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Alina Kirschniok: Circles of Support

Cover Alina Kirschniok: Circles of Support. Eine empirische Netzwerkanalyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 182 Seiten. ISBN 978-3-531-17248-4. 29,95 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Alina Kirschnioks Buchpublikation beruht auf einer von ihr durchgeführten empirischen Studie, die als Dissertationsschrift im Dezember 2009 von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln angenommen worden war. Gegenstand der Studie sind ‚Circles of Support‘ (oder in abgekürzter Form ‚COS‘), einem aus Kanada kommenden Unterstützungsansatz für Menschen, der im Forschungs- und Ausbildungskontext der Fachhochschule für Sozialwesen Dortmund in besonderer Weise für Menschen mit autistischem Kontinuum adaptiert wurde. In dem COS-Ansatz wird eine Möglichkeit gesehen, um die Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Menschen im autistischen Kontext zu unterstützen. Frau Kirschnioks Themenstellung ist äußerst relevant, geht sie doch wohl zu Recht davon aus, dass über soziale Beziehungsnetze von Menschen mit Autismus bisher keine systematischen Untersuchungen vorliegen. Mit Hilfe von Methoden der Netzwerkanalyse will sie die sozialen Netzwerke der Menschen mit Autismus beleuchten. Konkret soll am Beispiel von Dortmunder COS untersucht werden, inwieweit sich „die Sozial- und Handlungsräume sowie die Netzwerkstrukturen autistischer Akteure durch das COS-Modell erweitern oder beschränken (lassen)“ (S. 39).

Aufbau und Inhalt

Zu diesem Zweck referiert sie eingangs zur Entwicklung des Netzwerkbegriffs und seiner theoretischen und analytischen Dimensionen. Die Zusammenstellung und Aufarbeitung der anthropologischen und der sozialpsychologischen Entwicklungslinien ist gewinnbringend zu lesen. Der von der Autorin hergestellte soziologische Bezug auf Bourdieus Begriff des ‚sozialen Kapitals‘ gehört sicherlich in diesen innovativen theoretischen Kontext. Vielleicht hätte es sich gelohnt, dass die Autorin auf dessen zentrale Kategorie der sozialen Ungleichheit weiter eingeht. Auch dies ist eine Dimension von Diversität, aus der sich heraus Diskriminierungsphänomene gegenüber behinderten Menschen beschreiben lassen und als wichtiges Desiderat der Arbeit aufscheint. Es folgen Ausführungen zur Definition und sozialen Konstruktion, die Alina Kirschniok unter der Perspektive des Selbstbestimmungsbegriffs versucht, für die Beschreibung der sozialen Situation von Menschen mit autistischem Kontinuum nutzbar zu machen. Dabei geht sie recht intensiv und diagnosekritisch auf definitorische Klärungen und Differenzierungen zwischen ‚Kanner- und Asperger-Autismus‘ ein. Spannend, aber leider sehr knapp ist ihr Verweis auf den Ansatz ‚Autismus als Kultur‘. Diese autismus-kulturelle Perspektive wird im weiteren Verlauf auch nicht bewusst aufgegriffen, und es bleibt unklar, ob bzw. welche Rolle dies im Dortmunder COS-Konzept spielt.
An der Darstellung der Untersuchungsergebnisse beindruckt, wie sehr sich Alina Kirschniok sowohl in der Herangehensweise als auch in der Datenauswertung um methodische Klarheit bemüht. Sie lässt sich einerseits von Witzels Ansatz des ‚Problemzentrierten Interviews‘ leiten und verbindet dies bei der Auswertung gekonnt mit Mayrings ‚Qualitative Inhaltsanalyse‘ zurück.
Die Ergebnisse ihrer Untersuchung sind eher ernüchternd, bei genauerer Betrachtung aber nicht wirklich überraschend. Die COS sind in ihren Wirkungen auf die Fokuspersonen mit Autismus recht begrenzt: sie tragen nicht zu einer höheren sozialen Integration dieser Personen bei (S. 147), es erwachsen keine anhaltenden Freundschaften zwischen den COS-Akteuren, auch findet keine Anbindung an nachbarschaftliche Kontakte oder an Ehrenamt statt (S. 148). Positiv dagegen wirken sich die COS auf die Studierenden aus, die im Rahmen ihrer Ausbildung an den COS mitwirken: ihre Denk- und Handlungsprozesse werden erweitert (S. 140). Trotz der methodischen Bemühungen entsteht beim Lesen des empirischen Teils des Buches zunehmend auch Unbehagen. Dies verstärkt sich, als die Autorin in der Abschlussdiskussion - und somit möglicherweise etwas spät - versucht, ihren Untersuchungsgegenstand definitorisch abzugrenzen. Nachdem ausgeführt wurde, dass COS keine Helferkonferenz, keine Gruppentherapie, keine ehrenamtliche Unterstützung, keine persönliche Assistenz, keine Freizeitgruppe und keine Peer-Support-Gruppe sind, wird gesagt, es handele sich bei einem COS am Dortmunder Beispiel um ein „autonomes soziales Netzwerk, da es sich relativ eigenständig in gesellschaftlichen Strukturen bewegt“ (S. 154). Dies verwundert, da es sich bei den COS doch wohl um curricular vorgegebene Teile der Dortmunder Hochschulausbildung handelt, die der entsprechen-den Ausbildungslogik unterliegen. Mehr Klärung zu Beginn hätte möglicherweise die Untersuchung erleichtert, vielleicht war dies jedoch nicht ohne Weiteres möglich.

Fazit

Es erscheint durchaus produktiv, die COS- Methode als hochschuldidaktische Konzept in die Ausbildung zu integrieren. Gleichzeitig wird nicht deutlich, welche Vorstellungen zur Anschlussfähigkeit der COS-Methode an Unterstützungsansätze in der Praxis der Behindertenhilfe oder weitergehende Konzepte zu Grunde liegen, etwa zum Ansatz des ‚Person-Centered-Planning‘. Vielleicht liegt in dieser Problemanzeige auch ein wichtiges Ergebnis der Studie von Alina Kirschniok.


Rezension von
Prof. Dr. Johannes Schädler
Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE), Uni Siegen
Homepage www.zpe.uni-siegen.de
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Zitiervorschlag
Johannes Schädler. Rezension vom 02.05.2011 zu: Alina Kirschniok: Circles of Support. Eine empirische Netzwerkanalyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17248-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11264.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


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