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Ralf Besser: Interventionen, die etwas bewegen

Cover Ralf Besser: Interventionen, die etwas bewegen. Prozesse emotionalisieren, mit Konfrontation aktivieren, über Grenzen gehen, wirksame Rituale gestalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. 248 Seiten. ISBN 978-3-407-36489-0. D: 44,95 EUR, A: 46,50 EUR, CH: 73,00 sFr.

Reihe: Beltz Weiterbildung - Training.
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Thema

Das Buch ist eine Sammlung von Interventionen, die aus der Praxis für die Praxis während herausfordernden Situationen entstanden sind, in denen der Autor an Prozessgrenzen gestoßen ist. Der Autor betont, dass es sich um eine Zusammenstellung seiner Erfahrungen handelt und vorwiegend von seinen Erfahrungen als Prozessbegleiter gespeist ist. Das Buch bietet eine bereichernde Vielfalt an Interventionen, die im Untertitel des Buches gut auf den Punkt gebracht sind: „Prozesse emotionalisieren, mit Konfrontation aktivieren, über Grenzen gehen, wirksame Rituale gestalten“.

Autor

Nach Angaben des Verlags ist der Autor Prozessbegleiter in Unternehmen. Er ist seit vielen Jahren als Personalentwickler und im Bereich Coaching tätig. Spezialisiert ist er auf die Begleitung von Unternehmensentwicklungen, Gestaltung von Großveranstaltungen und die Durchführung von Train the Trainer Fortbildungen mit dem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Betroffenheit. In Bremen betreibt er ein eigenes Tagungshaus.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund des Buches sind die umfangreichen Praxiserfahrungen des Autors im Bereich von Trainings, Seminaren und Changeprozessen. Die Interventionen hat er in diesen Kontexten aus Grenzsituationen heraus entwickelt, in denen er bzw. seine Kunden nicht weitergekommen sind.

Aufbau

Das Buch besteht aus neun Interventionskapiteln. In jedem Kapitel werden Interventionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten dargestellt. Die Schwerpunkte im Einzelnen:

  • Interventionen im Prozess
  • Interventionen in der Konfrontation
  • Interventionen zur Haltung
  • Interventionen zur Integration
  • Interventionen zur Teamentwicklung
  • Inszenierungen
  • Interventionen zur Übernahme von Verantwortung
  • Rituale
  • Interventionen mit dem Unbewussten

Der Aufbau folgt dabei keiner erkennbaren Logik, auch werden keine theoretischen Erläuterungen zu den einzelnen Schwerpunkten gemacht. Es gibt jedoch vor jedem Interventionskapitel den Punkt: „Einige Gedanken vorweg“.

Die einzelnen Interventionen werden nach folgender Gliederung dargestellt:

  • Kurzbeschreibung,
  • Ziel,
  • Situation,
  • Gruppengröße,
  • Dauer,
  • Material,
  • Metapher,
  • Ablauf,
  • Varianten,
  • Schwierigkeiten,
  • Bemerkungen,
  • Praktische Erfahrungen,
  • Rückmeldungen.

Dabei sind die Ausführungen zu den einzelnen Interventionen von der Länge und damit auch der Ausführlichkeit je nach Komplexität und beispielhaften Praxisbeschreibungen unterschiedlich. Die Interventionen beziehen sich in aller Regel auf Gruppen. Nur wenige beziehen sich auf Einzelcoachingsituationen oder auf Einzelarbeit. Die Gruppengrößen reichen von Paararbeit über Kleingruppenarbeit bis zu Großgruppen. Die Interventionen nehmen unterschiedlich viel Zeit in Anspruch. Die Spannen reichen von ca. 10 Minuten bis zu 4 Stunden.

Inhalt

Zu den einzelnen Interventionsschwerpunkten versucht der Rezensent einige Aspekte als Anhaltspunkt für potentielle Käufer zu beschreiben. Dies gestaltet sich jedoch schwierig, da es sich vorwiegend um Interventionsbeschreibungen handelt.

Grundsätzlich haben die einzelnen Interventionen unterschiedliche theoretische Hintergründe. Schwerpunkte liegen – ohne, dass sie in der Regel direkt benannt werden – im Bereich des Systemischen Ansatzes, Suggestopädie, der Transaktionsanalyse, der Gestaltarbeit, des NLPs und verschiedener Kommunikationstheorien. Dabei werden auch die neusten Erkenntnisse der Gehirnforschung und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Lehr- und Lernprozesse mit einbezogen. Dabei kann der Leser keine fundierten theoretischen Ausführungen erwarten. Es gibt einzelne kleine theoretische Erläuterungen, jeweils zu Beginn jedes Kapitels.

