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Oliver Haas: Corporate Happiness als Führungssystem

Cover Oliver Haas: Corporate Happiness als Führungssystem. Glückliche Menschen leisten gerne mehr. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-503-12657-6. 29,95 EUR, CH: 46,00 sFr.

Reihe: Business & Success.
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Autor

Oliver Hass lehrt als Professor an der Fachhochschule für angewandtes Management in Erding. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Dreamteam Acamdemy und Senior Consultant bei Dreamteam Solutions, wobei sich letztere mit Controlling Tools für den Sport beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Das Streben nach Glück wurde früher als das Hauptziel des eigenen Lebens angesehen und war weit wichtiger als ökonomischer Erfolg. „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ hatte bereits Thomas Jefferson als unveräußerliche Menschenrechte in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung eingefügt. In Staaten wie Japan und Korea ist das Streben nach Glück in der Verfassung festgeschrieben und in Brasilien ist es als Verfassungszusatz geplant. So unterschiedliche Länder wie Bhutan und Großbritannien messen neben dem BIP auch den Glücksindex. Tritt also Glück als Ziel neben andere Ziele wie Wohlstand, Gesundheit etc. oder ersetzt es diese sogar?

Diesen aktuellen Fragen widmet sich der Autor, wobei er als Basis die „positive Psychologie“ nimmt, die sich im Gegensatz zur traditionellen Psychologie nicht mit der Krankheit (Pathogenese), sondern mit der Gesundheit (Salutogenese) der Psyche beschäftigt: „Von den Glücklichen lernen.“ (S. 23) Und er geht einen Schritt weiter: „Mit Corporate Happiness kann eine positive Glückspirale in Gang gesetzt werden, in der alle Beteiligten glücklicher werden und zugleich mehr Wohlstand und höhere Unternehmenswerte produzieren.“ (S. 18) Aus dem individuellen Glück wird das kollektive Glück des Betriebes zum Nutzen aller. Damit wäre das von Adam Smith postulierte Schisma, dass kollektiver Wohlstand nur aus individueller Nutzenoptimierung, aus Egoismus entstehen kann, überwunden. Als Moralphilosoph hatte Smith die Frage aufgeworfen: „Was ist bedeutsamer: das allgemeine, gesellschaftliche Glück oder das persönliche, individuelle Glück?“. Oliver Haas hat also einen hohen Anspruch, wenn er beschreiben will, wie individuelles und betriebliches – und damit in letzter Konsequenz auch gesellschaftliches – Glück aufeinander basieren und sich nicht widersprechen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Bereiche: Glück für den privaten Lebensbereich (Kapitel 2-3 My Happiness) und Corporate Happiness (Kapitel 4). Kapitel 1 lautet „Zum Aufbau des Buches oder „warum ein Bügelservice für die Mitarbeiter im Unternehmen wenig nutzt„“. Den Abschluss bildet ein kurzes Kapitel 5 zu Public Happiness, also dem gesellschaftlichem Glück (S. 219-224). Dann folgen verschiedene Verzeichnisse wie Literatur, Abbildungen, Tabellen und Stichworte.

Das Layout des Buches dient der einfachen und schnellen Lesbarkeit. Marginalien, herausgehobene Zitate sowie Abbildungsbeschreibungen erleichtern das Zurechtfinden. Es gibt zahlreiche Tabellen (27) und Abbildungen (37), alle weitgehend einheitlich gestaltet. Mit dem relativ knapp gehaltenen Stichwortverzeichnis lassen sich wichtige Begriffe finden. Ein Glossar ist nicht vorhanden.

Inhalte

Kapitel 2: Grundlagen für My Happiness: Das Glück des einzelnen Menschen (S. 21-54). Steigende Depressionsraten in den westlichen Industriestaaten, Zitate von Buddha und dem Dalai Lama legen es nahe, dass auch hier wieder die östlichen Lehren westlichen Lebensformen überlegen seien. Ganz soweit geht der Autor aber nicht; er stellt eher dar, wie kurzlebig materielle Glücksgefühle sind. Gehirnaktivitäten im linken Teil des Stirnhirns machen eben glücklicher als solche im rechten Teil. Auch kann Hilflosigkeit erlernt werden, wie Experimente zeigen.

