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Helga Hackenberg, Stefan Empter (Hrsg.): Social Entrepreneurship - Social Business

Cover Helga Hackenberg, Stefan Empter (Hrsg.): Social Entrepreneurship - Social Business. Für die Gesellschaft unternehmen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 320 Seiten. ISBN 978-3-531-17759-5. 39,95 EUR.
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Thema

Die Schlagwörter Social Entrepreneurship und Social Business stehen für unternehmerisches Handeln, mit dessen Hilfe soziale und/oder ökologische Probleme gelöst werden sollen. Dieses Thema ist in den letzten Jahren international sehr „trendy“ geworden. Die Herausgeber gehen mit der Veröffentlichung dieses Buches der Frage nach, ob Gründerpersönlichkeiten auch in Deutschland eine Lücke füllen können und als (neue) Vorbilder für Wirtschaft und Gesellschaft stehen (S. 26). Im vorliegenden Sammelband sind Beiträge von über 30 AutorInnen enthalten, die sich dieser Frage von sehr unterschiedlichen Standpunkten aus nähern und interessante Beiträge liefern, die noch weit über die Ausgangsfrage hinausreichen.

Herausgeberin und Herausgeber

Helga Hackenberg ist Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin und lehrt dort u.a. Sozialpolitik und Sozialmanagement. Stefan Empter ist Senior Director der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh und Mitglied des Vorstandes der Stiftung „Wirtschaft Verstehen“ in Essen.

Aufbau

Nach einem einführenden Beitrag der Herausgeber ist der Sammelband in fünf Kapitel untergliedert. Die Zuordnung der interdisziplinär angelegten Beiträge wird so erleichtert. Die Abkürzung SEO wird einheitlich von allen AutorInnen für den Begriff social entrepreneurship organization o. ä. verwendet, „sofern im breiteren Sinne verwendet und verstanden“ (S. 13).

I. Im Spannungsfeld von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft

Wenn man mit André Habisch Social Entrepreneurs als Unternehmerpersönlichkeiten definiert, „die nicht primär wirtschaftliche, sondern gemeinnützige Ziele verfolgen“ (S. 49), dann kann für das erste Kapitel folgendes zusammengefasst werden: Im internationalen Kontext reagieren Social Entrepreneurs häufig auf schwache Leistungen von Institutionen und übernehmen dabei eine Ersatz-, Pilot-, Mobilisierungs- und Integrationsfunktion. Die Frage der Legitimität der Aktivitäten ist jedoch bislang weitgehend unbeleuchtet geblieben so die Autorin Tine Stein.

Rolf Heinze, Katrin Schneiders und Stephan Grohs konstatieren für den deutschen Kontext, dass erst einzelne Akteure als Social Entrepreneurs bezeichnet werden können, und es abzuwarten bleibt, inwiefern sich deren Aktivitäten in den bestehenden Wohlfahrtsmix einordnen lassen.

André Habisch zeichnet die historische Entwicklung in Deutschland nach und kommt zum Schluss, dass es in Deutschland bereits eine lange Tradition von gesellschaftlich engagierten Unternehmern gibt, diese aber eher als „Pfadfinder innovativer Lösungsmöglichkeiten“ (S.49) auftreten und ihre Zielsetzung nicht darin liegt soziale Probleme breitflächig zu beheben. Des Weiteren dokumentiert er „die systematische Vernachlässigung gesellschaftlichen Unternehmertums in den herrschenden Sozialtheorien“ (S. 62) und deren Folgen für die Sozialethik.

Markus Beckmann weitet das Feld vom einzelnen Unternehmer und auf die ganze Organisation und konstatiert, dass sowohl social business-Organisationen als auch gewinnorientierte Unternehmen für Verbesserungen der institutionellen Rahmenbedingungen sorgen können. Der Vorteil der social business-Organisationen liegt, aus seiner Sicht, darin, dass hier Probleme bearbeitet werden, die bei gewinnorientierten Unternehmen eher in den Hintergrund rücken (S. 82).

II: Gesellschaftliche Veränderungen bewirken und gestalten

Nach Birger P. Priddat liegt das Alleinstellungsmerkmal einer Social entrepreneurship organisation (SEO) darin, dass sie überwiegend ohne Staatssubventionen agiert und Preise für Dienstleistungen verlangen kann. Die Möglichkeit des unternehmerischen Handelns für eine „gute Sache“ zieht aus seiner Sicht junge sogenannte high potentials an, die sich in diesem Sektor soziale Kompetenz erwerben, um diese ggf. auf dem Arbeitsmarkt weiter zu verwerten. Priddat schlägt vor, SEOs „eher als Teile des Bildungswesens einer Gesellschaft zu betrachten, ausgeführt an gesellschaftlich legitimierten Projekten sozialer Leistungen“ (S.118). Im Unterschied zu social business in Entwicklungsländern können für SEOs in Industrieländern abweichende Rahmenbedingungen konstatiert werden.

