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Anja Hartung (Hrsg.): Liebe(n) und Alter(n)

Cover Anja Hartung (Hrsg.): Liebe(n) und Alter(n). Die Konstitution von Alter(n)swirklichkeiten im Film. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-86736-171-2. 18,80 EUR.

Reihe: Gesellschaft – Alter(n) – Medien - 1.
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Thema

Mit dem demografischen Wandel erweitert sich der Blickwinkel der Forschung zunehmend auf die Bedürfnisse älterer Mitmenschen. Der von der Medienpädagogin Anja Hartung herausgegebene Tagungsband "Lieben und Altern" beschäftigt sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit der Darstellung und Wahrnehmung filmischer Alters-Wirklichkeiten. Das Buch sucht nach einem neuen Verständnis von Sozialität im höheren Alter und geht der Fragestellungen nach, wie das Thema Liebe und Sexualität im Alter in den Medien wahrgenommen wird, welche Bedeutung dies für das individuelle Erleben hat und welche Perspektiven für die Forschung und die Medienpädagogik abzuleiten sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist das Produkt der Jahrestagung des Vereins "Gesellschaft, Alter(n), Medien" im Jahr 2010 mit dem Titel "Liebe(n) und Alter(n)". Der hieraus entstandene Tagungsband beinhaltet verschiedene Artikel von mehreren Autoren, die in sechs unterschiedlich langen Kapiteln eingeordnet sind. Einer langen Einführung in das Buch mit einem Aufsatz der Herausgeberin und einer Reflexion der Tagung durch zwei Teilnehmer folgt eine Einführung in das Thema durch Backes und Wolfinger. Den beiden Autoren geht es in ihrem Artikel um gesellschaftliche Normierungen, der körperlichen Funktionalität und inwiefern Liebe und Pflegebedürftigkeit ein Problem für die Theorie und Forschung darstelle. Dabei gehen sie auf die Frage ein, wie Begehren in der Pflege bewertet werde und ob Liebe und Hochaltrigkeit im Grunde gesellschaftlich nicht sichtbar sein dürfe.

Liebe und Alter als Sujet im Zeitgenössischen Film

Auf die Spur wissenschaftlicher Reflexionen der Liebe im Alter im Film begeben sich die Autoren Schwender, Neuhaus, Seidler und Sanders. Der erste Beitrag von Clemens Schwender beschäftigt sich mit verschiedenen Dimensionen des Alters wie Alter als Konstrukt (gewünschtes, gefühltes, eingeschätztes, soziales, biologisches, chronologisches Alter), Alter als Prozess/ Zustand und den Stereotypen des Alters. Er zeigt vier Motive der Altersdarstellung im Film auf (Standpunkt eines Rückblicks, Resultat einer Karriere, als Entwicklungsaufgabe und Darstellung stereotyper Erwartungen in Bezug auf altersadäquaten Verhaltens und der aus dem Alter resultierenden Schwächen). Stefan Neuhaus nähert sich den Liebesentwürfen in Literatur und Film über die soziologischen Gedankengänge Niklas Luhmanns und der "Codierung von Intimität" (und Liebe) und Manfred Pirschings "Me-Generation". Neuhaus streift durch die Konzepte von Liebe in der Gegenwartsliteratur. Dabei vergleicht er bei "American Psycho" und "Nichts als Gespenster" Romanvorlage und Verfilmung und kommt zu dem Schluss, dass sich weder Film noch Literatur von den gängigen Codierungen von Liebe entziehen können.

Miriam Seidler untersucht die kulturelle Bedingtheit von Demenz/ Krankheit im Film anhand der psychologischen Gestaltung der filmischen Figuren. Dabei beschreibt sie die Filme "Wie ein einziger Tag, Iris" und "An ihrer Seite" und stellt fest, dass es sich bei Filmen, die sich mit altersbedingten Krankheiten beschäftigen, im Grunde um Liebesfilme handle. In diesen werde zumeist die Paarbeziehung idealisiert und die Aufopferung gezeigt, wie sich der gesunde Part um den Kranken kümmere. Daraus resultiere eine sozialpolitische Gefahr, die aus einer solchen heroischen Romantisierung entspringe. Olaf Sanders schaut auf die Liebe älterer Männer und nähert sich eher vage dem Thema das Bandes. Er geht hauptsächlich den Theorien von Deleuze und Guattari über Bildungsprozesse im Film nach.

Im zweiten Bereich des Kapitels stehen zwei wörtlich abgedruckte Gespräche aus der Tagung und verschiedene Filmvorstellungen unterschiedlicher Autoren.