Interventionen im Prozess. Bezogen auf Interventionen im Prozess spricht der Autor von einer Haltung des Trainers, die er als mit und quer zum Strom schwimmend beschreibt, jedoch auf keinen Fall gegen den Strom schwimmend. Er geht dabei davon aus, dass der Weg direkt gegen den Widerstand wenig zielführend ist. Notwendig für diese Form der Arbeit ist ein großes Vertrauen in die eigene Intuition. Dabei folgt der Autor bei der Gestaltung der Interventionen keinem festen Plan, sondern entwickelt seine Interventionen direkt aus dem Prozess heraus. Dabei arbeitet er unter anderem mit Metaphern und Skalen.

Interventionen in der Konfrontation. Die vorgestellten Interventionen sind z.T. provokant und folgen der von Schulz v. Thun entwickelten Formel „Akzeptanz + Konfrontation = Entwicklung“. Für den Autor geht es darum mit Einwänden konstruktiv umzugehen, eingefahrene Muster zu unterbrechen und die Teilnehmenden mit Ungewöhnlichem zu überraschen.

Interventionen zur Haltung. Die Interventionen beziehen sich auf die Arbeit an Glaubenssätzen (verstanden als „Verallgemeinerungen von Lebenserfahrungen“). Die dargestellten Interventionen ermöglichen eine vertiefte Auseinandersetzung für Individuen, für Gruppen oder Teams und sind z.T. auch für Unternehmenskontexte geeignet.

Interventionen zur Integration. Integration wird bei den beschriebenen Interventionen, als „der Prozess der inneren Wissensverarbeitung“ verstanden. Die Interventionen sollen die Teilnehmenden dabei unterstützen, sich intensiv und nachhaltig mit den Themen und den eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen. Dabei bietet der Autor vor allem Möglichkeiten, auch die emotionale Seite in den Lernprozess einzubeziehen und einen direkten Bezug zur inneren Stimmigkeit herzustellen.

Interventionen zur Teamentwicklung. Aufgrund seiner umfangreichen Erfahrung spricht der Autor im Zusammenhang mit Teamentwicklung von „Austauschritualen“. Durch die beschriebenen Interventionen geht es ihm darum, bei den einzelnen Teammitgliedern und dem gesamten Team eine bewusste Aufmerksamkeit für die Themen des Teams und die kritischen Aspekte im Team dauerhaft und nachhaltig als „Erlaubnisraum“ zu etablieren. Dabei stellt er konkret zwei Interventionen vor, die Teams dabei unterstützen können ein Austauschritual einzuüben. Stichworte sind: kritisches Feedback und persönliche Standpunkte im Kontext der anderen Teammitglieder verdeutlichen.

Inszenierungen. Unter dieser Überschrift geht es dem Autor darum, nicht nur vom Thema her eine Veranstaltung zu konzipieren, sondern sich die Leitfrage zu stellen: „Wie erleben die Teilnehmer innerlich diesen oder jenen Prozess? Und trägt das zum Ziel der Veranstaltung bei?“ Dabei bezieht er sich auf ein Beispiel, bei dem er einen Vortrag nicht Vortrag, sondern „Intrag“ nennt und die Teilnehmenden dazu einlädt, die angebotenen Themen von „innen“ zu erleben. Dabei werden spannende, lebendige und spielerische Ideen vorgestellt, sich Themen durch Raum und Zeit zu nähern.

Interventionen zur Übernahme von Verantwortung. Auch diese Interventionen spielen für Lern- und Veränderungsprozesse eine wichtige Rolle. Der Autor will die Teilnehmenden dafür gewinnen, Inhalte nicht nur zu konsumieren, sondern vielmehr eine selbstverantwortliche Haltung gegenüber dem eigenen Entwicklungsprozess einzunehmen. „Es kommt auf dich an, was aus den geschulten Themen wird“. Die vorgestellten Interventionen sichern, dass das Thema der Verantwortungsübernahme von den Teilnehmenden, nicht vergessen werden kann. Auch sind die Leitprinzipien „Nachhaltigkeit und Wirksamkeit“.

