissenschaftler, Sozialarbeiter, freier Autor
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Es gibt 31 Rezensionen von Peter Michael Hoffmann.

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ISSN 2190-9245