Kapitel 3: My Happiness: Kann jeder von uns glücklich werden? (S. 55-132) Am Anfang steht ein Zitat des deutschen Kabarettisten Fred Endrikat „Glück ist, wenn Gelegenheit auf Bereitschaft trifft.“ Ist das die Definition? Es folgen dann einige Möglichkeiten, wie man glücklicher werden kann. Unter anderem Kapitel 3.2.3, wo der Autor zeigt, dass Meditation zum Glück führt (S. 79f.). Im Unterschied zu S. 36f., wo dieses bei Mönchen beobachtet wurde, sind es jetzt meditative Techniken aus Fernost. Nach Ziele setzen (3.1), Unterbewusstsein beeinflussen (3.2) folgt nun in Kapitel 3.3 Die Kunst des Tuns: Ein bisschen erinnert das an eines von Murphys´ Laws: A good plan today is better than a perfect plan tomorrow. Motto: Mach´ es, Du hast nichts zu verlieren. Glück wird immer auch mit Freundschaft und Liebe assoziiert (3.4). Die vorgestellten Studien dort erinnern dann aber stark an die umstrittenen Transaktionstheorien von Eric Berne in seinen Buch „Spiele der Erwachsenen.“
Im Kapitel 3.5 May Happiness Management zeigt der Autor die Grenzen der positiven Psychologie auf: ca. 50 % des Glücksgefühls sind in den Genen determiniert, 10 % von Umwelteinflüssen bestimmt und die verbliebenen 40 % durch Techniken veränderbar. Es ist sicherlich sehr mutig, mit solchen Zahlen zu hantieren – unabhängig von ihrer Belegbarkeit –, da sie doch eine zu starke Reduzierung der Thematik induzieren. Glück auf schnöde Zahlen zu reduzieren ist dem Thema nicht angemessen.

Kapitel 4: Corporate Happiness als Führungssystem: Auf dem Weg zu einer neuen Unternehmenskultur (S. 133-218). Relativ spät kommt der Autor beim Titel des Buches und dem eigentlich Neuem an: dem betrieblichen Glück. Anders als bei den Ansätzen des organisationalen Lernens, die ein eigenständiges, unabhängig von den Mitgliedern stattfindendes Lernen der Organisationen postulieren, definiert Oliver Haas Corporate Happiness „in erster Linie (als) das Glück aller beteiligten Menschen im Geschäftsleben.“ (S. 133) Das betriebliche Glück besteht also weitgehend aus der Kumulation des Glücks aller betrieblichen Stakeholder. Unternehmen sind nach seiner Meinung nicht nur Organisationen, sondern bestehen aus Beziehungen zwischen Menschen, die nach ihrem eigenen individuellen Glück streben (S. 135). Aber ist das nicht genau der soziologische Organisationsbegriff?
Kapitel 4.1 widmet sich dem Spannungsverhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern. Eingegangen wird auf Stress (allerdings ohne Differenzierung der Stresstheorien), anthropologische Bedingungen wie unser „Steinzeitgehirn und -körper“ (wie es derzeit immer behauptet wird), Zeitfallen und die richtige Delegation in mehreren Schritten. Dies liest sich dann bei allem Respekt doch etwas sehr rezeptologisch. Wie nehmen sich Mitarbeiter und Vorgesetzte gegenseitig wahr? Wie wichtig sind Sport und Relaxen? Team beschützen und Spaß verbreiten – auch beim Treppensteigen trotz Rolltreppe. Dies sind die abschließenden Subkapitel, die dann in Abbildung 32 (S. 191) im Überblick dargestellt werden.
Nach den Mitarbeitern geht der Autor in Kapitel 4.2 auf die Bedeutung der anderen Stakeholder eines Unternehmens ein. Es sind dies Kunden, Lieferanten, Kontrollorgane und Investoren. Am Schluss gibt es dann eine Corporate Happiness Scorecard in Analogie zu einer Balanced Scorecard. In unserer schnöden Welt hat nun der Mammon immer noch Gewicht, auch wenn er nicht glücklich macht. Leider muss sich auch Corporate Happiness an der Steigerung des Unternehmenswertes (4.3) messen lassen (sieh auch S. 18). Doch so richtig traut sich der Autor auf gerade einmal 4 Seiten an das Thema nicht heran, was ja auch verständlich ist. Denn die Wirkung von finanziellen Rewards ist bereits beim einzelnen äußerst komplex. Die Errechnung des monetären Glückswertes eines Mitarbeiters gehört noch zu den Zukunftsträumen des Human Capital Managements. Wie gering dieser Wert einzuschätzen ist zeigt die Untersuchung des Gallup Instituts, nach der nur 11 % der Arbeitnehmer engagiert und zufrieden mit der Arbeit sind (S. 212f.).