Ältere als Publikum und Protagonisten des zeitgenössischen Films

Dagmar Hoffmann trägt im ersten Artikel des Kapitels ihre Forschungsergebnisse zu den Kinovorlieben älterer Menschen vor. Die Quantität von Filmbesuchen nach Altersgruppen sei zwar gut erforscht, aber über die Bedürfnisse und Motive älterer Kinogänger sei hingegen weniger bekannt. Dabei bedürfe es in einer älter werdenden Gesellschaft spezielle Angebote für ältere Filmzuschauer. Anja Hartung stellt die Ergebnisse einer Forschungsgruppe vor, die sich mit der Wahrnehmung liebender Alter im zeitgenössischen Film durch eine ebenfalls ältere Zuschauergruppe beschäftigt. Hier sei ein Unbehagen gegenüber der Darstellung von Intimität im Alter in den Interviews zu erkennen. Für die Zuschauer bedeute Liebe mehr als die bloße Zurschaustellung von Sex. Den Abschluss des Kapitels bildet ein Gespräch von Anja Hartung mit Eva Illouz.

Lieben und Altern in der (medien)pädagogischen Praxis

Das letzte Kapitel ist eine Sammlung verschiedener Workshop- und Projektberichte.

Diskussion und Fazit

Mit dem Film "Wolke 9" kam 2008 in der deutschen Medienlandschaft ein Interesse und eine lebhafte Diskussion um die Präsenz von älteren Menschen in Film und Fernsehen und die Normalität von Liebe im Alter auf. Der Film wurde bei den Filmfestspielen in Cannes gefeiert. Der amerikanische Kritiker V.A. Musetto schrieb 2009 in der Boulevard-Postille New York Post, dass bislang selten ein Film wie "Wolke 9" so viel Alterssex mit männlicher und weiblicher Frontalnacktheit gezeigt habe, aber dass, dank Dresen, in diesem Film alles geschmackvoll und sensibel dargestellt worden sei. Das Thema ist international und an der Reaktion in den westlichen Medien erkennt man, dass das Interesse daran groß ist. Der vorliegende Tagungsband geht auf das Bedürfnis ein sich mit dem Thema Liebe im Alter auseinanderzusetzen und beleuchtet verschiedene Facetten der medialen Repräsentation von Alter im Film. Kino wird hier vornehmlich als Kulturprodukt von soziologischer Bedeutung verstanden.

Die Autoren analysieren Film anhand soziologischer und psychologischer Determinanten und sehen die Relevanz von Film für ältere Menschen und ihre Repräsentation in einem gesellschaftlichen Raum. Weniger stellen sich die Autoren die Frage, ob es sich bei Filmen mit altersspezifischen Themen um eine Gattung, ein neues Genre oder nur eine spezifische Thematik handelt. Dabei wäre eine Auseinandersetzung mit der Form und dem Medium eine weitere Quelle für Erkenntnisse. Auch eine Gegenüberstellung von Kinofilm (als eher jugendliches Medium) und dem Fernsehfilm, der explizit ein älteres Publikum anspricht - in Bezug auf Thema, Besetzung, Montage, usw. - bleibt leider aus.

Die Tabuisierung von filmischer Sexualität im Alter und ihre Auflösung ist ein interessanter Aspekt des Bandes. Die Autoren stellen sich relevante Fragen: Wie misst man das Alter (Schwender)? Welche soziologische Bedeutung steckt dahinter (Neuhaus)? Wie werden altersbedingte Schwächen dargestellt (Seidler) und aus welchen Perspektiven wird ein Film gezeigt? All diese Fragen führen zu einer aufschlussreichen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Im vorliegenden Buch "Lieben und Altern" dient Film als Konstrukt, als Sprungbrett um das Thema Liebe im Alter in die Tagesöffentlichkeit zu bringen. In Teilen wirkt die Edition nicht homogen, die meisten Artikel stehen nebeneinander und beleuchten Partikularinteressen. Die wörtlichen Übertragungen der Gespräche dienen als Zeitdokument, sind aber in gedruckter Form unglücklich "drollig". Die Filmbesprechungen in der Mitte des Bandes stehen in einem leeren Raum, die medienpädagogischen Projekte am Ende des Bandes wirken "angehangen". Diese Schwäche teilt sich das Buch mit vielen anderen Tagungsbänden. Dennoch ist "Lieben und Altern" ein Band, der sich mit einem wichtigen Thema beschäftigt, das uns alle angehen sollte: Wie gehen Gesellschaft und die Medien mit dem Alter um?


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 13.09.2011 zu: Anja Hartung (Hrsg.): Liebe(n) und Alter(n). Die Konstitution von Alter(n)swirklichkeiten im Film. kopaed verlagsgmbh (München) 2010. ISBN 978-3-86736-171-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11243.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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