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Patrick Bahners: Die Panikmacher

Cover Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift. Verlag C.H. Beck (München) 2011. 320 Seiten. ISBN 978-3-406-61645-7. 19,95 EUR.
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Gesellschaft der Feiglinge oder der Verständigen?

Die Aufgeregtheiten über politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die den konservativen Vorstellungen eines homogenen, nationalen und kulturellen Zustandes in einer Gemeinschaft widersprechen und die Forderungen nach einer „Leitkultur“ ad absurdum führen, machen sich lauthals in vielfach panikartigen, ethno- und eurozentrischen, bis hin zu rassistischen Artikulationen bemerkbar. Es ist vor allem die scheinbare Urangst der Deutschen, von anderen kulturellen und weltanschaulichen Kräften gestört oder gar dominiert zu werden. Sie lässt sich erklären mit der Unfähigkeit, Kultur und Politik als sich ständig wandelnde Phänomene zu betrachten und die Vernunft eher bei der vertrauten Ideologie, denn bei der Veränderungsfähigkeit aufgehoben zu wissen. Die aristotelische Vorstellung vom zôon politikon, dem Menschen als politisches Lebewesen, das aufgrund seines Verstandes in der Lage ist, friedlich in Gemeinschaften zu leben, widerstrebt den Ethnozentrikern zutiefst. Dabei ist das „Ende der (dieser, JS!) Gewissheiten“ längst ausgerufen, angesichts der sich immer interdependenter, entgrenzender und öffentlich präsenter Welt. Christiane Weiss sieht deshalb in der Kultur „das Regelwerk des Miteinander-Umgehens in einer Gesellschaft“. Dabei kann das Ziel eines humanen Miteinanders nur sein, dass ein gleichberechtigtes, gegenseitiges und dialogisches Einflussnehmen die eigene kulturelle Identität stärkt, ergänzt und bereichert und die Erkenntnis vom „Ende der Gewissheiten“ den unverstellten Blick öffnet „auf die Welt der anderen und ( ) die Chance (bietet), miteinander neue Sichtweisen und gemeinsame Handlungsräume zu eröffnen“ ( vgl. dazu: Michael Thoss, Hrsg., Das Ende der Gewissheiten. Reden über Europa, München 2009, 192 S., in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/7917.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Weil in der Kakophonie der oftmals allzu undifferenziert und nach dem Schwarz-Weiß-Schnittmuster gestrickten Warnrufe vor den Gefahren des Islam scheinbar die verstandesgemäße Verortung „bodenlos“ geworden ist ( siehe dazu: Charlotte Jurk, Reimer Gronemeyer. Hrsg., Bodenlos. Vom Verschwinden des Verlässlichen, Verlag Brandes und Apsel, Frankfurt/M., 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10750.php), und insbesondere prominente Panikmacher, wie etwa Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek, Alice Schwarzer, Hendryk M. Broder, Thilo Sarrazin, Ralph Giordano und andere, eine Stimmung in der Gesellschaft verbreiten, die die Bier- und Stammtischargumente allzu bereitwillig bedienen und zur gesellschaftsspaltenden Stimmungsmache beitragen, legt der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Patrick Bahners, eine Streitschrift vor, in der er gegen den „Pawlowschen Reflex der Öffentlichkeit“ argumentiert.

Aufbau und Inhalt

In dieser Fundgrube von Argumenten, Beweislagen und Quellenmaterialien, wie Zeitgenossen, ob als Politiker, Lokalmatadoren oder Leserbriefeschreiber und Autoren, Meinungen verbreiten, Behauptungen aufstellen, Szenarien aus dem Zusammenhang reißen und damit verfälschen, immer im Brustton der eigenen Überzeugung: „Ich sage doch nur, was wahr ist“ – werden die Motive der so genannten „Islamkritiker“ offen gelegt: „Die Islamkritik ist ein System von Sätzen, aber nicht bloß ein logisches Gebilde, sondern zugleich eine Ballung von Stimmungen, ein Syndrom des Ressentiments“; und siehe da: Die Erfolge in diesem Stimmungskarussell lassen nicht auf sich warten: Die Munitionen der Meinungskanonen, nicht selten vermittelt durch „harmlose“ Mitbürger wie Du und Ich, hat sich längst in der Mitte der Gesellschaft verteilt.