Kapitel 5 Public Happiness (S. 219-224) Gerade hier hätte man Bezüge zu Smith und anderen Moralphilosophen erwartet, was aber nicht erfolgt. Als Umsetzungsbeispiel positiver Psychologie wird erwähnt, dass an einer Heidelberger Schule im Diktat die richtigen Worte und nicht die Fehler gezählt werden? Ändert das etwas? Wohl kaum, da es eine einfache Subtraktion ist. Und für den Lernerfolg ist es wichtiger, die fehlerhaften Wörter zu kennen, um sie gezielt zu lernen. Der Autor fordert am Beispiel Bhutan eine ähnliche Ausrichtung der Politik in Deutschland, wobei er selbst die Gegenargumente nennt.

Diskussion

Um es gleich vorweg zu sagen: eine wissenschaftliche, theoretisch fundierte Arbeit ist dieses Buch nicht. Auch wenn ein umfassendes Literaturverzeichnis angegeben ist und viele, sehr viele Beispiele und psychologische Experimente wiedergegeben werden. Eine metatheoretische Auseinandersetzung mit den Ideen von Thomas Hobbes, Thomas Jefferson oder Adam Smith, die sich alle drei mit dem Glückstreben auseinander gesetzt haben, erfolgt eben nicht. Auch die neutrale Distanz eines Wissenschaftlers wird nicht eingehalten: Glück als Ziel wird gar nicht erst in Frage gestellt. Beispiel S. 24: „Wenn Sie glücklich sind, werden Sie zum „Glücksfall“ für andere Menschen.“ Die sprachliche Diktion ähnelt zumindest teilweise der vom Autor als wenig wirksam eingestuften „Ratgeberliteratur“. Man sollte also diese Publikation eher als „populärwissenschaftlich“ oder „wissenschaftsjournalistisch“ einordnen und verstehen.

Dieses muss ja nicht unbedingt ein Nachteil sein. Schließlich hat der Autor eine Botschaft, die er von der ersten bis zur letzten Seite verkündet: Sei glücklich! Und wer glücklich ist, leistet mehr und steigert so den unternehmerischen Erfolg. So ähnlich hatten das auch einmal in den 1930er Jahren Elton Mayo & Fritz Roethlisberger in ihren Human Relations Theorien postuliert. Eine dröge, mit vielen Abwägungen und Einschränkungen versehene Wissenschaft eignet sich nun einmal kaum, um Botschaften zu verbreiten.

Viele Wissenschaftler müssen ihre Werke erst aufbereiten, damit sie von einem breiteren Publikum wahrgenommen werden. Beispiele hier: Das Unterbewusstsein wird zum „Regisseur, der keinen Schlaf braucht“, auch wenn die Ergebnisse der Neurowissenschaften nur kurz gestreift werden. Aus den Synapsen im Gehirn werden dann „Verdrahtungen in den Köpfen wie bei den Pawlowschen Hunden.“ Manchmal gehen hier Anschaulichkeit und Flüssigkeit der wissenschaftlichen Genauigkeit der Darstellungen voraus. Aber vielleicht sind es ja gerade diese Faktoren, die das Buch zu einem Erfolg machen.

Fazit

Kurz gesagt: Man kann dieses Buch guten Gewissens denjenigen empfehlen, die sich mit dem Thema Glück beschäftigen wollen. Sei es für sich selbst oder den Einsatz im Betrieb. Es ist leicht verständlich geschrieben, anhand eines durchgehenden, in zahlreiche Episoden aufgeteilten Falles veranschaulicht und man bekommt einen Einblick in die positive Psychologie. Die vielen Erzählungen von psychologischen Experimenten machen das Lesen dieses Buchs amüsant. Da kann man dann auch lächelnd den etwas zu hohen Anspruch des Autors verkraften – oder ist diese Milde schon eine erste positive Veränderung, die das Lesen des Buchs beim Rezensenten hervorgebracht hat? Dann hätte es gewirkt jenseits aller wissenschaftlichen Theorie.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 19.04.2011 zu: Oliver Haas: Corporate Happiness als Führungssystem. Glückliche Menschen leisten gerne mehr. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2010. ISBN 978-3-503-12657-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11247.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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