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Ludwig Duncker, Hans-Joachim Müller u.a.: Betrachten – Staunen – Denken

Cover Ludwig Duncker, Hans-Joachim Müller, Bettina Uhlig: Betrachten – Staunen – Denken. Philosophieren mit Kindern zwischen Kunst und Sprache. kopaed verlagsgmbh (München) 2011. 165 Seiten. ISBN 978-3-86736-244-3. 18,80 EUR.
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Herausgeberteam

  • Ludwig Duncker ist Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Pädagogik des Primar- und Sekundarbereichs an der Justus Liebig-Universität Gießen.
  • Hans-Joachim Müller ist Grundschullehrer und Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg.
  • Bettina Uhlig ist Professorin für Kunstpädagogik und Didaktik der Bildenden Kunst, Stiftung Universität Hildesheim.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge sind aus zwei Fachtagungen – unterstützt durch die Gesellschaft zur Förderung des Philosophierens – hervorgegangen. Sie wollen Impulse setzen, das leistungsorientierte schulische Lernen kritisch reflektieren und das zweckrationale und instrumentelle Denken analysieren. Eine wichtige Bedeutung kommt der Möglichkeit des „Staunens“ zu. Staunen macht erst Denken und Nachdenken möglich. (8). Dabei bleiben die vorgestellten Ansätze nicht theorielastig, sondern werden durch vielfältige Beispiele über das Philosophieren mit Kindern in die Praxis überführt. Es ist zugleich der Versuch, „…das Philosophieren mit Kindern bildungstheoretisch und didaktisch-methodisch als fachlicher Inhalt oder als Lernprinzip“… „in die pädagogische Praxis“ (10) einmünden zu lassen.

Aufbau …

Das Buch enthält 11 Beiträge. Die wesentlichen Schwerpunkte lauten:

  • Kinderphilosophie zwischen Standardisierung und unzensiertem Denken
  • Philosophische Kunstfertigkeit in der Schulpraxis
  • Außerschulische Lernorte
  • Ästhetische Erfahrung und Erkenntnisse
  • Theorie-Praxis-Verhältnis des didaktischen Lernens
  • Bildungsanspruch und gesellschaftlicher Kontext
  • Dialektische Gesprächsführung

… und Inhalt

Peter Gansen eröffnet mit seinem Beitrag Kinderphilosophie zwischen Standardisierung und unzensiertem Denken die Möglichkeit des „unzensierten Denkens“ (13) mit Blick auf die gängige Praxis, die das Philosophieren mit Kindern eher als eine spielerische Nische im pädagogischen Alltag der Grundschule zu verstehen scheint. Nach seinem Verständnis sind Fragen und das Ernstnehmen der Fragenden gesellschafts- und kulturtheoretisch eher als Grundlage demokratischer Lernprozesse zu verstehen. Fragen bedeutet auch, überkommene Machtverhältnisse aufzubrechen. Gansen reklamiert die Ignoranz der Schulpädagogik, da sie aufgrund der hierarchischen Schulstrukturen das Fragen auf der Seite der Lehrenden erlaubt, die kritischen Rückfragen von Schülerinnen und Schüler aber eher unterbindet. Getragen wird diese Richtung durch die empirische Bildungsforschung, die sich primär mit Bildungsstandards und Kulturtechniken auseinandersetzt, nicht aber mit Kulturtheorien. Er fordert eine neue Kommunikationsstruktur im Sinne einer „Kultur der Nachdenklichkeit“ (17), in der es um Inhalte geht, die auf eine Entwicklung eines kritischen Bewusstseins zielen. Insofern hat sich das Philosophieren mit Kindern „widerstandsfähig gegenüber ideologischen und fundamentalistischen Anschauungen zu machen und sie dazu zu erziehen, allzu einfachen „Wahrheiten“ und scheinbaren Selbstverständlichkeiten gegenüber kritisch zu sein“ (24). Es besteht also die Notwendigkeit, diese „Erziehungsziele“ verstärkt zum Inhalt der Forschung und Lehre zu machen. Leider fehlen Protagonisten, die sich der Aufgabe „Philosophieren mit Erwachsenen“ annehmen.

Andreas Nießelers Beitrag Übung im Denken verweist darauf, dass die Wurzeln des Philosophierens mit Kindern sowohl in der Reformpädagogik, als auch in der hermeneutischen Methode der geisteswissenschaftlichen Pädagogik zu finden sind. Entgegen einer reinen Wissensvermittlung deutet Nießeler mit Nelsen (31) auf Sokrates, dem es darum ging aufzuzeigen, dass es lediglich eine vermeintliche Objektivität von Wissen gibt. Insbesondere durch die Praxis der Disputation können Schülerinnen und Schüler Argumentation, Gegenargumentation und eigene Reflexion trainieren. All dies ist nur durch Muße möglich. Oder anders ausgedrückt: Auf der Grundlage der hermeneutischen Methode findet das Prinzip der Langsamkeit seine Bedeutsamkeit. Es geht um das Verstehen von Zusammenhängen, nicht um abfragbares Wissen. Nießelers Ausführungen erinnern an den Roman von Sten Nadolny (1987): Entdeckung der Langsamkeit. Auch hier wird die Langsamkeit zu einem notwendigen Prinzip, den Sinn des Lebens zu verstehen.

