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Judith Korn: Deeskalations- und Mediationstraining

Cover Judith Korn: Deeskalations- und Mediationstraining. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 198 Seiten. ISBN 978-3-7799-2018-2. 19,90 EUR.

Reihe: Edition sozial. Gewalt im Griff, Band 2.
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Thema

„Junge Menschen können sich auf gewaltfreie Lernprozesse einlassen, wenn sie sich von der Gewalt verabschieden wollen.“ (Korn/ Mücke, 2011, S. 5) Mit Thesen wie dieser leiten die Autoren Korn und Mücke in ihr umfangreiches Trainingsbuch „Gewalt im Griff 2: Deeskalations- und Mediationstraining“ ein, welches einen qualifizierten Umgang seitens pädagogischer Fachkräfte mit gewaltbereiten Jugendlichen erzielen soll. Eingeleitet wird die Publikation mit grundsätzlichen Prinzipien, die in der Praxis zu beachten sind. Das Trainingsbuch ist in fünf Themenbereiche gegliedert, in denen die Autoren ihre inhaltlichen Anregungen mit Fallbeispielen sowie Übungen untermauern.

Autorin und Autor

Judy Korn, Jg. 1971, ist Diplom-Pädagogin, Sozialunternehmerin, freiberufliche Dozentin und Mediatorin, Ashoka Fellow 2007.

Thomas Mücke, Jg. 1958, ist Diplom-Pädagoge, Projektleiter, Dozent und Anti-Gewalt-Trainer/ und -ausbilder sowie Mediator und Ausbilder von Mediatoren. Das vorgelegte Buch des Autorenpaares ist die dritte überarbeitete und aktualisierte Ausgabe des Bandes, der im Jahre 2000 ebenfalls bei Juventa-Verlag erschien.

Inhalt und Diskussion

Korn und Mücke setzen sich in dem ersten Themensegment ausführlich mit den Bereichen Gewalt und Aggression auseinander. Neben den Begriffsdefinitionen erläutern sie ebenfalls Ansätze zur Entstehung von Gewaltverhalten. Zwei theoretische Ansätze - die psychologische sowie soziologische Betrachtung - wurden hierbei näher untersucht und anhand von Theorien wie der Theorie des Sozialen Lernens oder dem Labeling-approach, welcher die Bedeutung sozialer Gruppen, die einer Person ein bestimmtes Verhalten zuordnen, thematisiert, erläutert. „Nach dieser Theorie verändert die fortlaufende Stigmatisierung eines Menschen … seinen Status und sein Selbstbild, das heißt, es nähert sich dem vermeintlichen Fremdbild an.“ (Korn/ Mücke, 2011, S 19) Dass demnach das gewalttätige Handeln Jugendlicher u.a. aus gesellschaftlichen Umständen entsteht/ entstehen kann, ist eine entscheidende Aussage dieses Kapitels. Des Weiteren stellen die Autoren den Prozessverlauf von Gewalt mit den verschiedenen Stadien und deren Voraussetzungen zu gewalttätigem Handeln vor. Dass die Gewalt als attraktiv bewertet werden muss und die Opferperspektive ausgeblendet wird, sind dabei nur zwei der vorgestellten Voraussetzung. Anhand von Schemata werden die diversen Stadien der „Gewaltkarrieren“ verdeutlicht. Die Autoren arbeiten die geschlechtsdifferenzierten Unterschiede im Gewaltverhalten heraus. Hierbei beziehen sie sich unter anderem auf die spezifischen Gewaltverhalten, deren Ursachen und erläutern diese Themen anhand von Sozialisationsbedingten Prozessen.