Rituale. Der Autor unterscheidet in der Darstellung zwischen Ritualen und rituellen Handlungen. Rituale sind für ihn „bewusst inszenierte und sinngebende symbolische Handlungen. Sie sind eher aufwendig gestaltet und benötigen ein gutes Maß an Zeit“. „Rituelle Handlungen dagegen sind kleine wiederkehrende Verhaltensmuster, die aus dem Alltag heraus entstanden und gewachsen sind.“ Für die Entwicklung von Ritualen in Gruppe, Teams oder Unternehmen bedient sich der Autor der neurologischen Ebenen nach Robert Dilts, die er leicht verändert hat (Umwelt, Verhalten, Fähigkeiten, Glaubenssätze, Werte, Identität, Kraftquelle). Aus seiner Sicht müssen bei einem Ritual alle sieben Ebenen Berücksichtigung finden und auch einen konkreten Beitrag auf der jeweiligen Ebene leisten. Ansonsten geht er davon aus, dass ein Ritual nur bedingt eine nachhaltige Wirkung entwickeln kann. Anschließen beschreibt der Autor eine neun Stufenstrategie zur Ritualentwicklung (Auftragsklärung – Metaphernohr; Fragmente – natürliche rituelle Handlungen; Bekanntes – gesellschaftliche Rituale; Unbekanntes – andere Kulturen; Resonanz – emotionales Überprüfen; Ideen – erster Entwurf; Erster Check – die neurologischen Ebenen; Zweiter Check – Einwandbehandlung; Dritter Check – Probehandlung)

Interventionen mit dem Unbewussten. Ausgehend von dem Satz von Manfred Spitzer „Fast alles, was wir gelernt haben, wissen wir nicht und können es aber!“ spricht der Autor von expliziten und impliziten Wissen. Das implizite Wissen steht für „unbewusstes Wissen“. Der Autor schreibt: „Die folgenden Interventionen sollen zum sensiblen und ehrfurchtsvollen Experimentieren im gezielten Umgang mit dem Unbewussten einladen. Wenn Sie sich dafür entscheiden, in diesem Feld Erfahrungen zu sammeln, gehen Sie bitte behutsam vor. Überprüfen Sie, inwieweit Ihre Kompetenzen dafür bereits entwickelt sind. Diese Interventionen sind keine formalen Abläufe, sondern hochgradig sensible Vorgehensweisen, für die Sie Ihre gesamte Aufmerksamkeit und Verantwortung benötigen.“ Dabei stellt der Autor auch zwei Interventionen für das Einzelcoaching vor, die Tranceelemente miteinbeziehen.

Diskussion

Aus meiner Sicht ein wertvolles Buch für eher erfahrenere Trainer, die in der Lage sind Prozesse offen und intuitiv zu gestalten. Aus den vorgestellten Interventionen, aus der Aufbereitung und den gegebenen Hinweisen spricht eine umfangreiche und langjährige Erfahrung des Autors. Die beschriebenen Interventionen sind in der Mehrzahl komplex und benötigen deshalb eine große Sicherheit für den dadurch ausgelösten Prozess. Der Leser findet „eher“ keine 1 zu 1 Beschreibung für die Durchführung, dafür jedoch eine Vielzahl von beschriebenen Möglichkeiten, methodische Variationen und Hinweise auf möglich entstehende Schwierigkeiten bei der Anwendung. Manche dieser Ausführungen haben Train the Trainer Charakter und bieten auch erfahrenen Trainer sicher neue und wertvolle Impulse. Auch die theoretischen Inputs zu Beginn jeden Interventionskapitels sind hilfreich und verdeutlichen dem Leser die jeweilige Ausgangssituation und Haltung des Autors.

Das Buch ist sehr kreativ mit vielen Zeichnungen aufbereitet und folgt damit dem Anliegen des Autors konsequent, Lernprozesse wirksam und nachhaltig zu gestalten.

Fazit

Ein außergewöhnliches Interventionenbuch, das neue Wege sowohl durch die beschriebenen Interventionen, als auch durch die Gestaltung geht. Der Autor öffnet seine Interventionsschatztruhe und lässt den Leser sehr nah und echt an seiner eigenen Praxis teilhaben. Dafür vielen Dank.


Rezensent
Dipl. Soz.-Arb. Bertram Kasper
Dipl. Supervisor und Supervisor (DGSv), Krisen- und Business Coach, Coaching- und Trainerausbilder, profilingvalues® Partner
www.gisa-marburg.de
Homepage www.focus-fuehren.de
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Zitiervorschlag
Bertram Kasper. Rezension vom 06.01.2012 zu: Ralf Besser: Interventionen, die etwas bewegen. Prozesse emotionalisieren, mit Konfrontation aktivieren, über Grenzen gehen, wirksame Rituale gestalten. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2010. ISBN 978-3-407-36489-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11295.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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