Bahners gliedert das Buch in sieben Kapitel.

Im ersten Kapitel „Eine Staatsaffaire“ setzt er sich mit Christian Wulffs Einlassung auseinander, dass der Islam mittlerweile zu Deutschland gehöre und zeigt auf, dass diese und weitere Aussagen auch anderer Politiker zu „Gewissheiten“, wie zur „Leitkultur“, wie etwa von Schäuble, zu eher weniger wahr genommenen Gegenreaktionen derjenigen führen, die im Schwarz-Weiß-Schablonendenken eines der gesellschaftlichen Übel unserer Zeit sehen. Es ist die Angst der Mächtigen vor der Angst, die zur Aufwiegelung im gesellschaftlichen Kontext beitragen, in der irrigen Meinung, sie würden damit abwiegeln.

Im zweiten Kapitel „Notizen aus der Provinz“ geht es um die Klischees und Aufgebrachtheiten beim Bemessen der kontroversen Positionen zu christlich-jüdischen und islamischen Verfasstheiten. Da wird die Meinungs- und Medienhoheit in der lokalen Presse als Beleg für eine pauschalisierte Islamkritik angeführt; da staunt der Leser über die Spagate, die Bassam Tibi, Hans-Peter Raddatz, Hendryk M. Broder und andere zustande bringen, um den Hass auf den Islam zu lokalisieren und zu globalisieren.

Fehlen darf in dieser Abrechnung mit den selbst ernannten Islamkritikern natürlich nicht der Streit um das Kopftuch, den der Autor im dritten Kapitel dezidiert ausführt und den für die schulische Praxis in den deutschen Bundesländern gefundenen, römischen Kompromiss kleidet: „Wo sie eine Wüste schaffen, nennen sie das Frieden“.

Die öffentlichen und argumentativen Wirkungen, wie sie von der Soziologin, Pädagogin, Autorin und „Herkunft-Expertin“ Necla Kelek ausgehen, wenn es um die Frage geht, wie schädlich der Islam für unser Land sei und dass der Islam die Integration der Zugewanderten behindere, werden im vierten Kapitel breit ausgeführt. Wenn der Autor Kelek mit Kelek liest, werden die vielfachen Querschläge und tautologischen Äußerungen und Behauptungen deutlich, mit denen Necla Kelek den öffentlichen, islamkritischen Diskurs, sicherlich nicht vorteilhaft für eine gelingende Integration befeuert.

Die Absurditäten in dieser verkrampften Auseinandersetzung finden beinahe einen Höhepunkt, wenn es um den „Gesprächsleitfaden für Einbürgerungsbehörden in Baden-Württemberg“, den so genannten „Muslim-Test“ aus dem Jahr 2003 mit 30 Fragen an die Einbürgerungswilligen geht. Würden die Belege, die der Autor im fünften Kapitel in diesem Zusammenhang findet, nicht auf konkretem Verwaltungshandeln und –entscheiden basieren, wären sie eine kabarettistische Lachnummer wert. Aber es sind die vorgefassten Meinungen, die, immer wieder gebetsmühlenartig bestätigt und nicht selten militant durchgesetzt, die Militanz der scheinbar „Aufrechten“ wachsen lässt.

Es sind vor allem die simplen Argumente, die von den Islamkritikern immer wieder ins (Schlacht-)Feld geführt werden, eingemäntelt in tumbe Behauptungen, wie: „Alle Aggressionen von Muslimen sind Ausdruck der aggressiven Natur des Islam“. Im siebten Kapitel führt Patrick Bahners sie ad absurdum. Weil aber die Islamkritiker keine andere Antwort wissen auf die Frage: „Was will die Islamkritik?“, als die: „So nicht!“, entwickelt sich in der Auseinandersetzung um die richtigen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Antworten kein Dialog, sondern eine Dominanz derjenigen, die auf ihren Standpunkten beharren und gar nicht wissen wollen, ob sie richtig liegen oder ideologisch gesteuert sind.