Felix Oldenburg zeigt, dass SEOs in Deutschland auf ein ausdifferenziertes und stark reguliertes Sozialsystem stossen. Der neue Umgang mit Ressourcen und die Multiplikation von guten Ideen kann jedoch auch hier Platz greifen; dies wird an Fallbeispielen eindrucksvoll belegt.

Eine Anpassung der bestehenden Regeln für SEOs in Industrieländern formuliert auch Peter Spiegel. Nach Yunus sollen die Kapitalgeber im social business auf Dividenden verzichten. Für reiche Gesellschaften wird von Spiegel eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals vorgeschlagen, um Investorengruppen zu gewinnen, die zu rein investivem Spenden nicht bereit sind.

Länderübergreifend zu prüfen sind die Thesen, die von den Autoren Sommerrock und Pauli/Haastert aufgestellt werden. Katharina Sommerrock zeigt auf, dass SEOs als Katalysatoren für die Bereitstellung von öffentlichen Gütern wirken, wenn es ihnen gelingt, sowohl Anreize zur Mitarbeit in der Zielgruppe, als auch Anreize zum Kauf bei der Kundschaft zu setzen. Diese Theorie wird im Artikel empirisch überprüft und verifiziert.

Ganz allgemein erkennen Gunter Pauli und Markus Haastert internationale Chancen für social business in der „Blue Economy“, in der die Prämisse gilt, dass weder Natur- noch Humanressourcen verschwendet werden dürfen.

III. Social Entrepreneurship und Social Business in der Sozialen Arbeit

Soziale Organisationen haben in den letzten Jahren verstärkt Managementmethoden aus dem Profitsektor implementiert. Dieser Schritt der Organisationsanpassung ist auch in die andere Richtung möglich, wie Hans-Joachim Gergs an Beispielen belegt: Profit-Unternehmen können von Entrepreneurs lernen, die in sozialen Organisationen tätig sind.

Ein Perspektivwechsel steht auch im Zentrum von Daniel Dölles Ausführungen. Er macht darauf aufmerksam, dass – insbesondere im Kinder- und Jugendhilfebereich – durch die Übertragung öffentlicher Aufgaben an freie Träger, auch Chancen für unternehmerisch ambitionierte SozialarbeiterInnen entstehen, sich als Entrepreneurs zu engagieren.

Anne Köppelmann stellt einen Business-Plan eines Sozialunternehmens vor und erörtert ebenfalls die Chancen, die sich für SozialarbeiterInnen durch diese neue Berufsperspektive ergeben können.

Gerhard Wegner spürt den Ähnlichkeiten von sozialem Unternehmertum und sozialräumlichen Aktivismus nach.

Der Beitrag von Stefan Knüppel und Christian Groß befasst sich mit der Mikrofinanzierung in Afrika. Die Ausführungen sind irrtümlich unter den dritten Gliederungspunkt „gerutscht“ und bilden somit den Übergang zum vierten Kapitel „Finanzierung gesellschaftlicher Unternehmungen“. Die Abkehr von der top-down-Finanzierung zu einer lokal angepassten Finanzierung der Aktivitäten im Bildungsbereich werden in diesem Artikel fokussiert. Auch hier scheint der Leitspruch „think global – act local“ zu greifen.

IV. Finanzierung gesellschaftlicher Unternehmungen

Zur Finanzierung gesellschaftlicher Unternehmungen werden im vierten Kapitel unterschiedliche Ideen entwickelt.

Anne-Kathrin Kuhlemann lässt ihre Erfahrung in der Vermittlung zwischen Investoren und Sozialunternehmen einfließen und thematisiert die Messung und Bewertung von sozialen Zielen. Standards sind aus ihrer Sicht in diesem Bereich schwer zu implementieren, da die Zielsetzung je nach Thema sehr unterschiedlich und die Vergleichbarkeit schwer herzustellen ist.