Im zweiten Themenblock „Die Analyse von Aggression und Gewalt“ befassen sich die Autoren mit der Deeskalation. Eingeleitet wird dieses Kapitel erneut mit einer Definition, in der verdeutlicht wird, dass die umfangreiche Methode stets nur ein Teilsegment der pädagogischen Arbeit darstellt und „… auf eine Klärung des Konfliktes mit gewaltfreien Mitteln …“ abzielt (Korn/Mücke, 2011, S. 38).
Die Methode würde ein Zurückgreifen auf persönliche Stärken und Ressourcen benötigen - würde demnach in der Durchführung durch Individualität beeinflusst. Diesbezüglich stellen Korn und Mücke unterschiedliche persönlichkeitsbedingte Interventionshaltungen mit entsprechenden Interventionsmöglichkeiten vor. Dass das Eingreifen in einen Konflikt jedoch seine „Berechtigung“ benötigt, erläutern die Autoren u.a. anhand einer Interventionsberechtigung, die die Jugendlichen als Ergebnis von Akzeptanz und Vertrauen an die PädagogenInnen richten. Die Aufzählung und Erläuterung der verschiedenen Deeskalationsstationen ist ebenso weiterer Bestandteil, wie die Darstellung diverser Gewaltkulturen. Ein sehr bedeutsamer Schwerpunkt dieses Kapitels stellt die Anleitung zum DeeskalationstrainerIn in Kleingruppen dar. Das gesamte Kapitel gibt anhand zahlreicher Übungen Gelegenheit, das eigene Interventionsverhalten zu beurteilen sowie Techniken und Strategien zu trainieren, die für die Deeskalation hilfreich sind.
Die Autoren stellen betreffend der Konfliktregelungsmethode Ziele sowie Voraussetzungen dar. Aus welchem Grund die Mediation in der Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen als sinnvoll erachtet wird, wird ebenso dargestellt, wie die erläuternde Abgrenzung der Methode zu den anderen Formen der Konfliktregelung. Hierbei legen die Autoren Wert darauf, zu verdeutlichen, dass nicht alle Konflikte für eine Mediation geeignet oder ebenfalls auf Beratungen, Einzelgespräche oder Sanktionen angewiesen sind. Die Autoren schildern Fälle mit spezifischen Themeninhalten, die ihrer Erfahrung nach potentielle Mediationsinhalte darstellen. Nicht ungeachtet bleibt ebenfalls der Aspekt der Interkulturalität. „Die gemeinsame Verständigung über den Umgang mit Konflikten muss eine Verständigung über Unterschiedlichkeiten im Verhalten, Denken und „Bewerten“ beinhalten“ (Korn/ Mücke, 2011, S. 94).
Die Autoren zählen zahlreiche Qualifikationen auf, die Mediatoren in der Arbeit mit gewaltbereiten Jugendlichen aufweisen sollten. Dabei werden persönliche Qualifikationen (Geduld, Empathie etc.) ebenso wie fachliche Qualifikationen (Gesprächsführung, Vertrauensarbeit…) erläutert.
Korn und Mücke thematisieren den strukturellen Aufbau einer Mediation unter Beachtung bedeutungsvoller Gesprächstechniken wie beispielsweise der „Ich-Botschaften“. Diesbezüglich haben die Autoren Besonderheiten sowie potentielle Schwierigkeiten, die in der Arbeit mit Jugendlichen entstehen können, hervorgehoben.
In diesem Segment stellen die Autoren eine Anleitung zum MediationstrainerIn zur Verfügung, indem sie entsprechend eines Dreistufen-Modells unterschiedliche Ansätze erläutern und mit entsprechenden Übungen in ihrer Bedeutsamkeit untermauern.
Des Weiteren bleibt der Präventionsaspekt in dem Trainingsbuch nicht unbeachtet. Korn und Mücke gehen neben dem Grundverständnis dieses Ansatzes nicht nur auf die Sozialraumanalyse ein, sondern thematisieren ebenfalls die Zielfindungsprozesse zur Erstellung der präventiven Konzepte.

Abgerundet wird das Trainingsbuch mit einer Sicht auf die Opferperspektive und der Fragestellung, wie sie sich vor Gewalt schützen können.

Zielgruppen

Das Buch ist in erster Linie für Fachkräfte geeignet, die in der Praxis aktiv sind. Es kann aber Studierenden und Lehrenden ohne Einschränkung empfohlen werden.

Fazit

Das Buch ist eine Goldgrube für praktisch tätige Fachkräfte. Die Autoren verbinden darüber hinaus die theoretischen Zusammenhänge in hervorragender Art und Weise mit der Praxis. Dass die Theorie nicht ermüdend sein muss und sogar Spaß machen kann, zeigen Korn und Mücke eindrucksvoll. Die große Stärke und Intention des Buches bleibt aber der praktische Teil, der hervorragend gelungen ist. Die Rezensenten empfehlen das Buch ohne Einschränkung zur Hand zu nehmen und das Gelesene umzusetzen. Es lohnt sich!


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
E-Mail Mailformular
und
Marlene Alshut
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak/Marlene Alshut. Rezension vom 12.07.2011 zu: Judith Korn: Deeskalations- und Mediationstraining. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7799-2018-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/11300.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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