socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Horst Rumpf: Was hätte Einstein gedacht, wenn er nicht [...]

Cover Horst Rumpf: Was hätte Einstein gedacht, wenn er nicht Geige gespielt hätte? Gegen die Verkürzungen des etablierten Lernbegriffs. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 132 Seiten. ISBN 978-3-7799-2237-7. 16,00 EUR, CH: 26,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autor

Horst Rumpf, Jg. 1930, ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Frankfurt am Main. Wichtige Lehr- und Lernjahre verbrachte er nicht allein an Hochschulen und Universitäten, sondern auch am Theater in Darmstadt und an der Oper in Frankfurt. Schon allein die Titel einiger seiner Publikationen weisen sein Erkenntnisinteresse an einem mehrdimensionalen, ganzheitlichen Begriff des Lernens deutlich aus: „Gegen die Verödung der Lernkultur“ (1986); „Die übergangene Sinnlichkeit“ (3. Aufl., 1994); „Diesseits der Belehrungswut“ (2004).

Entstehungshintergrund und Thema

Die vorliegende Schrift wurde verfasst unter dem Eindruck des bundesweiten „Bildungsstreiks“ von Schülern und Studenten im Jahr 2009. Die Schrift richtet sich „gegen den Ungeist des Paukens“ (S. 5), durch den Stoffmassen zum Zwecke der Just-in-time-Wiedergabe in Prüfungen akkumuliert, aber nicht durchdrungen und angeeignet und folglich auch nicht behalten werden.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert.

  • Teil 1 widmet sich der „Überwindung eindimensionaler Vorstellungen vom Lernen“.
  • Teil 2 enthält „exemplarische Konkretisierungen“ des (mehrdimensionalen) Lernens, das aus dem Staunen über das Fremde erwächst.
  • Teil 3 schließlich führt „zwei Zeugen für das Lernen im Gegenstrom“ an, den Biologen Adolf Portmann und den Schriftsteller Hans Reutimann.

Frühlings Erwachen

Während diese Rezension geschrieben wird, platzt vor dem Fenster meines Arbeitszimmers die Natur aus allen Nähten. Tausend Blumen blühen in verschiedensten Farben und Formen. Wozu diese Vielfalt, die wir gern eine „verschwenderische“ nennen? Zu irgendetwas muss sie doch gut sein? Keine Antwort liegt dem Zeitgenossen der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation näher als die zweckrationale: Die Formen und Farben sind Lockmittel für Insekten, die die Pflanzen bestäuben und so zu ihrer Fortpflanzung und Arterhaltung dienen. Diese Erkenntnis beruhigt uns so sehr, dass wir keine weiteren Fragen haben. Jedes Lebewesen strebt zur Selbsterhaltung seiner Art, das haben wir als Letztbegründung verinnerlicht. Dass die Dahlienblüte mich an die akkurate Frisur meiner jungen Mutter erinnert und von der Orchidee eine laszive Erotik ausgeht, das sind peinlich subjektive Assoziationen, die man am besten nicht zur Sprache bringt. Der Biologe Adolf Portmann wendet nun ein (vgl. S. 92ff), ein Stückchen farbiges Papier mit etwas Nahrung darauf werde von den Insekten genau so eifrig angeflogen wie eine Orchideenblüte. Ein Farbklecks mit ein wenig Futter ersetzt also mühelos die schönste Blume. Warum dann diese Formen- und Farbenvielfalt der Blüten? Aus ihrer bloßen Funktionalität im Dienst der Lebenserhaltung sind sie nicht zu erklären. Von ihrer Schönheit uns anmuten zu lassen, ohne genau erklären zu können, warum es sie gibt, diese Offenheit für das Numinose, die Fähigkeit zu staunen über „subsumtionsresistente Erfahrungen“ (S. 19) das, so die These des Buches, kommt im heutigen schulischen und hochschulischen Lernen zu kurz. Das heute dominante Lernen ist auf den Erwerb von Verfügungswissen aus, mit dem wir die Welt, dem biblischen Auftrag gehorchend, uns untertan machen.