Kerstin Michalik beschäftigt sich im Kontext des Philosophierens mit Kindern und außerschulische Lernorte mit Aspekten einer „subjektorientierten Didaktik“ (46 . Es werden vielfältige außerschulische Lernorte mit Bezug auf die Reformpädagogik genannt („Museen, Zoos, Botanischer Garten“) (49), die als Projektunterricht Eingang in vorgegebene Bildungsziele genommen haben. Interessanter erscheinen Michalik jedoch jene „Lernstandorte“, die keinem direkten Bildungsauftrag verpflichtet sind, z. B. „die Wiese nebenan, … der Handwerker in der Nachbarschaft, Tierheim u.a.“ (49). Hier unterliegt das Philosophieren mit Kindern keinen Sachzwängen. Die Annäherung an die Lebenswelt und an das soziale Umfeld von Kindern geschieht im Sinne eines Erkenntnisinteresses von Schülerinnen und Schülern, die ohne Leistungsdruck, Zusammenhänge hinterfragen, beantworten und kritisieren können. Methodisch wird Bezug genommen auf das „Fünf-Finger-Modell“ von Martens (54)1 , das primär im Philosophieunterricht verwendet wird, aber gleichfalls für das philosophische Gespräch in anderen Disziplinen richtungsweisend sein kann. Eine wichtige Zielsetzung von Michalik ist die „Entschleunigung von Unterricht“ (55), die das Prinzip einer demokratischen Schulstruktur unterstützen soll.

Ludwig Duncker versucht zu zeigen, dass das „Sammeln, Staunen und Fragen“ (59) Bestandteil eines Bildungsprozesses mit ästhetischer Dimension ist, der bisher weder in der Pädagogik, noch in sozialwissenschaftlichen Fragestellungen einen Stellenwert gefunden hat. Alle drei Tätigkeiten sind wichtige Schritte in der kindlichen Sozialisation und machen – aus philosophischer Sicht – eine Weltaneignung erst möglich. Dieser Zugriff auf erkenntnistheoretische Erfahrung ist eine „zweckfreie Tätigkeit“ (65), mit der sich Duncker auf Humboldt beruft und so die pädagogische Herausforderung wieder einholt. Exemplarisch werden „Kunst- und Wunderkammern der Spätrenaissance“ (60f.) herangezogen. Es folgt eine Reflexion über den Zusammenhang von Staunen und Lernen, die implizit eine Kritik an bisherigen Lerntheorien enthält, die das Staunen bisher nicht als bildungswirksame Aneignung von Erfahrungen und Umwelt thematisieren. Dabei – so Duncker – ist das Staunen Bestandteil einer ästhetischen Erziehung und fördert die Phantasie und die Bildung. Mit Verweis auf Karl Pohls Ausführungen über die „Didaktik des Philosophierens“ (75) untermauert Duncker die Bedeutung dieses Ansatzes, der sich bereits als „Teildisziplin der Schulpädagogik“ (75) etabliert hat.

Bettina UhligVon Frauen, die Tauben aus dem Himmel holen – erläutert die Bedeutung des bildhaften Denkens, Erkennens und Philosophierens mit Kindern. Bildende Kunst – hier Kunstwerke der Malerei – verbinden die Begriffe Bild und Bildung. Allerdings in einem Sinne der „Zweckfreiheit“ der Kunst. Sie werden vom Betrachter individuelle verlebendigt und entbergen so immer wieder neue Deutungen, die zugleich sich als neue Erfahrungen niederschlagen. Insbesondere Kinder werden so angeregt, Sinndeutungen über den Menschen und die Welt neu zu produzieren. Das „Selbst-denken“ (86) wird dadurch gleichsam unterstützt.

Ähnlich argumentiert Hans Joachim Müller in seinem Aufsatz Im Museum wohnt das Besondere und Schöne, der sich mit der Bedeutung des „Museums“ als „Ort für gelehrte Beschäftigung“ (89) auseinandersetzt. Methodisch wird sowohl die Phänomenologie, als auch die Hermeneutik dem konstruktivistischen Ansatz von Weltdeutung und Aneignung entgegen gesetzt. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Ausbildung eines dialektischen Denkens.