Ann-Kristin Achleitner, Wolfgang Spiess-Knafl und Sarah Volk konstatieren für SEOs, dass die Gesamtrendite eines Projektes sowohl aus finanziellen als auch aus sozialen Komponenten bestehen kann (S. 270). Im Gegensatz zu profitorientierten Unternehmen kommen auch Finanzierungssquellen aus öffentlichen Geldern und Spenden zum Tragen. Auch in diesem Beitrag wird auf die schwierige Ermittlung von betriebswirtschaftlichen Kennzahlen abgehoben. Trotzdem haben Investoren offensichtlich Interesse an sozialem Engagement. Die AutorInnen plädieren für die Schaffung von sozialen Investmentbanken und Sozialbörsen, da hiermit eine optimale Kapitalallokation für diesen Bereich erreicht werden könnte (S. 284).

Michael Alberg-Seberich und Anna Wolf erklären den Ansatz des Venture Philantrophy, der sich nicht nur auf finanzielle Zuwendungen, sondern auch auf ein ergänzendes Förderbündel für die SEO bezieht. Die Förderung umfasst beispielsweise zusätzlich die Weiterbildung von MitarbeiterInnen und/oder die Optimierung von Arbeitsprozessen in der Organisation. Optimale Organisationsstrukturen unterstützen so die Lösung sozialer Probleme. Die Zielsetzung für dieses Modell einer SEO besteht in der Generierung von sozialer aber auch von finanzieller Rendite.

Eine ähnliche Auffassung vertritt Stephan Breidenbach, der eine Etablierung von Sozialbörsen zur Finanzierung von Social Business vorschlägt. Er vertritt die Ansicht, dass eine soziale Rendite nur dann generiert werden kann, wenn eine wirtschaftlich rentable SEO im Einsatz ist. U. a. könnten aus seiner Sicht Internetplattformen, die Kosten für das Fundraising reduzieren.

V. Verbreitung, Transparenz und Kommunikation sozialunternehmerischer Aktivitäten

Valerie Hackl weist auf die regionale Begrenzung der Wertstiftung hin. Mögliche Formen der Erweiterung z. B. durch Franchising oder offene Verbreitung werden im Artikel vorgestellt.

Des Weiteren kann im non-profit-Sektor ein starker Professionalisierungsdruck ausgemacht werden, wie Barbara Roder, Ann-Kristin Achleitner und Alexander Bassen beschreiben. Das „Gegengift“ in der Form von Reporting Standards befindet sich in der Entwicklung.

Björn Schmitz und Volker Then greifen das bereits o.g. Legitimationsproblem wieder auf und zielen in ihrem Beitrag auf die Erweiterung des Legitimationsanspruchs auf emotionale Legitimität, die durch story-telling geleistet werden könne.

Holger Sievert interessiert sich dafür, in welcher Art und Weise SozialunternehmerInnen kommunizieren, da dies besonders voraussetzungsvoll sei: „Sozialunternehmer sitzen als Kommunikatoren zwischen den Stühlen: nicht Schlagkraft von Business, nicht Sympathievorteil von Non-Profit.“ (S. 352).

Diskussion und Fazit

In diesem Sammelband wird eine wahrhaft interdisziplinäre Sicht auf das Phänomen „Social Entrepreneurship“ gewählt. Dabei werden sowohl die Unternehmerpersönlichkeit, die Organisationsstruktur und die Organisationsumwelt aus verschiedensten Blickwinkeln untersucht. WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen können sich hier einen sehr guten Themenüberblick verschaffen. Die sorgfältige inhaltliche und formale Gestaltung des Buches (u. a. Weblinksammlung, gemeinsame Definitionsbasis) machen das Buch zu einem Grundlagenwerk. Die im Thema erfahrenen Herausgeber haben sich die Aufgabe gestellt, Beiträge zu sammeln, die „Kernideen von Social Entrepreneurship und Social Business mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen, Potentialen und auch Grenzen in die gesellschaftspolitische Debatte einzuordnen, konzeptionell zu schärfen und anhand ausgewählter Beispiele zu konkretisieren“ (S.9). Dies ist sehr gut gelungen. Es ist zu wünschen, dass die geplante Weiterentwicklung des Bandes in Form einer Veröffentlichungsreihe zur praktischen Arbeit und zur Vertiefung des Forschungsfeldes gelingt.


Rezensentin
Prof. Dr. Andrea Helmer-Denzel
Studiengang „Senioren/Sozial-gesundheitliche Dienste-Bürgerschaftliches Engagement“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg - Heidenheim
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Zitiervorschlag
Andrea Helmer-Denzel. Rezension vom 07.10.2011 zu: Helga Hackenberg, Stefan Empter (Hrsg.): Social Entrepreneurship - Social Business. Für die Gesellschaft unternehmen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17759-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11235.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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