Diskussion

Patrick Bahners hat in seiner Streitschrift Beiträge zur Thematik, die überwiegend in der FAZ erschienen sind, zu einem anschaulichen, in der Themenvielfalt haltbaren Teppich verknüpft. Anerkennenswert sind dabei die klaren Benennungen von Meinungen vor allem von prominenten Meinungsbildnern und –machern aus der Politik, den Medien und dem gesellschaftlichen Diskurs. Kritik ist das Gewürz in der Suppe der Demokratie; die Islamkritik freilich, wie sie sich als gesellschaftlicher Mainstream darstellt und akzeptiert wird, entbehrt vielfach der Substanz, auf die Demokratie aufbauen muss: Es ist vor allem die Unehrlichkeit und Unfähigkeit der Islamkritiker zu Toleranz Andersdenkenden und Andersgläubigen gegenüber, die Gefahren für ein freiheitliches und duldsames Denken und Handeln in unserer Einen Welt bringt, Zwietracht sät, statt Eintracht anzustreben, Dominanz predigt, statt Toleranz zu stiften, Unfrieden in die Welt bringt, statt ein friedliches, gerechtes und auf der Basis der Menschenwürde begründetes Zusammenleben der Menschen mit schaffen zu helfen. Die Erkenntnis, dass wir Menschen auf der Erde in einer Weltrisikogesellschaft leben, der Konflikt als konstitutives Element des gemeinsamen Menschseins darstellt und Harmonie ein immer wieder neu anzustrebender Zustand der Menschheit sein muss ( vgl. dazu: Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, in: www.socialnet.de/rezensionen/4820.php; sowie: Markus Holzinger / Stefan May / Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, Weilerswist 2010, in: www.socialnet.de/rezensionen/9743.php), dass es darum geht, immer wieder neu zu denken und zu erreichen versuchen, dass, wie dies in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 zum Ausdruck kommt, „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ ( vgl. dazu auch: Matthias Lutz-Bachmann / Andreas Niederberger, Hrsg., Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, Weilerswist 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/8045.php), dass es, angesichts der sich immer dominanter sich ausbreitenden kapitalisierten und ökonomischen, globalen Orientierung eines Umdenkens bedarf ( siehe auch: Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren, München 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/8994.php), dass eine selbstgerechte Weltsicht, die davon ausgeht, dass die westlichen Demokratien das Gute, Vollkommene und Gerechte verkörpern und der politische und fundamentalistische Islam das Böse und Undemokratische darstellen, nicht zu einer Befriedung in der Welt führen ( Kai Hafes, Heiliger Krieg und Demokratie. Radikalität und politischer Wandel im islamisch-westlichen Vergleich, Bielefeld 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/8667.php), die Einsicht, dass sich das Fremde nicht als eigene Geschichte herdrängt, sondern in der konkreten Gestalt von Menschen und Dingen sichtbar wird ( siehe dazu: Georg Stauth, Herausforderung Ägypten. Religion und Authentizität in der globalen Moderne, Bielefeld 2010, 272 S. ), dass schließlich die Fähigkeit zum Wandel eine ureigene, menschliche Eigenschaft ist, die es zu entwickeln gilt, um Unfriedlichkeit und Unduldsamkeit aus der Welt zu schaffen ( Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, München 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9735.php).

Fazit

Die Mitschrift von Patrick Bahners, in der er den öffentlichen Diskurs nachzeichnet und bündelt, der über mehrere Jahre hinweg in der FAZ mitgelesen werden kann, ist eine notwendige und wichtige Antwort auf die allzu wohlfeilen und, gefragt oder ungefragt sich präsentierenden Pamphlete und in manchen Ansätzen durchaus bedenkens- und lesenswerten Argumentationen darüber, wie in einer Mehrheitsgesellschaft mit Minderheitsmeinungen und Lebensentwürfen umgegangen werden sollte. Denn die Gefahren in dem aufgeheizten, eher emotional und weniger rational geführten Schlagabtausch bestehen darin, dass „in Deutschland fremdenfeindliche Stimmungsmache beim Thema Islam die Oberhand gewinnt“.

So ist die Streitschrift nicht nur ein Aufklärungsmittel, sondern auch eine Informationsschrift für diejenigen in den schulischen und außerschulischen Bildungsbereichen Tätigen, wie auch für das gesellschaftliche Bewusstsein insgesamt.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.04.2011 zu: Patrick Bahners: Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift. Verlag C.H. Beck (München) 2011. ISBN 978-3-406-61645-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11268.php, Datum des Zugriffs 08.03.2021.


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