Silvia Rathaj zeigt an einem praktischen Beispiel – „Rotkäppchen und der Wolf“ wie man Kindern im „späten Vorschulalter“ (105) den Unterschied von gut und böse erklären kann und erläutert aus der Sicht der praktischen Philosophie den Bezug zum „moralischen Urteil“. Vielfältige praktische und didaktische Ansätze werden herangezogen, um auch die Kehrseite des moralischen Urteils, nämlich das Dilemma moralischer Wertvorstellungen, auf gesellschaftliche Lebensbedingungen beziehen zu können.

Auch Helmut SchreierPhilosophieren mit Kindern im gesellschaftlichen Kontext argumentiert in eine ähnliche Richtung. Jedoch bewegt er sich auf einer sehr abstrakt-philosophischen Ebene, die ein kompetentes Vorwissen des Educandus voraussetzt. Sein Ansatz ist eher für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und II geeignet. Zentrale Themen sind bei ihm die Gewissensbildung und die Fremdbestimmung (119f.) Sein äußerst interessanter interdisziplinärer Diskurs in die Geschichts-, und Gesellschaftswissenschaften, betrachtet Schreier als Herausforderung zum „selbständigen Denken“ und als Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrer. In diesen Kontext passt auch der nachfolgende Beitrag von Reinhold Schulz.

Reinhold Schulz Fragekultur oder Wider die bewusstlose Adressierung von Lernaufgaben problematisiert die Verschulung des Studiums und den damit verbundenen Verlust eines ganzheitlichen, allgemeinen Bildungsbegriffs, der über den Anspruch der vorherrschen, zielgerichteten Ausbildung stehen sollte. Methodisch orientiert er sich an der Hermeneutik. Hier gewinnt der Zusammenhang von „Erklären“ und „Verstehen.“ (131) an Bedeutung. In der Verknüpfung von Sprachphilosophie und Diskurstheorie versucht Schulz die Aktualität eines dialektischen Denkens in den Vordergrund eines Bildungsauftrages zu stellen. Es geht ihm um die Vermittlung und Wiedergewinnung einer kritischen Urteilskraft.

Ludwig Duncker vertieft mit seinem Aufsatz Die Kunst der Gesprächsführung die Kritik an der instrumentellen Vernunft, die nur abstrakt eine Verbindung von Theorie und Praxis bzw. Lebenserfahrung konstruieren kann. Ein Grund dafür ist die „Loslösung“ (137) der Kunst von der Wissenschaft seit der Neuzeit. Der damit etablierte Kunstbegriff, der sich auf die Vergegenständlichung künstlerischer Tätigkeiten bezieht und aus ästhetischer, ethischer und musischer Sicht an Bedeutung gewinnt, ignoriert eine „ästhetische Praxis“ der denkenden Kunst, der Kunst eine Idee zu haben. Erwähnenswert sei auch, dass er fordert, auch für die pädagogische Praxis Ideen in diesem Sinne zu verfolgen: Die Wiederherstellung einer Verbindung von Kunst und Wissenschaft, um das Denken, die Ästhetik, die Phantasie und die Bildung zu vereinen. Methodisch bezieht sich Duncker auf die „hermeneutisch-dialektische Theoriebildung“(152)

Katrin Reichel-Wehnert geht – als letzten Beitrag des Buches – der Frage nach, inwieweit das Philosophieren mit Kindern – einen Bildungsanspruch erheben kann. Sie verweist auf vielfältige Ansätze zu dem genannten Thema, auch wenn es sich bisher in den Wissenschaftsdisziplinen nicht etablieren konnte. Insofern ist ihr Beitrag als ein Plädoyer zu sehen, sich der Vorteile einer Kunst des Philosophierens zu bedienen. Sie fördert das selbständige und kritische Denken.

Fazit

Mit interdisziplinär ausgerichteten Ansätzen bietet das Buch eine gute Grundlage dafür, über den Sinn des Philosophierens mit Kindern erneut nachzudenken. Auch wenn die Autoren des Buches ihre Beiträge primär zur Unterstützung eines Philosophierens mit Kindern im Vor- und Grundschulalter verstehen, so gibt es doch Ansätze, die gleichfalls für den Unterricht in der Primar- und Sekundarstufe I/II geeignet sind. Zudem bietet das Buch einen Anreiz für die Lehrerbildung an Universitäten sowie für den Weiterbildungsbereich und für Akteure in der Kinder- und Erwachsenenbildung. Auch wissenschaftstheoretisch bietet das Buch vielfältige Hinweise dafür, wie ein kritisches, selbstbestimmtes Denken gefördert werden kann.

1 http://books.google.de/books


Rezensentin
Dr. Clarissa Kucklich
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
Fakultät Bildungswissenschaften, Allgemeine Pädagogik
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Zitiervorschlag
Clarissa Kucklich. Rezension vom 28.01.2013 zu: Ludwig Duncker, Hans-Joachim Müller, Bettina Uhlig: Betrachten – Staunen – Denken. Philosophieren mit Kindern zwischen Kunst und Sprache. kopaed verlagsgmbh (München) 2011. ISBN 978-3-86736-244-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11234.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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