Die zentrale Botschaft

Das ganze Buch ist ein einziges Plädoyer für ein Lernen, das befähigt, sich die Welt nahe zu kommen zu lassen, ohne sie restlos in den Griff bekommen zu wollen. Die erziehungswissenschaftlichen „Paten“ dieses Begriffs vom Lernen sind John Dewey und Martin Wagenschein. Als prädestinierte Lernorte nennt der Autor Theater, Konzertsaal und Museum, aber nur insofern, als man von finaler Theater-, Musik- und Museumspädagogik unbehelligt bleibt. Wie weit die Primarschule von diesem Ideal entfernt ist und damit die Bereitschaft der Kinder unterfordert, ja geradezu brach liegen lässt, zeigt das Buch an sehr beeindruckenden Beispielen aus der „Lernbiografie“ des Schweizer Schriftstellers Hans Reutimann, die 1993 unter dem Titel „Bericht von der unteren Wiese oder Die Äpfel der Kindheit“ erschienen und heute leider restlos vergriffen ist. In Reutimanns Volksschulzeit bringen die Schüler jeden Tag ihren Schulapfel mit. Jeder Apfel, schreibt Reutimann, „war eine unverwechselbare Persönlichkeit? Wir verglichen die Äpfel miteinander, wenn wir sie am Morgen oben in die Querrinne des Pultes legten. Da lag ... vor meinem Banknachbarn ein Bohnapfel, fadfarbig grün, mit noch straffer Haut, vor mir der Boskoop goldbraunrostig und runzlig. Auch ihr Inneres kannten wir im Voraus; knackig frisch war der eine, säuerlich würzig der andere. Der Lehrer ergriff nun den einen und sagte: 'Ein Apfel.' - Dann fasste er den anderen und sagte: 'Und ein Apfel.' Und fuhr fort: 'Gibt zwei Äpfel.'“ (vgl. S. 110) Zweifellos, schreibt Rumpf, waren die Äpfel nicht erschienen, um addierbar zu werden, sondern um einmalig und unverwechselbar zu sein und zu bleiben. Äpfel sind Individuen, hier wurden sie zu Gattungsexemplaren. „Die Zahlen standen für irgendwelche Dinge. Damit die Dinge dazu taugten, durch Zahlen ersetzt zu werden, musste man ihnen ihr eigentliches Wesen abstreifen, ihnen das, weswegen sie da waren, ihre Unverwechselbarkeit, rauben.“ (S. 110) ? Genau gegen dieses Lernen, das aus dem „Entkräften“ des Besonderen und dem „Entfärben“ der bunten Lebensvielfalt besteht, wendet sich das Buch. Es richtet sich gegen die Vormacht des (natur-)wissenschaftlichen Denkens, welches das distanzierende, Datenzusammenhänge prüfende Subjekt hervorbringt, das keine Blume gesehen und gerochen haben muss, um zu wissen, was eine Blume ist. - Wie aber bringt man beides zusammen, das Verfügungswissen, das zweifellos nötig ist, um die Welt technisch-wissenschaftlich zu gestalten und das sokratische Wissen, das weiß, dass es nichts weiß - und kaum das?

Geheimnisvoller Titel

Der Titel des Buchs geht auf ein Zitat des Musikers und Dirigenten Nicolaus Harnoncourt zurück, der 1982 gefragt hatte: „Was hätte Einstein gedacht, ... wenn er nicht Geige gespielt hätte? Sind es nicht die kühnen, phantasievollen Hypothesen, zu denen nur der phantastische Geist findet ... und die dann vom logischen Denken bewiesen werden können?“ (vgl. S. 12)

Ja, aber wodurch, durch welche Modalitäten des Lernens wird der „phantastische Geist“ angeregt? In diesem Fall: Einstein hatte sich das Staunen über die namenlose Schönheit einer Mozart-Symphonie bewahrt; Einstein war affizierbar für das Unerklärliche, hatte einen Sinn für und daher auch Respekt vor dem Eigenwert des Fremden. Nur deshalb konnte ihn, den Naturwissenschaftler, den Physiker, der „göttliche Funke“ treffen, der unser Weltbild in Gestalt der Relativitätstheorie verändert hat. Oder, um noch genauer auf den Titel zu antworten: Hätte es den Physiker Einstein in seiner Genialität gegeben, wenn es den Musiker Einstein nicht gegeben hätte? Nein, insinuiert das Buch, weil ihn die Musik vor der Arroganz des Bescheidwissens bewahrt hat.

Also gilt es den „verkürzten etablierten Lernbegriff“, von dem im Untertitel die Rede ist, zu erweitern und der instrumentellen Vernunft die „kontemplative Weltzuwendung“ (S. 73) als Korrektiv zur Seite zu stellen. Oder mit den Worten des im Buch zitierten Psychologen Klaus Holzkamp: Das „definitive Lernen“ sollte immer vom „affinitiven Lernen“ (vgl. S. 75) begleitet sein.

Fazit

Am Ende des Buches angekommen, hat sich dem Leser der erweiterte Lernbegriff halbwegs erschlosssen, ohne dass die Fragen seiner schulischen und hochschulischen Praxis restlos geklärt wären. Darüber hinaus hat der Leser eine differenzierte Auffassung von Bildung gewonnen: Den gebildeten Menschen erkennt man daran, dass er sich des vorläufigen und fragmentarischen Charakters seines Wissens stets bewusst bleibt. Bildung ist die Reinigung von der Einbildung der Allwissenheit.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
E-Mail Mailformular


Alle 93 Rezensionen von Klaus Hansen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 13.07.2011 zu: Horst Rumpf: Was hätte Einstein gedacht, wenn er nicht Geige gespielt hätte? Gegen die Verkürzungen des etablierten Lernbegriffs. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. ISBN 978-3-7799-2237-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11256.php, Datum des Zugriffs 25.10.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung