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Stéphane Hessel: Empört Euch!

Rezensiert von Dorothea Dohms, 29.06.2011

Cover Stéphane Hessel: Empört Euch! ISBN 978-3-550-08883-4

Stéphane Hessel: Empört Euch! Ullstein Verlag (München) 2010. 29 Seiten. ISBN 978-3-550-08883-4. D: 3,99 EUR, A: 4,20 EUR, CH: 7,40 sFr.
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Biographie

1917 in Berlin geboren als Sohn von Franz Hessel, einem bekannten Schriftsteller und Übersetzer, und Helen Grund, Modekorrespondentin der Frankfurter Zeitung. Seine unkonventionellen Eltern liefern später durch ihre „Ménage à trois“ mit dem französischen Schriftsteller Henri-Pierre Roché die Vorlage zu Truffauts filmischem Meisterwerk „Jules et Jim“.

1924 zieht die Familie nach Paris, wo der junge Hessel in einem Künstlermilieu aufwächst, zu dem auch Pablo Picasso und Marcel Duchamp gehören.

1937 wird Stéphane Hessel französischer Staatsbürger.

1941 schließt er sich der französischen Résistance an.

1944 wird er verraten, von der Gestapo in Paris verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald und später Dora gebracht. Er überlebt die Verhöre unter Folter, auch dank des Einsatzes des deutschen Schriftstellers Eugen Kogon, der ihm im Lager zu einer neuen Identität verhilft. Dieser wird später eines der grundlegendsten Werke über den „SS-Staat“ verfassen. Hessel selbst kann 1945 aus dem Zug, der ihn nach Bergen-Belsen bringen soll, fliehen.

1945, sechs Monate später, wird er in Paris Büroleiter von Henri Laugier, dem stellvertretenden UNO-Generalsekretär, und geht mit ihm nach New York, wo seine diplomatische Karriere ihren Anfang nimmt.

Als einer von 18 Diplomaten des UNO-Ausschusses erarbeitet er zwei Jahre lang die Formulierung der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die die Vollversammlung am 10. Dezember 1948 als Menschenrechtscharta verabschiedet.

Seit 1948 bereist Stéphane Hessel im Auftrag der UNO und später des französischen Außenministeriums als „Ambassadeur de France“ die Welt, vermittelt in Konflikten und setzt sich für die Entkolonialisierung ein.

1962 gründet er in Frankreich die „Association de formation des travailleurs africains et malgaches“, AFTAM), die sich für die Rechte der Afrikaner einsetzt.

Nach dem 11. September 2001 ist der Mitbegründer des „Collegium international“ zur Verhinderung eines Krieges zwischen den Zivilisationen. 

Lieferbare Werke

  • O ma mémoire. Gedichte, die mir unentbehrlich sind. Grupello 2010.
  • Tanz mit dem Jahrhundert. Arche Verl. 2011.
  • Michael Kogon, vom Stéphane Hessel ausdrücklich als Übersetzer gewünscht, Nationalökonom und Autor, ist der Sohn von Eugen Kogon und Mitherausgeber der Gesammelten Schriften seines Vaters.

Die Résistance

Alles begann einst mit der französischen Résistance, jener von fast allen politischen Gruppen und den Gewerkschaften dominierten und daher oftmals auch zerstrittenen Untergrundbewegung, die der deutschen Besatzung erbitterten Widerstand entgegensetzte. Der nationale Widerstandsrat und deren Führungsfigur Général Charles de Gaulle, Kopf der in London residierenden französischen Exilregierung, verabschiedeten dort im März 1944 ein Programm mit einem Wertekatalog und jenen Grundsätzen, auf denen die spätere demokratische Ordnung des befreiten Frankreich ruhen sollte. Und das für den damals 27-jährigen Autor auch heute noch von höchster Aktualität und Notwendigkeit ist, weil es von einem Gesellschaftsbild beseelt war, in dem es keine in die Illegalität Gedrängten, keine Abschiebungen, kein Misstrauen gegenüber Zuwanderern gab und die Reichen nicht die Medien beherrschten. 1945 setzte Frankreich die Erneuerung ins Werk und schaffte das von der Résistance geforderte System der sozialen Sicherheit: Die Existenzgrundlagen für Arbeitslose, im Alter den Ruhestand in Würde, die Energieversorgung, die Verstaatlichung der Großbanken im Sinne einer „echten wirtschaftlichen und sozialen Demokratie unter Ausschaltung des Einflusses der… im Wirtschafts- und Finanzbereich bestehenden privaten Herrschaftsdomänen auf die Gestaltung der Wirtschaft“. Das Gemeinwohl sollte über dem Interesse des Einzelnen stehen, die gerechte Verteilung des Wohlstands über der Macht des Geldes. Eine echte Demokratie mit ihrer rationellen Wirtschaftsverfassung – auch das formulierten 1944 bereits die Vertreter der Résistance – braucht eine unabhängige Presse. Sie braucht zudem für ihre Kinder die bestmögliche Erziehung, eine republikanische Schule ohne Diskriminierung, in der Kreativität und kritische Denken gefördert werden.

Doch dieses Fundament der sozialen Errungenschaften, für das die Mitglieder der Résistance einst standen, ist heute in Frage gestellt. Wie anders sonst könnte es sein, dass die Macht des Geldes niemals so groß und egoistisch werden konnte wie heute. In den privatisierten Geldinstituten sitzen „Bonibanker und Gewinnmaximierer“, für die das Gemeinwohl ein Fremdwort ist. Der Tanz um das goldene Kalb ist entfesselt, der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten wird von Tag zu Tag größer.

Diesem Treiben setzt der Autor, setzen die Veteranen der einstigen Widerstandsbewegung das Grundmotiv der Résistance entgegen: die Empörung. Sie rufen die Jungen auf, das geistige und moralische Erbe der Résistance, ihre Ideale erneut mit Leben zu erfüllen, denn es darf einfach nicht sein, dass die internationale Diktatur der Finanzmärkte – wie einst die Diktatur des Faschismus – den Frieden und die Demokratie gefährdet.

Stéphane Hessel räumt ein, dass sein Vergleich mit dem Untergrundkampf der Résistance in mancher Hinsicht gewagt ist. Damals, so erklärt er oft im Gespräch mit jungen Menschen, war das eine „relativ klare Sache“. Die Fronten, wenn man so will, lagen offen zutage: auf der einen Seite die Kollaborationsregierung von Vichy, deren Protagonisten sich in ihrem Egoismus von der Angst vor der bolschewistischen Revolution leiten ließen, auf der anderen Seite die Niederlage und die nicht hinnehmbare deutsche Besetzung. Eindeutig darüber hinaus war auch die Forderung nach Freigabe der Kolonien, nach der Unabhängigkeit Algeriens. Aber auch, trotz aller Sympathie für den Kommunismus als Gegengewicht zum amerikanischen Kapitalismus, schon 1935, als man von den großen stalinistischen Säuberungen und Schauprozessen Kenntnis erhielt, die Einsicht, dass jegliche Form des Totalitarismus unerträglich sein musste.

Sartre, Hegel und Benjamin

Zwei gegensätzliche Einflüsse prägen das philosophische Weltbild und das daraus resultierende Engagement des Autors. 1939 ist es Jean Paul Sartre mit seinen Werken „La Nausée/Der Ekel“ und „Le Mur/Die Mauer“, später „L‘Être et le Néant/Das Sein und das Nichts“ und seine fast anarchistische Botschaft der Verantwortung des Einzelnen „ohne Rückhalt, ohne Gott“. Hegels Geschichtsphilosophie, die Geschichte als eine „Abfolge von Erschütterungen“ – und damit Herausforderungen – erklärt, bis schließlich der Mensch seine vollständige Freiheit und damit der demokratische Staat seine ideale Form erhält, liegt dem Optimismus des Autors weit mehr, als die Auffassung des deutschen Philosophen Walter Benjamin, ein Freund seines Vaters, der die Kraft der Freiheit in der Konkurrenz und dem Streben nach „immer noch mehr“, den Fortschritt als Sturm mit der Kraft der Zerstörung begreift.

Die Menschenrechte

In einer so komplexen Welt wie der unsrigen sind die Gründe für unsere mögliche Empörung oft nicht so eindeutig auszumachen. Dennoch sind zwei „Menschheitsaufgaben“ klar erkennbar: als erste die sich immer weiter öffnende Schere zwischen „ganz arm und ganz reich“ und als zweite die Menschenrechte und der Zustand unseres Planeten. Aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“, an deren Formulierung Stéphane Hessel nach dem Ende des 2. Weltkrieges maßgeblich mitwirkte, zitiert er die Artikel 15 (Recht auf Staatsangehörigkeit) und 22 ( Recht auf soziale Sicherheit, Anspruch auf innerstaatliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, unentbehrlich für die Würde und die freie Entwicklung des Einzelnen). Beide Artikel entfalteten ihre Wirkung beim Unabhängigkeitskampf vor allem der Kolonialvölker. Daneben weist der Autor hin auf die erfreulich wachsende Zahl der „Nichtregierungsorganisationen“, die sich gesellschaftlichen Veränderungen verschrieben haben und unter deren Dach es genügend Themen gibt, für die sich vor allem für junge Menschen die Empörung – und das daraus resultierende Engagement – lohnt, wie etwa Amnesty International, ATTAC (Association for the Taxation of Financial Transactions for the Aid of Citizens) oder FIDH (Fédération internationale des Droits d l‘homme).

Palästina und kein Ende

Ein weiteres, Empörung auslösendes Problem sieht der ehemalige Résistance-Kämpfer mit deutsch-jüdischen Wurzeln in der Palästinafrage und der Flüchtlingssituation im Gaza-Streifen und im Westjordanland. Fünfmal seit 2002 ist Hessel dort gewesen, vor allem in Gaza, diesem für anderthalb Millionen Palästinensern „Gefängnis unter freiem Himmel, in dem sie sich… als Überlebenskünstler bewähren“, ihren Mut und ihren Einfallsreichtum nicht verlieren ebenso wenig wie den Mut zum Wiederaufbau ihrer immer wieder zerstörten Häuser. Der Autor verurteilt die israelische Operation „Gegossenes Blei“ als Kriegsverbrechen, wenn nicht sogar als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ebenso wie den Terrorismus der Hamas. Letzterer, wiewohl inakzeptabel, ist für ihn nur zu erklären als Reaktion auf die durch die Blockade verursachte Isolierung, als „Erscheinungsform von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit“. Die Zukunft müsse daher der Gewaltlosigkeit als der einzigen Hoffnung gehören, die zu Verhandlungen führen wird zwischen Unterdrücker und Unterdrückten. Ein Nelson Mandela, ein Martin Luther King haben uns schließlich vorgelebt, dass „die Gesellschaften unserer Zeit Konflikte durch gegenseitiges Verständnis in wachsamer Geduld werden lösen können“.

Noch einmal warnt Stéphane Hessel vor dem „materialistischen Maximierungsdenken“, dem Rausch des „Immer noch mehr“ in der Finanzwelt, aber auch in Wissenschaft und Technik. Nach den Fortschritten seit 1948 (Ende der Kolonialherrschaft und der Apartheid, Untergang des Sowjetreiches, Fall der Berliner Mauer) sieht er im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts nur Rückschritte (11. September, Irakkrieg, Wirtschaftskrise, Klimagipfel, Vernachlässigung der Entwicklungspolitik). Und dennoch: Trotz all dieser „herben Enttäuschungen“ ist der „Zorn über die Ungerechtigkeiten“ nicht gewichen, setzt der 93-jährige Autor am Ende den Aufruf zu einem „friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten… und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle“.

Fazit

Als Merkbuch für die Westentasche, als programmatisch formulierte Anleitung für den „guten Menschen“ und seine Taten hat diese Schrift ganz sicher ihre Meriten. Doch bleibt auch Stéphane Hessel der Eiertanz nicht erspart, der sich notwendig ergibt aus dem Paradoxon vom Kampf für Frieden und Freiheit und dem gewaltlosen Widerstand für eben dieselben Ziele. Diesen Tanz der Widersprüchlichkeiten allerdings meistert er durchaus elegant und geschult durch die Erfahrungen und Erkenntnisse eines langen Lebens. Die „Empörungskultur“, so der Autor in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 5./6. März 2011, ist in seinem Heimatland viel stärker verankert als in Deutschland. „Eine Million Menschen auf der Strasse“ beunruhigt keinen Franzosen. Dennoch erstaunt Hessel manchmal die so einhellige Zustimmung seiner Landsleute seit dem Erscheinen seines Buches. Und er, der leidenschaftliche Gedicht-Liebhaber und –Rezitator, beschließt – wohl ein wenig augenzwinkernd – das Interview mit drei Zeilen aus Guillaume Apollinaires „La Jolie Rousse: …Aber lacht doch, lacht über mich, es gibt so viele Sachen, die ich euch nicht gesagt habe, so viele Sachen, die ich euch nicht sagen durfte, lacht über mich.“

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 29.06.2011 zu: Stéphane Hessel: Empört Euch! Ullstein Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-550-08883-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11270.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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